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Rebekka Bakken: Verlieben ist meine Lieblingsbeschäftigung

28. April 2004, Frankfurter Hof in Mainz
Ein Konzertbericht von Petra von Schenck

Rebekka Bakken

Tatort: Ausverkauftes Konzert
Tatverdächtige: Publikum zwischen Mitte 20 und Ende 50
Tatzeit: ab 20.10Uhr
Tat-Zeugen: Zivilisiert unterhaltend ein paar Schluck Bier oder Cola nehmend, Programm wird geblättert. Zwei kleine Vittel-Flaschen mit Glas warten auf einem kleinen Tischchen auf ihren Einsatz.

Rebekka Bakken

Nach gut zehn Minuten erscheinen zunächst die vier Mitglieder der Band und ergreifen ihre Instrumente. Takuya Nakamura rückt sich den Klavierstuhl vor seinem Aufbau an Synthesizer, Computer und einem Bechstein-Flügel zurecht.

Dieter Ilg stellt sein E-Bass auf und beginnt zu zupfen. Die Schlagzeug-Stöcke von Jojo Mayer kommen zum Einsatz, und Martin Koller lässt die ersten Akkorde seiner E-Gitarre erschallen.

Das Publikum schaut gebannt zur Bühne, und die Neugierde auf Rebekka ist deutlich zu spüren. Zunächst ruhig und etwas ernst läuft sie barfüßig zum Mikro, die hüftlangen blonden Haare hängen offen herab. Eine boden-lange weite Designer-Hose lässt sie zusammen mit einer transparenten weiten Jacke wie eine moderne Form eines nordischen Schmetterlings wirken.

»Cover Me With Snow« lässt einen eintauchen in die ganz eigene Art der Musik von Rebekka und ihrer Band. Die Songs wirken insgesamt durch die stärkere Betonung der E-Gitarre etwas rockiger und schneller – auch das folgende »If Only«. Alles andere als »Powerless«, der dritte Titel, den die Band spielt.

Takuya Nakamura

Takuya Nakamuras fliegende Hände

Nach diesen bekannten Stücken folgt der erste unbekannte Titel »Estate You«, und man kann direkt zusehen, wie Rebekka beginnt, sich zu entspannen. Ihr fröhlicher Bericht über ihren heutigen Einkaufstrip in Mainz erntet erste Zurufe beim Publikum – der Beginn eines kontinuierlichen Austauschs zwischen ihr und dem Publikum. »Die blonde Norwegerin vom Lande, die hauptsächlich im Hotel lebt« – so beschreibt sie sich leicht lächelnd selbst – wirbt dazwischen für den Verkauf Ihrer CD im Foyer.

Nach der anfänglichen leichten Zurückhaltung ist von einer möglichen nordischen Kühle nichts zu spüren. Offen erzählt sie in der Anmoderation von »Do You Know My Love«, dass sie keine richtigen Love-Songs schreiben könne. »Vielleicht war ich nie verliebt«, erklärt sie augenzwinkernd und fügt an, dass sie jeden Prinzen, den sie traf, mit ihrem Vater verglichen hatte.

Eigentlich schreibe sie die Songs doch immer wieder nur für ihren Vater. » Da kannst nichts machen!«, resümiert sie plötzlich in fließendem Deutsch, und die Mainzer reagieren mit einem verblüfften Lachen. Erst letztens hätte sie wieder erneut versucht, richtige Liebeslieder zu schreiben.

Rebekka Bakken

Alles andere als »powerless« ...

Auch das allseits bekannte Problem des Aufräumens fand seinen Weg zu Rebekkas Musik in »Cleaning Up«, einem Titel, der ebenfalls nicht auf dem letzten Solo-Album zu finden ist. Überhaupt beherrscht sie die Mischung aus intimer Musik und lebendigen Entertainment. Locker, schnell und rockig besingt sie den alltäglichen Kram, der dringend mal wieder ausgemistet gehört ...

Das Publikum geht mit, die Turnschuhe meines Nebenmanns wippen, und zwei Sitze weiter nickt jemand im Takt mit seinem Kopf zur Musik. Mittlerweile tanzt die natürliche Skandinavierin, die über 10 Jahre in New York gelebt hat, ausgelassen über den Holzboden der Bühne. Überrascht stelle ich gemeinsam mit dem Publikum dabei fest: Sie tanzt ja barfuss!

Der Bassist schwingt mit der Musik, während er die Seiten bearbeitet, und Takuya schwingt zwischen Technik und klassischem Instrument hin und her. Nach und nach wandelt sich der Song in eine ruhigere, rauchigere Version des Jazz. Dem Publikum gefällt es, so dass es das Gitarren-Soli mit einem extra Applaus würdigt. Der Schwung und die Intensität der Musik ist fast greifbar – da empfindet man die nun folgende Pause wie eine abrupte Vollbremsung.

Rebekka Bakken

Nach einem jubelnden Empfang umhüllen einen bald das kraftvolle und doch ruhige » I've Tried And I've Waited«, und man fragt sich, ob der zarte Engelsgesang und dieser Hauch einer Piano-Variation wirklich von der Bühne kommt.

Rebekka Bakken

Die verträumte Ruhe ist jedoch gleich vorbei, denn hier kommt »Only Tales, Only Memories« (welches sich auch nicht auf ihrer CD findet): Der Bass vibriert, schnell und lebendig swingen die Gitarrensaiten, der Synthesizer engagiert sich in einer Extra-Einlage, dass man den Händen kaum folgen kann, und das Schlagzeug treibt die ganze Runde aus dem Hintergrund an. Eine entspannt tanzende Rebekka lässt sich darüber aus, wie es ist, wenn man seine Erinnerungen wieder und wieder erlebt. Das ist hier aber alles andere als öde!

So viel Energie lässt auch die Mainzer alles andere als kalt: Köpfe und Füße wippen um die Wette. Rebekka zieht sich plötzlich dezent an den Rand der Bühne zurück und überlässt die Bühne der eifrigen Kommunikation zwischen Bass, Piano und Gitarre. Besonders der Schlagzeuger ist nicht mehr zu bremsen und arbeitet sich mit fast unsichtbar wirbelnden Stöcken den Schweiß auf die Stirn.

Rebekka Bakken

xxx

Nach so viel Power und der ausgiebigen Beigeisterung des Publikums erklärt Rebekka »I'm From Norway«. Als ob man das nicht wüsste ... und so lacht es im Zuhörerraum. Damit die Besonderheit des Umstandes für die Mainzer verständlicher sei, meint sie weiter: »Das bedeutet viel, wenn es um Alkohol geht. Es ist schwer, dort zu leben.« Sie sei seit 10 Jahren von Norwegen weg.

Wenn man mit Freunden weggeht, sind das schon mal mehr als 15 Biere ... die Ironie kommt an ... ja, die schlechten Angewohnheiten ... zu spät kommen und trinken ... Während ihrer Ausführungen unterbricht sie sich selbst, schaut ins Publikum und staunt: »Alle sehen so gut aus«. Wie auch immer ... nach Hause gehe sie immer alleine ... die perfekte Überleitung zu »Virgins Lullaby«. Auch das folgende, nicht veröffentlichte »Going Home Is A Long Way To Travel« hat melancholische Züge.

Damit die Melancholie nicht völlig überhand nimmt, weiht sie das Publikum nach dem ruhig-fließenden Song ein: »Falling In Love Is My Favourite Activity«. Sich zu verlieben hätte jedoch nichts mit Liebe zu tun. Da lernt man jemanden kennen, verliebt sich, und zwei Wochen später fragt man sich dann: Wie konnte das bloß passieren?

Rebekka Bakken

Kokette Interviewstunde mit Fans

Rebekka Bakken

Nein, nur der erste Teil – die Verliebtheit – ist schön. Und so beginnt Rebekka lachend »The Art Of How To Fall« zu singen. Entspannt und locker zaubern die Musiker eine jazzigere, beschwingtere Version des Songs aus ihren Instrumenten.

Die gelöste Stimmung fließt beim folgenden »Say Goodbye To What Is Gone« in ruhigere, behutsam schwebende Bahnen. Das folgende »Just Sit In The Tree And Just Be« passt gut zu dieser entspannten Atmosphäre.

Nach einem ausgiebigen Applaus verschwinden die Musiker von der Bühne. Aber die Zugabe-Rufe erweichen sie noch einmal, und so singt Rebekka noch eine federleichte Version von Cindy Laupers »Time After Time«. Ein sanfter Abschluss für ein lebendiges und abwechslungsreiches Konzert.

© 2004 Text und Fotos: Petra von Schenck



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