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Tiger Lou: Ich bin kein depressiver Mensch - meistens

Ein Interview von Eva-Maria Vochazer

Die Sache mit dem Erwachsenwerden – in der Popmusik ein reichlich strapaziertes Thema. Sich dabei aber mit Begriffen wie Verantwortung und Treue auseinanderzusetzen und dabei eine bis an die Schmerzgrenze reichende Intensität zu erreichen – das bringt nur Tiger Lou fertig.

Eva-Maria Vochazer hat sich mit Rasmus Kellermann vor dem Konzert in Wiesbaden über kreative Prozesse und altmodische Werte unterhalten.

Tiger Lou

Die Lyrics kommen immer ganz zuletzt

Covenant

Covenant

Covenant
Covenant


Ein schmaler, blasser junger Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren. Den Ringelschal eng um den Hals geschlungen, hört er sich aufmerksam den Auftritt seiner Freunde Rupesh Cartel an.

Er wirkt in seinem schwarzen T-Shirt und den engen Röhrenjeans so unauffällig, dass er sich ohne Probleme den umstehenden Konzertgängern im Wiesbadener Schlachthof anpasst. Höchstens, dass er mit besonderer Aufmerksamkeit lauscht. Von abgehobener Attidüde hat Rasmus Kellermann aka Tiger Lou so gar nichts an sich.

Im Gespräch aber ist Rasmus höchst präsent. Intelligent, hellwach, selbstbewusst, wortgewandt, locker, dabei völlig unprätentiös. Man spürt aber: Da sitzt einer, der ganz genau weiß, was er will. Der mit sich im Lot ist, weil er das macht, was er auf dieser Welt am besten kann: Bitterzarte Songs an der Bruchkante zwischen Pop und Rock schreiben.

Unfug mit der Küchenschere


Die aktuelle Platte »THE LOYAL« ist härter als der Vorgänger »IS MY HEAD STILL ON?« Was Tiger Lou als vierköpfige Band live sehr druckvoll beweisen. Um im Zugabenblock dann aber doch die schwerelose Pop-Hymne »Oh Horatio!« zu spielen. Viele im Publikum singen mit. Tiger Lou haben das Zeug zur Lieblings-Indieband, deren Platten griffbereit ganz vorne im CD-Regal stehen. Weil man sie braucht wie den Ringelschal im Winter, als Schutzschild gegen die allzu eisigen Winterböen des Lebens.

Mädchenfragen zuerst. Mit dem neuen Album hat sich Herr Kellermann von seiner weich wirkenden, asymmetrischen Vorne-Lang-Hinten-Kurz-Frisur getrennt – und jede Leserin einschlägiger Ratgeberliteratur weiß, dass so ein Schritt immer mit einschneidenden Lebensveränderungen einhergeht. Wollen wir doch mal hören, was Herr Kellermann zur dieser Variante der Vulgärpsychologie zu sagen hat.

Du hast Deine längeren Haaren abgeschnitten und wirkst jetzt im Gesicht härter – ebenso wie Dein zweites Album. Irgendwelche Zusammenhänge?

Rasmus, lachend: Nein. Mit der Haar-Geschichte hat das nichts zu tun. Ich hatte diese Mähne schon eine ziemlich lange Zeit und hatte keine Lust mehr drauf. Und eines Abends haben meine Frau und ich ein wenig Unfug mit der Küchenschere getrieben – und sie hat mir einfach die Haare abgeschnitten. Es sah schrecklich aus, und der einzige Ausweg bestand darin, alles radikal zu abzuscheren, um es nachwachsen zu lassen.

Spass beiseite. Siehst Du es auch so, dass die neuen Songs härter klingen? Die verträumte, naive Qualität Deines ersten Albums »IS MY HEAD STILL ON?« ist verschwunden ...

Ja, unbedingt. Auf dem ersten Album hatte ich viele verschiedene Einflüsse verarbeitet. Ich bin mit The Cure und Depeche Mode aufgewachsen, weil ich Geschwister habe, die älter sind als ich. Das war meine Einführung in die Musik.

Später habe ich dann härtere Sachen gehört, und dann auch akustische und folkige Musik, wie Gillian Welch, die ich wirklich sehr mochte. Anschließend spielte ich in einer Band namens Music By Em, die recht countrymäßig klang und sehr akustisch geprägt war.

Meine beiden Hälften sind zusammengewachsen


Als Tiger Lou dann startete, war das am Anfang nur in der Kombination »die Gitarre und ich« geplant. Meine andere Häfte habe ich in dem Projekt Araki ausgelebt. Und auf meiner ersten Platte sind diese beiden Hälften dann zusammengewachsen. Dadurch ist es ein sehr unterschiedliches Album geworden. Das war eigentlich damals überhaupt nicht meine Absicht. Ich wollte ein sehr homogenes Album machen.

Auf dem neuen Album habe ich dann versucht, diese Einflüsse möglichst auszuschalten, Ich habe sehr intensiv darüber nachgedacht, was für eine Art Musik ich machen will und welche Gefühle ich durch die Musik ausdrücken will. Und dieses Ergebnis ist dabei herausgekommen!

Tiger Lou

Keine Probleme mit der zweiten Platte

Andererseits hat sich viel dadurch verändert, dass ich eine Band habe, mit der ich spiele. Ich wollte einfach Musik machen, zu der es viel Spass macht, live auf der Bühne zu stehen.

Für viele Bands und Musiker ist die zweite Platte häufig die schwierigste. Hast Du das auch so empfunden?

Rasmus widerspricht überzeugt und selbstbewusst: Nein, überhaupt nicht, ich glaube, dass es sehr viel einfacher war. Oder: genauso leicht wie die erste. Keine Ahnung.

Du hast also überhaupt nicht darüber nachgedacht?

(heftig): Nein, überhaupt nicht. Du gehst einfach ins Studio. Ich hatte ein paar Songs, ich hatte ein paar Ideen. Und ungefähr die Hälfte der Songs, die auf dem neuen Album sind, habe ich während der Aufnahmen im Studio geschrieben. Es ist ein schneller, konstanter kreativer Prozess.

Und wie kann ich mir das vorstellen? Wie lange hat es gedauert, das Album aufzunehmen?

Wir haben im Oktober 2004 angefangen und waren im Juni 2005 fertig. Wir haben aber nur ungefähr ein oder zwei Tage in jeder Woche aufgenommen, immer so zwischen 9 Uhr morgens und 18 Uhr abends. Wenn Du all diese Tage zusammenrechnest, dann ging alles sehr schnell.

Weißt Du, ich mag es sehr, nicht 24 Stunden am Tag im Studio zu verbringen. Es ist wirklich nett, nach Hause zu gehen, einen Film zu sehen oder sich mit Freunden zu treffen und essen zu gehen und ganz andere Dinge zu tun. Ich glaube, dass das sehr hilfreich bist, wenn du Songs schreibst.

Tiger Lou

Treue bedeutet Liebe und Vertrauen

Das Songschreiben bereitet Dir offenkundig keine Schwierigkeiten. Es gab auch einige Songs, die Du neu geschrieben hast und die gar nicht auf der neuen Platte auftauchen?

Es gab tatsächlich einige. Ich habe viel geschrieben, aber irgendwann mussten wir Stopp sagen. (lacht)

Ich besitze einen Anschaltknopf


Es hat sich etwas Neues entwickelt. Ich schreibe Songs nicht wie früher zu Hause oder im Übungsraum. Ich habe irgendwie jetzt einen Einschalt-Knopf. Und den drücke ich, wenn ich ins Studio gehe. Das ist eine solch kreative Umgebung. Du hast all diese Instrumente um dich herum, du kannst so laut spielen, wie du willst, und du störst keinen.

Es ist also nicht so, dass Du vom Kino abends nach Hause läufst und plötzlich die geniale Melodie im Kopf hast?

(heftig:) Nein, überhaupt nicht. Das ist mir im ganzen Leben überhaupt erst ein Mal passiert. Dass ich eine Melodie hörte und daraus einen Song machte.

Und was ist zuerst da? Die Melodie oder die Worte?

(überzeugt:) Immer die Melodie! Die Worte kommen immer ganz zuletzt.

Tiger Lou

Keine 24 Stunden am Tag im Studio

Auf Deinem neuen Album machst Du es Deinen Hörern ganz schön schwer, die Texte zu verstehen. Die Lyrics sind im Booklet so klein abgedruckt, dass man fast eine Brille braucht, um die Buchstaben lesen zu können.

(lacht:) Das war bestimmt keine Absicht. Die Schrift ist einen Tick kleiner als auf dem ersten Album. Aber ich muss gestehen, dass ich die Lyrics sehr gerne klein gedruckt habe. Ich will nicht, dass sie so viel Platz einnehmen.

Schade, ich finde, dass Du gute Texte schreibst!

Danke!

Du hast als Titel für Dein zweites Album den Titel »THE LOYAL« gewählt. Treue ist heutzutage nicht besonders hip ...

Stimmt. Treue ist vielleicht nicht sehr in.

Trotzdem ist sie sehr wichtig ...

Ja, unbedingt!

Tiger Lou

Das schönste Wort von allen

Ein Konzeptalbum zum Begriff der Treue zu machen: Wie kamst Du darauf?

Um es ganz ehrlich zu sagen: Am Anfang war nur der Titel da, und der hieß »THE LOYALIST«. Das ist eines der schönsten Worte, die ich je gehört habe. Und ich war so naiv, weißt Du, dass ich dachte, dass ich das selbst erfunden hätte. Ich habe es mir davon abgeleitet, dass jemand loyal ist ... und man kann doch nicht wirklich ein Loyalist sein, das klingt so merkwürdig. Dieses Wort ist so abgedreht, aber gleichzeitig wunderschön. Dann habe ich aber herausgefunden, dass dieser Begriff mit jeder Menge schrecklicher Dinge in Verbindung steht, mit denen ich nichts zu tun haben wollte, und so mussten wir es ändern – in »THE LOYAL«.

Für mich hat das auch mit Erwachsenwerden zu tun. Begreifen, wer Deine Freunde sind. Meine Frau. Meine Familie. Die Band. Wir sitzen im Auto und fahren und fahren, stundenlang, tagelang. Wochenlang. Und das ist eine ganz besondere Verbindung. Und die Loyalität, die Du gegenüber diesen Menschen spürst – das ist erstaunlich. Du würdest alles füreinander tun. Es ist ein Wort, das Liebe und Vertrauen enthält. Und Treue ist etwas, was für alle lebenden Kreaturen auf der Welt ganz natürlich ist.

Und Treue Dir selbst gegenüber?

Covenant

Covenant

Covenant

(nachdenklich:) Klar, das ist auch dabei. Das ist aber komplizierter. Weil es schwieriger ist. Deine Entscheidungen können viele andere Leute betreffen. Und oft passiert es, dass Du dann nicht über Dich selbst nachdenken kannst ... (lacht)

Beim Entstehungsprozess Deines neuen Albums wirkt erstmals Peter Katis mit, der in der letzten Fassung am Mischpult saß. Katis hat schon mit der derzeit sehr bekannten New Yorker Band Interpol zusammengearbeitet. Wie kam dieser Mann bei Tiger Lou an Bord?

Ich habe »THE LOYAL» im gleichen Studio mit dem gleichen Produzenten aufgenommen wie alle Tiger Lou-Songs. Rolf Klinth und ich haben dann ziemlich gleich zu Anfang entschieden, dass wir das neue Album nicht ganz allein machen wollten. Von Tag Eins an haben wir angefangen, nach jemandem zu suchen, der das Album mischen würde. Und den Kontakt zu Peter Katis habe ich hergestellt, indem ich ihm einfach eine E-Mail geschrieben und eine Platte geschickt habe.

Und kannte Katis Deine Arbeit als Tiger Lou?

Nein. Aber er mochte »IS MY HEAD STILL ON?«, das ich ihm zugeschickt hatte und mailte mir zurück, »Klar, lass uns das machen«. Es war also ziemlich einfach. Er ist ein ganz erstaunlicher Typ und ich denke, dass die Entscheidung für ihn richtig war. Ich mag seine Produktionen. Und über das Endprodukt bin ich sehr glücklich.

Aber am nächsten Tag, als die Arbeit am Album beendet war, bist Du morgens aufgewacht und Du hast gedacht, dass jeder Song zu langsam eingespielt wurde, hast Du geschrieben. Du bist nicht einfach zufrieden zu stellen ...

(lächelnd:) NEIN! Ich würde vielleicht fünf Songs von diesem Album nehmen – und die anderen würde ich auf B-Seiten stecken. Aber das ist immer so. Ich möchte immer weiter aufnehmen. Aber irgendwann muss man »Stopp« sagen.

Dein Songwriting hat eine ganz besondere Qualität, finde ich. Es ist sehr emotional, sehr intensiv. Und wenn man lange zuhört, bekommt man irgendwie das Gefühl: Ich kenne diesen Menschen.

(verblüfft:) Oh? Das ist erstaunlich!

»THE LOYAL« ist viel persönlicher

Es geht darum, dass sich Hörer mit den Gefühlen, die Du in Deinen Songs vermittelst, sehr gut identifizieren können. Aber wie viel von Deinen persönlichen Erfahrungen steckt wirklich in den Songs?

(überlegt einen Moment) Hmmm. Ich glaube, dass »THE LOYAL« sehr viel persönlicher ist als das erste Album. Dieses und die EP drehten sich viel mehr ums Geschichtenerzählen in den Lyrics. Gerade auf den ganz frühen Aufnahmen, also nur mit Gitarre und Stimme, verlangen die Texte so viel mehr an Aufmerksamkeit.

Auf der neuen Platte sind die Vocals ein Instrument unter anderen, wie die Gitarre oder der Bass. Mit den Lyrics will ich also die gleichen Gefühle ausdrücken wie mit der Musik. Und so ist es also persönlicher geworden, auch wenn es weniger direkt scheint. Wenn Du die Lyrics liest, dann schreist du nicht unbedingt »hurra«! Sie sind sehr einfach. Man versteht alles.

Einige meiner älteren Songs basieren auf Erfahrungen, die ich hatte. Aber die meisten habe ich einfach erfunden.

Dann ist Rasmus Kellermann privat also ein durchaus fröhlicher Mensch?

(verschmitzt:) Ich bin kein depressiver Mensch. Meistens. Nicht mehr oder weniger als jeder andere auch. Aber ich muss gestehen: Auf dem neuen Album gibt es in jedem Song ein paar Sätze, mit denen ich auf einer persönlichen Ebene sehr viel anfangen kann.

Wie siehst Du das eigentlich – ist Tiger Lou heute eine Band?

Tiger Lou

Tiger Lou –
kann von der Musik nicht leben

Ja und nein. Es ist ein wenig merkwürdig. Ich mache Platten selbst, weil: Ich kann an einem Abend einen Song schreiben und diesem am nächsten Tag aufnehmen. Und das wäre nicht möglich, wenn noch drei andere Personen involviert wären, die sich den Song erst aneignen und ihre eigenen Parts schreiben müssten und yadda yadda yadda.

Für mich läuft das so: Ich nehme ein Album auf, und wenn das abgeschlossen ist, dann fangen wir an, die Songs zu proben. In meiner alten Band habe ich Songs geschrieben und spielte sie auf der Gitarre und sagte dann: Oh, den Bass stelle ich mir an dieser Stelle so vor und die Drums so und so...und heute mache ich das so, dass ich einfach einen fertigen Song präsentiere. Das ist dann so wie eine ziemlich komplizierte Richtschnur für die anderen drei Jungs ... und die spielen natürlich nicht genau so, wie ich das tue. Sie sind viel erfahrenere Musiker als ich, sie sind sehr viel besser als ich, und wenn sie die Songs spielen, dann schreiben sie manches um, und das Ergebnis ist dann immer besser.

Wir spielen gerne laut


Die Songs sind jetzt live ziemlich anders! Und deswegen klingt das zweite Album auch anders! Denn nach dem ersten Album haben wir gemerkt, dass einige Songs live nicht besonders gut rüberkamen. Und wir spielen gerne laut! Und das hat eine Menge mit Energie zu tun. Als wir zuerst auftraten, hatten wir viele langsame Songs, und die Leute mochten die, weil sie gute Songs sind. Aber wenn Du schnellere Stücke spielst, dann merkst Du, wie die Leute anfangen, sich zu bewegen – und die ganze Energie und der ganze Raum wirken auf uns zurück und beinflussen uns natürlich!

Die anderen drei Jungs aus Deiner Tiger-Lou-Band spielen noch in anderen Bands?

Ja. Und das ist mit ein wichtiger Grund dafür, dass die Gleichung so gut aufgeht.

Du bist in Deutschland in Indie-Kreisen schon recht bekannt, Du tourst eine Menge – kannst Du als Musiker von Deiner Kunst leben?

(winkt heftig ab:) Nein. Schweden ist ein sehr kleines Land. Ich müsste sehr viel mehr Platten verkaufen, als ich das im Moment tue. Ich arbeite als Grafik-Designer im Betrieb meiner Eltern mit.

Eine letzte Frage: Was ist denn Dein persönliches Lieblingslied auf der neuen Platte?

(überlegt einen Moment) Hmm. Wenn Du mich so direkt fragst – dann ist es »The Loyal«.

Vielen Dank für das Gespräch und noch viel Erfolg auf Eurer Tour!

Danke!

© 2005 Eva-Maria Vochazer, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Sara Appelgren





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