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Polarzoo-Festival: Einmal quer durch Skandinavien


Polarzoo-Festival: Einmal quer durch Skandinavien

Mit Ulpá, Mon Roe, Kometa, Joycehotel,
Low Frequency In Stereo, Sugarplum Fairy

13. Mai 2006, Schultheiss-Brauerei, Berlin
Ein Konzertbericht von Marco Pütz

Mon Roe

Tatort: Die Eingeweide der einstigen Schultheiss-Brauerei
Tatverdächtige: Neun Dänen, fünf Schweden, vier Norweger, vier Isländer und drei Finnen
Tatzeit: knapp vier Stunden variantenreicher Gitarrenlärm (exklusive Umbauphasen)
Tat-Zeugen: Viele junge Frauen und ein paar Trainingsjacken

Skandinavische Enklave


Berlin ist nicht nur größte türkische Stadt außerhalb der Türkei, sondern allem Anschein nach auch größte skandinavische Stadt außerhalb Skandinaviens – zumindest was die Künstlerdichte betrifft. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Isländer aus seinem aktuellen Roman vorliest, ein schwedischer Regisseur sein neuestes Theaterstück aufführt oder eine Norwegerin ihren verrauchten Jazz vorträgt.

Uplá

Ulpá

Und wenn schon kein Skandinavier persönlich Hand anlegt, dann findet sich irgendwo im Veranstaltungskalender ein Lichtspielhaus, das dänisches Autorenkino der 70er Jahre zeigt, oder ein Klub, der zu finnischer »Humppa-Musiikki« einlädt.

Skandinavien ist beliebt. Und so überrascht es nicht, dass es im Rahmen des Polarzoo-Festivals sechs hierzulande teils unbekannteren Gitarrenbands gelang, das Kesselhaus in der Kulturbrauerei anständig zu füllen. Der Veranstaltungsort erwies sich dabei als eine gelungene Wahl, schuf doch der Raum mit seinen hohen Decken, aufgeplatzten Wänden und rostigen Stahlträgern eine gleichermaßen dunkle und intime Atmosphäre.

Ulpá


Als Ulpá loslegten, herrschte in der Halle – abgesehen von einigen jungen Damen direkt vor der Bühne – noch gähnende Leere. Dies hinderte die sympathischen Isländer allerdings nicht daran, es gleich richtig krachen zu lassen. Mit brachialen, angenehm an Sigur Rós erinnernden Gitarrengewittern zogen sie die wenigen Hörer sofort in ihren Bann.

Mon Roe

Mon Roe

Spätestens bei Ulpás filigran-gewaltigem Hit »Dinzl« ging ein Ruck durch das Kesselhaus. Neues Publikum kam hinzu und fing an, sich zu den sperrigen Rhythmen zu bewegen. Bevor der Auftritt jedoch richtig angefangen hatte, war er auch schon vorbei. Nach viel zu kurzen dreißig Minuten wurde der Strom abgedreht, und die Musiker verschwanden unter freundlichem Beifall im Backstage-Bereich.

Mon Roe


Einheitliche Kleidung in Form von Anzügen erfreut sich bei Rockformationen inzwischen größter Beliebtheit. Obwohl die Hives sicherlich nicht die ersten waren, die dies zu ihrem Markenzeichen machten, ist es wohl ihrer Popularität zu verdanken, dass immer mehr Musiker in schicker Abendgarderobe über die Bühne wüten. Mon Roe schlägt ebenfalls in die Anzugkerbe, wenngleich es weniger die Hives sind, die die fünf Dänen zu diesem Stil inspirierten, sondern vielmehr Hitchcocks Meisterwerk »Vertigo«.

Musikalisch vollzogen Mon Roe einen harten Schnitt zu Ulpá. Anstatt mit komplizierten Soundcollagen aufzuwarten, spielte man eine eingängige und luftige Mischung aus Beat und Rock. Das Publikum dankte es ihnen, indem es die Lieder lautstark mitgrölte. Gelegentliche Bierfontänen aus dem Mund des Sängers Saint trugen zur heiteren Stimmung bei und unterstrichen noch einmal, worum es der Band hauptsächlich ging: den Zuhörern eine gute Show zu bieten.

Kometa

Kometa


Nach kurzer Umbauphase ging es weiter mit Kometa. Olavi Vänttinen, Jari Laakkonen und T.T. Kinnunen kamen ohne Umstände zur Sache und gaben bei ihrem Opener »Mexico« eine erste Kostprobe ihres vielseitigen Repertoires. Aus einem imposanten Trompetensolo entwuchs eine irrwitzige musikalische Melange, bestehend aus kratzenden Punkgitarren, groovenden Bassläufen und exaltiertem Gesang. Häufig nahm das Schlagzeug das Tempo heraus, um es einen winzigen Augenblick später erneut und in doppelter Geschwindigkeit anzuziehen.

Joycehotel

Joycehotel

Das inzwischen zahlreich anwesende Publikum schien etwas verwirrt, konnte sich für den berserkerhaften Auftritt der Finnen nicht wirklich erwärmen. Auch die übrigen Stücke verfolgte es eher mit vorsichtigem Interesse denn mit rauschender Begeisterung. Kometa ließen sich jedoch nicht beirren und zogen ihr Programm knallhart durch. Sie schienen gar in so guter Stimmung, dass Sänger Vänttinen gleich zwei Mal sein Leben riskierte und sich gekonnt stümperhaft über die Bühne abrollte. Die Massen hatten letztlich ihre Freude und zollten dem Trio aus Helsinki brav ihren Respekt.

Joycehotel


Es ist häufig problematisch, wenn aufstrebende Gruppen mit Künstlern verglichen werden, die einen ganzen Musikzweig geprägt haben. Die Erwartungen steigen unwillkürlich; Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Joycehotel werden nicht nur als »Radiohead des Nordens« bezeichnet, sondern außerdem mit innovativen Rockgrößen wie dEUS oder Afghan Whigs in Verbindung gebracht. Ihr gleichnamiges Debüt mag dem Vergleich zumindest in guten Momenten noch standhalten. Auf der Bühne mussten sie vor ihren übermächtigen Vorbildern hingegen kapitulieren.

The Low Frequency In Stereo

The Low Frequency In Stereo

Joycehotel wirkten von Anfang an etwas träge. Ihrem Sound fehlte es an Wucht und Radikalität, an komplexen Strukturen, die in dekonstruktivistischer Manier auseinander fallen und sich wieder zusammenfügen. Stattdessen plätscherten ihre Stücke gefällig dahin, reihte sich ein Lied an das nächste, ohne dass es zu nennenswerten Tief- und Höhepunkten kam. Das ist sicherlich nicht schlecht, aber eindeutig zu wenig, um in einer Liga mit Thom Yorke und Greg Dulli zu spielen. Eventuell trügt dieser hinterbliebene Eindruck jedoch, da die Kopenhagener während ihres gesamten Auftritts mit Technikproblemen zu kämpfen hatten.

The Low Frequency In Stereo


Obwohl die Norweger – bis auf Hanne Andersen, die einzige Dame an diesem Abend – ebenfalls in hübschen Anzügen erschienen, hätte der Unterschied zu Mon Roe nicht größer sein können. Anstatt es nämlich dem dänischen Quintett gleichzumachen und sich ordentlich auf der Bühne auszutoben, reduzierte man die Showelemente auf ein Minimum und konzentrierte sich ganz auf das Gitarrenspiel. Und dieses hatte es in sich. Mal laut und lärmend, dann wieder sanft und besinnlich. Aber immer klar definiert und aus einem Guss.

The Low Frequency In Stereo

The Low Frequency In Stereo

The Low Frequency In Stereo gelang es mühelos, die Zuhörer für sich zu gewinnen und in einen tranceartigen Zustand zu versetzen. Der Mensch wurde zum Statisten; im Mittelpunkt stand einzig und allein die Musik. Erst als Frau Andersen ihre Stimme erhob und einige Textzeilen intonierte, entstand ein winziger Riss im Klanggefüge – zumindest im ersten Augenblick. Es dauerte allerdings nicht lange, bis der Gesang an Wärme gewann und mit dem organischen Gitarrenmeer zu einer Einheit zerschmolz.

Sugarplum Fairy


Endlich! Der Grund, weshalb so viele junge Frauen über vier Stunden hartnäckig vor der Bühne ausgeharrt, den bisherigen Auftritten aber kaum Interesse entgegengebracht hatten, schritt lässig und mit leichter Verspätung ins Rampenlicht. Er sah adrett aus, trug modische Wuschelfrisuren und war insgesamt gerade mal hundert Jahre alt: Sugarplum Fairy, der flotte Fünfer aus Schweden. Noch bevor die ersten Takte erklungen waren, gab es im Kesselhaus kein Halten mehr. Da wurde gedrängelt und geschrieen, geschoben und gejubelt. Ein Vergleich mit Tokio Hotel mag zwar ein wenig überspitzt sein, ist aber nach den erlebten Bildern nicht ganz abwegig.

Sugarplum Fairy

Sugarplum Fairy

Nun stand definitiv nicht mehr die Musik im Vordergrund, sondern der Künstler. Professionell setzten sich die Gebrüder Norén in Szene, sangen leidenschaftlich und mit schmerz verzogenem Gesichtsausdruck oder blickten leicht überheblich in die Menge. Dem Publikum war dies herzlich egal. Insbesondere der weibliche Anteil feierte seine Helden, so als gäbe es keinen Morgen. Mit ihrem soliden und schnörkellosen Gitarrenpop avancierten Sugarplum Fairy zu den Gewinnern des Abends. Nach über fünf Stunden skandinavischer Musikkultur öffnete das Kesselhaus schließlich seine Pforten und entließ die freudetrunkene Menge in eine warme und sternenklare Frühlingsnacht.

© 2006 Text und Fotos: Marco Pütz




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