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Polarzoo-Festival: Einmal quer durch Skandinavien


Moers Festival: Skandinavischer Pausengong

Mit Mugison, Scorch, The Thing, Susanna & The Magical Orchestra,
Arve Henriksen, Nils Petter Molvær

2. - 5. Juni 2006, Moers
Ein Konzertbericht von Sebastian Pantel

Moers Jazzfestival

Tatort: blaues Zirkuszelt im Moerser Stadtpark
Tatverdächtige: Musiker aus aller Welt, auffallend viele von ihnen aus dem Norden Europas
Tatzeit: 4 Tage über Pfingsten
Tat-Zeugen: gut situierte Studienräte, zottelige Alt-Freejazzer, Nerds, Großfamilien, Jung und Alt zwischen 8 und 88

Mugison

Ein-Mann-Show Mugison

Mugison


Vieles ist in diesem Jahr anders geworden beim Moers Festival. Es hat einen neuen Leiter, Reiner Michalke. Es heißt jetzt »Mœrs Festival« mit Ligatur. Es hat jetzt einen Pausengong aus Eis und Trompete. Und es hatte diesmal einen deutlichen Schwerpunkt: Musik aus Skandinavien.

Das liegt nahe – hat sich doch der Norden in den letzten Jahren als Europas spannendste Region erwiesen, wenn es um die Weiterentwicklung einer Musik geht, die inzwischen mit Einzelbegriffen wie Jazz, New Jazz, Acid Jazz, Improvisation, Elektronik oder Noise immer nur halb zutreffend beschreibbar ist.

Zum Beispiel Mugison. Der bärtige Isländer, eigentlich eine Ein-Mann-Show mit Gitarre, Elektronikgerät und Reibeisenstimme, stand diesmal mit Bassist Guðni und Drummer Addi auf der Bühne. Scheinbar ist es Bluesrock, was er da macht, treibend und rau und gradlinig, mit der passend röhrenden Stimme.

Raoul Björkenheim

Raoul Björkenheim und Scorch

Aber dann, bei »Sad As A Truck« etwa, dreht er an den Knöpfen, und es rauscht und knarzt und fiepst fies elektronisch – bei der Zwischenmoderation bedankt sich Mugison dann auch brav bei den deutschen Musik-Software-Programmierern. Ein neuer Song, und der klingt verdächtig nach Placebo, nur besser.

Und wieder neu: Die Band spielt schmalzigen Elvis-Sound, Mugison grunzt und grölt einen Balladentext darüber wie der düsterste finnische Metaller. Irgendwie hat das alles den Blues in sich, ist aber so energetisch bekloppt und unvorhersehbar, dass es ein Spaß ist.

Scorch Thing = Scorch & The Thing


Oder Scorch Thing. Hier ist ein bisschen Kopfrechnen nötig: Zwei Bands treten gemeinsam auf, jede besteht aus drei Musikern, und das macht in der Summe vier. Klingt komisch, ist aber so. Denn die beiden Norweger Ingebrigt Håker Flaten (Bass) und Paal Nilssen-Love (Drums) spielen als Rhythmusgruppe in beiden Bands: Scorch des Finnen Raoul Björkenheim (Gitarre) und Thing des Schweden Mats Gustafsson (Saxophon). Zusammen schaffen sie es, einen Großteil der Zuhörer aus dem Zelt auf die Festivalwiese flüchten zu lassen: mit einer Dreiviertelstunde gröbstem Instrumental-Noise.

Der Wuppertaler Freejazz-Veteran und Festival-Urgestein Peter Brötzmann hatte zwei Tage zuvor schon die Trommelfelle ordentlich bearbeitet, aber gegen die gesamtskandinavische Scorch Thing-Fraktion war das schönstes Easy Listening. Bass und Schlagzeug der norwegischen Rhythmusgruppe lassen das Fundament bedrohlich rumpeln, die Soli der beiden Frontmänner sägen und kreischen unter Dauerstrom.

Susanna Wallumrød

Zauberin Susanna Wallumrød

Selbst den fiesen Rückkopplungston mittendrin hätte man für Absicht gehalten, wenn sich Björkenheim hier nicht selbst die Ohren zugehalten hätte – da meinte es die Tontechnik etwas zu gut. Insgesamt aber legte die Scorch Thing-Kooperation einen großartigen Auftritt hin, nachdem die wenigen Verbliebenen ebenso erschöpft wie selig zur Erholung aus dem Zelt in die Sonne torkelten.

Susanna & The Magical Orchestra


Festivalleiter Reiner Michalke hat sein erstes Moers-Programm so gestrickt, dass es über weite Strecken dem Motto »größtmöglicher Kontrast« folgt – von der hoch qualifizierten Hörerschaft in Moers überwiegend dankbar und begeistert angenommen. Einer dieser Kontraste folgte nach dem Scorch Thing-Gewitter mit Susanna And The Magical Orchestra. Dahinter verbargen sich die jüngsten Teilnehmer des Mœrs Festivals 2006, die Norweger Susanna Wallumrød und Morten Qvenild. Sie singt, er spielt an Tasten und Knöpfen das magische Orchester – Schichten weicher Daunendecken aus Klang, über die sie wunderschöne, melancholische und bitterböse Balladen singt. Der Auftritt, ebenso anrührend schlicht wie bewundernswert perfekt, ist tatsächlich Zauberei: ein Song zarter als der andere, ohne dass Langeweile aufkäme. Das Programm ist auf der Debüt-CD der Beiden nachzuhören: »LIST OF LIGHTS AND BUOYS«, wärmstens empfohlen für ruhige Stunden.

Arve Henriksen

Arve Henriksen


In Moers gesellte sich Arve Henriksen zu den beiden Nachwuchstalenten. Er strickte mit seiner Trompete feine Schleier um deren intime Musik. Reiner Michalke hat Henriksen zum ersten »Artist in Residence« nach Moers berufen, auch das eine Neuerung unter seiner Leitung.

Morten Qvenild

Morten Qvenild = Magical Orchestra

Die Wahl des Norwegers begründet der kalkulierende Programmmacher ganz offen damit, dass ihn der Sound »vorbei an meiner beruflich bedingten Abgebrühtheit mitten ins Herz« getroffen habe. Das nachzuvollziehen, diesen typisch norwegischen Mut zu musikalischer Schlichtheit und Schönheit, diese Musik, die voller Leerstellen und Eiseskälte ist und trotzdem so tief emotional, hatte das Publikum gleich dreimal die Möglichkeit.

Nach der perfekt konzipierten Eröffnungs-Performance »FLY«, konzipiert von Klangforscher Terje Isungset, und ergänzt durch Jan Bangs und Helge Stens sezierte Elektronik-Sounds sowie Dhafer Youssefs Oud, spielte Henriksen das letzte Set am Samstagabend zusammen mit Bang und Audun Kleive (Percussion) – siehe Foto ganz unten. Ganz in kaltes Blau getaucht spielten sie ihre Musik, die auf optische Metaphern baut: Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Transparenz und Undurchsichtigkeit. So statisch diese Musik auch ist, bestehend aus kühlen Flächen und komplexen Schichtungen, so lebendig ist sie auch.

Henriksen spielt und atmet verhalten ins Mikrofon, singt archaischen Obertongesang und bricht in naives Juchzen aus. All das schickt Bang durch seine Effektmaschinen und gibt es geschreddert, verdichtet, zerdehnt und verhallt wieder in die Klangarchitektur zurück, die Sounds verbinden sich zu einem organischen Fluss, der jedes Zeitgefühl beim Hören auflöst und, trotz aller krassen Fremdartigkeit, einfach nur wunderschön ist.

Mats Gustafsson

Unter Dauerstrom: Mats Gustafsson

Allerdings entpuppt sich bei diesen nordischen Stille- und Zerbrechlichkeitsstudien das ansonsten bestens beschallte Festivalzelt als suboptimal. Nie kommt rechte Ruhe auf, das Publikum läuft hinein und hinaus über knarzende Holzbohlen. Vielleicht wäre es in Zukunft angebracht, für Sets dieser Art das Zelt zu schließen. Denn dass alle pünktlich zu Beginn auf ihren Plätzen sein konnten, dafür sorgte ein Pausengong, den Arve Henriksen und Terje Isungset aus Trompeten- und Eispercussion-Klängen gebastelt haben. Der hat sich nach vier Tagen so eingeprägt, dass er nun auf vielfachen Wunsch zum Download bereit steht, als Wecker am Morgen oder, wer weiß, sogar als Handy-Klingelton (www.moers.de/festival)

Nils Petter Molvær


Wer natürlich nicht fehlen darf, wenn es um norwegischen Jazz geht, ist Nils Petter Molvær. Er ist inzwischen auch hierzulande kein Niemand mehr, entsprechend rappelvoll war das Zelt zu seinem Auftritt am Sonntag. Der war eine Premiere, hatte sich Molvær doch als Wunschpartner den Bassisten Bill Laswell gewünscht, jenen großen Experimentator in Sachen Funk und Dub. Beide brachten geschätzte Kollegen mit: Molvær seinen Gitarristen Eivind Aarset, Laswell den Drummer Hamid Drake und den Ausnahme-Perkussionisten Aiyb Dieng. Die Norweger fabrizieren in dieser Zusammensetzung ihren typisch unterkühlten Sound, basierend auf den wenigen charakteristischen Motiven, die man bei Molvær auf jeder CD und in jedem Konzert wiedererkennt.

Ingebrigt Håker Flaten

Bedrohliches Rumpeln:
Ingebrigt Håker Flaten

Zunächst scheint dies überhaupt nicht zu den satten, überwertigen Dubs von Laswell zu passen – bis man sich eingehört hat. Dann werden Bass und Drums zum Basis-Puls, der die filigranen Sounds der Trompete trägt. Dieng fungiert dabei als Vermittler zwischen den Ebenen, er strickt mit Gongs und Rasseln, Bongos und Glocken den erdigen Bass-Groove mit den schwerelosen Trompeten-Flächen zusammen. Und auch Aarset entpuppt sich plötzlich als begabter Blues-Gitarrist, selbst wenn seine Soli natürlich immer eine Spur frickelig und haltlos flächig bleiben. In den ausgedehnten Improvisationen wird es sowieso am Deutlichsten: Hier begegnen sich Weltklasse-Musiker auf Augenhöhe. So feiert die Zuhörerschaft, obschon verwöhnt von einem extrem hochwertigen Festival-Programm, diesen Auftritt mit stehenden Ovationen.

Das Fazit: Eingebettet in ein bis auf ganz wenige Ausnahmen großartiges Programm aus ungarischem Freejazz und Balkan-Beats, Slayer-Bigband und Sologrößen wie Matana Roberts und Dewey Redman, bildet der nordische »Jazz« (im weitesten Sinne) den roten Faden in Moers 2006. Unter Michalkes Leitung geht das Festival weg vom Weltmusik-Schwerpunkt hin zum Experimentellen und Unerhört-Neuen der Improvisierten Musik, und holt dabei die Skandinavier logischerweise ins Boot. Denn was derzeit im Norden heranwächst, könnte die Musik der Zukunft sein.

Ob die dann noch »Jazz« heißen wird, ist die Frage. Dass sie auf jeden Fall spannend und begeisternd und »neu« sein wird, das haben die Skandinavier dieses Jahr in Moers mal wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

© 2006 Text und Fotos: Sebastian Pantel


Audun Kleive, Arve Henriksen, Jan Bang


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