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Polarzoo-Festival: Einmal quer durch Skandinavien


Moers Festival: Pioniere aus Skandinavien

Mit u.a. Ultralyd, Eldbjørg Raknes & TINGeLING, Humcrush & Sidsel Endresen, The Thing, Mikko Innanen & Innkvisitio

25. - 28. Mai 2007, Moers
Ein Konzertbericht von Sebastian Pantel

Moers Jazzfestival

Tatort: blaues Zirkuszelt im Moerser Stadtpark
Tatverdächtige: Musiker aus aller Welt, auffallend viele von ihnen aus dem Norden Europas
Tatzeit: 4 Tage im Mai
Tat-Zeugen: gut situierte Studienräte, zottelige Alt-Freejazzer, Nerds, Großfamilien, Jung und Alt zwischen 8 und 88

Ultralyd

Ultralyd

Kontrast


Asien, Europa, New York – und Skandinavien: Hierher kommen die aktuellen Trends der improvisierten Musik, wenn man den Machern des Moers Festivals folgen mag. Das Programm, das Reiner Michalke für Moers 07 konzipiert hat, setzt auf größtmöglichen Kontrast, auf Heftiges neben Stillem, auf Abstraktes gleich nach Eingängigem, ebenso auf kopflastiges wie auf triebgesteuertes Improvisieren. Dass all das längst kein »Jazz« mehr ist, dass sich die Kategorien und Schubladen auflösen und ihre Inhalte immer neu durcheinanderstreuen, das zeigten neben den Schwerpunktbeiträgen aus Japan und China vor allem die skandinavischen Formationen.

Ultralyd


Ultraschall ist eigentlich nur was für Fledermäuse, ein Ortungssignal in der Dunkelheit, für den Menschen unhörbar. Ultralyd aus Norwegen setzt diese unmenschliche Akustik in hörbare Signale um, doch die behalten die kalte und fremdartige Faszination der nächtlichen Fledermauswelt. Anders Hanas Gitarre und Kjetil D Brandsdals Bass erzeugen, mit Bögen gestrichen und über eine Reihe von Effektgeräten abgenommen, wabernde und bedrohliche Flächen, die alle Ansätze von Melodie in eine sehr eigene Art von düsterem Ambient auflösen.

Ultralyd

Kjetil Møster

Auch Kjetil Møster lässt auf dem Saxophon keine Melodien zu; mit abgeschraubtem Mundstück webt er Geräuschhaftes in die elektronischen Teppiche ein, oder er nutzt das eigentlich so warm klingende Instrument als pochende Rhythmusmaschine. Dann korrespondiert er mit Schlagzeuger Morten J Olsen, der nach Beckenzischeln und grummelnden Wirbeln auf einer Großen Trommel immer wieder einen harten, trockenen Beat aufbaut, der seltsam unverbunden mit den anderen Instrumenten die flächigen Klänge zerhackt.

Es passt, wie die vier ihre Musik durch eine Bühnenpräsenz unterstreichen, die kaum introvertierter sein könnte: die Augen geschlossen oder auf den Boden gerichtet, aufeinander lauschend, ein verschworener Zirkel, der das Publikum außen vor lässt und gerade dadurch eine unbehagliche Spannung aufbaut. Die entlädt sich dann in Noise-Attacken, in trotzigen Schlägen, die von Dingen wie Songstruktur, Melodie, Dramaturgie und Beat nur noch Trümmer übriglassen. Ultralyds Musik operiert an den Grenzen von Musik, ist ein oft grabesschwerer Abgesang, der sich mit den Resten und Brocken seiner selbst beinahe erstickt.

Damit schlagen die Norweger eine Brücke zwischen zahlreichen anderen Beiträgen des Festivals, die sich ebenso diesseits und jenseits der Hörgrenzen herumtreiben: von Anthony Braxtons hoch artifiziellem Freejazz-Gebilden zu den harschen Noise-Gewittern von Keiji Haino und Merzbow zum Beispiel, oder von der hochenergetischen Improvisation von Gitarrist Olaf Rupp und Drummer Shoji Hano zu den symphonisch aufgetürmten Krach- und Schrei-Wällen des Duos Fennesz & Mike Patton. Programmatisch also war Ultralyd am ersten Festivaltag genau richtig platziert.

Eldbjørg Raknes

Eldbjørg Raknes

Eldbjørg Raknes


Wo Ultralyd musikalische Strukturen auflösen, indem sie sie zerschlagen, erreicht Sängerin Eldbjørg Raknes mit ihrer Gruppe TINGeLING einen ganz ähnlichen Effekt mit der gegenteiligen Herangehensweise. Die Norweger nämlich verknüpfen Elemente von Blues und Wave, Ambient und Noise mit Texten von Paul Celan und James Joyce. Daraus entsteht eine ebenso nordische wie assoziationsreiche Musik, die einen alle paar Minuten andere Bezüge herstellen lässt: zu Sigur Rós und Björk, zu Radiohead und ebenfalls wie als Vorschau zum gleich danach folgenden Noise-Gipfeltreffen von Haino und Merzbow.

Die Texte funktionieren bei Raknes als Assoziationsräume, die sie immer wieder lautmalerisch in Zischen und einzelne Vokale zerlegt. Dieses engmaschige Verweben und Verknoten kippt mal ins Melancholische, mal ins Düstere, mal in orchestralen Pomp und mal ins schneidende, alle Höranker wegreißende Geräusch, das Raknes mit ihrer tiefen, warmen Stimme kontrastiert. Auf diese Weise laufen in jedem Song mindestens einmal Hörerwartungen ins Leere, was die Musik von TINGeLING ebenso fordernd wie faszinierend macht.

Humcrush


Zwischen TINGeLINGs Tingeltangel zwischen den Stilen und der eiskalt konsequenten Ästhetik des Duos Humcrush liegen wiederum Welten, auch wenn beide Bands ihre Verankerung in der norwegischen Nyjazz-Elektronik-Szene nicht verleugnen können. Ståle Storløkken, Elektroniker bei Supersilent, und Thomas Strønen, Drummer bei Food, hatten sich für ihren Moers-Auftritt Sidsel Endresen als singende Wunschpartnerin ausgesucht, und damit die wohl reflektierteste und auch kunstfertigste Vokalkünstlerin Norwegens. Und obwohl es vielleicht schwer vorstellbar ist, wie Endresens Stimme mit den technoiden, insektenartigen Sounds des Duos korrespondieren soll: aus dem Experiment wird einer der intensivsten Auftritte des gesamten Festivals.

Ståle Storløkken

Ståle Storløkken

Denn hier musizieren drei Perfektionisten und Minimalisten auf Augenhöhe. Strønen und Storløkken verstehen es nach zwei CDs und vielen Jahren gemeinsamer Arbeit perfekt, ihre Klänge zu verschmelzen – knorkige und entkernte Synthie-Sounds mit der perfekt abgezirkelten Perkussion von allerlei elektronisch verfremdeten »beateable items«, mit denen Strønen sein Drumset erweitert hat.

Die beiden Musiker kleiden sich in ein retro-futuristisches Outfit mit aufgeklebten Plastik-Neon-Streifen, und auch ihre eiskalt wummernde, klackende, fiepende und doch beängstigend präzise synchronisierte Insektenmusik scheint einem ziemlich komplizierten Elektronengehirn zu entstammen, das allerdings genauso ein Faible für Drive und Energie besitzt.

Sidsel Endresen nun lauscht sich tief und konzentriert in die tickenden Klangwüsten ein und setzt Humcrushs Ästhetik in eine Sprache um, die sich konsequent von Verständlichkeit und Menschlichkeit entfernt. Warme Melodieansätze beginnt sie hechelnd und schnalzend zu zerstückeln, bis ihre Fantasietexte klingen wie durch den digitalen Schredder gedreht.

Man mag kaum glauben, dass das Trio seine Stunde Auftritt komplett improvisiert, so dramaturgisch perfekt sind die Sessions aufgebaut, so genau und differenziert hören und reagieren alle drei auf minimalste Impulse von den Mitspielern. Als am Ende die letzte Improvisation ebenso unverhofft wie konsequent abbricht, quittiert Endresen das mit einem erstaunten Lachen und einer wegwerfenden Handbewegung: Es scheint etwas innerhalb der Musik der drei zu sein, das die Musiker treibt und dirigiert und das trotz der extremen Kontrolle nicht ganz in ihrer Hand zu liegen scheint.

The Thing

Thomas Strønen

Thomas Strønen


Den Kontrollverlust kann man auch zum Prinzip erheben. Zwei identische besetzte Trios fanden sich in Moers dazu zusammen: Zu aus Italien und The Thing aus Norwegen; letztere hatten im vergangenen Jahr schon zusammen mit der Band Scorch die Zuhörer mit ihrem Jazzpunknoise verschreckt. Diesmal jedoch wurde aus dem Blindwüten ein Battle in schönster Rap-Tradition: Band gegen Band, Drummer gegen Drummer, Sax gegen Sax, Akustik- gegen E-Bass.

Wie man die Musik nennen könnte, wissen die Bands selbst nicht so genau. Hardcore-Freejazz vielleicht? Das ist ebenso gut wie andere Schubladen, die einem eh schon nach den ersten Minuten um die Ohren fliegen. Denn was da an Druck, Drive, Spielwut von der Bühne knallt, hat ein Energielevel an der Obergrenze, das eine ganze Stunde lang nicht mehr abfällt.

Dabei ist die Musik dieser Nord-Süd-gepolten Band deutlich differenzierter als das Haudrauf von Scorch Thing: Immer wieder stampfen erbarmungslos Beats los, gepeitscht von zwei Schlagzeugen und Bässen. Darüber lassen Luca T Mai und Mats Gustafsson ihre Saxophone kreischen und röhren, knallen und quietschen. Und außerdem betätigen sie sich als Elektroniker, immer mal wieder kippt die vorangeprügelte Powermusik in statisch rauschendes, zischendes und brodelndes Noise um; die Zugabe besteht ganz und gar aus diesem geschredderten Klang. Das Gipfeltreffen der Trios wird so zu einem mitreißenden, perfekt inszenierten Über-Bord-Werfen aller Spielkultur, was das Publikum deutlich mehr begeistert als die Krachorgie des Vorjahres.

Mikko Innan & Inkvisitio

Innkvisitio

Innkvisitio


Nach dem Rohklang musste dann, dem Kontrastgebot des Festivals folgend, etwas Feines, Abgezirkeltes folgen, nach dem Rundumschlag ein Auf-den-Punkt-Bringen. Genau dieses Versprechen lösten Mikko Innanen und Innkvisitio ein, allerdings auf typisch finnische Art: verschroben und mit einem staubtrockenen Humor. Allein die Besetzung des Quartetts lässt schon verwirrt die Stirn runzeln: zwei Saxophone, Orgel, Schlagzeug.

Und auch bei der Frage nach dem Stil gerät man in Formulierungsnot. Irgendwie Jazz, das schon, aber genauso Free wie Elektro, genauso Folk wie Experimental, Calypso und Polka, Tanztee, Salonmusik, Avantgarde. All das mixen die Finnen nach rätselhaften Rezepten zu einer Mischung zusammen, die ebenso buntschillernd ist wie die psychedelischen Oberhemden von Keyboarder Kantonen und Frontmann Innanen. Holpernd schält sich da ein Humpa-Rhythmus aus Geklingel und einem atemlos rasenden Sax-Solo. Wollig wummern sehr seltsame Bassregister von der Orgel, im B-Movie-Science-Fiction-Stil.

Innkvisitio

Innkvisitio

Irgendwann fischt Innanen eine Handvoll klingenden Kinderspielzeug aus einer Tasche am Boden: Pfeifchen und Tröten, Plastiksound-Gimmicks, mit denen er ein von unendlichen Pausen durchsetztes Fiep-Solo zusammenzaubert. Genres und ihre Konventionen sind den Finnen hörbar schnurzegal, sie haben diese bei ihren Landsleuten so verbreitete Musik-Haltung konsequent bis ins Absurde weiterentwickelt. Bei den Zuhörern provoziert das immer wieder verwundertes Auflachen, wenn grad mal wieder eine Hörerwartung purzelnd zusammenbricht. Doch sollte all die Leichtigkeit, der so pokerfacige Witz nicht darüber hinwegtäuschen, dass die vier Finnen ein perfekt eingespieltes Team sind.

Skandinavien


Asien, Europa, New York – alle diese Sprünge in Ferne und Nähe haben ihre spannenden, ohrenöffnenden Momente. Und doch sind es auch in diesem Jahr wieder die Skandinavier, die dem totgesagten Jazz den Puls fühlen und mit unkonventioneller Kreativität an die Wiederbelebung des Patienten gehen. Viele Beiträge aus anderen Weltregionen sind Rückbesinnungen auf die Geschichte, Steven Bernsteins Ausflüge in die 20er etwa, oder Hiromis Hommage an atemberaubenden Fusion-Jazz.

Andere sind noch auf der Suche nach dem eigenen Beitrag zum Neuen, tastend und probierend und mit ausdrücklich beeindruckenden Resultaten, so wie Mike Patton, der sich schreiend und knöpfchendrehend von seinem Faith-No-More-Sänger-Image losreist. Die Nordländer jedoch sind schon bei sich angekommen, wie es scheint. Hinter den Genregrenzen wartet jede Menge unbesiedeltes Land. Sie sind die Pioniere.

© 2007 Text und Fotos: Sebastian Pantel


The Thing: Ingebrigt Håker Flaten, Mats Gustafsson, Paal Nilsen-Love


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