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Alle Rezensionen zu Kaija Saariaho
(Genre »Klassik«, Land »Finnland«)

 

Suomi – Finland 100 – A Century Of Finnish Classics
( 5 CDs, 2017, Ondine /Naxos ODE 1300-2Q )

2017 markiert nicht nur das hundertjährige Jubiläum der Oktoberrevolution, sondern auch, was kaum jemand mehr auf dem Schirm hat, am 6. Dezember selbigen Jahrestag der Unabhängigkeit Finnlands. Hundert Jahre scheinen so abstrakt eine lange Zeit, aber bedenkt man, für welch kurze Epoche Finnland dem Jahrhunderte langen Hin und Her zwischen Schweden und Russland entkommen ist und sich in der eigenen Identität bestärken konnte, ist das andererseits doch frappierend.

Der bekannteste und nach wie vor als »größter« Komponist Finnland geltende Johan Julius Christian (»Jean«) Sibelius hatte 1917 bereits den Großteil seines Werks geschaffen, doch zahlreiche weitere Musikautoren haben in diesen hundert Jahren dem Land ihren Stempel aufgedrückt und zum künstlerischen Nationalschatz beigetragen. Das zentrale finnische Klassiklabel Ondine bringt zur Feier des Jahres einen empfehlenswerten, geschickt zusammengestellten Querschnitt aus dem eigenen Katalog heraus, mit dem nicht nur weitere Entdeckungen im Ondine-Angebot machen, sondern ebenso leicht Querverbindungen zu anderen exzellenten Labels ziehen lassen. Als ein Beispiel unter vielen sei hier auf die große, unlängst 65 Jahre alt gewordene Kaija Saariaho hingewiesen, die immerhin mit drei Werken vertreten ist, dem herausragenden Orchesterstück »Laterna Magica« (2008) sowie zwei kürzeren kammermusikalischen Werken. Leider ist sie die einzige weibliche Komponistin in diesem ansonsten durchweg gut ausgesuchten Programm.

Im Grunde finden sich fast alle großen Namen in dieser 5-CD-Box, vom 2016 verstorbenen Rautavaara (dessen Schaffen sogar noch ein wenig ausgiebiger vertreten ist) über Mustonens Neuklängen und Sallinens kraftvolle Stimme bis hin zu diversen Klassikern bzw. (Spät-)Romantikern wie Kajanus, Melartin und Kilpinen. Fast bedauert man, dass der neben Saariaho wohl herausragende Orchesterkomponist des Landes, Magnus Lindberg, nur mit einem Opus vertreten ist, doch sei daher hiermit noch einmal auf die grandiose 4-CD-Box mit Lindbergs Schaffen beim selben Label verwiesen. Durch Abwesenheit fällt indes Kalevi Aho auf, dessen Gesamtwerk nicht bei Ondine erscheint, sondern beim schwedischen Gegenüber BIS. Auch hier: Bitte nicht übersehen!

Einen weiteren – und nicht nachvollziehbaren – Mangel bildet die Abwesenheit von Chormusik, ist sie doch immerhin im Beiheft kommentiert. Bei zwei Orchester-CDs und einer orchestralen Solistenkonzerte-CD sowie 20 Liedern auf der Vokal-CD hätte es dazu doch sicher auch noch gereicht. Dessen ungeachtet funktioniert diese Box nicht nur als glänzende Einführung in das reiche Angebot des Labels aus Helsinki, sondern auch als facettenreicher, geschickt aufeinander abgestimmter Überblick über die »klassische« Musikgeschichte Finnlands seit der Unabhängigkeit, mit Bekannterem und weniger Bekanntem gleichermaßen. Nicht unerwähnt bleiben sollte hierbei, dass alle Aufnahmen von renommierten bis weltbekannten Meistern ihres Fachs eingespielt wurden, verschiedenen finnischen Orchestern und Ensembles zudem. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
CD 1/2: Orchesterwerke
Jean Sibelius (1865-1957): Andante festivo (1922)
Robert Kajanus (1856-1933): Overtura sinfonica
Leevi Madetoja (1887-1947): Sunday Morning from Rural Pictures
Ernest Pingoud (1887-1942): Chantecler, Op. 15 (1918)
Väinö Raitio (1891-1945): Fantasia poetica, Op. 25 (1923)
Uuno Klami (1900-1961): Karelian Rhapsody, Op. 15 · Kalevala Suite, Op. 23 (1943)
· The Forging of the Sampo
Erkki Melartin (1875-1937): Music from the ballet The Blue Pearl, Op. 160
Aarre Merikanto (1893-1958): Intra
Einar Englund (1916-1999): The Reindeer Ride aus dem Film »The White Reindeer«
Heikki Aaltoila (1905-1992): Akselin ja Elinan häävalssi
Aulis Sallinen (*1935): The Iron Age Suite (Rauta-aika -sarja)
Pehr Henrik Nordgren (1944-2008): Cronaca for string orchestra, Op. 79 (1991)
Jouni Kaipainen (*1956): 4 Sisyphus Dreams, Op. 47 (1994)
Kaija Saariaho (*1952): Laterna Magica (2008)
Magnus Lindberg (*1958): Era

CD 3: Konzerte
Aarre Merikanto (1893-1958): Klavierkonzert Nr.2
Joonas Kokkonen (1921-1996): Cellokonzert (1969)
E. Rautavaara (1928-2016): Konzert für Vögel und Orchester »Cantus Arcticus« (1972)
Olli Mustonen (*1967): »Frogs Dancing on Water Lilies« für Cello und Streichorchester (2000)

CD 4: Vokalmusik
Jean Sibelius (1865-1957): Demanten på marssön (The diamond on the March snow), Op.
36/6 · Under strandens granar, Op. 13/1 · Men min fågel märks dock icke, Op. 36/2
· Den första kyssen (The First Kiss), Op. 37/1 · Var det en dröm (Did I Just Dream?),
Op. 37/4 · Kaiutar, Op. 72/4
Yrjö Kilpinen (1892-1959): Kesäyö (Summer Night) · Vanha kirkko (The Old Church), Op. 54/1 · Rannalta I (From the Shore I)
Martti Turunen (1902-1979): Sunnuntai (Sunday)
Traditional: Tuuli se taivutti koivun larvan (The Wind Bent Down)
Traditional: Niin kauan minä tramppaan (I’ll Walk Around This Here Village)
Leevi Madetoja (1887-1947): Luulit, mä katselin sua (You Thought I Was Watching You) ·
Lintu sininen (Bluebird)
Frans Linnavuori (1880-1926): Minä laulan sun iltasi tähtihin
Heino Kaski (1885-1957): Lähdettyäs (After You Went Away)
Lauri Ikonen (1888-1966): Pirtissäni pimenee (My Room Is Growing Darker)
E. Rautavaara (1928-2016): Aleksis Kivi – Oper in drei Akten (1996): Melancholy (Ikävyys)
· Song of My Heart (Sydämeni laulu)
Kaija Saariaho (*1952): Leino Songs (2007): Looking at You (Sua katselen)

CD 5: Kammermusik
Aulis Sallinen (1935): Chamber Music II, Op. 41 for alto flute and string orchestra (1976)
Einar Englund (1916-1999): Sonata for Violin and Piano (1979)
Jukka Tiensuu (*1948): Plus II, for clarinet and cello (1992)
Olli Mustonen (*1967): Nonet No. 2 (2000)
Einojuhani Rautavaara (1928-2016): Summer Thoughts, for violin and piano (1972/2008)
Kaija Saariaho (*1952): Tocar for violin and piano (2010)



Siehe auch:
Kalevi Aho

Kaija Saariaho: Suomi – Finland 100 – A Century Of Finnish Classics

 

Kaija Saariaho: Notes On Light
(Edition Musikfabrik 09: Scherben)

Dirk Wietheger, Violoncello · Ensemble Musikfabrik · Stefan Asbury, Sian Edwards, Emilio Pomárica, Peter Rundel, Dirigenten
( 2015, Wergo WER 6862 2 , Einspielung: 2005*/2009**/2010 )

Die »Edition Musikfabrik« geht weiter. Das ist eine überaus erfreuliche Nachricht. Den ersten sieben exzellenten Ausgaben folgen nun nach und nach zehn weitere, wie gehabt unter jeweils einem eher assoziativen Albumtitel, der Anstoß für meist vier aktuelle Werke etablierter zeitgenössischer Komponisten gibt (und diesmal mit Covermotiven von Gerhard Richter). Nachdem auf Nr. 08 »Graffiti« immerhin Dirigent Christian Eggen einen kleinen nordischen Beitrag lieferte, steht auf Folge 9 Kaija Saariahos knapp halbstündiges Cellokonzert im Zentrum. Gerahmt wird es einerseits von zwei jeweils 13-minütigen Ensemblewerken von Jonathan Harvey und Enno Poppe sowie andererseits dem 23 Minuten langen Großwerk »Chessed I« des unlängst gestorbenen portugiesischen Klangexzentrikers Emmanuel Nunes aus dem Jahr 1979 (2005 für diese Aufnahme überarbeitet).

Der Vermerk »Ersteinspielung« ist indes mit Vorbehalt zu verstehen: Saariahos »Notes on Light« entstand 2006 und wurde 2008 vom Widmungsträger Anssi Karttunen in einer Referenzeinspielung mit dem Orchestre de Paris unter Christoph Eschenbach beim finnischen Label Ondine veröffentlicht. Für die Konzertdarbietung des Ensembles Musikfabrik unter Emilio Pomárica in Köln im Juni 2010 nahm die Komponistin ein paar Änderungen vor, sicherlich um die Orchesterfassung in die Besetzung im Kammerensemble zu übertragen.

Den Klang des Konzertsaals merkt man den einzelnen Aufnahmen zwar hin und wieder an, doch die sehr zeitversetzten Aufnahmedaten und unterschiedlichen Dirigenten fallen fast gar nicht ins Gewicht. Der Titel »SCHERBEN« verweist vielmehr auf die teils fragmentarische Natur der einzelnen Kompositionen (besonders Nunes macht es dem unvorbereiteten Zuhörer wieder einmal schwer), die das Ensemble mit der gewohnten Leidenschaft und Brillanz zeigen. »Notizen über das Licht« deutet eine gewisse Fragmenthaftigkeit bereits im Titel an, und in den fünf Sätzen bestätigt sich dies in den unterschiedlichen Untertiteln: Auf das geheimnisvolle »Translucent, Secret« folgt »On Fire«, das Tempo zieht kurz und plötzlich an, und schnell ist es wieder vorüber. »Awakening« beschreibt einen Dämmerzustand, nuancenreich und surreal, fast wie unter Hypnose, verebbt schließlich ganz sanft, bevor es in »Eclipse« noch dunkler wird, und das höchst faszinierende »Lichtherz« flirrend, aber zurückhaltend, antiklimaktisch das Werk zum Ende führt. Gerade weil das Cello nicht die prägnante Hauptrolle spielt, darf man Dirk Wietheger für die sensible Leistung Lob zollen. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
Jonathan Harvey: Sringāra Chaconne (2008) für Ensemble
Enno Poppe: Scherben (2000/2008) für Ensemble
Kaija Saariaho: Notes on Light (2006/2010) für Violoncello und Kammerensemble
Emmanuel Nunes: Chessed I (1979/2005) für Ensemble in vier Gruppen

Kaija Saariaho: Kaija Saariaho: Notes On Light <br>(Edition Musikfabrik 09: Scherben)

 

Kaija Saariaho: Graal Théâtre
(edition musikFabrik 06: Nach Innen)

Hannah Weirich (Violine) · 
Ensemble musikFabrik · 
Leitung: Peter Rundel [3], James Wood [1], Rupert Huber [2]
( 2010, Wergo WER 6856 2 , Einspielung: 2004-2007 )

Kaija Saariahos halbstündiges »Graal Théâtre« dürfte ein Meilenstein unter den zeitgenössischen Violinkonzerten sein. Es bildet den Höhepunkt dieser durchweg gelungenen sechsten Folge der Reihe »edition musikFabrik«, die 2010 beim mittlerweile fünfzig Jahre alten (bzw. junggebliebenen) Label Wergo erschien. Das Ensemble musikFabrik, häufig unter der glänzenden Leitung von Peter Rundel, gehört zu den herausragenden Ensembles der Gegenwart; dementsprechend darf die siebenteilige Wergo-Reihe ohne Übertreibung als sichere Bank für Topqualität verbucht werden.

Die Kombination von Saariahos »Gralstheater« nach der Artus-Sage mit den ebenso klangforschenden und außergewöhnlichen Ensemblewerken des Briten Ian Willcock (*1959) und des seit langem in Berlin lebenden Franzosen Mark Andre (*1964) erscheint zwingend, zumal unter dem Stichwort »nach innen«, und erfährt gerade in der hier vorgelegten Dramaturgie eine grandiose Wirkung. Allein die unterschiedlichen Dirigate und Klanglichkeiten der Aufnahmen, fast nur unterbewusst als disparat wahrnehmbar, schmälern den Gesamteindruck ein wenig.

»Nach innen« betont, dass diese drei Werke gleichermaßen einer Suche nach existenziellen Klangsituationen nachgehen. Saariaho ist wiederum dabei - ähnlich wie Willcock über die Hälfte der Zeit und als reines Ensemblestück - eine traumwandlerische Geschichte zu erzählen, welche die Violine zur Protagonistin eines fast surrealistisch anmutenden Dramas macht. Tadellos und ergreifend, sensibel und extrovertiert das Spiel der zum Zeitpunkt der Aufnahme Mitte-Zwanzigjährigen Hannah Weirich. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
1. Ian Willcock (GB): »Grave« für Ensemble (1999)
2. Mark Andre (F/D): »ni« für 14 Instrumente (2006)
3. Kaija Saariaho (FI): »Graal Théâtre« für Violine und Kammerensemble (1994/97)

Kaija Saariaho: Kaija Saariaho: Graal Théâtre <br>(edition musikFabrik 06: Nach Innen)

 

Kaija Saariaho: Chamber Music
Wolpe Trio / Andreas Boettger
( 2004, Kairos 0012412KAI )

Kaija Saariaho, Jahrgang '51, ist eine ziemlich eigenwillige Figur in der Neuen Musik: eine Frau, was selten ist; aus Finnland, was vielversprechend ist; und Schöpferin einer so eigenen Klangsprache, dass man sie immer wiedererkennt. Dass das Wolpe-Trio und der Perkussionist Andreas Boettger nun eine weitere, sehr überlegt zusammengestellte und hochwertige Einspielung von Kammermusikwerken aus Saariahos Feder vorlegen, zeigt außerdem, dass die Komponistin sicherlich keine Eintagsfliege im Avantgarde-Betrieb ist.

Flöte, Cello, Klavier, Perkussion, Elektronik – aus diesen Bestandteilen sind die Werke der CD gebaut, oder besser: gewebt. Denn meist verschmelzen die Klänge auf magische Weise, sind keinem der Instrumente mehr zuzuordnen. Saariaho betreibt Klangforschung an diesen Schnittstellen, und das klingt so farbig, lebendig, sinnlich, wie man es von Neuer Musik gerade nicht erwartet. Das Wolpe Trio spaltet diese Farbigkeit in alle Spektren auf, folgt den labyrinthischen Kompositionen bis auf den Grund. Wer sich bisher gegen Neue Musik sträubte, muss diese CD hören – Bekehrung nicht ausgeschlossen. (sep)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
Cendres (1998)
Noa Noa (1992)
Mirrors (1997 / 1998)
Spins and Spells (1996)
Monkey Fingers, Velvet Hand (1991)
Petals (1988)
Laconisme de l'aile (1982)
Six Japanese Gardens (1993/95)

Kaija Saariaho: Kaija Saariaho: Chamber Music

 

Kaija Saariaho: Maa – Ballet Music in Seven Scenes
( 1992, Ondine Ode 791-2 )

Flöte, Cembalo, Perkussion, Harfe, Violine, Viola, Cello, Elektronik – aus diesen Zutaten strickte die finnische Komponistin 1991 ihre sonderbare, suggestive, wundervolle Balletmusik. Mit Kopfkino beginnt die erste Szene: schlurfende Schritten und Wellenrauschen, eine Musique Concrète, aus der sich nach und nach eine spröde, instrumentale Kammermusik hervorschält. Das klingt so typisch nach Saariaho: Die Instrumentenfarben verschränken sich ineinander und schmelzen mit der Elektronik zusammen, die Klänge erscheinen gebrochen und aufgespalten wie durch ein musikalisches Prisma betrachtet. Spannend ist das immer, sogar atemberaubend, oft unbehaglich (weil un-menschlich) bis fies.

Pochende Klänge eines unverständlichen Rituals mischen sich mit Vogelzwitschern, verzerrtes und aufrdinglich zischelndes Flüstern mit ganz kalten, artifiziellen Elektronik-Klängen. Durch künstlichen Hall dehnt sich der Hörraum zur Kathedrale und zieht sich wieder zusammen. Am Ende sind alle Klänge zu etwas Neuem verschmolzen, das nicht Kammermusik, nicht Elektronik, nicht Natur, nicht Kunstmusik ist, sondern nur noch: Musik. Ständig flackernd und wabernd und organisch, schön und ein bisschen bedrohlich und fremdartig zugleich. Wie gewachsen, nicht wie komponiert. (sep)

Kaija Saariaho: Kaija Saariaho: Maa – Ballet Music in Seven Scenes



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