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Ein Interview von Liska Cersowsky

Sie leiden unter dem Komplex des kleinen Bruders.
Göteborg liegt im Schatten Stockholms
und gilt dennoch als die Rockmetropole Schwedens.
In den 60ern liefen hier die Schiffe ein, die mit Vinyls bestückt schön frühzeitig die Beatmusik Englands zur Mode werden ließen, Wochen bevor die Hauptstädter also die neuesten Alben in ihre Plattenläden bekamen.

Whyte Seeds
Whyte Seeds

»Keep your enemies even closer«

Whyte Seeds

Das nächste große Ding?

The Hives, The Soundtrack Of Our Lives, Union Carbide Productions - sie alle kommen aus jener Hafenstadt und pflegen wie die Whyte Seeds ihre Rockwurzeln in geschichtlicher Tradition. Selbst dann, wenn Label und Studio in der verfeindeten Stadt liegen und Songschreiber Olle darauf zu antworten weiß: »Keep your friends close, but your enemies even closer.«

Als »das nächste große Ding« wurden sie im Heimatland nach gerade mal einer Singleveröffentlichung gehandelt. Als eines der größten schwedischen Musikmagazine, das »Sonic«, die Band vor zwei Jahren in ungewohnter Manier mit einem Demotrack auf ihrer Samplerbeilage vorstellte, waren sich Journallie und Publikum gleichermaßen einig: Das sollten fünf Hochbegabte sein, die ihren Garagenrock jetzt wohl dem der Kings Of Leon entgegenhalten müssen. Gleichen sich ihre Vorbilder doch von The Faces, über Robert Plant bis hin zu Led Zeppelin. »Wir wären natürlich gern das nächste große Ding, aber eigentlich ist es entspannter wenn wir abwarten könnten, langsam wachsen dürften.«

Dann sollte es auch nicht mehr passieren, dass der Schlagzeuger der Originalbesetzung mühsam erspieltes Konzertgeld an der Bar versäuft. »Der war so was von gefeuert«, konstatiert Olle dazu. Das Quintett weiß, also wohin es will - ohne großen Aufenthalt weiter nach oben.

Charmante Großmäuler

Whyte Seeds

Da fehlt keine Pose

Sie kleiden sich demnach so, sie reden so, sie sind gleich ihres Garagenrocks charmante Großmäuler mit klarem Kopf und linkischem Augenzwinkern. Sie müssen sich aufeinander verlassen können, voneinander lernen wollen, und wenn sie Lust haben, müssen sie auch Instrumente tauschen können.

»Hank ist eigentlich ein groovy Schlagzeugspieler, aber erst als ich ihn bat, in meiner Band Bass zu spielen, kam er aus Nashville zurück nach Schweden.« Hank, ein kleiner Williams mit großen Cowboyhut könnte zwar stundenlang über sein Idol sprechen, schaut jetzt jedoch nur peinlich berührt in seine Kaffeetasse.

»Oder nimm Axl, ich finde er hat eine großartige Stimme. Anders als zum Beispiel Pelle der Hives, mit dem er ständig verglichen wird. Die sind zwar, mir auf unverständliche Weise, sehr erfolgreich, haben aber einen ziemlich gesangsschwachen Frontmann.« Ganz gleich wie sehr sie klare Abgrenzung suchen - die Whyte Seeds schwimmen erst mal noch im Fluss des großen Rockschwarms.

Da, wo eine Band wie sie gern mit den Klischees des Genres spielt, da fehlt keine Pose, kein Gitarrensoli. Es fehlen aber auch nicht jene Idol-Bands, die ihnen diesen Weg erst überhaupt gewiesen haben. »Das Leben kann eben eine Tragödie sein«, sinniert Olle. »Aber wenn du wie wir darüber schreiben möchtest, dann wird dieses Dunkle noch schwärzer, wenn du es mit Tragikhumor belegst.« Ironie, die sich entweder beattreibend oder als langsame (durchaus auch kitschige) Ballade ihren Weg in die Synapsen wühlt.

Wir sind alle Charaktere

Whyte Seeds

Rechts: Hank, ein kleiner Williams

»Ich schreibe gern Songs aus der Sicht von anderen Leuten. Das Titelstück »Memories Of Enemies» vom aktuellem Album habe ich zum Beispiel aus der Sicht von Jonas von Bad Cash Quartett geschrieben.«
[Eine Band, die in Schweden im zarten Alter von 15 Jahren schon zwei Alben veröffentlicht haben und nach ihrem zweiten Werk Outcast, großem Medienhype sowie großer Klappe dann doch nur 900 Alben verkauften und über die Landesgrenzen hinaus bisher nicht wirklich bekannt geworden sind. - Anm. der Autorin].

»Jonas ist, was den Umgang mit den Medien angeht, ziemlich gewieft. Er hat sie ohne Frage in der Hand und spielt gern den wilden Rockstar. Im Gegensatz zu uns eigentlich.« Eigentlich, denn »natürlich wollen wir auch Rock'n'Roll, aber auf die Bühne gehen wir mit einem Lächeln und sind freundlich zu unserem Publikum«, fügt Bassist Hank hinzu. »Was manchmal schwierig ist, weil wir im Sinne unserer Musik nicht wie die Hives oder jene gestylten Anzug-Hampelmänner aus den 70ern wirken wollen. Da steckt in unserem Auftreten schon mehr. Wir sind alle Charaktere und vor allem persönlich.«

Manchmal derart, dass sich über das Stück »XX/XY« nur schwer reden lässt. Songschreiber Olle gibt leise zu, dass es soviel Wahrheiten aus seinem Leben beinhaltet, »dass es wahrhaftig peinlich wäre, die Dinge noch weiter zu konkretisieren.« Da erwähnt er lieber schnell im Nebensatz, wie unglaublich beängstigend es wäre mit Pelle Gunnerfeldt, seines Zeichens Gitarrist bei Fireside, im Studio zusammenzuarbeiten. »Das ist vielleicht ein Typ. Der redet nicht - die ganze Zeit über hat er nicht ein Wort mit uns gewechselt. Ständig gibt er dir das Gefühl er würde dich hassen.«

Auf keinen Fall wie die Stockholmer

Memories Of Enemies

Hank träumt noch

Kalle Gustaffson dagegen, eigentlich bei The Soundtrack Of Our Lives angestellt, wäre dagegen ein toller Typ. Hat dafür auch deutlich seine Pianospuren auf der Whyte Seeds-Ep »SLOW MOTION« hinterlassen und der Band wenig später in seinem Studio für die Aufnahmen zum Album erneut eine professionelle Helferhand geliehen. »Seltsam wie klein die Welt werden kann. Bands aus Göteborg hängen irgendwie alle zusammen und trotzdem will sich jeder von dem anderen unterscheiden. Bloß nicht gleich sein, und auf keinen Fall so wie Stockholmer.«

Garagenrock also, »so präzise wie Einsen und Nullen«, dazwischen soll es nichts geben. »Die full-speed-Stücke bekommen ihre Lebhaftigkeit ja auch nur durch die Langsameren.« Oder dadurch, dass sich die Mitzwanziger gleich wie Lou Reed oder Velvet Underground daran halten, Songs zu schreiben, die sich selbst immer bis an den Abgrund bringen, manchmal auch scharf bis an die Grenze des Unhörbaren. Alles gepaart mit dem persönlichen Aberglauben der Band, bei einem Rückblick in 500 Jahren zur Ära der Beatles zu gehören. Wenn nicht im musikalisch hochgelobten Sinne, dann wenigstens im zeitgeschichtlichen. »Immerhin kommt unser Album fast am gleichen Tag raus, wie einst Rubber Soul« - Hank träumt noch.

Line Up:
Axl Robach - Gesang
Olle Hagberg - Keyboard
Hank Linden - Bass
Nico Janco - Gitarre
Björn Synneby - Schlagzeug

© 2003 Liska Cersowsky
Foto-Credits: Rasmus Hägg

Discografie

2003 Slow Motion (EP)
2003 Memories Of Enemies


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