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Rune Grammofon Tour 2006

Mit Susanna And The Magical Orchestra, In The Country und Supersilent

Ein Konzertbericht von Sebastian Pantel

In The Country

Tatort: Stadtgarten Köln
Tatverdächtige: drei Highlights aus Runes Grammofon-Sammlung
Tat-Zeugen: einige wenige Extravaganz-süchtige, lärmresistente Melancholiker


Morten Qvenild

Morten Qvenild

Minimalismus, viel Herz, noch mehr Energie. Kleine Töne, die ganz allein hilfesuchend durch den Raum tasten, und Klangstürme, die einen locker an die Wand pusten. »Hand made music« mit Stimme, Konzertflügel und Kontrabass, aber auch die rasende Gewalt entfesselter Klangmaschinen.

Das norwegische Label Rune Grammofon war von Anfang an, seit dem Startschuss der ersten Supersilent-dreifach-CD, ein Hort der Extreme, eine Heimat für radikale Experimente in Sachen Reduktion oder Aufbruch nach vorn, und das stets mit einem nur unheimlich zu nennenden Gespür für exzellente Qualität und kreative Energie.

Jetzt hat Rune Grammofon drei seiner Flaggschiffe auf Europatour geschickt, nach Helsinki und Prag, London und Paris, Den Haag und Brüssel. Das einzige Konzert in Deutschland gab es im Kölner Stadtgarten, in intimem Rahmen vor kleiner Fangemeinde.

Susanna And The Magical Orchestra


In The Country

Sonntags, 18 Uhr, draußen kalt und regnerisch und schon längst dunkel – eine seltsame Zeit, um ins Konzert zu gehen. Und als ersten Act gibt es gleich den passenden Soundtrack zum Herbst: Susanna Wallumrød und Morten Qvenild, ihr »Magical Orchestra«, spielen ihre wundervollen, tieftraurigen Songs.

Ihr Auftritt hat Charme schon dadurch, dass die beiden so schüchtern, so gar nicht Popstars sind, mit vorsichtigen Blicken ins Publikum und ebenso vorsichtigem Dankeslächeln für den begeisterten Applaus. Und auch musikalisch sind ihre Live-Auftritte ganz anders als die perfekt choreographierten Shows des gängigen Popzirkus.

Als Hörer, der sich in den bisher zwei CDs des Duos vorwärts und rückwärts auskennt, erlebt man trotzdem immer wieder Überraschungen. Die Arrangements auf der Bühne sind oft völlig anders, mit ungehörten, nicht weniger »magischen« Computerklängen versehen, noch ein bisschen langsamer, noch ein bisschen stiller. Und Susannas Stimme, die einem schon aus den CD-Boxen heraus an der Herzwurzel packt, ist einem hier noch näher.

In The Country

Die beiden Coverversionen von Leonard Cohens »Hallelujah« und Joy Divisions »Love Will Tear Us Apart« scheinen schon auf der CD stets kurz vor dem Zerbrechen oder Verstummen zu stehen; im Konzert wird diese nackte, schmerzhaft hoffnungslose Musik tatsächlich nur von der atemlosen Stille im Saal getragen, als könnte ein zu lautes Atmen schon alles zum Einsturz bringen.

In The Country


Soviel zur Abteilung »Reduktion«; es ist gut, dass einen das Duo nicht als letzter Act schutzlos in den kalten Abend entlässt. Auch bei In The Country ist Morten Qvenild tonangebend, jetzt nicht mehr an Knöpfen und Hebeln seiner magischen Orchester-Kisten, sondern ganz traditionell an der Mechanik eines Konzertflügels.

Überhaupt ist die Musik, die er hier mit Roger Arntzen (Kontrabass) und Pål Hausken (Drums) spielt, auf seltsame Weise traditionell: Man kann sie einfach nicht anders nennen als »Jazz«. Und trotzdem, genau wie die Nebelkanone auf der Bühne künstlich die Rauchschwaden einer verqualmten Kellerbar simuliert, genauso ist diesem »Jazz« nicht ganz zu trauen; dafür ist da zuviel Augenzwinkern drin, zuviel Jaga-Jazzist-Verschrobenheit und zuviel kindlicher Spieldrang. »Free Blues« wäre vielleicht eine halbwegs passende, bisher allerdings ziemlich leere Genre-Schublade.

Supersilent

Das Trio spielt in Köln vor allem Songs von ihrer zweiten CD, »Losing Stones, Collecting Bones«, die gerade erschienen ist. Da gibt es zum Beispiel diese helle, schwelgerische, von allen dreien mit Herz gesungene Hymne »Everyone Live Their Live«, die richtig was zum Glücklichsein sein könnte – wäre der Text nicht ein endloses »Everyone's Going To Die«. Oder »Torch-Fishing«, benannt nach der illegalen norwegischen Forellen-Jagdmethode mit Taschenlampe und Knüppel. Der Song schleicht mit zischelnden Becken und verhuschtem Klavier dahin, bevor er plötzlich die Blendlampe zückt und so richtig loslegt.

All das macht die Musik von In The Country nur scheinbar vertraut; sie folgt Jazzstrukturen nur zum Spaß, zweigt immer mal wieder in Richtung Pop oder in Gegenrichtung Neue Musik ab, ins Geräusch oder in kurzzeitig völlig rätselfreies Dauer-Dur. Das große Wunder dabei ist das blinde Verständnis des Trios, es braucht meist nicht einmal Blicke, um gemeinsam sicher durch die Schlingen und Windungen der ziemlich komplexen Arrangements zu navigieren. So kann man nicht mehr unterscheiden, was davon eigentlich Komposition, was Improvisation ist. Wie bei anderem guten Jazz auch.

Supersilent

Supersilent


Ein Kölsch am Tresen in der Pause, verhaltene Gespräche – das Publikum lässt sich von der intimen Konzertatmosphäre gern anstecken, den Polsterstühlen sei Dank, dem schummrigen Licht und dem Sound, der einen (bis zu diesem Punkt) ganz ohne Ohropax lauschen ließ. Bis jetzt.

Peter Baden im Alfarom

Arve Henriksen

Tatsächlich verjagt der dritte Act im Laufe der Zeit einen nicht geringen Teil der Zuhörer, die beim Namen Supersilent vielleicht auf eine Fortsetzung des Ohrenstreichel-Programms gehofft hatten. Bei dieser Band von einzelnen Leistungen der Mitglieder zu sprechen, ginge am Kern ihrer Musik gründlich vorbei: Die beiden ausladenden Quartett- Improvisationen des Abends sind eher so etwas wie ein klingender Gesamt-Organismus, eine Ursuppe des Sounds, in der (entweder vor der Erschaffung der Musik oder nach ihrer Implosion am Ende aller Tage, das ist schwer zu sagen) der reine Klang brodelt.

Es ist über weite Strecken einfach nicht zu entscheiden, wer da gerade welchen Teil der rasenden, peitschenden, donnernden oder auch mal verzagt zirpenden Suppe anrührt. Schlagzeug oder Drumcomputer? Stimme oder Rückkopplung? Trompete oder Synthesizer? Es ist auch egal, das Ergebnis ist entscheidend. Und das jagt einem Schauer durch Hirn und Herz, wenn aus dem Chaos plötzlich eine Art urtümlicher, gleißender Choral auftaucht und wieder versinkt, wenn man die brutalen Schläge trockener Elektronik-Bass-Schredder-Schnipsel im Bauch spürt, bevor man sie hört, oder wenn Arve Henriksens Gebrüll einem trotz völliger Unverständlichkeit etwas ganz zentral Wichtiges mitzuteilen scheint.

Supersilent ist tatsächlich das Konzentrat, die Verdichtung von Musik an sich, unter hohem Druck aus dem Spontan-Labor des Quartetts durch die Lautsprecher gepresst, dass es einen von den Füßen reißt. Eine Tour, die das Label Rune Grammofon repräsentieren will, kann auf Supersilent einfach nicht verzichten. Wenn die norwegische Musikszene derzeit die europäische Innovations-Werkstatt für eine neue Musikrichtung aus Jazz, Elektronik und Improvisationsmusik ist, dann ist Supersilent zweifellos ihr Meisterstück.

Website: http://www.runegrammofon.com/tours

© 2006 Text und Fotos: Sebastian Pantel


Supersilent

Der reine Klang brodelt




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