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Buchrezension:    

Åke Edwardson: Der Jukebox-Mann

Man kennt (hoffentlich) den Jazz-liebenden Kommissar Winter des Åke Edwardson. Sechs mal war er jetzt unterwegs auf der Jagd nach dem Bösen. Aber immer nur Krimis schreiben? Und Edwardson machte sich auf, einen Roman zu entwerfen, in dem ein Jukebox-Mann um sein Glück kämpft. Im Schweden der beginnenden Sechziger Jahre.

Männer reden nicht gerne, und sie reden nicht viel. Es soll Ausnahmen geben, aber das sind eben die Ausnahmen. Eher schon interessieren sie sich für Technik, warum etwas funktioniert oder warum nicht. Für Autos interessieren sie sich, für Elektrogeräte, für Dinge, die Strom und Kabel gebrauchen und die nicht mehr funktionieren, wenn die Sicherung rausfliegt. Für klassische Automobile, für Flipper-Automaten oder Jukeboxen interessieren sie sich, so wie Jonny Bergman, ein Mann, der nicht viel und nicht gerne redet.

Fast die ganzen Fünfziger Jahre durch war er unterwegs, in seinem Duett, Gefährt, Gefährte und Wohnung, die Rückbank und den Kofferraum voller Ersatzteile für die Jukeboxen, die überall in seinem Einzugsgebiet in Kneipen, Gasthöfen und Cafes stehen. Regelmäßig bestückt er sie mit den neuesten Hits, es sei denn, die Platten werden immer und immer wieder abgetastet und nachgefragt und gerinnen zu Evergreens. 70 Prozent der Einnahmen gehen an ihn, der Rest an den jeweiligen Wirt.

Doch die Zeiten sind nicht gut für Jonny und seine Boxen und deren Musik. Das Radio macht sich breit, vom Fernsehen wird gemunkelt, die ersten Schallplattenspieler ziehen ein in die Häuser, und überhaupt sitzen die Leute abends bald lieber zu Hause, hören ihre eigene Musik statt in der Kneipe nur wählen zu können, was in den Jukeboxen so vorrätig ist.

Und wo die Zeiten schlechter werden, soll es Jonny besser gehen? Er ist schon so ein Einzelgänger (wenn auch mit Herz), und dann gibt es da den Hof, wo er als Pflegekind heran wuchs, und es gibt seinen Bruder Seved, der eines Tages verschwand, und es gibt die Kellnerin Elisabeth aus einem der Cafes, in denen Jonny regelmäßig vorbei schaut, weil eben immer etwas zu machen und zu reparieren ist an so einer Jukebox. Keine Frage, Jonny könnte mit den Jahren verdämmern, könnte alt und noch wortkarger werden als er eh schon ist.

Doch dann geraten die Dinge langsam ins Rutschen, erst zum Schlechten, was Jonny aufrütteln wird. Hauptsache, es passiert etwas, denn so wie es ist, kann es nicht bleiben. Und da ist nicht zuletzt Lennart, Elisabeths halbwüchsiger Junge, der in seiner Klasse der Außenseiter ist und der Jonny an so manches erinnert – und an was man sich erinnert, das macht einem manchmal den Blick klar.

»Der Jukebox-Mann« ist beileibe kein vordergründig heiterer Roman, den man schmunzelnd liest und der die eigene gute Laune zusätzlich hebt. Eher schlappt man zuweilen mit langsam Schritten zum Herd, setzt Kaffeewasser auf oder trinkt Rotwein, schwer wie Blut. Manchmal auch überlegt man, ob man nicht etwas Lustigeres lesen soll, aber es kommt nicht dazu. Zu intensiv, zu bewegend, atmosphärisch zu dicht schildert Edwardson ein Leben im Schweden der Umbruchzeit, als die sozialdemokratische Modernität (und mit ihr am Ende ABBA) noch nicht auf dem Vormarsch ist und das Land sich dunkel, braungetönt und von Patina überzogen zeigt.

Es sind die Jahre des bedächtigen Rock'n'Roll, der letzten Tanzböden, des schweren Bieres, das man heimlich braut. Eine leichte Depression liegt über der Szenerie, mögen Einzelne noch so aufgekratzt ihr amerikanischen Schlitten polieren und darauf pfeifen, dass sich die Zeiten ändern. Doch wo die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch, und Jonny wird einsehen, dass es bald vorbei ist mit ihm und seinen Musikboxen voller schrammeliger Elvissongs, und dass es sich auch nicht für einen Mann gehört, in einem Auto zu wohnen, als hätte er kein zu Hause. Und es zeigt sich, dass es sich doch lohnt, wenn man versucht, an den Kern seiner Gefühle heranzukommen. Auch wenn man ein Mann ist, der eigentlich nicht gerne und nicht viel redet.

Leseprobe:
"In Detroit City war Kennedy erschossen worden. Schüsse von irgendwo über eine Straße in Detroit City. Plötzlich wussten es alle und erstarrten an der Stelle, wo sie standen. Und an den Ort, wo sie in diesem Moment gestanden hatten, würden sie sich erinnern, solange sie lebten, wenn sie jemand fragte. So war es im ganzen Land, vielleicht auf der ganzen Welt.

Jonny Bergman hatte gerade mit dem Kopf in einer Seeburg KD-200 gesteckt und die Rolle sachte von hinten gedreht, um herauszufinden, warum sie klemmte. Eine Titelstreifenrolle sollte sich möglichst nicht aufhängen. Das war doch der Vorteil dieses Modells, aber das war Seeburg, typisch Seeburg, der Cadillac der Jukeboxen, wenn sie funktionierte, und ein einziger Problemfall, wenn sie nicht funktionierte. Neu war sie die Beste, aber jetzt war nichts mehr besonders neu an ihr."
(frk)





Åke Edwardson:
Der Jukebox-Mann


Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch;
Claassen,
Berlin 2004,
400 Seiten,
23,- Euro



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