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Alle Rezensionen zu Pelle Gudmundsen-Holmgreen
(Genre »Klassik«, Land »Dänemark«)

 

Pelle Gudmundsen-Holmgreen: Repriser – Works for sinfonietta and small ensemble
Athelas Sinfonietta Copenhagen · Anette Bod: Mezzosopran · Pierre-André Valade, Jesper Nordin: Dirigenten
( 2016, dacapo /Naxos 8.226126 , Einspielung: 2013, 2015 )

Pelle Gudmundsen-Holmgreen erreichte nie den Status oder die Berühmtheit von John Cage oder Charles Ives, mit deren Werk sein Schaffen unter anderem verglichen wurde. So sehr sich ihre Stile auch unterscheiden, lassen sich doch Parallelen hinsichtlich ihres Strebens nach einem komplett freigeistigen, unkonventionellen Ansatz dessen, was Komponieren »Klassischer Musik« im 20. Jahrhundert sein kann, feststellen. Alle drei wurde lange vehement abgelehnt oder zumindest missachtet.

Schließlich machte sich das dänische Vorzeigelabel Dacapo daran, im Jahr 2016 gleich drei CDs mit unterschiedlich ausgerichteten Facetten des 1932 geborenen Dänen herauszubringen, bereits in terminlicher Reichweite seines 85. Geburtstags, der im Ende November 2017 anstand. Nun starb der Komponist allerdings im Sommer 2016, und auch wenn er die Veröffentlichung dieser Alben nicht mehr erlebte, war er doch immerhin an den Einspielungen beteiligt, weshalb diese drei Veröffentlichungen noch als letzte gewichtige Produktionen mit zentralen Ersteinspielungen seines Œuvres verbucht werden können.

Gewiss nicht zu seinen unmittelbar zugänglichsten Kompositionen zählen diese fünf Werke für Ensemble, 2013 und 2015 aufgenommen. Während das 1994 geschriebene »Traffic« nicht nur wegen der Besetzungsangabe »for eighteen musicians« latent an Steve Reich erinnert, zufälligerweise(?) sogar an dessen zeitgleich entstandenes »City Life«, beschreibt es der Urheber selbst als Kreuzung von Varèse, Satie und Spike Jones, womit er den Nagel tatsächlich bestens auf den Kopf trifft, denn prägnanter hätte man das faszinierend schillernde zwölfeinhalb Minuten lange Stück nicht beschreiben können.

Darauf folgt das titelgebende und mit seinen 21 Minuten längste Opus der CD, »Repriser« aus dem Jahr 1965, dem man sein Herkunftsjahrzehnt durchaus anhört. Andrew Mellor betitelte seinen sehr informativen Text im Beiheft »Music out of little things«, Musik aus den kleinen Dingen, was »Repriser« in neun teils kurzen Sätzen recht gut umkreist. Es dauert womöglich ein klein wenig, bis man als Hörer diese fragilen »kleinen Teile« zu einem Gesamten verbindet. Die Idee, durch eine Reihe von Reprisen statt in Form eines kompakten Musikstücks zu erzählen, hat in der Tat viel mit der Musikgeschichte der 1960er zu tun. Mit dem ohne Pause folgenden »Rerepriser« (gut elf Minuten lang, in einem Satz) setzt urplötzlich ein härterer, kantiger Tonfall ein. Der Einsatz von elektrischem Bass und E-Gitarre sowie die metallische Perkussion machen diese zwei Jahre später komponierte Fortsetzung um einiges kraftvoller.

Des weiteren bietet die CD »3 Lieder zu Texten von Politiken« (gemeint ist hier tatsächlich die große dänische Tageszeitung) inklusive eines langen Préludes und zweier ebenfalls längerer Interludes, versucht ähnliches wie die »Repriser« mit dem Textformat, was Andrew Mellor zu einem vielleicht nicht falschen Beckett-Vergleich verleitet, zumal das Werk aus dem Jahr 1966 stammt; und abschließend das 2012 entstandene Spätwerk »Og« (»Und«), als Hommage zum 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard, ein recht postmodernes Stück. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
1. »Traffic« (1994) für achtzehn Instrumente
2. »Repriser« (1965) für großes Ensemble
3. »Rerepriser« (1967) für großes Ensemble
4. »3 Songs to Texts by Politiken« (1966) für Stimme solo und kleines Ensemble
5. »Og« (2012) für siebzehn Spieler



Siehe auch:
Athelas Sinfonietta Copenhagen: Ole Buck

Pelle Gudmundsen-Holmgreen: Pelle Gudmundsen-Holmgreen: Repriser –  Works for sinfonietta and small ensemble

 

Pelle Gudmundsen-Holmgreen: Green Ground
Kronos Quartet (David Harrington, John Sherba: Violin · Hank Dutt: Viola · Jeffrey Zeigler: Cello) · Theatre of Voices (Else Torp: Sopran · Signe Asmussen: Mezzosopran · Christopher Watson: Tenor · Jakob Bloch Jespersen: Bass) · Paul Hillier: Künstlerische Leitung
( 2016, dacapo /Naxos 8.226153 , Einspielung: 4. Dezember 2012 )

Im Jahr 2011 erlebte Pelle Gudmundsen-Holmgreen offenbar einen wahren Schaffensrausch. Nachdem er dem Kronos Quartet und Paul Hilliers Theatre of Voices bereits wenige Jahre zuvor ein ganzes Album gewidmet hatte (ebenfalls veröffentlicht bei Dacapo), konzipierte er 2011 »GREEN GROUND« als komplexes Konzertopus in Form von fünf Einzelwerken, wovon vier letztlich auch als eigenständige Streichquartette dargeboten werden können, zwei als Doppelquartette für vier Streicher und vier Stimmen, dazu das siebenminütige »Green«, das allein den vier SolistInnen der Theatre of Voices gehört.

Die Aufnahme wurde im Dezember 2012 als Konzert im Saal der Königlichen Musikakademie Kopenhagen aufgezeichnet, wodurch sich das streckenweise sehr räumliche Klangbild erklärt. Wahrscheinlich konnte allein wegen der massiven Verpflichtungen des Kronos Quartet keine bessere Studioaufnahme durchgeführt werden. Dies jedoch ist ein kleinerer Kritikpunkt, denn die Qualität der Interpretation und die beeindruckende Ambition von Gudmundsen-Holmgreens komplexem, einstündigem Opus kann dies verkraften. Wieso der Konzertmitschnitt allerdings erst vier Jahre später und damit nach dem Tod des Komponisten erschien, ist nicht nachvollziehbar. »GREEN GROUND« wäre 2013 eine der herausragenden klassischen Veröffentlichungen des Jahres gewesen, und da das Kronos Quartet in den letzten Jahren vorwiegend durch Crossover-Projekte und multikulturelle Alben in Erscheinung trat, hätte ihnen bzw. ihrem amerikanischen Label Nonesuch das Erscheinen damals wohl eher keine Käufer abspenstig gemacht; im Gegenteil.

Aber sei's drum. Gute Musik ist schließlich zeitlos. Und auch wenn man dem großen, lange unterschätzten dänische Komponisten diesen späten Ruhm noch gegönnt hätte, er selbst wird hoffentlich gewusst haben, was für ein hinreißendes, vielschichtiges und in seiner postmodernen Komplexität zu zahlreichen Entdeckungen einladendes Spätwerk er mit »GREEN GROUND« zu Papier gebracht hat. Zu seinem 85. Geburtstag Ende 2017 darf man diese Einspielung also bitte gleich noch einmal entdecken und mit Nachdruck empfehlen. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
Streichquartett Nr. 10 »Green Ground« · Streichquartett Nr. 11 »New Ground« · »Green« für 4 Solostimmen · »No Ground Green« für 4 Solostimmen & Streichquartett · »New Ground Green« für 4 Solostimmen & Streichquartett (alle 2011)



Siehe auch:
Kronos Quartet & Tanya Tagaq: Music by Derek Charke
Theatre Of Voices: Buxtehude and his Circle

Kronos Quartet + Kimmo Pohjonen & Samuli Kosminen

Paul Hillier: Bent Sørensen


Pelle Gudmundsen-Holmgreen: Pelle Gudmundsen-Holmgreen: Green Ground

 

Pelle Gudmundsen-Holmgreen: Incontri – Works for Orchestra
BBC Symphony Orchestra · Thomas Dausgaard, Dirigent
( 2016, dacapo /Naxos 8.226120 , Einspielung: 2012, 2014 )

Neben der CD »REPRISER« mit Werken für Ensemble und dem 2011er Opus Magnum »GREEN GROUND« für das Kronos Quartet und vier Solisten der Theatre of Voices veröffentlichte Dacapo im Sommer 2016 zugleich auch diese Zusammenstellung dreier Orchesterwerke von Pelle Gudmundsen-Holmgreen, zwei von ihnen Ersteinspielungen.

Was die drei Orchesterwerke laut Klappentext verbindet, ist das Konzept »musikalischer Zusammentreffen« oder Begegnungen, italienisch eben »incontri« (ähnlich dem englischen »encounter«). Diese Begegnungen sind vielleicht am offenkundigsten in den Arrangements des Werks, das der CD auch den Titel gab. Doch auch für die beiden älteren lässt sich dieser konzeptionelle Gedanke aufschlussreich nutzen. PGH schrieb keine Sinfonien im eigentlichen Sinn, und so sind es diese beiden jeweils knapp halbstündigen Orchesterwerke, die der bekannten Vorstellung einer Sinfonie am nächsten kommen. Gleichwohl wird ihm ein gewisser Hang zum Absurden nachgesagt, der sich in den beiden latent collagehaften Stücken der Siebzigerjahre antreffen lässt.

Aus dem Jahr 1973 stammt das sechssätzige »Mirror II«, das zuvor als Stück für Geige und Elektronik begonnen wurde und sich dann zum Sinfonischen wandelte. Andrew Mellors ausführliche Erläuterungen im Beiheft helfen, dem aparten, wohl durchdachten Charme dieses Werks besser auf die Spur zu kommen. Da ist gar von einer »provokanten Hässlichkeit« dieser Komposition die Rede, doch so abschreckend ist »Mirror II« nun wirklich nicht.

1977 komponierte der Zeitgenosse Per Nørgårds (beide wurden 1932 geboren) »Symphony, Antiphony«, das die Bezeichnung »Sinfonie« immerhin im Titel trägt, wenn auch sofort ironisch gebrochen. Auch der erste der sieben Sätze des Werks trägt die Bezeichnung »Symphony«, wogegen die folgenden sechs Sätze mit »Antiphony I - VI« überschrieben sind. Auf einen wilden Sprung ist Chaos in »Antiphony IV« folgt mit dem vorletzten Satz beispielsweise erst einmal ein solistisches Klavierstück, als hätte sich hier ein Pianokonzert hineingemogelt. PGH zitiert sich gerne durch verschiedene Epochen (womit auch »GREEN GROUND« heiter spielt), und doch bleibt er immer einem ganz eigenen Blick auf die (Musik-)Welt verhaftet, versandet nicht in banalen postmodernen Spielereien.

Das Werk, das der Zusammenstellung den Titel gab, ist zugleich das jüngste und das kürzeste der CD. »Incontri« ist, so beschrieb es der Komponist, »eine Art Orchesterpräludium«, mit dem Klangfarben des Orchesters aufgezeigt werden. »Incontri« aus dem Jahr 2010 ist nach dem bewegenden letzten Satz des 1977er Werks, tatsächlich die in ihrer Verdichtung einnehmendste und unmittelbarste Orchesterkomposition der CD. PGH trifft mit diesen Werken eine poetische Ebene zwischen Introspektion und großer erzählerischer Geste, die Dirigent Dausgaard in ihrer nicht ganz offenkundigen Vielschichtigkeit schön herausarbeitet. Die Studioeinspielungen der beiden großen Werke wurden in Gegenwart des Urhebers an drei Tagen im Dezember 2014 hervorragend festgehalten, während die abschließende Konzertaufnahme aus der Londoner Royal Albert Hall dem Juli 2012 zwar viel mehr Raum hören lässt, aber interpretatorisch mithalten kann. (ijb)

Mit folgenden nordischen Komponisten und Werken:
»Mirror II« (1973) · »Symphony, Antiphony« (1977) · »Incontri« (2010, rev. 2011-12)



Siehe auch:
Thomas Dausgaard & Swedish Camber Orchestra
Dausgaard dirigiert Franz Berwald


Pelle Gudmundsen-Holmgreen: Pelle Gudmundsen-Holmgreen: Incontri – Works for Orchestra



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