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Buchrezension:    

Jakob Ejersbo: Nordkraft

Der junge Däne Jakob Ejersbo hat eines der wichtigsten Bücher über das jugendliche Leben im heutigen Dänemark geschrieben. Die Reise geht nach Aalborg, und schon glimmt der erste Joint, aber es wird nicht lustig.

Eines Nachts klettern sie auf den Schornstein von Aalborgs größtem Kraftwerk mit dem sinnkräftigen Namen »Nordkraft«. Dabei haben sie Pinsel und weiße Farbe. In Blockbuchstaben malen sie BÜLD auf die Steine – der Name der lokalen Band, in der sie spielen oder die sie wenigstens gut finden. Doch nichts weiter passiert. Nicht mal die Lokalzeitung berichtet darüber. Dabei geben sie ihnen telefonisch einen Tipp. Das war's dann.

Überhaupt ist immer alles schnell gewesen, und danach folgt die große Leere: Auf und nach ihren Fahrten in die Hauptstadt nach Christiania, wo sie sich mit Haschisch versorgen; für den Eigengebrauch und um zu dealen, um über die Runden zu kommen. Ihre Tage, die auf dem Kopf zu stehen scheinen, ihr Leben, das ihnen immer mehr entgleitet. Sie hängen nachts im 1000Fryd ab, sie essen halluzinogene Pilze und das gleich haufenweise, und sie stehen am Ende vor einem Grab – von einem, den sie mal gekannt haben, vielleicht.

Da ist Maria, die freiwillig und von sich aus eine Pusherbraut ist, mit ihrem Lover mehr als dürftigen Sex hat und deren Mutter als Ex-Hippie nur noch einen Wunsch hat: dass die Tochter zurück kommt und das Abi nachholt. Da ist der Maschinenschlosser Allan, der einst der Szene den Rücken kehrte, weit weg abhaute, zur See fuhr, dem eine Explosion das Gesicht verwüstete, der zurückkommt, sich verliebt. Also sich wirklich verliebt, denn diesmal ist es ihm ernst, tatsächlich und er setzt alles in Gang, damit es wird, wie es sein soll.

So schildert der Roman »NORDKRAFT« in drei eigenständigen Kapiteln wie in drei Kurzromanen eine Jugend in den Neunziger Jahren in Aalborg, Dänemark.
Es geht in diesem Roman nicht um Musik, auch wenn dessen Protagonisten hin und wieder Platten auflegen, den Radiosender verstellen und eben kurz auch eine lokale Band eine gewisse Rolle spielt. Vermutlich haben Maria, Svend, Nina, Lene und Lille-Lars und all die anderen längst nicht mehr genug Kraft, sich noch mit Musik und damit im weiteren Sinne mit Kunst zu beschäftigen. Ihr Leben dümpelt dahin, schlägt Wellen, gerät in Not und mündet am Ende in eine einzige Frage: Warum sind wir so geworden wie wir sind und wie kommen wir wieder aus dieser Situation heraus?

Wer »NORDKRAFT« gelesen hat, wird sich daher nun an hüten, irgendwelche dummen Witze von wegen »Lebe schnell, sterbe jung« zu machen oder ein ähnlich dämliches T-Shirt zu tragen. Das Gegenteil ist der Fall.

Das alles ist keineswegs immer angenehm zu lesen. Manchmal klappt der Leser zurecht erschüttert das Buch zu; dabei ist es keine Reportage aus dem wirklichen Leben, sondern ein feinsinnig komponierter Roman, in dem sich via sorgsam ausgelegter Handlungsstränge, die sich voneinander entfernen und wieder bündeln, erfundene Personen tummeln. Genau das aber macht die ungeheure Stärke der Schreib- und Fabulierkunst des jungen Dänen Jakob Ejersbo aus – und deswegen klappt man das Buch sogleich wieder auf und liest sofort im Stehen weiter: Der Autor vermag es, das man in eine Weise in den Text einsteigt, wie man es vielleicht am Anfang seiner Lesekarriere erlebt hat; dass man mit den Helden mitfühlt und um sie bangt, egal wie schäbig, wie naiv, wie grobschlächtig oder auch wie verloren sie handeln.

Und das Gefühl kommt auf, man selbst habe rückblickend womöglich in gewissen Situationen nur Glück oder den richtigen Riecher gehabt, um nicht selbst in ähnliche Fallen zu tappen. Jugend – auch davon erzählt »NORDKRAFT« –, das ist eine Lebensphase, in der Bedrohliches so nahe liegt; das Jungerwachsen-Sein inklusive. Ein Zeitalter auch, in dem die Vorstellung, man könne alles stemmen und das Gefühl, man wird mit allem scheitern, so dicht beieinander liegt, wie später kaum noch einmal.

Kurzum: »NORDKRAFT« ist ein großartiges Buch und jeder, der irgendetwas über die Jugend unserer Tage und ihr Lebensgefühl im heutigen Skandinavien spekulieren, vermuten oder auch nur vage denken will, sollte es lesen. Unbedingt und am besten gleich morgen.

Leseprobe:
»Der Hund knurrt, seine Eckzähne glänzen vom Geifer, seine Kiefer schnappen zu. Ich kann im Schritt den Luftzug spüren. 300 Gramm Hasch sind mit Tesafilm an meinem Bauch zwischen Brust und Schamhaar festgeklebt. Der Geruch mach den Schäferhund total verrückt, sein Rachen ist nur eine Handbreit von meinem Schritt entfernt. Das Tier steht auf den Hinterbeinen, er zerrt an der Leine. Der Bulle hält sie straff gespannt, das Halsband gräbt sich dem Hund ins Fell. Stoßweise dringt aus seinem aufgerissenem Maul warmer Atem in die frostkalte Abendluft.« (frk)





Jakob Ejersbo:
Nordkraft


Aus dem Dänischen
von Sigrid Engeler;
DuMont Verlag,
München 2004,
537 Seiten,
22,90 Euro



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