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Alle Rezensionen zu Erkki-Sven Tüür
(Genre »Klassik«, Land »Verschiedene«)

 

Erkki-Sven Tüür: Symphony No.5 · Prophecy
Philharmonisches Orchester Helsinki · Olari Elts: Dirigent · Nguyên Lê: Elektrische Gitarre · UMO Jazz Orchestra
( 2016, Ondine /Naxos ODE 1234-2 )

Erkki-Sven Tüür ist schon immer auf der Suche nach neuen Klangkombinationen – jenseits jener der etablierten Klassikszene; bzw. gehört er zu den Komponisten, die daran arbeiten, die Sprache der »Neuen Musik« auszuweiten und dabei dennoch fürs Publikum zu schreiben. Nach der 4. Sinfonie (2002), die der Form nach eher ein Perkussionkonzert (für Evelyn Glennie) war, und vor der Sechsten (2007) für Klarinette und Geige schrieb Tüür 2004 für Gitarrist Nguyên Lê und das finnische UMO Jazz Orchestra die Fünfte; alle drei bestehen aus einem einzigen, 30- bis 40-minütigen Satz. Es ist offensichtlich, dass ihm dieses Werk besondere Freude bereitet hat, spielte er doch früher als Gitarrist in der Prog-Rock-Band In Spe.

Zugleich jedoch wagt Tüür wieder einmal Neues: Nicht nur gibt es die halb im Rock, halb im Fusion verankerte E-Gitarre als Soloinstrument, der Solist hat seinen Part zudem zu improvisieren(!); und obendrein spielt das 1975 gegründete UMO seinen international renommierten Big-Band-Jazz. (Letzteres war der Auftrag vom SWR in Stuttgart.) Dieser »Overkill« an geballter Klangmasse und Stilvielfalt gehört im Prinzip zum Wesenskern von Tüürs Kunst, und hier kann er entsprechend aus dem Vollen schöpfen. Zugleich lassen sich nach und nach die ordnenden Gedanken von Tüürs »vektorieller« Kompositionstechnik ausmachen, welche die spektakulär auseinander strebenden Motive und Klangfarben bündelt. Sicher ein hochspannendes Experiment; doch die Fünfte Sinfonie kann es nicht mit der Brillanz und dem Fokus von der übrigen Großwerke des Komponisten aufnehmen, ist eher grandios als großartig, vermutlich ein Grund dafür, dass das Werk erst 12 Jahre nach seiner Entstehung auf CD erscheint, während die Sechste und die Siebte (2009) seit Jahren auf Tonträgern erhältlich sind.

Gleichwohl kann dies ebenso ein Qualitätsurteil sein; womöglich fällt es uns noch schwer, den wahrhaft visionären Charakter der Sinfonie zu erkennen... Immerhin besteht kein Zweifel daran, dass Tüür, einer der größten Komponisten der Gegenwart, ein sehr in der Gegenwart verankerter Künstler ist, der kein Interesse daran hat, etwas bereits Etabliertes weiter abzuschöpfen. Seine neunte Sinfonie, ein Auftragswerk der estnischen Regierung zum 100. Jubiläum der Republik, wird im Januar 2018 uraufgeführt werden, ganze acht Jahre nach der Achten, und es wird hochspannend zu sehen, wo sich der Komponist als Orchesterautor (als solchen bezeichnet er sich selbst auch in erster Linie) nun befindet, kurz vor seinem 60. Lebensjahr.

Das zweite Werk, »Prophecy« , ist ein Konzert für Akkordeon und Orchester in einem Satz, mit dem renommierten finnischen Solisten Mika Väyrynen. Das gute zwanzigminütige Stück ist ruhiger, klarer und damit wohl etwas »einfacher« zugänglich als die Sinfonie. Für Tüür ist »Prophecy« ein ungewohnt verhaltenes Werk, bis es zum Ende eine kraftvolle, rhythmusbetonte Wendung nimmt. Beide Kompositionen sind trotz ihrer Schwierigkeit durchazs unterhaltsam und bieten Raum für virtuose Qualitäten, die sowohl Tüür-Neuentdeckern als auch Kennern seines Œuvres viel zu bieten haben. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
Sinfonie Nr. 5 für Big Band, Elektrische Gitarre und Sinfonieorchester (2004)
»Prophecy« für Akkordeon und Orchester (2007)



Siehe auch:
UMO Jazz Orchestra

Erkki-Sven Tüür: Erkki-Sven Tüür: Symphony No.5 · Prophecy

 

Erkki-Sven Tüür / Brett Dean: Gesualdo
Estonian Philharmonic Chamber Choir · Tallinn Chamber Orchestra · Tõnu Kaljuste
( 2015, ECM New Series 2452 , Einspielung: Februar 2014 )

Das siebte ECM-Album (auf die 2014 veröffentlichte Siebte Sinfonie folgend) mit Werken Erkki-Sven Tüürs ist von Grund auf anders als die vorangegangenen. Unter der Leitung von Tõnu Kaljuste produzierte Manfred Eicher mit Tüür ein unkonventionelles Programm, das ebenso eine Art Rückblick — in frühere Schaffensphasen des Komponisten wie in die Musikgeschichte — darstellt, wie es neue Türen öffnet. Das Œuvre von Carlo Gesualdo (1566-1613) ist bei ECM seit Jahrzehnten ein konstanter Fokus- und Orientierungspunkt. Das von Brett Dean, 1961 im australischem Brisbane geboren und von 1985 bis 1999 Mitglied der Berliner Philharmoniker, hingegen begegnet uns hier zum ersten Mal.

Wie der Albumtitel ankündigt, ist der musikgeschichtlich einflussreiche Italiener Fokus dieser CD; es geht darum, Linien sichtbar zu machen, wie Komponisten und Interpreten sich noch heute, vier Jahrhunderte nach Gesualdos Tod, von seinem Schaffen inspirieren lassen. Neben zwei Adaptionen von Motetten (»Moro lasso« und »O crux benedicta«) für Streichorchester schrieb Tüür auf Bitte Kaljustes das Orchesterstück »L'ombra della croce«, das er als Rückblick auf seine frühe Schaffensphase um 1990 angelegt hat. Tüür greift nicht zum ersten Mal auf frühere eigene und fremde Werke zurück, doch hier ergibt sich aus der vielfachen Reflexion fast schon ein musikalisches Spiegelkabinett.

Denn neben Deans auf »Moro lasso« und Gesualdos Biografie aufbauendem »Carlo« für Chor und Streichorchester (1997, die Originalversion war für Sampler und Tape statt für Chor) überarbeitete Tüür »Psalmody«, einst für das Alte-Musik-Ensemble Hortus Musicus geschrieben, hin zu einem großen Orchesterstück, ebenfalls mit Chor, wobei er sich laut eigenen Worten in einen Dialog mit dem »Mainstream of Minimalism« aus Amerika begibt. Also ein Brückenschlag zwischen dem Tüür der Gegenwart und dem Frühwerk — dem von 1993, als er gerade sein siebenteiliges Großwerk »Architectonics« (1984-92) abgeschlossen hatte, das in gewisser Weise Grundlinien zwischen seinem frühen Schaffen als Mitglieder der Prog-Rockband In Spe und seinem darauf folgenden Oeuvre als Komponist zieht.

Entsprechend sind diese beiden aktuellen Werke überraschend zugänglich auch für Tüür-Einsteiger, fast möchte man sagen »klassisch«, wäre das nicht so irreführend bei einem Vorwärtsdenker wie Tüür. Und Brett Deans »Carlo« fügt sich wiederum erstaunlich gut in den offenen Kosmos dieses exquisit strukturierten Programms ein, eine fantasieanregende Entdeckung. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
Erkki-Sven Tüür: »L'ombra della croce« (2014) · »Psalmody« für Streichorchester (1993/2011)
Brett Dean: »Carlo« (1997) für Chor und Streichorchester
Carlo Gesualdo da Venosa: »Moro lasso« (1611), »O crux benedicta« (1603) (Versionen für Streichorchester, 2013)

Erkki-Sven Tüür: Erkki-Sven Tüür / Brett Dean: Gesualdo

 

Erkki-Sven Tüür: Seventh Symphony · Piano Concerto
Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks · Paavo Järvi: Dirigent · Laura Mikkola: Klavier [1] · NDR-Chor [2] · Werner Hans Hagen: Chorleitung [2]
( 2014, ECM /Universal ECM New Series 2341 , Einspielung: 2009/2010 )

Nachdem Tüürs sechste Sinfonie »Strata« zwei Jahre zuvor mit Konsolidierung auf höchstem Niveau überzeugte, aber kaum Unerwartetes bot, überrascht der estnische Komponist in der 2009 entstandenen Siebten, »Pietas«, durch Einbeziehung eines Chors, dem er kurze Texte verschiedener Friedenskämpfer überantwortet, und der Widmung des Werks dem derzeitigen Dalai Lama, Tenzin Gyatso, »und seinen lebenslangen Bestrebungen«. »Pietas« entstand als Auftragskomposition des Frankfurter HR-Orchesters und des Cincinnati Symphony Orchestra, was die weltumspannende Geltung Tüürs unterstreicht. Entsprechend werden einzelne Sätze von Siddharta Gautama, Mahatma Gandhi und Mutter Teresa gesungen; sogar Jimi Hendrix (ein Verweis auf Tüürs früheres Leben als Rockgitarrist?) wird integriert: »Wenn die Macht der Liebe die Liebe der Macht überwindet, wird die Welt Frieden kennenlernen.«

Solcherlei Allgemeinplätze lassen ein phrasenhaftes Werk befürchten. Doch die Sorge ist glücklicherweise unbegründet. »Pietas« ist ganz Tüür, schreibt zwar sein zunehmend mächtiges Chorwerk der letzten Jahre fort, im Rahmen der vierzig Minuten langen Sinfonie gleichwohl tritt der NDR-Chor nur punktuell, inselhaft ausgleichend gar, in Erscheinung. Dazwischen vor allem überwältigt die Extravaganz fast explosiver Energien, in Form drastischer Schlagwerkpassagen mit Verve, wie sie wohl nur Tüür zum Ausdruck bringen kann. Bereits die 4. Sinfonie, »Magma«, war an sich ein Konzert für Percussion (Evelyn Glennie) und Orchester; hier also treibt Tüür die Verknüpfung von Orchestervolumen, Chorsinfonie und Rhythmuskraft in neue Höhen.

Programmatisch feierliche Großwerke haben in Tüürs Oeuvre seit langem einen festen Platz, jüngst noch mehr als früher (siehe »Ärkamine (Awakening)«, 2011), wobei sein Stil gerade durch die fintenreichen Ambivalenzen und doppelbödigen Aufladungen besticht. Die Frankfurter haben die Sinfonie unter Paavo Järvi für die ECM New Series eingespielt und kombinieren die souveräne Interpretation mit der ebenfalls von ihnen in Auftrag gegebenen Ersteinspielung des 2006 geschriebenen Klavierkonzerts, das die finnische Pianistin Laura Mikkola zwischen berauschenden Tutti-Passagen und hauchzarten Soloparts klug verdichtet. Vielleicht noch mehr als gewohnt erfordert dieses Werk vom Hörer ein vollkommen mit der (musikgeschichtlichen) Gegenwart verbundenes Ohr. Melodische Bögen sind nicht zu erwarten, sondern ein klangkorporales Wechselspiel von Verdichtung und Divergenz. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
1. Piano Concerto (2006) · 2. Symphony No. 7 »Pietas« (2009)



Siehe auch:
Paavo Järvi dirigiert Grieg
Helena Tulve


Erkki-Sven Tüür: Erkki-Sven Tüür: Seventh Symphony · Piano Concerto

Offizielle Website      www.erkkisven.com



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