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Buchrezension:    

M.A. Numminen: Der Kneipenmann

Nach Veröffentlichung wurde der Kneipenmann in Finnland zum neuen Nationalepos, einer Art »Bier-Kalevala« erklärt. Als »Reiseführer der anderen Art« könnte man das »Road Book« bezeichnen, das M(auri) A(antero) Numminen Anno 1986, vom Neujahrstag bis Mittsommer, durch 185 Kommunen und 350 Bierbars führte. Von Helsinki bis Lappland, von Karelien bis zu den schwedischsprachigen Inseln im Westen, verfuhr der Autor 20.000 km. Genauer gesagt: Er ließ sich von seiner Frau chauffieren – und das nicht ohne Grund. Denn dann und wann landete er in »richtigen« Restaurants, in denen es mehr als Bier gibt ... und erinnerte sich hinterher an nichts mehr. So bestehen einige Kapitel nur aus den Erzählungen seiner Frau.

In der Hauptsache aber widmet sich »Baarien Mies«, der Kneipenmann, der ordinären »Keskiolutbaari« – im Buch mit »Dreierbierbar« übersetzt. Dort wo sich alles um den Hopfensaft der mittleren Stärke »Keskiolut« – das Dreier(Bier) mit 4,5 Vol. % – dreht, tummeln sich einfache Arbeiter, Arbeitslose, Rentner oder Kleinbauern. Und dort entdeckt der Sänger, Komponist, Filmemacher, Entertainer und Autor »eine faszinierende Welt, eine liebenswerte Subkultur und ein grenzenloses Arsenal von Anekdoten«. Zudem erschließen sich »wesentliche alkoholpolitische und gesellschaftliche Perspektiven«.

Unter Pelzkappen-behüteten Tamperianern startet Numminen an Neujahr seine Tour in der Hyhkyn Pirtti (Hyhky Stube), folgt seinem Kumpel Virrantausta weiter in die Gastecke, wo Rauli Badding Somerjokis Schlager »Schiffe« ertönt. Dieser scheint die heimliche Keskiolutbaari-Hymne sein, taucht er doch immer wieder an den verschiedensten Orten auf.

Die Besuche beginnen fast überall gleich, mit der Bestellung »Ein Bier, ein Kaffee« – manchmal um einen Krapfen erweitert –, enden jedoch höchst unterschiedlich: Mal wirft ein Gast einen Krug nach der Bedienung und plustert sich Stühle schwingend auf, bis die Polizei kommt; mal will ein Gastwirt dem Autor das Lokal verkaufen, mal stolpert Numminen unverhofft in die nationale Dartmeisterschaft der Damen.

Gewollt amateurhaft wirkende Fotos der Lokalitäten und ihrer Gäste ergänzen die textlich heraufbeschworenen Bilder. Inari, Ivalo, Pori, Helsinki, Lahti, Lappeenranta, Joensuu, Kitee: Numminen trinkt überall und nirgends, in sechseckigen Pavillons, kleinen Häuschen und in der »Kriegsinvalidenkantine«, trifft Waldarbeiter, Veteranen, Musiker, Rentner – um schlussendlich mit einem Schweden in »Teckis Källare« auf den Ǻland-Inseln über die finnische Trinkkultur zu philosophieren. Dabei erkennt er, warum die Finnen in ihren kleinen Dörfern so eisern an den Dreierbars festhalten: »Was immer andere denken mögen – sie gehen da nicht hin, um schweigend zu saufen, sondern um ihre zwanglose und gesellige Art auszuleben«. Darauf seufzt Andersson, der Schwede: »Ich beneide die Finnen.«

Wer auf Numminens Spuren torkeln möchte, der findet im Anhang sowohl Orts- als auch Kneipenregister und kann nun selbst erkunden, welche der Lokalitäten immer noch existieren, Kontakte knüpfen und alkoholpolitische Studien betreiben.

Leseprobe:
»Und den Quetschen Virtanen, ob Numminen den Virtanen mit der Ziehharmonika kennen würde? Der sei doch schon etwas älter, oder? bestätigt Numminen. Ganz genau! Den würde er kennen? Also, was für ein Zufall, auch ihn kannte Numminen. - Na wunderbar, nämlich der is' meine Verwandtschaft ... An dieser Stelle verneigt Numminen sich höflich und erhebt sich, um scheinbar unpressiert der Bedürfnisanstalt zuzustreben. Die Tür zum Männerklo ist verschlossen! Blitze der Qual zucken hinter seinen Augen. Da sich sonst niemand in der Toilette aufhält, kann er sein Unterteil pressen, um zu verhindern, dass es dem Druck nachgibt. Ob sich ein Stück Eisengarn in seiner Tasche finden ließe, mit dem das Teil abgedichtet werden kann? Numminen kramt in seinen Taschen. Der Druck steigt ins Unvorstellbare. Jetzt oder nie! Blitzartig verschwindet er im Damen WC.«
...
»Mit einem Gefühl tiefer Ehrfurcht ist Numminen unterwegs nach Jaala. In dieser Gemeinde wird pro Einwohner mehr Dreierbier konsumiert als irgendwo sonst 105 Liter! Das renommierte Savukoski liegt mit 101 Litern 4 Liter zurück. Nimmt man nur die Männer und nur den Konsum in den Dreierbierbars, dann liegen die Herren aus Jaala 13 Liter vor denen aus Savukoski! Jahr um Jahr sind die männlichen Jaalaner in den Dreierbierbar Kampfruf ausgebrochen: Noch eine Runde, auf dass wir Erste werden! Heute darf Jaala feststellen: Es ist erreicht«.
(nat)





M.A. Numminen:
Der Kneipenmann


Aus dem Finnischen von Eike Fuhrmann, mit Barbildern vom Verfasser und Helema Vapaa;
Haffmans bei Zweitausendeins,
Frankfurt/Main 2003,
180 Seiten,
13,50 Euro


Siehe auch:
CDs von M.A Numminen



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