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Under Byen: Diese weit entfernte Musik in Deinem Kopf

Ein Interview von Eva-Maria Vochazer

Von wegen elfenhaft-verhuscht und björdesk. Nichts da mit beschaulicher Innerlichkeit und leisen, versponnenen Tönen. Beim Konzert in Frankfurt zeigen die Musiker der dänischen Großgruppe Under Byen unter Einsatz von zwei Schlagzeugen und einer Säge, dass sie ein Faible für treibende Rhythmen und große Gesten haben.

Im Gespräch mit Eva-Maria Vochazer zeigen sich vier der acht Bandmitglieder (Sängerin Henriette Sennenvaldt, Schlagzeugerin Stine Sorensen, Geiger und Säge-Spieler Nils Gröndahl und Schlagzeuger Morten Larsen) als Meister des gepflegten Understatements und der Lobeshymnen auf die kreativen Kräfte des Kollektivs.

Eins aber wird klar: Musikalisch herrscht im Staate Dänemark Aufbruchstimmung - und Under Byen sind Teil einer Szene, die dabei ist, neue, ungewöhnliche Wege zu gehen.

Under Byen

Nie versucht, wie andere zu klingen

Under Byen

Henriette Sennenvaldt: Keine Vorbilder

Eure Musik zeichnet sich durch große Eigenwilligkeit aus. Wie kommt es, dass Ihr ziemlich anders als andere Bands klingt? Irgendwelche Erklärungsversuche?

Schweigen. Die Vögel rund um den Tisch im kleinen Mousonturm-Biergarten zwitschern zum gemeinsamen Nachdenken der Band. Endlich fasst sich Morten Larsen ein Herz.

Morten Larsen: Ich glaube, das liegt an den Instrumenten. Wir verwenden Saiteninstrumente und zwei Schlagzeuge. Und was dazukommt: Wir haben von Anfang an nie versucht, wie irgend eine musikalische Strömung der Zeit zu klingen.

Stine Sorensen: Ich finde gar nicht, dass unsere Musik so anders klingt. Ich weiß nicht.

Am Rande des Tischs liegt ein schon sehr zerlesenes Exemplar von Dan Browns Bestseller »Sakrileg«. Wer von euch liest denn dieses schreckliche Buch?

Henriette Sennenvaldt: Ich lese das gerade. Findest Du das Buch wirklich so schlecht? Warum?

Es ist so schlecht geschrieben und die Charaktere sind so furchtbar hölzern und es enthält so viele Klischees.

Under Byen

Bassistin Sara Saxild ...

Henriette: Das stimmt.

Stine: Völlig richtig.Aber wir lesen gerade alle das Buch ...

Nils Gröndahl: Und ständig passieren die gleichen Dinge, immer wieder.

Großes Gelächter.

Henriette: Aber es ist gute Lektüre für die Tour. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug.

Wir mussten selbst etwas erfinden

Mal wieder ernsthaft: Was bedeutet es für Euch, aus Dänemark zu kommen? Dieses Land ist in Europa nicht unbedingt als Pop- oder Rockhochburg bekannt.

Morten: Es gibt viele dänische Bands. Das ist für uns ganz normal. Wir kommen eben aus Dänemark. Für andere mag das etwas bedeuten. Für uns nicht.

Henriette: Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir selbst ein bisschen etwas erfinden mussten. Zum Beispiel verschiedene Arten, etwas zu spielen. Als ich angefangen habe, die Songs zu schreiben, die ja auf dänisch sind, habe ich mir überlegt, dass ich nicht viele Vorbilder habe, gerade in Dänemark, an denen ich mich orientieren konnte. Das fällt mir zu Deiner Frage ein. Verstehst Du, was ich meine?

Du hattest also keine Vorbilder in Dänemark?

Henriette: Wir haben in Dänemark keine sehr große Musiktradition. Findet Ihr das auch?

Die anderen nicken.

Fehlende Tradition

Under Byen

... und Sängerin Henriette

Nils: Es in Dänemark nicht unbedingt so wie in Deutschland. Die dänische Musiktradition, also auf Dänisch Rock und Pop zu singen, ist nicht so groß. Es gibt nicht sehr viel. Es ist ein kleines Land. Von daher hat man nicht so viele Leute, an die man sich anlehnen kann.

Ihr arbeitet gerne auch mit anderen Bands zusammen. Zum Beispiel hat Euch die deutsche Band Rammstein eingeladen, einen Remix ihres Songs »Ohne Dich« beizusteuern. Wie lief das denn?

Henriette: Wir fanden das ziemlich gut!

Allgemeines Gelächter

Morten: Es war aber auch sehr stressig, denn wir hatten ungefähr nur eine Woche Zeit, um unsere Version des Songs zu entwickeln, aufzunehmen und abzumixen. Es war eine ziemlich anstrengende Woche!

Und wie fanden Rammstein Eure Version?

Morten: Die mochten es. Wir mussten ihnen den Song vorab schicken und sie mussten ihr OK dazu geben. Und das haben sie auch getan!

Hans-Christian-Andersen-Tribute

Ihr steuert außerdem gerade einen Beitrag zu einem musikalischen Hans Christian-Andersen-Tribute bei ...

Henriette: Da bin nur ich daran beteiligt, gemeinsam mit einer anderen dänischen Songwriterin und Sängerin. Sie spielt bei Jomi Massage. Wir haben gemeinsam einen Song geschrieben. Aus Träumen, die Hans Christian Andersen aufgeschrieben. Den Träumen, die er nachts hatte, die er festgehalten und daraus Traumgeschichten verfasst hat.

Under Byen

Drummerin Stine mit Kollegin Sara

Hat Dir die Arbeit zu diesem Thema Spass gemacht? Und wann kommt die Platte heraus?

Henriette: Ja, es hat mir sehr großen Spaß gemacht! Ich weiß allerdings noch nicht genau, wann die Platte erscheinen wird.

Was bedeutet Hans Christian Andersen für Euch?

Henriette: Ich weiß nicht, ob Hans Christian Andersen typisch dänisch ist ...

Morten: Wir haben in der Schule natürlich viel von ihm gelesen. Aber ich glaube nicht, dass er für unsere Musik eine große Quelle der Inspiration ist ...

Viele Verschiedene Einflüsse

Was inspiriert Euch denn dann? Welche Musik hört Ihr selbst gerne? Was regt Euch beim Songschreiben an?

Morten: Ich glaube, das führt wieder zu Deiner ersten Frage zurück. Einer der Gründe, warum wir so klingen, wie wir es eben tun, ist, dass wir sehr viele verschieden Einflüsse aufgenommen haben. Wir kommen aus sehr unterschiedlichen musikalischen Backgrounds.

Kannst Du das etwas genauer ausdrücken?

Morten: Wenn ich von mir selbst ausgehe, dann kann ich Dir Blonde Redhead nennen. Zur Zeit findet das die ganze Band gut.

Henriette: Ja,. Die mögen wir alle. Auf die können wir uns einigen.

Morten: Und Stina Nordenstam natürlich. Vor allem ihr Album »DYNAMITE«.

Henriette und Stine: Ja, auf alle Fälle!

Under Byen

Actionfilm mit wenig Action

Morten: Jeder und jede in der Band hat die »DYNAMITE«-CD im Plattenschrank.

Allgemeines Gelächter

Morten: Und ich mag die verblichenen Talk Talk

Henriette: Ich werde auch von den anderen in der Band inspiriert. Wenn ich jemandem von ihnen beim Spielen zuhöre, dann denke ich: AAAH, ich könnte ja noch dieses oder auch jenes machen. Weil wir aus ganz verschiedenen Ecken kommen. Wir sind sehr unterschiedlich.

Und was hört Ihr zur Zeit im Tourbus?

Henriette: Wir haben heute Nico gehört. Und wir haben einen dänischen Film gesehen. Den kennst Du bestimmt nicht. Er heißt »Arhus By Night«.

Alle lachen.

Nils: Der ist aus den 80er Jahren. Und er ist lustig. Auf eine sehr traurige Weise.

Henriette (wirft lachend ein): Das ist sehr dänisch!

Reden und improvisieren

Under Byen

»DYNAMITE« als gemeinsame Liebe

Ihr seid eine sehr große Band. Wie funktioniert das mit dem Songschreiben?

Erstmal wieder Schweigen

Henriette: Die Lyrics sind zuerst da. Ich gebe die Texte jedem in der Band, der etwas dazu schreiben will. Das ist meistens Thorbjorn Krogshede, der Keyboards spielt. Dann verfasst er eine Art Komposition. Dann spielen wir das Stück gemeinsam. Wir improvisieren sehr viel, wir reden sehr viel. Und das ist es.

Nils: Genau. Weiter nichts.

Morten: Die Songs verändern sich immer wieder. Vor allem, wenn wir live spielen, verändern sie sich ständig. Wir reden sehr viel, wir entwickeln neue Ideen: Wir finden eventuell heraus, dass manche Dinge nicht funktionieren wie gedacht, und dann verändern wir sie.

Henriette, Deine Texte sind sehr poetisch. Woran denkst Du beim Schreiben?

Henriette: Ich denke an einen ganz kleinen Action-Film, vielleicht. Mit sehr wenig Action. Ein bewegtes Bild. Ich stelle es mir so in etwa vor wie das Meer. Aber ich bemühe mich nicht darum, mir etwas vorzustellen. Es ist einfach da.

Und was ist dann Dein Lieblingsfilm?

Morten (lachend): Vielleicht »George, der aus dem Dschungel kam«?

Henriette: Ich habe keinen Lieblingsfilm. Was ich mag: diesen Film über das englische Paar, die ein Kind verlieren und dann nach Venedig gehen, jetzt fällt mir natürlich der Name nicht ein ...

Das muss »Wenn die Gondeln Trauer tragen« sein. Der mit dem kleinen roten unheimlichen Kapuzenmännchen ...

Henriette: Genau der!

Der ist aber sehr gruselig ...

Henriette: Ja, ziemlich ...

Musik, an die man sich gerade noch erinnern kann

Under Byen

Kinderlieder und Gruselfilme

Eure Musik klingt stellenweise sehr kindlich, sehr naiv. Seht Ihr das auch so?

Morten: Ja, schon. Wir schreiben auch gerade einen neuen Song, zu dem das passt. Der hat aber noch keinen Titel. Und wenn, würden wir ihn Dir nicht verraten! (lacht).

Henriette: Es gibt aber auch etwas in der Musik, die du hörst, wenn du ein Kind bist. Und du erinnerst dich daran, wenn du erwachsen wirst, aber du kannst dich nicht richtig daran erinnern. Aber du erinnerst dich beinahe daran. Die ist in deinem Kopf, diese weit entfernte Musik. Das gehört zu der interessantesten Musik, die es überhaupt gibt, denke ich. Die Musik, an die du dich vielleicht gerade noch erinnern kannst, die nur noch ganz, ganz schwach vorhanden ist.

Stine: Ja, genau!

Henriette: Ich mag das. Aber das ist auch klassisch, genau wie in einem Gruselfilm, es ist das Unheimlichste überhaupt, wenn als Hintergrundmusik ein Kinderschlaflied erklingt ... und du kriegst das Gefühl: UUUH, ich kenne das, das habe ich doch schon mal erlebt ... ich glaube, so was funktioniert einfach sehr gut ...

Ihr scheint große Fans von Gruselfilmen zu sein ...

Morten: Ja, schon.

Allgemeines Gelächter

Was bedeutet Touren für Euch? Wie wichtig ist es für Euch, unterwegs zu sein?

Nils: Es ist natürlich ein großer Unterschied, live zu spielen. Manchmal ist es extrem. Manchmal sind die lauteren Stellen sehr laut. Einige der leisen Parts werden sehr leise.

Welches ist die beste Zeit, um Eure Musik zu hören?

Henriette: Jemand hat uns mal erzählt, dass es am besten ist, unsere Musik per Kopfhörer zu lauschen, wenn man auf dem Fahrrad am Hafen unterwegs ist.

Wir sind keine typischen Skandinavier

Under Byen

Musik für den Hafen unterm Kopfhörer

Es gibt derzeit gerade in Deutschland ein sehr großes Interesse an skandinavischer Musik. Habt Ihr Erklärungen dafür?

Nils: Die Schweden sind schon immer da gewesen.

Und die Dänen?

Nils: Wir sind eigentlich keine typischen Skandinavier. Wir kommen aus Dänemark. Dort regnet es die ganze Zeit. Nichts mit Winter und Schnee. Ihr in Deutschland habt sehr viel mehr Schnee als wir. Es gibt bei uns keine Berge, es ist topfeben und es regnet ständig.

Gibt es etwas typisch Skandinavisches in Eurer Musik?

Morten: So denken wir eigentlich nicht. Natürlich höre ich isländische, schwedische oder norwegische Musik. Aber ich höre das nicht, wenn wir spielen. Die Leute sagen uns häufig, dass wir wie andere skandinavische Bands klingen.

Henriette: Aber in letzter Zeit entwickelt sich in Dänemark eine Menge. Es gibt neue Bands wie die Raveonettes. Es entsteht viel Neues ...

Stimmt, Velour haben kürzlich hier gespielt und waren sehr gut, oder die Broken Beats ...

Henriette (kichert): Das find ich ja lustig. Velour, die kennen wir gut!

Und wie sieht es mit dem Termin für Euer neues Album aus?

Morten: Wir gehen Mitte April ins Studio. Wir arbeiten an einigen neuen Songs.

Viel Erfolg dabei und viel Spass noch auf der Tour!

Under Byen


Kurz und schmerzlos?
Eine Biografie

Die beiden Freundinnen Katrine Stochholm und Henriette Sennenvaldt beschließen im Jahr 1995 bei einer Fahrradtour, eine Band zu gründen. Sie versuchen zunächst, Songs auf Englisch zu schreiben, verwerfen diese Idee aber bald wieder. Henriettes Gedichte und Katrines Klavierkompositionen bilden fortan die Grundlage der Songs.

Bald benötigen die beiden mehr Instrumente. "Die Songs ließen uns an Cello, Geige und Akkordeon denken, weil diese Instrumente sehr sinnliche Qualitäten haben", erinnert sich Henriette in einem Interview 1998. Bald stoßen Schlagzeuger Morten Larsen und Katrines großer Bruder Anders Stochholm an Akkordeon und Percussion dazu. Zwischenzeitlich gehören auch Anders Praestegaard am Bass, Anna Budtz am Cello und Poul Rorkenfeld an der Violine zur Band. 1996 spielt die Band, die sich den Namen Under Byen (Unter der Stadt) gegeben hat, ihr erstes Konzert in Henriettes und Katrines Heimatstadt Hinnerup in der Nähe von Arhus.

1997 entsteht die erste, selbst finanzierte EP "PUMA". Budtz und Rorkenfelt verlassen die Band, Nils Gröndahl an der Violine und Myrtha Wolf am Cello stoßen dazu.

1998 spielen Under Byen erstmals bei der "Arhus Festival Week". Sara Saxild ersetzt Anders Praestegaard am Bass. 1999 ergattert die Band ihren ersten Plattenvertrag. Under Byen nimmt ein Demo-Album mit drei Stücken auf und arbeitet dabei in Stockholm mit Manne Von Ahn Öberg zusammen, dem Produzenten von Stina Nordenstams Alben "DYNAMITE" und "PEOPLE ARE STRANGE". Im gleichen Jahr entsteht das Debüt-Album "KYST", ebenfalls von Öberg produziert.

Seit 1999 tritt Katrine Stochholm nur noch sporadisch live mit Under Byen auf. Thorbjoern Krogshede übernimmt den Part des Pianisten.

2002 entsteht " DET ER MIG HOLDER DE TRAERNE SAMMEN", das zweite Album von Under Byen. Die Band nimmt es in Arhus auf. Produziert wird es von Under Byen selbst und Jakob Bertehlsen. Die internationale Musikpresse wird aufmerksam. Der US-Rolling Stone bezeichnet Under Byen als eine der zehn viel versprechendsten neuen Bands der nächsten Jahre.

Die nächsten Jahre sind geprägt durch zunehmend auch internationale Touren, einem Live-Album, der Mitarbeit bei verschiedenen Projekten, darunter Film- und Theaterprojekten und weiteren personellen Umbesetzungen: 2004 verlassen Katrine Stochholm und Myrtha Wolf die Band. Stine Sorensen am Schlagzeug und Morten Svenstrup am Cello stoßen zu Under Byen. Katrine Stocholm arbeitet derzeit an einem Solo-Album.

© 2005 Eva-Maria Vochazer, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Under Byen

Discografie

1997

Puma (EP)

1999

Kyst

2001 Remix (Mini-Album)
2002 Det Er Mig Som Holder Trærne sammen
2003 2 Ryk Og En Aflevering
2004 Live At Haldern Pop
2004 Remix 2

Under Byen steuern einen Remix bei zur Rammstein-Single »OHNE DICH«

Die Band hat zudem einen Beitrag für ein dänisches Leonard-Cohen-Tribute-Album verfasst: »PA DANSKE LAEBER, 16 LEONHARD COHEN SONGS« (2004): »Jäg Er Din Mand (I'm Your Man)«

Henriette Sennenvaldt ist als Gastsängerin auf den letzten Alben des in Dänemark lebenden US-Musikers Howe Gelb mit dabei. Sie ist auch beim Projekt »ANDERSON DROMME«, einem Hans-Christian-Andersen-Tribute, vertreten, das voraussichtlich im Mai 2005 erscheinen soll.

Fast alle Bandmitglieder arbeiten auch mit anderen dänischen Bands zusammen.



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