Zur Hauptseite
Diese Seite empfehlen Neuheiten CD-Rezensionen Artikel Suche Impressum
Service
Tourtermine
Fotogalerie
Autorencharts
Musik lesen
Links
Gästebuch
FAQ

Buchrezension:    

Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula

Matti ist fünf Jahre alt, als die Straßen seines Wohnviertels endlich asphaltiert werden. Zugleich bekommt seine ältere Schwester einen Plattenspieler. Wenig später folgt eine Beatlesplatte! Das ist es, was sein Leben grundlegend verändern wird: Mobilität und Musik. Eines Tages fortgehen zu können und sich schon jetzt fort zu träumen in jenes Land, wo junge und hoffnungsvolle Menschen mit etwas längeren Haaren auf ein Schlagzeug eindreschen, so fest in die Gitarrensaiten greifen, dass sie reißen; die sich auf dem Boden wälzen und etwas von sich geben, dass im weitesten Sinne Englisch sein könnte, jene Weltsprache, die uns zusammenführen kann. Und siehe – die Sonne geht auf, oben im Norden Schwedens, an der Grenze zu Finnland, in einem Winkel, der so zu beiden Ländern gehört, Anfang der Sechziger.

Matti wird eine Rockband gründen. Er wird Mitstreiter finden und einen Unterstützer: Herrn Greger aus Schonen, den rennradfahrenden Musiklehrer, dem vier Finger an der rechten Hand fehlen und der endlich die Musiklehrerin ablöst, die ihre Schüler mit süßlichen Stockholmer Knabengesängen vom Tonband quält. Sie werden erste Auftritte in der Schulaula haben, obwohl sie noch weit davon entfernt sind, auch nur drei Akkorde halbwegs sicher hinzubekommen. Doch es reicht, und Matti und die Seinen erspielen sich einen gewissen Respekt und noch mehr einen diffusen Ruf, der ihnen in der Mädchenwelt ein wenig helfen wird.

Eingebettet ist all dies in die Beschreibung einer Kindheit, die nicht von Wohlstandsproblemen geprägt ist. Allem Modernen und Westlichem sind die Erwachsenen feindlich gegenüber eingestellt. Noch schlimmer hat es Mattis besten Kumpel Niila erwischt, der lange nicht sprechen kann: Seine Eltern wie überhaupt die gesamte Familie gehören zur Sekte der Laestadianer, die sich allem entgegenstellen, was Spaß machen könnte und die ihre Kinder gottesfürchtig mit harter Hand drangsalieren. Dazu ist der Boden hart gefroren, im Sommer legen sich Mückenschwärme über alles Lebendige, Saunagänge enden im Chaos und den wenigsten Durchblick haben wie so oft die Erwachsenen, die doch stets sich so sicher sind, dass sie alles wissen, was man zum Leben braucht.

Doch Obacht! Der Schriftsteller Mikael Niemi beschränkt sich bei aller Lust am Spott nicht allein auf den gängigen Finnen-Ulk; er belässt es nicht beim Addieren skurriler Situationen, getragen von schrägen Vögeln, die man als Nachbarn niemals haben möchte, dafür auf der Leinwand umso mehr liebt. Vielmehr mischen sich gerade in den Passagen, in denen die so genannten Reichsschweden mit Mattis finnisch sprechenden Verwandten aufeinandertreffen, bewegend bitter-traurige Töne in das Geschehen.

So erzählt »Populärmusik aus Vittula« von einem (leider) ganz aktuellem Thema: Es ist für einen selbst stets nur begrenzt witzig, in einer Mehrheitsgesellschaft einer ethnischen Randgruppe zugeschlagen zu werden. Da hilft auch keine Beatlesplatte.

Leseprobe:
»Unseren zweiten Auftritt hatten wir im Haus des Volkes von Kaunisvaara nach einem Treffen der Roten Jugend. Holgeri hatte es organisiert, er kannte ein Mädchen aus dem Vorstand, eine von dreißig, die in Palästinensertüchern herumstanden, Fransen im Gesicht, runde Brille und Schnabelschuhen, mit denen sie im Takt stampften. Man darf wohl sagen, dass das Echo verhalten war. Es waren ein paar Monate nach unserem Debüt in der Aula vergangen, und es war uns gelungen, unser Zusammenspiel zu verfeinern. Zwei der Stücke hatten wir selbst gemacht, der Rest waren Songs, die wir aus den Top Ten abgekupfert hatten. Ein paar alte Pioniere kamen herbei und stellten sich neugierig in die Tür. Alle gingen gleich wieder, außer einem Jungen, der seit einer Handgranatenübung beim Militär einen Hörschaden hatte. Er stand mit aufgerissenem Mund da und schob seine Mütze auf dem Kopf hin und her, und dachte, verdammt, was die heutzutage für einen Schindluder mit dem Strom treiben.« (frk)





Mikael Niemi:
Populärmusik aus Vittula


Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt;
BTB,
München 2002,
304 Seiten,
18,90 Euro



Neuheiten | CD-Rezensionen | Artikel | Service | Suche | Impressum

Tourtermine | Fotogalerie | Autorencharts | Musik lesen | Links | Gästebuch | Abstimmen | FAQ | Seite empfehlen

Besucher heute: 520 | Gestern: 1.460 | Derzeit online: 85 | Tagesmaximum: 7.358 | Online-Maximum: 1.152
© 2000 - 2017, Design & Programmierung: Polarpixel