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Buchrezension:    

Wolfgang Müller: Hausmusik – Stare aus Hjertøya singen Kurt Schwitters

Die CD eingelegt und gelauscht. Sogleich weht Wind auf und Äste knacken. Man hört Plätschern, Wellenschlag, und manchmal landet ein Wasservogel, der sich wenig später wieder flügelschlagend davonmacht. Einprägsam aber ist der Gesang der Stare – deutlich herauszuhören und dominant.

Musik also nach Geräuschen oder besser Tönen der Natur, möchte man meinen. Musik auch von und noch mehr für die Vögel – wie ein pragmatischer Interviewband mit dem Komponisten und Musiker Jon Cage heißt. So könnte man sich still an dem scheinbar reinen und absichtslosen Starengesang ergötzen und womöglich auch erfreuen, würde man da nicht plötzlich eine Klang- und Tonfolge heraushören, die etwa »Rinnzekete bee bee nnz rrk müüüü, ziiuu ennze ziiuu« lautet.

Wem diese Strophe – denn darum handelt es sich – bekannt vorkommen sollte, der irrt nicht. Kein geringerer als Kurt Schwitters hat sie kreiert – auf der Suche nach (s)einer Ursonate, an der er in den Jahren 1922 und 1923 arbeitete und die er 1932 wieder aufgriff, zunächst vollendete, aber immer wieder überarbeitete. Eine einzige recht verrauschte und kratzige Fassung, gesprochen von ihm selbst, ist erhalten geblieben. Und nun also singen Stare frisch und aktuell Kurt Schwitters.

Diese Stare sind irgendwelche Stare, sondern sie siedeln auf der kleinen Insel Hjertøya dem Städtchen Molde vorgelagert – bekannt wegen seines Jazz- und Avantgardefestivals und in der Nähe von Oslo gelegen. Schwitters fuhr ab 1932 regelmäßig hierher in den Sommerurlaub, fand bald Freunde und Unterstützer, auf die er glücklicherweise zurückgreifen konnte, als er 1937 Deutschland aus bekannten Gründen verlassen musste. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen floh er schließlich weiter nach England.

In einer kleinen Hütte auf Hjertøya hat er an einer zweiten Fassung seines berühmten Merzbaus gearbeitet, einer begehbaren Skulptur, die ein ganzes Zimmer seiner Hannoveraner Wohnung ausmachte und an der er unermüdlich arbeitete. Sie sollte später bei der Bombardierung Hannovers zerstört werden; nur einige wenige Fotodokumente sind erhalten geblieben.

Auch seinen norwegischen Märzbau hat er nicht vollenden können. Lange stand die Hütte leer; später mit dem einsetzenden Nachruhm Schwitters (der 1948 verarmt und unbekannt in England starb) erinnerte man sich an ihn, und Kunsthistoriker sowie Andenkensammler verschiedener Coleur suchten sie heim und nahmen manches mit – die Tür stand lange offen. Mittlerweile gibt es verschiedene Ansätze, die Schwittershütte zu erhalten. Zuviel ist allerdings schon zerstört worden und durch Wind, Regen und Kälte verwittert.

Doch nicht nur gebaut, gewerkelt, gezeichnet und gemalt hat Schwitters hier, sondern auch auf- und abgehend seine Lautpoesie geprobt, überarbeitet, variiert und verändert – in unmittelbarer Nachbarschaft der Stare, die hier gerne nisten und leben und die – so ist zu vermuten – diesem gezwitscherten, gesungenen, gepfiffenen und jubilierten Gesang lauschten, ihn aufnahmen und seitdem von Starengeneration zu Starengeneration weitergeben.

Dokumentiert hat eben diesen Gesang, diese Hommage der Vögel an Kurt Schwitters durch scheinbar gemeine norwegische Stare, der Künstler Wolfgang Müller (Berlin/ Reykjavik), der sich schon lange einen Ruf als Ornithologe wie als Elfenkundler erworben hat und der eines Tages während eines Aufenthaltes auf Hjertøya vor jenem Schuppen im Gras lag und dem Gesang der Stare lauschte. Gut, dass er sein Aufnahmegerät bei sich trug. Gut, dass er eine Kassette dabeihatte und dass die Batterien geladen waren. Einige Fotos aus dem Inneren der Hütte ergänzen die CD. Weitere Hintergründe liefert ein kurzer Aufsatz des Kunsthistorikers Thomas Groetz. (frk)





Wolfgang Müller:
Hausmusik – Stare aus Hjertøya singen Kurt Schwitters


Katalog mit CD;
Martin Schmitz Verlag,
Berlin 2002,
16 Seiten, bzw. 20 Min.,
20,- Euro


Siehe auch:
Wolfgang Müller: Islandhörspiele



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