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Lange Rezensionen 1 - 10 von 37 im Genre »Avantgarde« und Land »Grenzgänger« (insgesamt 44)

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The Alvaret Ensemble & Kira Kira, Eiríkur Orri Ólafsson, Ingi Garðar Erlendsson, Borgar Magnason: Skeylja
( 2013, Denovali Records /Cargo DEN184 )

Obgleich Pianist Greg Haines, Percussionist Sytze Pruiksma und die Brüder Jan und Romke Kleefstra ihr wandelbares Ensemble für dieses Multimediaprojekt um gleich etliche isländische Musiker erweitert haben, darf man nun nicht gerade ein Big-Band-Spektakel erwarten. Im Gegenteil: Von wenigen kurzen Ausbrüchen abgesehen hat man eine achtköpfige Improv-Band mit Tuba, Trompete, Gitarre, Elektronik, Stimmen, Bass und Percussion kaum einmal so verhalten und dunkel dahingleitend gehört. Kein abwegiger Vergleich wären die hochspannenden Ensembles des norwegischen Sofa-Music-Umfelds, beispielsweise Kim Myhrs Werk fürs Trondheim Jazz Orchester.

Doch »SKEYLJA«, auf einem gemeinsamen Islandtrip entwickelt und dann im Rahmen von neun individuell kuratierten Live-Konzerten beim niederländischen Oerol-Festival auf der Insel Terschelling eingespielt, erinnert vielmehr an Werke aus dem Segment »Dark Ambient« oder »Modern Composition« der Miasmah-Ecke (Kreng, Shivers, Gabriel Saloman). Der Fantasietitel »SKEYLJA« deutet ganz wunderbar in jene Richtung, und die Verwandtschaft zieht sich auch durch die offenen Kompositionsformen. Ingi Garðar Erlendsson spielt Tuba, Posaune und ein gewisses Thranofon (siehe Videolink), Borgar Magnason Kontrabass und Eiríkur Orri Ólafsson Trompete und Elektronik, dazu steuern Kira Kira und Jan Kleefstra latent befremdliche, doch ebenso eigenartig suggestive Stimm- und Textauftritte bei.

Wie häufig bzw. üblich bei Denovali ist der rezensorische Selbstanspruch des Schreiberlings mit Platten wie dieser kaum zu erfüllen. Objektive Maßstäbe werden nahezu ausgehebelt, da die Entstehung der Ensemblemusik zu einem anderen, offenen Gestus führt, auf den man sich als Hörer einlassen mag oder nicht, sich davon wegtragen lassen und schließlich eine gänzlich unerwartete Reise in Ab- und Umwege zeitgenössischer Improvisationskunst machen kann. Davon könnten sich viele eine Scheibe abschneiden. Vor allem Musiker, die sich nicht genug zutrauen und zu vorsichtig sind, künstlerische Wagnisse einzugehen. (ijb)



Siehe auch:
Kira Kira
Trondheim Jazz Orchestra & Kim Myhr

Hydra's Dream

Kippi Kaninus / Ingi Garðar Erlendsson


The Alvaret Ensemble: Skeylja

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

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Angel: Terra Null.
( 2014, Editions Mego eMEGO163 )

Als Fan des finnischen Elektronikprojekts Pan Sonic, das derzeit »auf Eis« liegt, kann man nicht automatisch davon ausgehen, dass einem die unabhängigen Werke der beiden Duopartner ebenso zusagen. Während Mika Vainio zuverlässig die Frage, wer größeren Anteil am fast ausnahmslos genialen Output von Pan Sonic hatte, zu seinen Gunsten zu beantworten scheint, in Form unzähliger exzellenter Soloalben und immer neuer, unerwarteter Kollaborationen, blieb das Werk von Ilpo Vãisãnen bislang eher unbemerkt. Dabei ist »TERRA NULL.« immerhin schon die siebte Platte seines Projekts mit Dirk »SchneiderTM« Dresselhaus — fast zeitgleich mit einem »neuen«, einem ukrainischen Livealbum von Pan Sonic erscheinend, dem natürlich mehr Aufmerksamkeit zuteil wird.

Schwer zu sagen, wie entspannt Vãisãnen diesen Umstãnden entgegenblickt. Zumindest jedoch stehen die beiden Mitwirkenden Hildur Guðnadóttir (Cello) und Lucio Capece (Klarinette und Saxofon) gleichberechtigt auf dem Cover, was Angel als Quartettwerk ausweist. Wãhrend »Naked Land« sich 26 Minuten Zeit lässt, um eine ebenso minimalistische wie ungewohnte Country-Drone-Idee mit Cello, Gitarre und Oszillatoren durchzuexerzieren, erreichen die flirrend enervierenden Mittelstücke »Monolake« und »Colonialists«, mit 16 bzw. 10 Minuten kürzer ausfallend, nie dieselbe Kraft. Analoger Synth-Sound, fast schon meditativ. Erst im abschließenden »Quake« entsteht der halluzinogenen (Mit-)Wirkung von Lucio Capeces verzerrter Blasmusik ein überbordender Wall of Sound, der das einzige Album des Vladislav Delay Quartet in freudige Erinnerung ruft. Ja, Angel sind anders, freier wohl. Doch Vãisãnens Angel ist auch der seltene Fall, dass man sagen kann, die Musik ist zwar wãrmer, aber zugleich unnahbarer als sein Werk mit Pan Sonic. Allerdings nicht weniger radikal. (ijb)



Siehe auch:
Pan Sonic
Mika Vainio

Vladislav Delay Quartet

Hildur Guðnadóttir


 Angel: Terra Null.

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B/B/S/: Brick Mask
( 2013, Miasma /Morr Music / Anost MIACD022/MIALP022 )

Aus der Idee, etwas Neues zu probieren, heraus fanden sich drei musikalisch sehr unterschiedliche, künstlerisch indes auf einer Wellenlänge liegende junge Männer 2012 in Berlin zusammen und starteten ein Trio, für das ihnen zuerst ein Name fehlte, bis sie schlicht die drei Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen aneinanderreihten: Der Kanadier Aidan Baker, der Italiener Andrea Belfi und der Norweger Erik K. Skodvin, auch bekannt unter dem Pseudonym Svarte Greiner und als eine Hälfte des Duos Deaf Center. Ganz so jung sind die drei, in den 1970ern geboren, jedoch auch nicht mehr, und jeder für sich hat sich in der internationalen Experimentalmusikszene längst einen Namen gemacht, Belfi mit diversen Schlaginstrumenten und Elektronik, die anderen beiden als Gitarristen und Multiinstrumentalisten mit diversen klangskulpturalen Projekten, Baker u.a. mit seinem Drone-Doom-Duo Nadja. Hier trafen sich also drei echte Künstler.

Ihr Debüt »BRICK MASK«, das via Skodvins Label Miasmah auf LP und CD erhältlich ist, entstand, vermutlich recht spontan, an einem Tag im April 2012 und bildet eine faszinierende Schnittstelle zwischen improvisiertem, rhythmischem »Doom« (wobei man fairerweise sagen muss, dass Freunde apokalyptischen Lärms der Marke Sunn 0))) mit der CD von B/B/S/ wohl eher wenig auf ihre Kosten kommen dürften), »Dark Ambient« und subtil elektronischem Postrock. Vorwiegend klingen die vier Stücke, über die das rund 40 Minuten lange Album erzählt, freilich sehr stimmungsvoll analog; elektronische Elemente wurden nur marginal für Klangvolumen und -reichtum eigefügt. »BRICK MASK« lässt sich als beispielhaftes Album für die so charakteristisch sehr internationale Kreativszene im Berlin der 2010er Jahre einordnen, in Stil, Genre und Heimat der Beteiligten nahezu befreit von allen Beschränkungen. Dieses Berlin-spezifische kommt nebenbei bemerkt auch im Kleingedruckten zum Ausdruck: aufgenommen in Weißensee, gemischt in Neukölln [amüsanterweise als »Neükolln« angegeben], gemastert (von Nils Frahm) in Wedding und designt in Prenzlauer Berg, wo auch der Vertrieb Morr Music seine Büroräume hat. Musik zum LAUT hören! (ijb)



Mehr CDs von B/B/S/



Siehe auch:
Erik K. Skodvin
Svarte Greiner


 B/B/S/: Brick Mask

Audio-Link Offizielle Website

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Jim Black & Alas No Axis: Alas No Axis (2000) / Splay (2002) / Habyor (2004) / Dogs Of Great Indifference (2006) / Houseplant (2009)
( 2009, Winter & Winter W&W 910061/76/73-2 )

Es gibt wenig, was sich musikalisch an dieser Band messen kann. Falsch: es gibt nichts. Nichts. Seit über zehn Jahren hält dieses Quartett in derselben Besetzung eine unerreichte Qualität. Was das mit Nordischer Musik zu tun hat? Zwei der Musiker kommen aus Island, die anderen beiden sind US-Amerikaner. Nun könnte man sagen, die Amis wären die wichtigeren, aber das ist falsch. Denn ohne die beiden Isländer wäre Alas No Axis nicht Alas No Axis.

Aber der Reihe nach. Jim Black: Schreibt alle Stücke, ist die treibende Kraft. Alas No Axis ist seine Band. Spielt Schlagzeug wie kaum ein anderer Drummer rund um den großen Wok Jazz-Szene. Explosiv und kantig trommelt er, ein Polyrhythmiker par excellence! Schräg bis zum Abdriften gestaltet er die Rhythmen und ist doch immer nachvollziehbar, kommt immer wieder auf den Punkt. Extrem heftig hier, extrem sachte dort.

Chris Speed: Hat am Tenorsaxofon eine ähnliche Stellung wie Jim Black. Lässt sein Horn röhren wie ein Hirsch, beherrscht Überblastechniken, lässt die Sau raus und kann doch auch wunderbar sensibel agieren, besonders mit Klarinette.

Hilmar Jensson: Zunächst als Gitarrist unscheinbar hinter den beiden Protagonisten. Weniger an virtuoser Kraftmeierei interessiert denn an mannschaftsdienlichem Understatement. Setzt mit einzelnen Noten Akzente, bricht Akkorde in Stücke, baut andere zusammen, schichtet sie zu Bergen, lässt diese dann explodieren, in sich zusammenfallen. Bis nur noch kleine einzelne Noten übrig bleiben.

Skúli Sverrisson: Spielt im Sitzen. Spielt meist akustische Bass-Gitarre. Wirkt sehr gemütlich. Ist viel mehr als der ruhende Pol. Interpretiert den Bass sehr melodisch. Spielt nicht viele Soli, aber wenn, dann aufgehorcht!

Musikalisch… ist das schwer zu beschreiben. Es ist alles. Jazz, weil viel improvisiert wird. Rock, weil die Rhythmen oft gerade und manchmal ziemlich hart sind. Avantgarde, weil es so ungewohnt und unüblich klingt. Free, weil sich vier Stimmen ab und zu unabhängig voneinander bewegen. Pop, weil es manchmal so unverschämt leicht ist.

Hier und da… mäandern zärtlichste Klarinetten- oder Gitarren-Melodien durch imaginäre Auen, schneiden sich scharfe Saxofonlinien ihren Weg durch steinige Schlagzeug-Massive, bohrt sich der Bass tief durch einen Grand Canon aus Gitarrenwänden, türmen sich alle vier zu einem Klang-Tsunami von bisher unbekanntem Ausmaß.

Jedes Mal, wenn ich eine AlasNoAxis-CD höre, kommen mir an einer Stelle die Tränen und bin hinterher glücklicher als zuvor. (tjk)



Siehe auch:
Referenzen? The Notwist. Motorpsycho. Mingus. Neil Young.
Skúli Sverisson


Jim Black: Alas No Axis (2000) / Splay (2002) / Habyor (2004) / Dogs Of Great Indifference (2006) / Houseplant (2009)

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Bly de Blyant: ABC
( 2013, Hubro HUBROCD2523 )

Drummer Øyvind Skarbø, Norwegen. Gitarrist Hilmar Jensson, Island. Tastenmann Shahzad Ismaily, Brooklyn. Klingt nach einer spannenden Kombi, theoretisch. Praktisch ist, getragen von diesen Vorschusslorbeeren, das halbe Album rum, und die Verwirrung legt sich nicht, im Gegenteil. Klar, bei komplett improvisierter Musik ist das so eine Sache mit den Strukturen und Entwicklungen in der Musik, manchmal ist das Zusammenbrechen von Songs grad das Spannende. Doch was das Trio, durchaus klangsinnlich aus Drums, Effektgitarre und nostalgischem Synthie-Gerät zusammengestrickt, hier aufreiht, klingt über weite Strecken eher nach dem musikalischen Pendant eines Skizzenbuchs. Kleine Ideen, fixe und lahmere, viele mit Potential, aber eben nur mit Bleistift (daher vielleicht der Bandname??) hingehuscht.

Zum Glück wird die Zeichnung zum Alben-Ende hin dichter und konkreter. Es entwickelt sich was - durchaus spannungsvoll. Um im Bild zu bleiben: An den Skizzen huscht man im Museum ja meist eher vorbei (so viele, ganz nett, aber wo ist die Kunst?). Bei den Zeichnungen bleibt man stehen. Aha, Gesamteindruck - und so und so gemacht. Doch dann ist der Rundgang auch schon zu Ende. Empfehlung an das Trio: Wagt euch doch mal an zwei, drei Ölgemälde. Die kauf ich euch dann ab. (sep)



Mehr CDs von Bly de Blyant



Siehe auch:
Øyvind Skarbø / 1982
Hilmar Jensson / Jóel Pálsson

Skúli Sverrisson

Jim Black's Alas No Axis


 Bly de Blyant: ABC

Offizielle Website

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Anthony Burr & Skúli Sverrisson with Yungchen Lhamo: They hold it for certain that they are in the Light
( LP, 2014, Mengi 03LP )

Rein faktisch handelt es sich bei »They hold it for certain that they are in the Light« um ein isländisches Release, doch die Gruppe zwischen dem US-amerikanischen Klarinettisten Anthony Burr, dem Isländer Skúli Sverrisson, der hier eine Dobro-Resonatorgitarre spielt und der tibetanischen Sängerin Yungchen Lhamo lässt sich geografisch ebenso wenig wir stilistisch klassifizieren. Vor allem durch Burrs Orgelspiel und den (vermutlich) textfreien Gesang fernöstlicher Note entsteht eine Art organischer, schwebender Ambient-Musik, die sich gut zur Meditation eignet.

Dazu passt, dass das LP-Design, inklusive der Vinylscheibe selbst, ausschließlich in weiß, mit Schrift und Zeichnungen ebenfalls in weißer Farbe gehalten wurde — und die einzelnen, unbetitelten Stücke recht repetitiv sind und wie ineinander fließen und sich auch nicht so wirklich von einander unterscheiden. Weltmusik im atmosphärisch-minimalistischen Stil. (ijb)



Siehe auch:
Skúli Sverrisson & Óskar Guðjónsson
Skúli Sverrisson


Anthony Burr: They hold it for certain that they are in the Light

Offizielle Website

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Circadia: Advances and Delays
( 2016, Sofa SOFA551 )

Bei Circadia handelt es sich gewissermaßen um eine Kreuzung aus Muringa und The New Songs. Die beiden Gitarristen im Zentrum dieses Quartetts, Kim Myhr aus Norwegen und David Stackenäs aus Schweden, spielten bereits gemeinsam in der Band The New Songs, doch musikalisch ist dieses Projekt weitaus näher an Myhrs sonstigen Projekten bei Sofa Music, etwa Mural und eben Muringa, aber auch seinem zweiten Opus mit dem Trondheim Jazz Orchestra, nämlich epische Improvisationen, die zumeist mehr ins Atmosphärische gleiten als mit dem üblichen Verständnis von freiem Jazz gemein haben. Ergänzt werden die beiden Skandinavier von Bassist Joe Williamson und Schlagzeuger/ Perkussionist Tony Buck (The Necks), die man ebenfalls für eher freigeistig-atmosphärische Klangepen kennt.

Bei »ADVANCES AND DELAYS« handelt es sich um eine Konzertaufnahme aus Stockholm (Juni 2014), und wenn man so will, ist dies das Ensemble-Gegenstück zu bzw. eine Band-Fortführung von Kim Myhrs erstem Soloalbum, auf dem er mit 6-saitiger und 12-saitiger Gitarre große Epen mit kleinen Mitteln ausbreitete. Circadia beschreiben sich selbst als Psych-Improv-Folkband, und tatsächlich evoziert diese Selbstbeschreibung sehr gut, wie sich die beiden ausufernden Tracks erfahren lassen. Hier steckt etwas mehr Zug und Pfiff drin als bei Murals sehr langen Stücken, und auch wenn anzunehmen ist, dass die Klangwelt mit Hilfe elektronischer Effekte ins Fremde verschoben wurde, fasziniert doch, wie schillernd, textural und extravagant eine scheinbar so simple Besetzung aus zwei Gitarren, Bass und Schlaginstrumenten daher kommen kann. Die vier sind fraglos Meister ihrer Klasse (als »Open Class« wird dieses Genre in Norwegen treffend umrissen), und wer The Necks oder Sofa schätzt, dürfte mit Circadia mehr als begeisterte Hörgenüsse erleben. (ijb)



Siehe auch:
Kim Myhr
Muringa

LabField & David Stackenäs

The New Songs


 Circadia: Advances and Delays

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Arne Deforce & Mika Vainio: Hephaestus
( 2014, Editions Mego eMEGO187 )

In den letzten Jahren ist es für den geneigten Vainio-Hörer etwas unübersichtlich geworden. Nicht anzunehmen, dass irgendwer den unzähligen Releases des Exil-Finnen noch zu folgen vermag — vermutlich nicht einmal er selbst. Auf die Kollaborationen mit Vladislav Delay (»Quartet«), Stephen »Sunn O)))« O'Malley (»Äänipää«), Joachim Nordwall (»Monstrance«), Kouhei Matsunaga und Sean Booth (Autechre), einem ukrainischen Hiatus-Livealbum von Pan Sonic sowie mehreren Soloalben folgt hiermit ein Duo mit dem belgischen Cellisten Arne Deforce. Die CD trägt den Namen des Gottes des Feuers aus der griechischen Mythologie, Hephaistos, und wenn man die der Unterwelt entlehnten Tracktitel als Orientierung nimmt, wird man von der kreischenden Feuersbrunst in »Phlegethon (Stream of Fire)« oder dem düsenjetmotorigen Lärm in »Styx (River of Rage)« nicht überrascht sein.

Seit Hildur Guðnadóttirs Zusammenarbeit mit Pan Sonic auf deren »Katodivaihe« (2007) hatten nicht wenige auf eine Fortsetzung dieser Kreuzung aus Cello und Elektro-Noise gehofft. Obgleich der belgische Ausnahmestreicher eher auf Kammermusik von Ferneyhough, Cage oder Niblock fokussiert ist, erweist sich die Kombination mit Vainios elektronischer Bearbeitung als streckenweise kongeniale und sehr befruchtende Begegnung. Der Weg von Scelsi oder Xenakis zu diesem teils vulkanisch eruptiven Trip durch die Flüsse der griechischen Unterwelt ist so weit letztlich nicht. Auch wenn es nicht durchgehend harsch zur Sache geht, in »Lethe (River of Forgetfulness) or Oblivion« gar spröde Cellokaskaden dominieren, dröhnt es zumindest an allen Ecken und Enden. Also zur inneren Ruhe wird hier niemand finden. (ijb)



Siehe auch:
Mika Vainio
Ø

Pan Sonic

Hildur Guðnadóttir


Arne Deforce: Hephaestus

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Jim Denley: Cut Air
( 2017, Sofa 557 )

Bei Jim Denley, der dieses Album alleine mit der präparierten Bassflöte bestreitet, handelt es sich zwar nicht um einen »nordischen« Musiker; zudem nahm er die beiden knapp zwanzigminütigen Tracks in seinem Heimatland Australien auf. Doch da der Kosmopolit seit Jahren eine Heimat in Europa gefunden hat und mit den jungen Kollegen vom norwegischen Experimental-Label Sofa Music eine fruchtbare Verbindung eingegangen ist, die in bislang sechs CDs mit dem meisterlichen Free-Improv-Trio Mural sowie mehreren mit Labelchef Kim Myhr (darunter zwei mit dem Trondheim Jazz Orchestra) resultierte, schenkt ihm Sofa zu seinem Sechzigsten die Veröffentlichung der Solo-LP bzw. -CD »CUT AIR«.

Nachdem er frühere Soloalben auf seinem eigenen Label Splitrec mit anderen Blasinstrumenten bestritt, ist es nun sein erstes, das ihn allein mit der Flöte zeigt. Es überrascht nicht, dass es in seiner Einfachheit von einer Radikalität geprägt ist, wie man sie auch bei vielen anderen Sofa-Veröffentlichungen antrifft, auch die »Music for One«-Serie bei +3dB kommt in den Sinn. Anders als jene unablässig vorwärtsdenkenden Projekte ließ sich Denley von diversen Flötentraditionen in Fernost, Ozeanien und Amazonien inspirieren, als er die beiden knapp zwanzig- minütigen Stücke erarbeitete. Auch wenn das Ergebnis damit in gewisser Weise der (mikrotonalen) Reduktion von Microtub näher steht als den schillernden Solo-Exkursen etwa Colin Stetsons, von Hild Sofie Tafjord und Kjetil Møster bei +3dB, bespielt Denley mit einer halb psychedelischen, halb schamanistischen Minimal Music ein eigensinniges Feld zwischen Sound Art und Neuer Musik. Auch wenn es eher eine schwebend poetische Erfahrung ist, sich in diesen Stücken zu versenken, als eine mitreißende. Doch das fantastische Cover-Foto von Kezia Littmore passt perfekt zu dieser Stimmung und Poesie. (ijb)



Siehe auch:
Mural
Trondheim Jazz Orchestra with Kim Myhr

Colin Stetson

Microtub


Jim Denley: Cut Air

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From The Mouth Of The Sun: Woven Tide
( 2012, Experimedia EXPCD021 )

Man muss gleich verschiedene relativ nichtssagende Schubladen bemühen, um diese Platte irgendwie beschreiben zu können: Ambient, Drone, Lo-Fi Noise, Field Recordings, Modern Composition... Für die meisten Hörer ist jeder dieser Stile kaum mehr als Geklimper, Geplänkel oder Gebrumme. Und häufig ist es dann auch für den Schreiberling heikel, die Grenze zwischen dem Banalen und dem Berauschenden auszumachen, zumal die beiden Elemente nicht selten ineinander fließen. So auch hier, beim ersten Duo-Album des Cellisten Aaron Martin aus Kansas und dem in Göteborg ansässigen Dag Rosenqvist, bislang vor allem als Japser TX bekannt.

Wie die zarten Klaviertupfer in »Sitting in a Roofless Room« langsam von Streicherwogen überschwemmt werden (um einen Bezug zum Albumtitel herzustellen), das könnte fast eine Kollaboration zwischen Brian Eno und Godspeed You! Black Emperor sein. Bevor es zu gefühlsduselig werden kann, endet der Song allerdings auch schon wieder. Darauf folgt das schleichende Bläserstück »Like Shadows in an Empty Cathedral«, das kaum anders auf Jóhann Jóhannsson’s »Miners’ Hymns« hätte auftauchen können, würden hier nicht langsam die Melancholie und Geisterhaftigkeit von Streichern und Gesangsbruchstücken die Oberhand gewinnen. So oder ähnlich gestalten sich die meisten der acht Stücke vorwiegend als Widerstreit und Crescendo verschiedener musikalischer Elemente. Richtig laut wird es nie. Die Qualitäten stecken zwischen den Ruinen dessen, was wir einst Komposition nannten. Enigmatisch, aber streckenweise ein bisschen zu nett. (ijb)



Siehe auch:
Jasper TX
Jóhann Jóhannsson

Bjarni Gunnarsson


 From The Mouth Of The Sun: Woven Tide

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Lange Rezensionen 1 - 10 von 37 im Genre »Avantgarde« und Land »Grenzgänger« (insgesamt 44)

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