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Alle Rezensionen zu Per Nørgård (geb. 1932)
(Genre »Klassik«, Land »Verschiedene«)

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As Dreams – Choral Music
Det Norske Solistkor (The Norwegian Soloists’ Choir)
 · Oslo Sinfonietta · Grete Pedersen, Leitung
(SACD, 2016, BIS BIS-SACD-2139, Einspielung: Juni 2014/2015)

Nicht zum ersten Mal haben sich die Sänger/innen des Norwegischen Solistenchors (Det Norske Solistkor) unter Grete Pedersen an ein eigenwilliges, Stile übergreifendes Programm mit Werken diverser internationaler Komponisten unter einem größeren Thema gemacht. Wie zuletzt »REFRACTIONS«, auf dem der Norweger Fartein Valen mit Berg, Messiaen und Webern in Verbindung gestellt wurde, und »MEINS LEBENS LICHT«, das Kurt Nystedt in fruchtbaren Dialog mit Bach treten ließ, stehen auch hier wieder große nordische Namen im Wechselspiel mit solchen anderer europäischer Länder.

Und, keine Überraschung, wie gewohnt ist auch diese SACD rundweg zu empfehlen. Sie versammelt sieben Werke mit recht unterschiedlicher Besetzung von fünf Komponisten des 20. Jahrhunderts (von denen vier noch leben und arbeiten) zum Thema »Träume«. Der große Per Nørgård aus Dänemark ist mit zwei längeren Kantaten vertreten: »Drømmesange« (»Traumgesänge«, 1981) macht den angemessen eindringlichen Anfang, worauf ein recht frühes Stück (1968) von Helmut Lachenmann, »Consolidation II« folgt, das die Atmosphäre einmal komplett herumreißt und wie eine Zeitreise in eine lange vergangene (musikalische) Epoche anmutet, Stimmexperimente mit extrem fragmentiertem mittelalterlichen Text (»Wessobrunner Gebet« aus dem 8. Jahrhundert, dem ältesten christlichen Text in deutscher Sprache) - auch wenn die Sechzigerjahre so lange doch noch gar nicht her sind.

Nur ein Jahr zuvor schrieb Alfred Janson sein ätherisch-ominöses »Nocturne« (zu einem Text aus Nietzsches »Also sprach Zarathustra«), das einen doppelten Chor um zwei Celli, eine Harfe und zwei Schlagzeuger erweitert. Janson nutzt Sprache ähnlich als Klangmaterial wie Lachenmann - in vielseitiger Weise, fern vom klassischen Gesang - doch seine Musik ist weitaus zugänglicher, unter anderem aufgrund neoromantischer Elemente.

Ebenfalls aus derselben Zeit stammt Iannis Xenakis' »Nuits«, nach verschiedenen »toten« Sprachen (wie dem Sumerischen und Assyrischen), weshalb das knapp neunminütige Werk in etwa auf der experimentellen Linie von Lachenmanns »Consolidation II« zu verorten ist und somit die sperrigsten Akzente in diesem gut einstündigen Programm setzt. Hier ist die reine Sprache, jenseits von Bedeutungen als fast rauschhaft kosmische Erfahrung ausgearbeitet.

Die eindringlichsten und überzeugendsten Stücke (unter durchweg sehr gelungenen Einspielungen) sind jene beiden von Nørgård und das abschließende »Nuits, Adieux« von Kaija Saariaho. Beider Werke faszinieren nicht zuletzt durch ihre Anspielungen in Text und Komposition und den doppelbödigen Bezügen von Zeit und Erinnerung, von Traum und Realität. (ijb)

Mit folgenden Werken:
Per Nørgård: »Drømmesange« (1981) · »Singe die Gärten, mein Herz« (1974)
H
elmut Lachenmann: »Consolation II« (»Wessobrunner Gebet«) (1968) 

Alfred Janson: »Nocturne« (1967) 

Kaija Saariaho: »Überzeugung (2001)« · »Nuits, adieux« (1991/96) 

Iannis Xenakis: »Nuits« (1967–68)



Siehe auch:
Nystedt / Bach – Meins Lebens Licht
Refractions - Chorwerke von Valen, Berg, Messiaen, Webern


Per Nørgård: As Dreams – Choral Music

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Danish String Quartet: Thomas Adès / Per Nørgård / Hans Abrahamsen
Rune Tonsgaard Sørensen, Frederik Øland: Violine · Asbjørn Nørgaard: Viola · Fredrik Sjölin: Violoncello
(2016, ECM New Series 2453, Einspielung: Mai 2015)

Das junge Danish String Quartet hat sich über die letzten paar Jahre international einen Namen gemacht und eine Reihe hörenswerter CDs bei verschiedenen Labels veröffentlicht; darunter skandinavische Volksmusik und eine zweiteilige Kompletteinspielung der Quartette von Carl Nielsen (dacapo) sowie Klassiker von Brahms und Haydn. Nicht zu verwechseln ist das Ensemble mit dem Danish Quartet, das in den Neunzigerjahren unter anderem hervorragende Einspielungen von Gubaidulina und Hindemith bei cpo vorgelegt hat.

Für ihr ECM-Debüt, das im Mai 2015 mit Manfred Eicher in Neumarkt in der Oberpfalz eingespielt wurde, entschieden sie sich für ein spannendes Programm dreier zeitgenössischer Komponisten unterschiedlicher Generationen. Und allen dreien wurde nicht lange vor Veröffentlichung der CD besondere Aufmerksamkeit durch renommierte internationale Preise zuteil.

Die das Album bildenden Werke sind gewissermaßen, also dem Datum nach, nicht ganz so zeitgenössisch wie ihre jeweiligen Urheber. Was die drei indes verbindet, ist dass es sich um jeweils die erste Arbeit für Streichquartett des zum Entstehungszeitpunkt eines 20-jährigen Komponisten vor dem Durchbruch handelt. Das jüngste Werk – das erste auf der CD – stammt zugleich vom jüngsten Künstler: »Arcadiana« in acht Sätzen schrieb der 1971 in London geborene Thomas Adès im Jahr 1994. Er zählt zu den herausragenden Komponisten der britischen Inseln, nicht zuletzt seit sein Werk von Simon Rattle gefördert wurde, etwa beim Antrittskonzert bei den Berliner Philharmonikern im Jahr 2002. Adès wurde unlängst der dänische Léonie-Sonning-Musikpreis zugesprochen, was eine von mehreren Verbindungen mit den beiden dänischen Kollegen dieses Programms bildet. In den lesenswerten und erhellenden Liner Notes erläutert Paul Griffiths die Bezüge des Titels, wie Adès' Musik nationale Grenzen obsolet macht und mit welchen kompositorischen Stilmitteln er sich mit den beiden Dänen verbindet.

Von diesen überaus faszinierenden, aber keineswegs unmittelbar einnehmenden, an Schatten und Schattierungen, Verweisen und Verwandlungen reichen zwanzig Minuten geht der Weg zum 1932 geborenen Per Nørgård, der 2016 mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis ausgezeichnet wurde (den Léonie-Sonning-Musikpreis erhielt er zwanzig Jahre zuvor, und den Musikpreis des Nordischen Rats bereits 1974). Sein kontrapunktisches »Quartetto Breve« (1952) besteht aus nur zwei Sätzen und erzählt alles in gerade mal sieben Minuten, was ein wenig an Schostakowitschs kürzeste (und heiterste) Werke des Genres denken lässt. Nørgård, der später einen Platz als einer großer Sinfoniker des Jahrhunderts einnehmen sollte, knüpft hier zarte Bande mit dem damaligen Modernismus, teils unter dem Einfluss seines damaligen Lehrers Vagn Holmboe, teils wahrscheinlich auch vom wenige Jahre zuvor verstorbenen Bartók fasziniert. Wer Nørgård heute vor allem für seine Großwerke kennt und schätzt, sollte unbedingt diesem eher unbekannten, feinen Jugendstück besondere Aufmerksamkeit schenken.

Ein Schüler Nørgårds war der 1952 in Kopenhagen geborene Hans Abrahamsen, der häufig zur »Neuen Einfachheit« gezählt wird, was sich in seinen schlicht und fast minimialistisch anmutenden »10 Preludes« aus dem Jahr 1973 widerspiegelt. Ihm wurde wurde 2016 der renommierte amerikanische Grawemeyer Award verliehen (den Adès bereits im Jahr 2000 erhielt), im besonderen für seinen Liedzyklus »let me tell you«, der auf Paul Griffiths' Novelle basiert und beim Online-Klassikmagazin Musicweb International zum Album des Jahres gekürt wurde. Auch hier, in dem kaleidoskopartig schillernden Streichquartett, lässt sich in zehn lebhaften Miniaturen die Neugier eines jungen Talents erleben, das in Skandinavien längst hoch geschätzt (siehe z.B. die ebenfalls 2016 veröffentlichte CD »AIR« von Frode Haltli), hierzulande jedoch noch zu wenig beachtet wird.

Im Meer der laufend den Markt schwemmenden Streichquartett-CDs besticht dieses kraftvoll dichte und mit einer Dreiviertelstunde erfrischend kompakte Album mit höchster Individualität und lädt leidenschaftlich ein, Horizonte zu erweitern, statt immer nur auf die üblichen und bekannten alten und neuen Klassiker zu bauen. Hoffentlich folgen noch weitere Einspielungen von solch konkurrenzlosem Format. (ijb)

Mit folgenden Werken:
Thomas Adès (*1971): »
Arcadiana« für Streichquartett, op.12 (1994)

Per Nørgård (*1932): »
Quartetto Breve« (Streichquartett Nr.1, 1952)
Hans Abrahamsen (*1952): »
10 Preludes« (Streichquartett Nr.1, 1973)



Siehe auch:
Frode Haltli: Sørensen / Abrahamsen
Danish String Quartet: »Last Leaf«


Per Nørgård: Danish String Quartet: Thomas Adès / Per Nørgård / Hans Abrahamsen

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Per Nørgård: Symphonies 1 & 8
Wiener Philharmoniker · Sakari Oramo
(SACD, 2016, dacapo/Naxos 6.220574, Einspielung: Mai 2013)

Es ist schon einmal nicht die übliche Wahl, bei einem Zyklus der Sinfonien eines Komponisten die erste und die letzte zu kombinieren, doch wie man an dieser CD sieht, dürfte es gerne weitaus häufiger gemacht werden. In diesem Fall stellt man fest: Die ältere, zwischen 1953 und 1955 verfasste »Sinfonia austera« (»Strenge Sinfonie«) klingt, zumindest auf den ersten »Blick«, trotz Bezug zu Sibelius deutlich neutönender als die achte, die einen viel klassischeren, altmeisterlichen Gestus trägt.

Wie es scheint, war diese Achte, 2010/11 entstanden, mit ein Auslöser dafür, dass Per Nørgård unlängst den renommierten, mit 250.000 Euro dotierten »Ernst von Siemens Musikpreis« erhielt. In den mehr als 40 Stiftungsjahren ist er damit der erste nordische Komponist, was bei den herausragenden Namen, die den Preis bislang erhielten, doch einiges aussagt – sowohl über die Rolle, die nordischen Komponisten in Mitteleuropa zugeschrieben wird als auch über den Status, den der 83-jährige Däne also derzeit einzunehmen scheint. So ist es besonders erfreulich, dass diese Einspielung nicht, wie die übrigen der Dacapo-Reihe, von einem skandinavischen Orchester, sondern von den Wiener Philharmonikern vorgenommen wurde – ein Mitschnitt ihrer Welturaufführung.

Die CD liefert tatsächlich eine hervorragende Einführung in Nørgårds Schaffen als einem der prägnantesten Sinfoniker der Gegenwart. Ob die Sinfonie als Ausdrucksform nicht ausgedient habe, wird gelegentlich gefragt. Warum sonst sollten Orchester in aller Welt vorrangig die alten Sachen früherer Jahrhunderte spielen, von Mozart über Mahler bis hin zu Schostakowitsch...? Welcher lebende Komponist könne diesen Klassikern etwas Nennenswertes hinzufügen? Nørgård kann, und auch wenn er den Einfluss von Sibelius selbst nicht verheimlicht, so fand er doch stetig einen ganz individuellen Ausdruck, der das Publikum ähnlich stark anzusprechen vermag wie der seiner großen Vorgänger.

Die erste Sinfonie war zwar bereits 1955 vollendet, wurde jedoch erst acht Jahre später im Konzert aufgeführt, nachdem sich Nørgårds Interesse bereits hin zu avantgardistischeren Gefilden Mitteleuropas verschoben hatte. Der Ersten hört man Einflüsse aus Sibelius’ Spätwerk an, an dem Nørgård sich zeitlebens immer wieder orientierte; man kann »Tapiola« oder die siebte Sinfonie durchschimmern hören, doch die Nachkriegszeit hatte bereits ihre Spuren hinterlassen: Die jugendliche »Strenge Sinfonie« ist geprägt von Spannungen und dunkler Atmosphäre, und insgesamt prägen die drei Sätze, ungeachtet der vielschichtig orchestrierten Klangfarben, so manche kraftvolle Reibungsfläche.

Fast sechs Jahrzehnte später erkennt man die reichen Orchesterarrangements in der Achten sofort wieder, doch die Stimmung ist eine viel gelöstere, wärmere. Eine ambivalente Grundstimmung ist indes geblieben, aufgeladen von Rhythmen, die übereinander geschichtet und miteinander verzahnt sind. Zum Ende lässt sich sogar eine Parallele zum Tohuwabohu, in dem Nørgård zwanzig Jahre zuvor seine triumphale fünfte Sinfonie enden ließ, ausmachen. Bei der achten Sinfonie handelt es sich um Nørgårds bislang letztes Großwerk, das Laudator Karl Aage Rasmussen in seinem Essay als »vielleicht die subtilste, farbigste und am häufigsten überraschende von allen [Sinfonien Nørgårds]« umschreibt. »Wie so oft und so vielfältig zuvor, scheinen einzelne Melodielinien sich auszubreiten und widerzuhallen in einer funkelnden, vibrierenden Klanglandschaft.«

Sakari Oramo hat mit den Wiener Philharmonikern eine zeitlose Interpretation vorgelegt, die so bald nicht übertroffen werden wird. Gleichwohl bleibt zu hoffen, dass viele Dirigenten und Orchester die Herausforderung annehmen. (ijb)

Mit folgenden Werken:
· Sinfonie Nr.1 »Sinfonia austera« op.13 (1953-56)
· Sinfonie Nr.8 (2010-11)



Siehe auch:
Sakari Oramo dirigiert Anders Hillborg
Oramo & Batiashvili: Magnus Lindberg

Oramo & Ylönen: Joonas Kokkonen

Sebastian Fagerlund


Per Nørgård: Per Nørgård: Symphonies 1 & 8

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Per Nørgård: Symphonies 2 & 6
Oslo Philharmonic (Oslo-Filharmonien) · John Storgårds
(SACD, 2016, dacapo/Naxos 6.220645, Einspielung: Mai/Juni 2015)

Es ist nicht einfach, ins Œuvre Per Nørgårds einzuführen, weil der Kopenhagener in den über 60 Jahren seines kreativen Schaffens zu einem der »ganz Großen« der Neuen Musik geworden ist. In seinem Heimatland ist ihm die Anerkennung längst zuteil, doch international, im Besonderen außerhalb der nordischen Länder, wurde sein Werk bis zuletzt eher stiefmütterlich wahrgenommen und gespielt. Dacapo bemüht sich seit Jahren mit großem Engagement, diesem Missverhältnis Abhilfe zu schaffen, veröffentlichte zahllose CDs mit Einspielungen vieler seiner Werke, bis hin zu dieser (bis dato) vollständigen Reihe seiner acht Sinfonien. Zu diesem Anlass wurde John Storgårds, seit gemeinsamer Arbeit beim finnischen Avanti! Summer Sounds 1999 mit dem Komponisten befreundet, mit der Einspielung der Sinfonien Nr. 2, 4, 5 und 6 beauftragt. Alle vier entstanden im Mai und Juni 2015 in der Oper Oslo mit dem Nationalorchester Oslo Philharmonic (Oslo-Filharmonien) und dem Produzenten Preben Iwan.

Auf dem Rückcover der CD wird Nørgårds zweite Sinfonie aus dem Jahr 1970 (mit Änderungen 1971) als »fast psychedelisch« beschrieben, was insofern ein wenig irreführend ist als dies keine schlechte Umschreibung für fast alle seine Sinfonien sein könnte. In der Zweiten vertiefte Nørgård »In einem Satz« seine Beschäftigung mit der »melodischen Unendlichkeitsreihe« (»infinity series«), die er 1968 mit »Voyage into the Golden Screen« für sich entdeckt und ausformuliert hatte. So gesehen ist die Zweite eine weitaus moderne Sinfonie als die Erste, da sie sich als einsätziges Orchesterstück völlig von den drei oder vier Sätzen der »klassischen« Sinfoniestruktur löst. In der Dritten und relativ kurzen Vierten wählte Nørgård jeweils eine zweisätzige Struktur, wobei er sich langsam aber sicher einer scheinbar satzlosen Form annäherte, da später, speziell ab der Fünften, alle Sätze eng miteinander verzahnt sind.

Die »Unendlichkeitsreihe« erklärt Karl Aage Rasmussen in seinem Essay für die Ernst von Siemens Musikstiftung folgendermaßen: »Das Prinzip ähnelt einer chinesischen Schachtel: Man findet immer wieder die gleichen Formen, groß und klein, in einander und in sich selbst eingebaut [...]. Die Strukturen entfalten sich auf verschiedenen Ebenen, beziehen sich aber stets aufeinander in einem endlosen Netzwerk – unendlich einfach, doch mit unendlich komplizierten Ergebnissen, genau wie in der Natur.« Nicht ganz einfach zu begreifen, zumal für den Nichtfachmann, doch entwarnend sei gesagt: Den großen, mitreißenden Fluss der Sinfonie Nr. 2 kann man gänzlich unintellektuell und ohne theoretisches Vorwissen wunderbar erfahren, in diesem Fall dank John Storgårds.

Ganz anders als die schwebende zeitgenössische Zweite präsentierte Nørgård Ende 1999 mit der Sechsten seine vielleicht »klassischste« Sinfonie in drei Sätzen. Der Titel »Am Ende des Tages« verweist weniger auf einen werkbezogenen oder biografischen Abschluss als vielmehr darauf, dass das Werk zum neuen Millennium verfasst wurde, als Auftragswerk von den drei nationalen Sinfonieorchestern in Dänemark, Schweden und Norwegen. Ein Neuanfang also; das Ende kommt nämlich gar nicht. In Rückbesinnung auf die Drei-Satz-Struktur (im Untertitel »Drei Passagen für großes Orchester«) bietet die Sechste eine rastlose Wundertüte an Orchesterfarben und Rhythmen, in der jeder Satz auch ein eigenes Werk sein könnte. Doch wie eingangs gesagt: Es ist alles andere als einfach, komplexes Nørgårds Schaffen in wenigen Worten zu umreißen. Treffend sagt der Komponist selbst (über seine Achte): »Es ist eine Musik, bei der man sich an nichts festhalten kann. Man findet es auf dem Weg.« (ijb)

Mit folgenden Werken:
· Sinfonie Nr.6 »At the End of the Day« / »...når kommer til alt...« (1999)
· Sinfonie Nr.2 – In einem Satz (1970/71)



Siehe auch:
John Storgårds mit Truls Mørk: Hallgrímsson
Storgårds & Kammerorchester Lapland: Nordgren u.a.

Storgårds & Avanti!: Hämeenniemi


Per Nørgård: Per Nørgård: Symphonies 2 & 6

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Per Nørgård: Symphonies 4 & 5
Oslo Philharmonic (Oslo-Filharmonien) · John Storgårds
(SACD, 2016, dacapo/Naxos 6.220646, Einspielung: Mai/Juni 2015)

Der Dirigent John Storgårds kommentiert seine Verehrung für Per Nørgård folgendermaßen: »Ich kann ohne jeden Zweifel sagen, dass Nørgård in meinen Augen der größte Sinfoniker unserer Zeit ist. All seine Sinfonien sind einzigartige, konzentrierte Meisterwerke. Jede einzelne besitzt eine vollkommen unverwechselbare, kristallklare Logik, die sich von den übrigen auf eine Weise unterscheidet, wie es vor Nørgårds nur Sibelius' Sinfonien erreichten.« Große Worte, doch Storgårds aktuelle Einspielungen mit dem Oslo Philharmonic bieten die Möglichkeit, dies ohne Probleme auf Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Mit der 1981 entstandenen Vierten und der knapp zehn Jahre später, nach einer zugunsten anderer Ausdrucksformen eingelegten Sinfonie-Pause, uraufgeführten Fünften legte Nørgård zwei seiner wohl dramatischsten Kompositionen vor. Während die Vierte vom Schaffen des schizophrenen Schweizer Künstlers Adolf Wölfli (1864-1930) inspiriert wurde, dessen »Indischer Roosen-Gaarten und Chineesischer Hexen-See« die Sinfonie und ihren beiden Sätze betitelte, nimmt die über mehrere Jahre entstandene, anlässlich des 125. Geburtstags von Sibelius und Nielsen komponierte Sinfonie Nr. 5 über 36 Minuten eine gigantische, gefühlt monolitisch ununterbrochene Ein-Satz-Form an.

Beide Werke sind insofern typisch für Nørgårds Orchesterschaffen als sie zu einer delirierenden Gesamtform streben, zwischen durch alle Orchestersektionen stiebender, rastloser Erzählung und latent chaotischer Subjektivität, wie es in dieser gleichermaßen zugänglichen, von neoklassischer Tradition (Sibelius, Nielsen) wie von vorwärtsdenkenden postmodernen Strömungen (Neue Musik nach 1950) gespeisten Elementen außer dem Dänen in der Tat wohl niemand versucht und ausgeführt hat. Die von Grund auf überzeugte, in jedem Moment konzentrierte Herkulesaufgabe, nicht nur die Vierte und Fünfte, sondern zeitgleich auch noch die zwar verwandten, aber doch deutlich anders ausgestalteten Sinfonien 2 und 6 zu durchdringen und in Form von Referenzeinspielungen festzuhalten, unterstreicht John Storgårds Position als großen Künstler.

So bedauerlich wie unverständlich ist nur, dass, wie auf der CD »Symphonies 2 & 6«, die Werke nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern »verkehrt herum« zu hören sind. In beiden Fällen folgt somit auf ein großes, ambitioniertes Opus ein eher kleines und vor allem kürzeres früheres Werk. Dies erzeugt auf beiden CDs einen antiklimaktischen Effekt, und speziell bei dieser CD wirkt dies absolut nicht zum Vorteil der Dramaturgie und vor allem der jüngeren Sinfonie. Wer einen programmierbaren CD-Spieler hat, ist daher gut beraten, die CD-Titel anders herum einzustellen. (ijb)

Mit folgenden Werken:
· Sinfonie Nr.5 (1987-90, rev. 1991)
· Sinfonie Nr.4 (1981)

Per Nørgård: Per Nørgård: Symphonies 4 & 5



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