Diese Seite empfehlen Neuheiten CD-Rezensionen Service Suche Impressum


Norwegischer Abend mit Ephemera, Furia & Kaizers Orchestra

(im Rahmen von »Eine Nacht in Bochum« – eine Aktion des Radiosenders Eins Live)

13. Mai 2005, Zeche, Bochum
Ein Konzertbericht von Markus Wiludda

Kaizers Orchestra

Tatort: Spärliches Überbleibsel des Strukturwandels
Tatverdächtige: Triumvirat des »Norge«-Pops
Tatzeit: sparsam kalkulierte 40-Minuten-Sets
Tat-Zeugen: Minderjährige mit Papa, Uninteressierte und viel mehr Kaizerlinge

Ephemera

Ephemera


Nur spärlich füllte sich die Zeche, als schon pünktlich zur Radioübertragung um kurz nach acht Ephemera aus Bergen die Bühne betraten. Und das taten sie sehr souverän und gar nicht schüchtern – schließlich bringen die drei Endzwanziger die nötige Show-Erfahrung aus ihrem Heimatland mit.

Inger Lise Störksen, Christine Sandtorv und Jannicke Larsen sind dort gefeierte Popstars, hier in Deutschland allerdings bisweilen absolut unbekannt. Und so blieb auch großzügig Platz in der ersten Reihe.

Ephemera packten in den nächsten 40 Minuten luftige Liebeslieder in wohlig-kuschelige Sounds. Absolut unspektakulär, aber harmonisch schlicht und emotional leicht zugänglich. Nett eben.

Allerdings eine sympathisch und durchaus professionell vorgetragene Nettigkeit, denn der hohe Harmoniegesang, das gehallte Keyboardspiel und die leichtfüßigen Gitarrentupfer fügten sich passend in eine Stimmung der Friedfertigkeit ein.

Fast regungslos und andächtig spulten sie die Hits »Countrysong« und »Girls Keep Secrets In The Strangest Ways« der aktuellen Platte »AIR« herunter und verwiesen in charmanter Manier auf Kommendes. Allerdings hätte es dem äußerst dünnwandigen Sound auch nicht geschadet, wenn man wenigstens annähernd Bass oder Gitarrenakkorde hätte vernehmen können ...

Nur der betont coole Aushilfs-Bassist mit dem Polizei-T-Shirt störte diese wallende Wohligkeit noch aufdringlicher. Posing und Ephemera – das will einfach nicht zusammen gehören.

Furia

Furia


Posing war eher konzeptuelle Bedingung im zweiten Teil des Vorprogramms. Furia hatten im »Wie werde ich voll krass evil?«-Handbuch geblättert und – ach! - dieses quasi auswendig gelernt. Mit in Handarbeit zerrissenen Oberteilen, wild zerstrubbelten Top-Frisuren und Courtney-Love-Gedächtnis-Kleidern machte man auf sich aufmerksam.

Und was man selbst nicht schaffte, erledigten Tonnen von Accessoires: ohne Nietengürtel, Kettchen und Abzieh-Tattoos geht keine der fünf (gecasteten?) Mädels vor die Tür. Also, die Flying-V und die rosa Gitarre mit dem voll-krass-evil-Totenkopf umgehangen und losgerockt!

Und wirklich! Die fünf versprühten mit ihrem Vanilla Ninja-Rockpop Energie und Spielfreude, die ein wenig über die eher mäßig enthusiasmierenden Arrangements und Melodien hinwegtäuschten, die sich in einer penetranten Weise wie von einer Blaupause gezogen glichen. Hier noch einmal das Publikum animiert (»You're a lazy audience!«), da noch einmal gewollt den Gitarrenhals in die Luft gereckt – die Choreographen haben ganze Arbeit geleistet. Was soll man sagen? Dem Volk gefiel es. Natürlich.

Kaizers Orchestra

Kaizers Orchestra


Der betuliche Perwoll-Pop und das anschließende Trash-Theater hatten aber auch ihr Gutes: Umso mehr stieg von Song zu Song die Vorfreude auf Kaizers Orchestra, die diesen unvorteilhaft zusammengewürfelten, unstimmigen Konzertabend beenden sollten. Endlich gab es nun kein Durchkommen zum Moshpit mehr, endlich entlud sich das »Ompa«-Bedürfnis in lautstarkem Jubel über jedes aufgestellte Ölfass.

Als dann Helge »Omen« Kaizer mit seiner Gasmaske durch die wabernden Nebel stapfte, war klar: Das Publikum steht ganz im Zeichen von Mr. Kaizer, dem ominösen Logo des Sextetts aus Bergen. Mit »Ompa Til Du Dør« wird dann ein schweißgebadetes Set eröffnet – so kraftvoll wie man es von der Band gewohnt ist. Herumstreunende Polka trifft auf kabarettistische Zigeunermarschmusik trifft auf wodkagetränkte Seemannslieder.

Und die Fässer und Radfelgen sind wieder und wieder die Leidtragenden, wenn die Kaizers ihr nicht überwundenes Trauma Topfschlagen von diversen Kindergeburtstagen exzessiv ausleben. Endlich ist die Begeisterung auch im Publikum spürbar – ungestüm wird wild herumgetanzt, mitgesungen und geklatscht.

Kaizers Orchestra

Im Stechschritt, die Instrumente angewinkelt, starten die Gitaristen Geir und Terje synchron von einem Ende der Bühne zum anderen. Das Profil des Pianisten an der antiken Pfeifenorgel ist gespenstisch im Gegenlicht erstarrt. Hitchcock-like wabert das Trockeneis um die nimmermüden Füße, Gasmasken und Wehrmachtshelme. Aber es werden hier keine Militarismen gepredigt, sondern nur als düstere Staffage kontextualisiert.

Während dessen läuft der kaizersche Präzisionsmotor weiterhin auf Hochtouren und sorgt mit ganzen fünf zum zweiten Mal in Deutschland gespielten Songs aus dem kommenden Album »Maestro« für den besonderen Exklusivitätsfaktor: »Senior Flamingos Adjø« ist wohl der konventionellste und refrainlastigste aller neuen Songs, wobei »Blitzregn Baby«, »På Ditt Skift«, »Delikatessen« und besonders die kommende Single »Maestro« die Skurrilität bewahren. Wenn die mal keine Hit-Singles werden. Auf dem Mond oder so ...

Nach dem obligatorischen Gypsy-Finale als Zugabe hinterlässt die Band ein vollkommen euphorisch gekaizertes Publikum. Abschied von Gasmasken, verstörender Polka, zerbeulten Ölfässern und natürlich Mr. Kaizer, der uns noch immer noch mit überdimensionierten toten Bullaugen einer Gasmaske vom Drumkit entgegenlächelt.

© 2005 Text und Fotos: Markus Wiludda



Neuheiten | CD-Rezensionen | Artikel | Service | Suche | Impressum

Bands:    Allgemein:    Konzerte:


© 2000 - 2017, Design & Programmierung: Polarpixel