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Ein Interview von Frank Keil

1983 probten im finnischen Städtchen Rääkkyla ein Dutzend Mädchen samt einer Handvoll Instrumentalisten traditionelle karelische Folklore.
Nicht alle von damals sind noch dabei, doch Värttinä gilt als eine der aufregensten Bands Finnlands.

Ein Gespräch mit Kirsi Kähkönen (Gesang) und Kari Reiman (Fiedel, Kantele) über ihre Art der Musikerneuerung.


Bunte Mixtur

Värttinä

Ein Bild aus frühen Tagen

Mal angenommen, jemand kennt eure Musik nicht. Wie würdet ihr sie beschreiben?

Kari Reiman:
Uuuh, das ist schwer zu erklären. Es ist eine Mixtur aus verschiedenen Einflüssen: Es sind bulgarische Gesänge sowie finnische Folklore; alte Volkslieder, die wir modernisiert haben. Dazu Funk und Rock natürlich; irische Musik, Jazz, Musik aus der Balkan-Region. Und das, was so im Radio kommt.

Sehr einprägsam ist euer Gesang und wie sich diesem die Instrumente unterordnen ...

Kirsi Kähkönen:
Wir Frauen singen sehr kräftig und sehr, sehr laut. Als wir vor 15 Jahren anfingen, rief uns jemand zu: »Singt lauter. Ich höre nichts!« Und es hörte sich gut an. Das hat unseren Stil geprägt, wenn wir auch mittlerweile Songs mit leisen und langsamen Passagen haben.

Kari Reiman:
Die Harmonien entwickeln wir Musiker auf der Grundlage von Harmonien, die in Ingrieen benutzt wurden. Also der Region zwischen St. Petersburg und Estland. Vor ungefähr 300 Jahren kam diese Musik nach Finnland und hat die finnische Volksmusik bis Anfang unseres Jahrhunderts entscheidend geprägt.

Die Sprache war ja damals viel mehr darauf ausgerichtet, dass man in ihr singt. Die Sprache an sich hatte einen bestimmten Rhythmus, den wir nun nutzen.



Värttinä

»Singt lauter!«

Värttinä

Live im Savoy Theatre, Helsinki

Wenn ihr Material für neue Songs sucht, treibt ihr euch auf Dorffesten herum, streift ihr durch die Wälder? Oder sind das Klischees?

Kirsi Kähkönen:
Das Problem ist, dass es diesen ursprünglichen Stil so nicht mehr gibt. Nur auf der russischen Seite Kareliens gibt es noch Sänger, die in der alten Art singen und ihre Lieder vortragen. Aber nicht mehr in Finnland.

Die traditionellen Hochzeitslieder, die Lieder, die man während der Arbeit sang, das hat ja keine Funktion mehr in der modernen finnischen Gesellschaft, also werden sie nicht mehr gesungen.

Värttinä

Kari Reiman:
Es gibt aber eine große Sammlung von aufgeschriebenen Lieder aus dem letzten Jahrhundert. Und es gibt entsprechende Schallplattenaufnahmen aus den 20er, 30er Jahren. Die Frauen, die die Texte schreiben, durchforsten die alten Liedersammlungen.

Wir Musiker hören uns die alten Aufnahmen an und versuchen daran anzuknüpfen. Versuchen, die Stimmung aufzunehmen. Wenn wir die Grundmelodie haben und den Text, dann arbeiten wir sehr hart an den Details. Die Girls singen uns etwas vor und jeder improvisiert dazu.

Wichtig ist: Jeder aus der Band hat einen anderen Hintergrund. Der Gitarrist hat vorher afrikanische Musik gespielt. Unser Bassist kommt aus dem Funk. Der Drummer vom Jazz. Ich selbst spielte irische und finnische Musik. Und wenn diese unterschiedlichen Einflüsse zusammenkommen, dann entsteht etwas Neues, Eigenes.

Wir planen nichts

Eure letzte CDs sind zuweilen recht poppig. Ist das ein Zugeständnis an das internationale Publikum?

Kirsi Kähkönen:
Der Bruch kam mit »OI DAI« 1991. Wir holten uns erstmals einen Schlagzeuger hinzu. Unsere Musik wurde dadurch tanzbarer, eingängiger.

Värttinä

Susan, Mari & Johanna live
in Izola, Slowenien

An unseren letzten Alben wie etwa Album »VIHMA« hat unser Produzent einen wesentlichen Anteil. Er experimentiert noch im Studio sehr viel mit uns, und stets kommen ein paar neue Elemente dazu - bestimmte Soundeffekte -, und manchmal gibt es auch einen Remix.

Jede unserer Platten hat so ihre eigene Geschichte. Und jedes Mal hat sich etwas verändert. In fünf Jahren werden wir wieder anders klingen. Aber wir planen nichts. Es entwickelt sich.

© Frank Keil
Foto-Credits:
Maarit Kytöharju (4), Barbara Dobrila (6)



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