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Lange Rezensionen 1 - 10 von 35 im Genre »Klassik« und Land »Grenzgänger« (insgesamt 35)

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Signe Bakke:
Crystalline – music by Karen Tanaka
( SACD, 2011, 2L 2L-074-SACD )

Karen Tanaka wurde 1961 in Tokyo geboren und lebt nach einigen Jahren in Mitteleuropa nun in Los Angeles. Aufgrund langer persönlicher Bekanntschaft mit der Komponistin und ihrem Werk spielte die Norwegerin Signe Bakke (geb. 1958) eine Auswahl ihrer Klavierwerke für Morten Lindbergs Label 2L ein. Man merkt sofort, dass dem Produzenten mit seinem Fokus auf präzise, höchst detaillierte Klanglichkeiten bei diesen Stücken das Herz aufging, denn statt avantgardistischen Launen oder postromantischen Traditionen erzählt sich Karen Tanakas Ausdrucksform vor allem über die Natur des Klangs. Da darf man also keine Quantensprünge der Musikgeschichte erwarten, sondern Genauigkeit und subtile Vielschichtigkeit des Ausdrucks, und so finden sich in diesem gut 50-minütigen Programm recht unterschiedliche kompositorische Stile, die darauf hindeuten, dass die Stücke über einen Zeitraum von zwanzig Jahren (1988 bis 2008) entstanden sind.

Eindeutig pflegt Tanaka eine intensive Beziehung zur Natur, wie zahlreiche ihrer Titel verraten. Und diese Titel sind von einer seltenen Unverstelltheit: Von den »Techno-Etüden« abgesehen, welche den einzigen ungestümen Akzent im Programm setzen, lässt sich bei allen Stücken recht einfach eine Nähe zu Natur und Licht ausmachen. Gerahmt wird die CD von den klar stärksten Stücken »Crystalline« (1988) und »Crystalline II« (1996), sprunghaften Klangskulpturen, die am abstraktesten daherkommen und vermutlich im Geiste Messiaens stehen. Wer zartere, wärmere Klaviermusik bevorzugt, möge sich davon nicht abschrecken lassen, denn das meiste im Mittelteil hat eine weit größere Nähe zum filigranen Impressionismus eines Ravel oder Debussy, neigt bei aller Simplizität gelegentlich leider auch zur Harmlosigkeit. Das dreiteilige »Water Dance« wiederum wird Liebhabern von Glass oder Corigliano gefallen.

So gibt es hier für den Einsteiger und Gelegenheitshörer von jedem etwas, weshalb dem heterogenen Gesamtprogramm bedauerlicherweise letztlich die optimale Kraft und Prägnanz verwehrt bleibt. (ijb)

Signe Bakke: Crystalline – music by Karen Tanaka

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Anna Maria Friman & John Potter:
Amores Pasados
( 2015, ECM /Universal ECM New Series 2441 )

Vor hundert Jahren sei ein Lied einfach nur ein Lied gewesen, jede Musik konnte populäre Musik sein, die man auf der Straße pfiff, beginnt der Tenor John Potter seinen erfrischenden kleinen Essay im Beiheft dieser CD. Nach und nach veränderte sich die Präsentationsform, und erst durch die Überhöhung zum Kunstlied, das man sich nicht mehr selbst zu singen traue, sei die Trennung in Pop- und »ernste« Musik entstanden. Sich das in Erinnerung zu rufen, kann sowohl beim Interpreten als auch beim Publikum produktive Energien frei setzen. Im Œuvre von Manfred Eicher bzw. ECM wie auch in John Potters Schaffen im Speziellen gab es in dieser Hinsicht schon eine Reihe innovativer Alben (besonders empfohlen seien etwa »Il Pergolese« und »If Grief Could Wait«), doch »Amores Pasados« geht noch einen Schritt weiter.

»Neue Lautenlieder neben Originalen aus dem 17. Jahrhundert und Transkriptionen von Liedern englischer Komponisten des 20. Jahrhunderts,« steht erläuternd unter dem Titel. Gemeint ist: Für die CD »Amores Pasados« (»Vergangene Liebschaften«) interpretierten Potter, Anna Maria Friman und die beiden Lautenspieler Ariel Abramovich und Jacob Heringman mit Eicher im Osloer Rainbow Studio nicht nur Lieder von Thomas Campion und Picforth, sowie von Warlock und Housman aus dem frühen 20. Jahrhundert, sondern auch Auftrags-Lautenlieder dreier um 1950 geborener Herren, die man vor allem als prägende Stimmen der progressiven Rockmusik der späten Sechziger- bis frühen Achtzigerjahre kennt: John Paul Jones (Led Zeppelin), Tony Banks (Genesis) und Sting.

Der letztgenannte hat vor wenigen Jahren immerhin ein Lautenalbum im Renaissancestil eingespielt, was vermutlich mit eine Inspiration für dieses stilvolle Projekt war. Stings kunstfertigem »Bury Me Deep in the Greenwood«, 2010 für den Kinofilm »Robin Hood« geschrieben, aber dann doch unveröffentlicht geblieben, hört man denn auch merklich an, dass der Songwriter sich schon länger mit dem auch hier prägenden Werk John Dowlands (1563-1626) auseinandergesetzt hat. Potter und Friman entschieden sich gegen eine allzu kunstliedhafte Darbietung, wodurch die Aufnahme einen beeindruckend epochenübergreifenden Gestus ausstrahlt. Exzellente Interpreten sind beide ohnehin, wie man seit ihren früheren Veröffentlichungen mit den Ensembles Trio Mediæval und Hilliard Ensemble weiß. Gerade dieses offenkundige Gefühl der Freiheit (von Zwängen, Erwartungen, Genres) macht »Amores Pasados« zu einem hinreißenden »kleinen großen Album«. (ijb)



Siehe auch:
Trio Mediæval
Hilliard Ensemble

Elisabeth Holmertz

Susanna Wallumrød & Giovanna Pessi


Anna Maria Friman: Amores Pasados

Offizielle Website

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Hirundo Maris:
Chants du Sud et du Nord
( 2012, ECM /Universal ECM New Series 2227 )

Schön, dass wir Arianna Savall nach ihrer Mitwirkung in Rolf Lislevands Ensemble und ein paar eigenen CDs, die über Alte-Musik-Kreise hinaus kaum Beachtung fanden, nun mit einem so meisterlichen Album über ECM näher kennenlernen dürfen – mit dem sie hoffentlich weitreichend wahrgenommen wird. Wie bereits einige Male präsentiert Manfred Eicher eine traumhaft bewegende, niemals lahm oder angestrengt daherkommende Kombination Alter Musik mit traditionellen Volksliedern. Savall, natürlich die Tochter von Jordi Savall und Montserrat Figueras, spielt verschiedene Harfen, während ihr Partner Petter Udland Johansen auf der Hardangerfiedel und der Mandoline musiziert, beide singen zudem, wie die übrigen drei Mitglieder ihres Quintetts Hirundo Maris (lateinisch für Seeschwalbe), die gelegentlich Gitarre, Perkussion und Kontrabass beisteuern.

Der Albumtitel und die Besetzung und Herkunft der Musiker – Katalanien und Norwegen – deuten es an: Die siebzehn Lieder wagen den Schulterschluss der Traditionen des Mittelmeers und Skandinaviens. Dazu gesellen sich ein paar sephardische und schottische Weisen. Diese besondere künstlerische Verbindung wird beseelt von der Intimität des Paars Savall und Johansen, so dass »Chants du Sud et du Nord« letztlich vor allem auch ein Album von Liebesliedern, Grenzen überschreitend, Meere überfliegend geworden ist.

Es fällt schwer, diesem superben Debüt von Hirundo Maris in einer unserer Kategorien nicht die höchste Wertung zu geben. Das Ensemble spielt einfach zu gut, die Texte und Arrangements sind zu eindringlich, der Klang der Aufnahmen aus der Propstei St. Gerold unter Manfred Eicher könnte präsenter, filigraner nicht sein — und die Liedauswahl eröffnet mit jedem Hören weite(re) ungeahnte Assoziationen, Emotionen und musikalische Entdeckungen. Großartig. (ijb)



Siehe auch:
Rolf Lislevand
Benedicte Maurseth & Åsne Valland Nordli

Susanna Wallumrød & Giovanna Pessi


 Hirundo Maris: Chants du Sud et du Nord

Video-Link Offizielle Website

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Hirundo Maris:
Il viaggio d'Amore
( 2015, Carpe Diem Records CD 16307 )

Vor drei Jahren bewunderten und lobten wir das Debütalbum des Ensembles Hirundo Maris in den höchsten Tönen. Mit Hilfe von Manfred Eichers ECM-Produktion wurden Arianna Savall und Petter Udland Johansen einem neuen, breiteren Publikum bekannt. Nun wiederum verhelfen Savall und Johansen Jonas Niederstadts famosen Kleinlabel Carpe Diem zu einem neuen Interessentenkreis. Der in Berlin lebende Niederstadt produzierte seit 2007 bislang fast 40 Alben mit Fokus auf Europa vor 1800 und traditionelle Musik, sowie spannende Verschränkungen dessen. Bislang finden sich auf Carpe Diem Records zwar nur wenige Aufnahmen mit »nordischer Musik«, eine von ihnen war beispielsweise Slagr-Mitglied Anne Hytta mit ihrem Hardangerfiedel-Solodebüt.

Zurück zu Hirundo Maris, bei denen die Hardangerfiedel auch eine wesentliche Rolle spielt: Nach »Vox Cosmica« mit Musik von Hildegard von Bingen und Petter U. Johansen, inklusive einer temporären Umbesetzung, setzt das Ensemble in fast der gleichen Besetzung (der polnische Gitarrist Michał Nagy kam zwischenzeitlich hinzu) die eindringliche Linie von »Chants du Sud et du Nord« fort: Liebeslieder quer durch (noch mehr) Länder und Jahrhunderte, und so haben sie das Album direkt unmissverständlich »IL VIAGGIO D'AMORE« (»Der Weg der Liebe«) betitelt. Darunter finden sich alte und überlieferte Lieder aus Spanien, Frankreich, Katalonien, Italien (Monteverdi), Galizien, der Schweiz und England, sowie aus Österreich Franz Schuberts »Heidenröslein« nach Goethe. Aus den nordischen Ländern gibt es diesmal nur das norwegische Volkslied »Astri, mi Astri« sowie abschließend eine Interpretation von »Gracias a la vida« der chilenischen Folkloremusikerin Violeta del Carmen Parra Sandoval, die sich 1967 im Alter von 50 Jahren das Leben nahm; das Lied hat ein paar Verse des schwedischen Liedermachers Jan Hammarlund (*1951).

Das gegenüber dem Debüt – etwas erstaunlich – ein wenig verhaltenere Album ist klug strukturiert, wie eine Reise aus Südeuropa über die Alpen und England nach Norwegen, auf den eindringlichen chilenischen Höhe- und Schlusspunkt hin. Interessanterweise hatten die Interpreten jedoch offenbar nicht das Ziel, regionale Unterschiede in der Musik herauszuarbeiten, eher im Gegenteil: Mit einer nahezu verzaubernd utopischen Note werden durch die Hände und Stimmen von Hirundo Maris alle Teil eines größeren, etliche Jahrhunderte überspannenden Volkes mit gemeinsamer Identität. (ijb)



Siehe auch:
Anne Hytta

 Hirundo Maris: Il viaggio d

Audio-Link Offizielle Website

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Hirundo Maris:
The Wind Rose
( 2017, Carpe Diem Records CD-16314 )

Auf ihrem bereits vierten Album tragen Hirundo Maris, wieder in der gleichen Sextettbesetzung wie zwei Jahre zuvor auf dem Liebeslieder-Album, erneut Lieder aus zahlreichen Himmelsrichtungen zu einem intensiven 75-minütigen Programm zusammen. Wie gehabt spielt sich diese hochpoetische, überaus lyrische Musik in einem selten so stimmig zusammengeführten Grenzbereich von Folk und Alter Musik ab. Eigenkompositionen wie Johansens »Sea Fever«, mit dem die Reise in seiner südnorwegischen Heimat beginnt, gehen Hand in Hand mit nordamerikanischen, irischen, schottischen oder englischen Volksliedern, Barockstücken aus dem Frankreich des frühen 17. Jahrhunderts und Arianna Savalls Vertonung des lateinischen Hymnus »Ave maris stella« aus dem 9. Jahrhundert.

Mediterranes kommt diesmal nur am Rande vor, in einem Wiegenlied des nordkatalonischen Dichters Tomàs Gracés (1901-1993), mit dem Hirundo Maris die ihnen eigene Brücke von südlichen zu nördlichen Meeren schlagen. Mit dem Titel »Die Windrose« weisen sie diesmal nämlich explizit auf die vier Himmelsrichtungen hin, in dem Sinne, dass die Musiker eine Reise durch die Ozeane antreten, die Liedauswahl sich an Geschichten um Küsten und Inseln entlang hangelt. Und es ist geradezu ein Wunder, dass diese ambitionierte Mischung über Jahrhunderte, Kulturkreise und Stile nicht wie ein heillos beliebiger Flickenteppich wirkt, sondern von großer Souveränität und Dichte getragen voll ins Herz trifft. Wieder einmal. (ijb)



Siehe auch:
Trio Mediæval

 Hirundo Maris: The Wind Rose

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

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Paavo Järvi & Eesti Riiklik Sümfooniaorkester (ERSO):
Schostakowitsch: Kantaten
( 2015, Erato /Warner 0825646166664 )

Zwar ist derzeit Neeme Järvi, der bald seinen 80. Geburtstag feiern wird, (wieder) künstlerischer Leiter des Staatlichen Sinfonieorchesters Estlands (ERSO), doch hier darf der älteste Sohn, auf internationaler Ebene mittlerweile der Bekannteste und Aktivste der Dirigentenfamilie, ans Pult; Paavo Järvi und Estlands führendes Orchester treten mit dem Nationalchor und dem Narva-Knabenchor auf. Dass auf dem Programm im ehemaligen Sowjetstaat scheinbar stalinistische Propaganda steht, kommentiert Järvi einleitend: Zwar seien die Kantaten »Über unserem Vaterland scheint die Sonne« (1952) und »Das Lied von den Wäldern« (1949) offenkundig zur Besänftigung Stalins und der sowjetischen Obrigkeiten geschrieben worden, während der Komponist unter scharfen Repressalien zu leiden hatte. Dennoch verweist er darauf, wie ihn der Witz und die versteckten Anspielungen erstaunen und amüsieren. In der Tat offenbaren die absurden Proportionen der großen musikalischen Gesten die Banalität der Texte in diesen beiden Werken: vielmehr eine Persiflage also.

»Die Hinrichtung des Stepan Rasin« entstand später, 1964, als Stalin nicht mehr unter den Lebenden weilte, und zählt in seiner kritischen Haltung zum Sowjetregime zu den eher bekannteren Chorwerken Schostakowitschs, auch wenn es stets im Schatten seines »großen Bruders«, der Sinfonie »Babi Jar« steht, welche ebenfalls zu Texten von Jewgeni Jewtuschenko entstand. Irgendwie blieb das 30-minütige, einsätzige Werk zwischen den Zeiten hängen und kommt viel seltener zur Aufführung als anderes aus dem Œuvre des Komponisten.

Überraschend zwar, dass Järvi das Programm mit dem spätesten, mächtigsten und virtuosestem Werk eröffnet und mit dem ältesten endet; doch die ganze 80 Minuten lange CD zeigt ihn als Meisterdirigenten der (erweiterten) nordischen Länder in ganzer Brillanz, und aufgrund seiner Familiengeschichte und künstlerischen Erfahrung muss er zu den derzeit besten kulturellen Vermittlern des diffizilen Verhältnisses zwischen Russland und Estland gezählt werden. Kantaten genießen wohl einen besonderen Stellenwert in Estland, doch bei Schostakowitsch tragen wohl zum einen die Grausigkeit des sehr russischen Gedichts über die Hinrichtung eines Rebells im Zarenreich des 17. Jahrhunderts und zum anderen die opportunistische Grundhaltung zum »Großen Gärtner« Stalin dazu bei, dass man den bombastischen bis grotesken Werken wenig Beachtung schenkt. Exilant Järvi schaffte Abhilfe – und musste nach dem Konzert einen Bodyguard engagieren. (ijb)



Siehe auch:
Paavo Järvi dirigiert Grieg
Erkki-Sven Tüür

Paavo Järvi & Arvo Pärt


Paavo Järvi: Schostakowitsch: Kantaten

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Tõnu Kõrvits:
Tõnu Kõrvits: Mirror
( 2016, ECM /Universal ECM New Series 2327 )

Es wäre ein wenig ungerecht, den 1969 geborenen Komponisten Tõnu Kõrvits als »neue Stimme« in der Musikwelt zu bezeichnen. Immerhin machte er bereits 1994 seinen Abschluss an der estnischen Akademie für Musik und Theater, wo er, nach weiteren Studien bei Arvo Pärts Zeitgenosse Jaan Rääts, seit bereits 15 Jahren nun selbst Komposition und Orchestrierung unterrichtet. Sein Œuvre umfasst nahezu alle Arten von Kompositionen von Orchester, Ensembles und Solisten sowie Chor-, Opern- und Filmmusikwerke. Und doch ist »MIRROR«, nach einer CD mit geistlichen Liedbearbeitungen des Balten Cyrillus Kreek, erst die zweite Veröffentlichung, die Kõrvits' Schaffen einem internationalen Publikum vorstellt. Einerseits lässt sich Kõrvits' Werk in eine Linie der etablierten Komponisten Arvo Pärt und Veljo Tormis einordnen, unterscheidet sich so auch grundlegend von den weitaus radikaleren jüngeren Stimmen estnischer Zeitgenossen Tüür und Tulve, die ebenfalls durch ihre exzellenten ECM-Alben international bekannt wurden.

Für Kõrvits sind die oftmals einfachen, über Jahrhunderte weitergegebenen Melodien von Volksliedern ein wichtiger Einfluss. Man erlebt seine Bezüge zu Tradition und Überlieferung auf dieser CD außerdem in Form von direkten Bearbeitungen mehrerer Stücke des estnischen Altmeisters Veljo Tormis (geb. 1930), wobei Kõrvits unter anderem die zehnsaitige Kantele zum Einsatz bringt (und sie auf dieser Aufnahme selbst spielt). Auch die Natur seines Heimatlandes dürfte wesentlichen Anteil an der poetischen Klangwelt und dem versierten Farbenreichtum der feinen Orchesterfarben in Kõrvits' Werken haben. Die Kompositionen auf »MIRROR« brauchen den Vergleich mit Arvo Pärt nicht zu scheuen, eben weil Kõrvits auf der anderen Seite mit seinem Blick für Klarheit und Einfachheit, für Tradition und Romantik zu einer ganz anderen musikalischen Sprache gefunden hat, als das sehr präsente Œuvre Pärts dies aufweist.

Da die Begegnung der vielseitigen Cellistin Anja Lechner mit Tõnu Kõrvits der entscheidende Grundstein für diese CD war, räumen die meisten der hier vertretenen Werke dem Cello bzw. den klassischen Streichinstrumenten einen markanten Raum ein, seien es die poetisch schillernden sieben Sätze der Streichersuite »Labürindid« (»Labyrinths«), welche mit Wiederholungen und faszinierend abwechslungsreichen Klangbildern erzählt, seien es die Begegnungen von Cello und Chor, die von Anfang an sofort eine ganz eigene, bewegende Lied-Lyrik erschaffen oder eben das seinem Titel entsprechend traumhaft schwebende, naturmystische »Seven Dreams of Seven Birds«, das Kõrvits für dieses Programm aus der originalen Form als Konzert für Cello und Kammerorchester um einen Chor erweiterte.

Volksmusikalische Einflüsse schimmern allerorts durch, doch Tõnu Kõrvits dringt mit seiner reichen Fantasie tiefer in die Seele seines Heimatlandes vor und damit zugleich in eine »nordische« Poesie, die weit über estnische Identität hinausweist. Das Album »MIRROR« ist in der Interpretation des zuverlässig herausragenden Dirigenten Tõnu Kaljuste, »seines« Kammerorchesters sowie der Solisten eine exzellente Einführung in das Werk dieses hierzulande unbedingt noch zu entdeckenden Esten. Und das reiche Beiheft mit den Liedtexten, Paul Griffiths Essay und schönen Farbfotos des verschneiten Tallinn runden das Ganze mustergültig ab. (ijb)



Siehe auch:
Arvo Pärt
Erkki-Sven Tüür

Helena Tulve

Jaan Rääts


Tõnu Kõrvits: Tõnu Kõrvits: Mirror

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Elfa Rún Kristinsdóttir:
Telemann Fantasias for Solo Violin
( 2014, Eigenverlag /iTunes/cdbaby elfarun.com )

Die in Berlin lebende Isländerin konnte mit ihrer hervorragenden Debüt-CD einen Achtungserfolg verbuchen; ohne großes Label und adäquates Marketingbudget im Rücken wurde ihre Aufnahme dreier Violinkonzerten von J.S.Bach allerdings weit weniger wahrgenommen, als es angemessen gewesen wäre. Mit ihrer zweiten CD, bereits 2011 aufgenommen, wird Elfa Rún bedauerlicherweise mit Sicherheit nicht stärker ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden. Nicht nur veröffentlicht sie das Album in erster Linie rein digital — CDs können über ihre Webseite und auf z.B. auf Konzerten erworben werden — auch hat sich die Künstlerin diesmal ein noch unpopuläreres Programm ausgesucht: Die 12 Fantasien von Georg Philipp Telemann (1681-1767).

Es war ihr ein Herzensprojekt; lange schon wollte sie die Fantasien aufnehmen. Vor Jahren tourte Elfa Rún mit einer Flötistin durch kleine ländliche Kirchen in Island, um die gesamten Fantasien für Violine und Flöte Solo zu spielen. Da sie keine guten zeitgenössischen Aufnahmen der Kompositionen fand, plante sie ursprünglich, die Stücke auf einer modernen Geige aufzunehmen. Doch als ihr die Stiftung Jumpstart Jr. in Amsterdam eine alte italienische Barockgeige als Leihgabe ermöglichte, entschied sie sich doch für eine Aufnahme auf dem historischen Streichinstrument.

Ihr Bedauern, dass die Stücke nicht häufiger gespielt werden und gegenwärtig kaum Beachtung finden, lässt sich schnell nachvollziehen. Die Musikauswahl der Barockperiode wird bekanntlich überschattet vom noch immer vorrangig gelehrten und gespielten Bach. Gleichwohl zeigt Kristinsdóttirs Interpretation exzellent, dass gerade heute eine gute Zeit für Telemann sein könnte, wo ebenso Klarheit und Sachlichkeit wie neu beachtete historische Praxis wieder gerne als gleichrangiges Gegenüber zur dominierenden romantischen Spielweise erkannt werden.

»Ich glaube, Telemann wird wenig gespielt, da seine Sprache missverstanden wird,« sagt die Interpretin. »Das meine ich aus dem Blickwinkel des modernen Studiums, das sich nicht mit historischer Praxis befasst. Bachs Musik funktioniert auch, wenn man sie romantisch spielt, aber mit Telemann funktioniert das einfach nicht, das wird totlangweilig!« Elfa Rúns CD erhielt jüngst die Ehrung als »Album des Jahres« beim Isländischen Musikpreis in der Kategorie »klassische und zeitgenössische Musik«, erstaunlicherweise noch vor der Nordic-Council-Music-Preisträgerin Anna Thorvaldsdóttir. Wie es scheint, hört man ihr zu. (ijb)



Siehe auch:
Anna Thorvaldsdóttir

Elfa Rún Kristinsdóttir: Telemann Fantasias for Solo Violin

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Elfa Rún Kristinsdóttir:
Violinkonzerte J.S.Bach
( SACD, 2011, Ars Production /Note1 38079 )

Eine Bach-Aufnahme als »nordische Musik«? Bevor Sie jetzt denken, uns wären die skandinavischen Komponisten ausgegangen, hören Sie diese CD! Es gibt ja viele Jungstars, die mit der Violine (und hübschen Modelfotos) nach vorne gepusht werden, bis man nicht mehr weiß, ob man(n) die CDs erworben hat, weil die Musik selbst überzeugt – oder vielmehr die netten Bildchen auf dem CD-Cover. Elfa Rún Kristinsdóttir, 1985 in Akureyri, Island geboren, wird das nicht passieren. Sie ist im Design ihrer eigenen CD nicht zu sehen (zumindest nicht von außen) – umso mehr soll hiermit dazu aufgefordert werden, Augen und Ohren nach ihr offenzuhalten. Auch zukünftig.

Kristinsdóttir ist nach dem Violinstudium in Deutschland, unter anderem bei Carolin Widmann, mittlerweile Konzertmeisterin des in Berlin ansässigen Kammerorchesters »Solistenensemble Kaleidoskop«, das in den fünf Jahren seiner Existenz bereits eine extreme musikalische Bandbreite im Repertoire hat; von Alter Musik bzw. frühem Barock über die Klassik bis hin zu zeitgenössischen Komponisten und Pop sowie Tanzinszenierungen mit Sasha Waltz.

Einen besseren Karriereeinstieg als diese Bach-Interpretationen kann man als Solomusikerin kaum finden. Den mitreißenden Konzerten in d-moll BWV1052 und g-moll BWV1056 folgt, gemeinsam mit Lisa Immer, das latent geheimnisvolle Doppelkonzert in d-moll BWV1043 – nicht gerade die erste Wahl für junge Musiker, wenn man Aufmerksamkeit haben und Virtuosität ausstellen will. Doch so frisch, lebendig, heutig hört man gerade Bach viel zu selten. Kein Wunder also, dass Kristinsdóttir 2006 beim internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb mit dem ersten Preis, dem Publikumspreis und einem Sonderpreis als jüngste Finalistin ausgezeichnet wurde. Deshalb ersparen wir uns weitere musikanalytische Details – und hören Sie selbst! (ijb)

Elfa Rún Kristinsdóttir: Violinkonzerte J.S.Bach

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Martin Kuuskmann:
Nonstop
( 2010, Estonian Record Productions /Note1 Naxos / ERP 2209 )

Martin Kuuskmann, 1971 in Estland geboren, ehemals Student in Tallinn, Manhattan und Yale, legt mit dieser CD ein ambitioniertes Fagott-Showcase vor, zusammengestellt mit Werken acht verschiedener Komponisten, von Bach bis zur Gegenwart. Der Titel »NONSTOP« trifft's da ganz gut: Man braucht ein ernstes Interesse an diesen Grenzgängen und Genrekombinationen, um Kuuskmanns Weg von Bachs Partita BWV1013 über Berios sperriges Solostück »Sequenza XII« und diverse estnische Komponisten (Pärt, Korvits, Randalu) bis hin zu einem netten Rausschmeißer von Antonio Carlos Jobim mitzugehen. Immerhin gibt's zwischendurch mal Auflockerung mit Daniel Schnyders fescher Sonate für Fagott und Klavier.

Dabei ist interessant, Arvo Pärts längst zum Neo-Klassik-Gassenhauer avanciertem Duo »Spiegel im Spiegel« (mit Kristjan Randalu am Flügel) mal in einer Fagottversion zu hören, neue Perspektiven auf das Stück lassen die beiden Esten dabei nicht erkennen. Muss vielleicht auch nicht sein, denn das ganze Programm in seiner Vielgestaltigkeit ist in erster Linie eine Tour de Force, die Martin Kuuskmanns breites Können vorstellt und für (Fagott-)Interessierte eine Auswahl bereitstellt. Zugleich lassen sich hier ein paar Komponisten entdecken, die hierzulande kaum bekannt sind. (ijb)



Siehe auch:
Siiri Sisask & Kristjan Randalu
Morten Carlsen


Martin Kuuskmann: Nonstop

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Lange Rezensionen 1 - 10 von 35 im Genre »Klassik« und Land »Grenzgänger« (insgesamt 35)

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