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Buchrezension:    

Marjaleena Lembcke: Finnische Tangos

Eine Frau erhält nachts einen Anruf aus Finnland, ihrer alten Heimat: »Zittern deine Knie, gehst du am Stock oder warum besuchst du das Land der zweihunderttausend Seen nicht mehr?« Raimo ist betrunken und macht ihr Vorwürfe, die sie kaum versteht. Erst am nächsten Morgen begreift sie, dass es wohl ein Hilferuf war: Selja, ihrer Freundin aus Kindertagen, geht es schlecht. Widerstrebend reist die Frau nach vielen Jahren im Ausland zurück in die Stadt ihrer Kindheit.

Die Gegenwart vermischt sich mit imaginären Rückblenden, ihre Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse mit der Kindheits- und Jugendfreundin oder ihrer Familie überfällt sie an jeder vertrauten Stätte, welche sie passiert. In ihrem Kopf ziehen Gedichte vorüber, tauchen Fetzen von Volks-, Heimat-, Kinderliedern auf, Bücher und Kinofilme tanzen einen wilden Reigen, vermischen sich mit philosophischen Fragen aus dem Hier und Jetzt.

Sie besucht frühere Bekannte, ihre ehemalige Schule. Die alten Probleme, die Enge, die Enttäuschung stoßen ihr auf, bemächtigen sich ihrer Gedanken. Ihr Land hat sich nicht verändert, weckt immer noch den Wunschtraum in eine bessere, schönere, fröhlichere Welt zu flüchten, eine Welt die dem pulsierenden Tango Argentiniens gleicht – anstelle des deprimierenden finnischen Gegenstückes.

Was ist schon Finnland? »Zu Finnland fällt der Welt nur die Sauna ein. Und die zweihunderttausend Seen, das sommerlange Summen der Mücken und der schnelle Paavo Nurmi, der allen Mücken davonläuft«. Der verhasste, beneidete Nachbar Schweden dagegen hat die Akademie, die Nobelpreise vergibt, Frauen und Männer, deren Namen die Welt kennt. Selma Lagerlöf. Greta Garbo. Ingrid Bergmann.

Und doch liebt sie ihre Heimat … oder zumindest den finnischen Sommer, die Holzhäuser, das Wasser, Juhannus, die Mittsommernacht, in der alle Sorgen vergessen sind, wenn das ganze Land feiert, Flaschen des »Sichnichtmehrentsinnens« leert – und Tango tanzt.

Mit Selja und ihrem Mann Raimo macht sie sich auf den Weg zum runden, grauen Holzpavillon, der seit neunundzwanzig Jahren unverändert steht. Das Johannisfeuer brennt, letzte Vorbereitungen werden getroffen: Die Dekoration des Pavillons mit Birkenzweigen, der Lautsprechertest für den namhaften Tangosänger.

Raimo findet das Rumgehopse lächerlich, die Texte der Tangos zum Heulen. Er plündert lieber mit Selja das Alkohollager im Wald, während Erinnerungen die Protagonistin überwältigen, Vergangenheit und Gegenwart sich vermengen, ihre Toten zwischen den Lebenden tanzen.

Auf ihrer Rückreise am folgenden Tag trifft sie am Bahnhof einen alten Penner, aus dessen Radioempfänger ein Tango klingt. Schwankend steht er auf, verbeugt sich höflich und bittet um einen Tanz. »Gerne« sagt sie, und steht auch auf.

Der melancholische finnische Tango in Worte gefasst, in eine poetische, schwerblütige Geschichte gehüllt, die den Leser mit der gleichen wehmütigen Sehnsucht erfüllt, wie es Melodien und Texte des finnischen Tangos vermögen. Tiefsinnig, ironisch, mit feinem Humor spinnt Marjaleena Lembcke einen fesselnden Roman, der zeigt, wie nahe Lachen und Weinen beisammen liegen.

Leseprobe:
»Der Platz füllte sich. Das Lachen der Leute klang fröhlich, sommerlich. Die Musiker setzten sich auf ein Podium an der Tanzfläche. Der Akkordeonspieler ließ ein paar Takte eines Tangos ertönen. Das Gelächter verstummte. Alle sahen auf die Tanzfläche. Der Tangosänger kam. Ein Zigeuner in weißem Hemd und schwarzen Anzug. Er wurde mit begeistertem Applaus begrüßt.
Er sprang aufs Podium, nahm das Mikrofon, gab seinem Orchester ein Zeichne und sang den erste Tango: Du nahmst mir den Verstand und machtest mich zum Sklaven, als du mir diene Liebe gabst und schworst, dass sie für immer war.
Der Tanz begann. Die Mädchen und die Jungen, die Frauen und die Männer, die Greisinnen und die Greise stürmten auf die Tanzfläche. Der Zigeuner besang die Liebe, bedankte sich bei der Sonne die nicht unterging, für die lange nordische Nacht, die der Liebe soviel Zeit und Licht schenkte. Und die Frauen und Männer tanzten, entschlossen, jeden Augenblick dieser Nacht dem Verlangen nach der Liebe zu widmen«.
(nat)





Marjaleena Lembcke:
Finnische Tangos


Gebundene Ausgabe;
Nagel & Kimche AG,
1998,
186 Seiten,
19,90 Euro



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