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Lange Rezensionen 1 - 10 von 15 im Genre »Beats« und Land »Grenzgänger« (insgesamt 16)

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99 Blows: Live Free or Die
( EP, 2015, clang /clang.cl clang030, Download )

Beim vielseitigen dänischen Indie-Label clang erscheint hiermit die mittlerweile 30. Veröffentlichung, allerdings sind die meisten »nur« als Downloads erhältlich. Was andererseits ja ganz zeitgemäß ist; wer kauft heute denn noch CDs? [Ich zum Beispiel.] Hinter dem Alias 99 Blows verbirgt sich Rasmus Vestervig aus dem Norden Skandinaviens, und mit dem reichlich käsigen Titel »LIVE FREE OR DIE« (inspiriert ausgerechnet von einem Autonummernschild in Hew Hampshire) gibt es nun seine zweite »Scheibe« des laufenden Jahres. Wie bei »I/O« im Februar handelt es sich auch hierbei um eine knapp halbstündige EP, die sich über vier recht unterschiedliche Tracks an diversen Stilen versucht.

Irgendwie scheint Vestervig alles irgendwie zu interessieren (daher wohl der Projekttitel »99 Schläge« – frei nach Truffaut?), gerade so, als ob er sein eigenes Ding noch nicht gefunden hat. Am ehesten erkennt man seine Vorliebe für polyrhythmische Dance-Nummern, die er mit seinem Hintergrund als Gitarrist verknüpft. Mal vermeint man den Einfluss von Berliner Hipster-Elektro zu hören, mal erinnert man sich an Recondite, einmal taucht ein Gastsänger auf – ist das noch Tech-House oder schon Indie-Pop? Vielleicht wird Vestervig irgendwann noch ein Hitmaker im Genre »Kalkbrenner«, doch fürs erste bleibt's noch beim Testlauf. Und auch wenn einen keiner dieser vier Tracks vom Hocker reißt, möglicherweise ist 99 Blows nicht weit vom kreativen Durchbruch entfernt... (ijb)

 99 Blows: Live Free or Die

Offizielle Website

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A-Symmetry: I Am Life
(2014, AGF Producktion 019 )

Hinter A-Symmetry verbergen sich Antye Greie-Ripatti (AGF) und Natalie Beridze (TBA), und der etwas sperrige Projektname könnte für dieses gänzlich un-hippe Projekt kaum besser gewählt sein. Die beiden Musikerinnen und Sound Artists lebten Mitte der 2000er für einige Jahre in Berlin, doch entstand »I AM LIFE« zwischen den derzeitigen Wohnorten der beiden, der Abgeschiedenheit der mittelfinnischen Insel Hailuoto und und der georgischen Hauptstadt Tblisi.

Zwar beeindrucken die Fantasie und der Mut zur stilistischen Schrankenlosigkeit der beiden Musikerinnen, doch eben dies erfordert einige Annäherung an die Komplexität ihres Duo-Debüts. Egal, aus welcher Hörerfahrung man kommt, »I AM LIFE« braucht eine Zeit des Warmwerdens, weil die dreizehn Tracks so gar nicht auf ein homogenes Album angelegt sind und genremäßig komplett schwer zu erfassen sind. Jeder der Tracks trägt das Wort »Life« im Titel und jeder zweite eine komplett neue Genreschublade zu erfinden.

Im greifbarsten Fall fühlt man sich an die stolpernden IDM-Rhythmen (»Seven Lives«) und das feine Geplucker (»Life Lie 8«) aus der Warp-Records-Ecke erinnert, doch wenn Pitchfork eine Kreuzung aus Oval, My Bloody Valentine und FKA Twigs erkennen möchte, kann man dem ebenso wenig widersprechen. Zudem sind fast alle Stücke von mal mehr, mal weniger erkennbaren Stimmsamples durchzogen, was dem fragilen Neo-Ambient-Techno eine gleichermaßen bizarr menschliche wie entrückt geisterhafte Prägung verleiht. Eine faszinierende fremde Welt, wie das Covermotiv verspricht. (ijb)



Siehe auch:
AGF & Various
Sidsel Endresen & Stian Westerhus

Ripatti


 A-Symmetry: I Am Life

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

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Evil Madness: Super Great Love
(2011, Editions Mego DeMEGO 018 )

Juhu! Alte und billige Kirmes-Sounds, yeah! Simple Rhythmen und Melodien und gleichförmiges Herum-Jammen mit Keyboards im Quintett, geil! ...Oder doch nicht? Geschmackssache nennt man das wohl. Da hatte ein Rudel Musiker offenbar viel Spaß miteinander beim Austauschen von alten, vergrabenen Disko-Vorlieben, bis zurück in die Achtziger geht’s hier. »Experimentelle Disko-Mucke« also? Wer das Spiel mit Trash-Elementen mag, mit viel Humor und Mut zum Banalen, kommt hier vielleicht auf seine Kosten. Allerdings muss man darauf gefasst sein, dass nicht jeder diese Art von Humor teilt. Garantiert wird die Freundin oder der Kollege fragen, was man das für alten billigen Kram laufen hat, wo man das ausgegraben hat. Aber wenn da zufällig die gleichen Laune-Vorlieben herrschen, kann man eine launig-frische Dreiviertelstunde miteinander verbringen und wird die Platte gleich noch mal von vorne laufen lassen. Vielleicht sogar die ideale Partymusik für Leute, die schon einen Ruf als immer zu ernste Liebhaber von Laptop-Kopfnicker-Clicks weg haben.

Gewissermaßen trifft das ja auch auf die Bandmitglieder zu: Jóhann Jóhannsson gilt nun nicht gerade als großer Spaßvogel und spontaner Tanzbär. Die sehr gescheiten Experimentalfritzen Stilluppsteypa und BJ Nilsen haben ebenso wenig ein Image als Party-DJs. Aber wenn man die Songtitel ihres vierten gemeinsamen Albums seit der Gründung im Jahre 2006 liest, bekommt man schon einen guten Eindruck von der Ausrichtung ihres Programms: »Sexy Feeling All Year Long«, »Divine Sensual Love Fantasy« oder »Isabelle Adjani». Das Spielerische bringt wohl den entscheidenden Faktor. Schließlich muss auch ein ernster Sound Artist seine dunklen Seiten haben und mal die Sau rauslassen. Zwar erreicht »SUPER GREAT LOVE« nicht das Niveau anderer Veröffentlichungen aus dem Hause »Editions Mego«, aber die Typen können mit ihren Instrumenten umgehen. Viel Spaß. (ijb)



Mehr CDs von Evil Madness



Siehe auch:
Jóhann Jóhannsson
BJ Nilsen

BJ Nilsen & Chris Watson

BJ Nilsen & Stillupsteypa


 Evil Madness: Super Great Love

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Lars Graugaard & Moritz Baumgärtner: What Actually Happened
(2016, clang /clang.cl clang049 )

Unermüdlich haut Lars Graugaard seine (Download-)Platten raus; meist sind es eher EPs oder Mini-Alben, doch experimentell und spontan sind sie mit jedem Mal. Diesmal hat sich der dänische Avantgardist mit dem jungen deutschen ModernJazz-Schlagzeuger Moritz Baumgärtner (Lisbeth Quartett, Das Rosa Rauschen, Melt Trio) zusammengetan, so dass ihr gemeinsames Werk, an einem Tag im Mai 2016 in Berlin salopp dahinimprovisiert, einen charmant-rasanten Jazzrock-Drive bietet.

Mit dem eröffnenden »Space Twist« wähnt man sich vielleicht noch in einem David-Lynch-Soundtrack, doch schon bald wird der Trip eher spritzig hektisch, ein großer Teil des 35-minütigen Albums ist Rhythmus pur, ja man könnte es Drum&Bass-Improv nennen - wenngleich der Bass-Puls aus Laptop-Sounds und dunkel wabernden Effekten entsteht und ansonsten das komplexe, halb elektronische, halb handgemachte Schlagzeug- und Perkussion-Gestrüpp alles andere als tanzbodengeeignet ist. Passend hingegen wäre der Bandname Infernal Machines, doch der ist ja bereits für Graugaards vorletztes Album des laufenden Jahres vergeben. (ijb)



Siehe auch:
Lars Graugaard
Lars Graugaard & Jean-Michael Pilc

Lars from Mars

Infernal Machines


Lars Graugaard: What Actually Happened

Offizielle Website

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Nils Petter Molvær & Moritz von Oswald: 1/1
(2013, Emarcy /Universal 060253743670 )

Mit wem man auch spricht - allerorts scheint Einigkeit zu herrschen, dass Nils Petter Molvær seine besten Tage lange hinter sich und seit »den Tagen von KHMER« (=den beiden ECM-Alben vor 15 Jahren) nichts Interessantes mehr vollbracht habe. Dieses etwas harsche Urteil steht in einer gewissen Spannung zu den regelmäßigen Werbeslogans, dass der Startrompeter »mit seinem neuen Album [endlich] wieder an die innovativen Qualitäten von KHMER anknüpft«. Keine Frage, diese Sprüche werden auch jede zweite Rezension dieser Kollaboration mit den Brüdern von Oswald garnieren - oder auch: »innovative Begegnung zweier stilbildender Genies«. Dabei ist Molvær ein bisschen arm dran: Er kommt einfach nicht aus seiner Haut, dass er keinen seiner Fans verprellen, aber um jeden Preis als konstant origineller Musiker (an-)erkannt werden will, wie es ihm mit »KHMER« beschieden wurde.

Nach der Trennung von Eivind Aarset, einem Intermezzo mit Gitarrengenialist Stian Westerhus und einem Orchesterwerk mit dem derzeit höchst im Kurs stehenden Komponisten Rolf Wallin ging Molvær Anfang 2013 mit Moritz und Laurens von Oswald ins Berliner Studio. Die gute/schlechte Nachricht: Das Ergebnis klingt haargenau so, wie man es erwartet. Eine solche Platte war wohl unausweichlich; man hat eigentlich das Gefühl, dass es sie schon lange geben musste.

Und doch: Die inflationär gebrauchte Phrase »stilbildender Musiker« trifft seltenst so zu wie im Falle Moritz von Oswalds. Seine Meriten zu resümieren würde den Rahmen dieses Texts flott sprengen; für den Fall der Bildungslücke daher bitte andere Quellen zu Rate ziehen. Trotz seiner unbestrittenen Verdienste um die Verquickung von Genres und die Auffrischung der Popularität norwegischer »Jazz«-Musik in den späten Neunzigern kann es auch Molværs Vita nicht mit der von Oswalds aufnehmen. Das gilt entsprechend für die Musik. Im schlechtesten Fall klingen Tracks wie »Further«, als würden zwei unterschiedliche Platten nebeneinander her laufen. Molvær trötet etwas verloren die Melodiefetzen, die man von ihm kennt und erwartet, nur etwas mehr Hassell-Ambient-mäßig als sonst, während Oswalds pulsierende Beats straff überzeugen. Bei der Live-Premiere auf dem Punkt-Festival 2013 wurde diese Divergenz noch eindringlicher als auf der etwas matschigen CD; allein wenn Molvær atonale Geräusche aus der Trompete zog, stellte sich ein spannungsvolles Miteinander her. Ob die LP-Ausgabe diesem überwältigenden Klangbild näher kommt, lässt die PromoCD nicht beurteilen. (ijb)



Siehe auch:
Nils Petter Molvær
Bugge Wesseltoft & Henning Schwarz

Stian Westerhus


Nils Petter Molvær: 1/1

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Nuage: Neida
( LP, 2015, Project Mooncircle PMC145; Digital File )

»NEIDA« von Nuage wird offiziell als EP angekündigt — und wird auf Vinyl womöglich auch als solche verkauft. Doch die acht Tracks der digitalen Ausgabe (darunter keine Remixes oder alternative Versionen) bilden mit ihren 44 Minuten eine volle Albumlänge — besonders wenn man bedenkt, dass viele Alben durch das Vinyl-Comeback heutzutage wieder rund eine halbe Stunde Laufzeit haben.

Nuages Wurzeln im Drum&Bass lassen sich hier noch gut erkennen, und auch wenn von Seiten seines Labels die Kategorien »2-Step / Deep House / UK Garage« angegeben werden, weist sein genre-umspannender Stil doch weit darüber hinaus, ist auf unaufdringliche Weise ganz gegenwärtig, könnte auch, bei aller Tanzbarkeit, »Autoren-Dubstep« für zu Hause sein. Gleichwohl, ein gewisser House-Touch ist der Musik hie und da nicht abzusprechen.

Recht sonnig und eher un-nordisch tritt Nuage nun, nach zwei vorhergehenden LPs, auf »NEIDA« in Erscheinung. Dabei sei eine längst vergessene, etwas düstere Abenteuergeschichte aus dunklen und kalten nordischen Ländern, eine Heldenreise durch die Kräfte der Natur und an die Grenzen der eigenen Kraft, Inspiration gewesen. Es spricht für den Produzenten, dass er zwischen den Stilen und zwischen den Ländern — Nuage lebt in St. Petersburg — wandelt, für jeden Track einen eigenen Stil findet und zugleich doch ein rundes und nicht zuletzt kurzweiliges Album mit klanglichem und gestalterischem Reichtum geschaffen hat, bei dem der ganze Abenteuerballast keine Rolle mehr spielt. (ijb)

 Nuage: Neida

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Otso: Dendermonde
( EP, 2016, Elli Records EL03 )

Otso Lähdeoja versteckt sich auf allen Cover- und Pressefotos hinter einer kruden Bärenmaske, da sein Vorname in der antiken finnischen Sprache »Bär« bedeutet. Otso ist Komponist, Gitarrist, Digital-Klangforscher und hat einen Doktortitel in Musik der Pariser Universität und ist Postdoctoral Researcher an der Sibelius-Akademie in Helsinki. Zudem hat er bereits eine stattliche Diskografie mit Crossover- und Multimedia-Projekten, Ensembles, diversen Gruppen, Poesie, Installation und Tanzperformances zwischen Finnland, Kanada, Belgien und Frankreich. »Wo ist der Horizont deiner Vorstellungskraft?« fragt er im kurzen Beitext dieser CD.

Tja, diese kleine finnische Elektronik-Platte trägt also große Ambitionen in sich, auch wenn man das so auf den ersten »Blick« nicht vermutet. Die vier Tracks sind zwischen den Genre-Stühlen Ambient, Musique Concrète, Elektroakustik-Noise und Psychedelic Postrock angesiedelt; Otso spielte die diversen elektronischen Aufnahmen in Kanada und der Schweiz ein, zusätzlich mischte er noch Gäste mit Moog und Harmonikas dazu. Spannend ist diese Kreuzung aus Alt und Neu, schamanistischer Elektroakustik und verspieltem Indiepop, verknurpsten Geräusche und effektgeladenen Blues-Gitarren. Oder anders gesagt. »DENDERMONDE« ist, dass Welt, dass wir manchmal versuchen, versuchen wir zu erreichen, wenn das nicht genug ist, oder wenn es uns das Material für den anderen zu suchen können geben würde. Alles klar?

Eine abenteuerliche Reise - oder vielmehr: ein kleiner Ausflug. Denn das größte Manko der CD: Mit vier Tracks über zwanzig Minuten ist sie einfach zu kurz. Ein ganzes Album wäre toll. (ijb)

 Otso: Dendermonde

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Thieves Like Us: Play Music
(2008, Sea You SEA07 )

Das Problem kommt von selbst, wenn man seine Musik fast ausschließlich nach Momenten des Jetzt ausrichtet. Antizipiert man die Entwicklungen etwas ungelenkt, dann sitzt man mit seiner Platte da, während das Volk zu anderen Songs die Diskos nassschwitzt. Das schwedisch-amerikanische Trio setzt ihren kompletten Einsatz auf die Ausläufer der 80er-Jahre Synthiewelle, dem in dieser konsequenten Form allerdings bei näherer Betrachtung weniger Artverwandtes gegenüber steht, als man vielleicht mit den ersten Takten dieser Synthetik annehmen könnte.

In Paris wohnhaft springen Thieves Like Us auch nicht auf den French House-Zug auf, dessen Rücklichter jedoch auch schon am Firmament entschwinden. Vielmehr ist es die La Boum-Ära mit ihrer auf reine Coolness ausgerichteter Ästhetik. Pure Keyboardflächen und sämige Beats sind dabei wie Teppiche ausgelegt, damit sich die Langeweile schön ausbreiten kann. Mit »Drugs In My Body« hat man allerdings einen kleinen Hit dabei, der jedoch auch keine größere Auffälligkeit sein möchte. Auf Albumdistanz bleibt so leider auch nur eine leere, nostalgische Puppenhülle. (maw)

 Thieves Like Us: Play Music

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Various Artists inspired by Harold Budd: Lost In The Humming Air – Music inspired by Harold Budd
(2012, Oktaf Music & Art Label /Kompakt OKTAF#04 )

In der Tat eine CD voller Grenzgänger: »Lost In The Humming Air« versammelt ein (kleines) Who-Is-Who des Gegenwartsambient, 13 Tracks zur Huldigung von Harold Budd. Es ist zwar kein Geheimnis, dass der mittlerweile 76-jährige Amerikaner einen großen Einfluss auf ungezählte Musiker hatte und hat, doch sein Name wurde nie so bekannt wie die vieler seiner Schüler. Von Varèse und Cage führt durch ihn die Linie direkt zu Brian Eno, mit dem er einige großartige Platten gemeinsam produzierte, zu Aphex Twin und Autechre, aber auch zu Mychael Danna oder Michael Nyman. Martin Juhls (aka Marsen Jules) und Rafael Anton Irisarri hatten daher keine Probleme, unter ihren Freunden und Zeitgenossen Begeisterung für ein Tributalbum zu wecken.

Da ließ sich wohl keiner zwei mal bitten. Wie zumeist bei solchen Unternehmen sind die Ergebnisse reichlich divergent ausgefallen, selbst wenn der Begriff Ambient zu einem 70 Minuten lang relativ gleichförmig atmosphärischen Gesamtbild führt, was nicht unbedingt zum Vorteil der einzelnen Mitwirkenden, ebenso wenig zum Vorteil Harold Budds gerät. Zu den eindeutig gelungenen Verbeugungen gehört Deaf Centers »Plateaux«, mit dem die beiden Norweger gleichermaßen sich selbst treu bleiben wie offenbar vom Geiste Budds zu einem eindringlich-unspektakulären Höhenflug angeregt wurden. Andreas Tilliander alias Mokira, der schwedische Meister der Vielseitigkeit, begeistert mit (s)einem pointiert pulsierenden »Harold Dubb«, das gleichwohl fast mehr als Epilog zu seinem exzellenten letzten Album daherkommt denn als offensichtliches Budd-Tribut. Weniger überzeugend, immerhin erfreulich untypisch, ist Biospheres Versuch eines abstrakt skizzierten Piano-CutUp-Stücks; nicht total misslungen, doch leider etwas zu altbacken und halbherzig, besonders für einen gewöhnlich so fantasievollen, perfektionistischen Geist wie Geir Jenssen.

Eindringliche Höhepunkte sind die beiden längsten Stücke: Sieben feine Minuten von Marsen Jules und der mehr als achtminütige Schlussrausch von bvdub. Angesichts der guten Handvoll relativ okayer Tracks kommt man nicht umhin, auf eine zweite Folge zu hoffen, die dann viele Musiker präsentiert, die wir hier vermissen, etwa Alexander Rishaug, Vladislav Delay, Lawrence English, Machinefabriek, Richard Skelton oder gerne auch ein paar mutigere Ansätze wie vielleicht Mika Vainio oder Jana Winderen. (ijb)



Siehe auch:
Deaf Center
Mokira

Biosphere

Henrik Jonsson


 Various Artists inspired by Harold Budd: Lost In The Humming Air – Music inspired by Harold Budd

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Verschiedene: трип 006 »Когда мне было 14 лет« | »When I was 14«
(2016, Trip TRP006 )

Von Dezember 2014 bis Dezember 2015 brachte Nina Kraviz auf ihrem neuen, eigenen Label трип (Trip) fünf Releases heraus, davon vier Compilations mit diversen internationalen Techno-Produzenten wie Islands Exos. Auf jeder dieser Platten vertreten und darüber hinaus als (bisher) einziger mit einer eigenen 12" beim Label gewürdigt, ist der jüngst weltweit erfolgreiche Isländer Bjarki R. Sigurdarson, den wir auf dieser Katalognummer 006 (die beiden Nullen tragen sichtlich das Ziel einer großen Zukunft in sich) gleich zweifach wieder antreffen.

Wie die vorigen Sampler (»The Deviant Octopus«, »Ivan, Come On! Unlock The Box!«, »De Niro Is Concerned«, »I have a Question«) trägt auch der im Mai 2016 erscheinende, konzeptionelle 7-Track-Release трип006 bereits im Titel eine skurrile Note, die sich von sterilen Techno-Images ebenso bewusst absetzt wie die gezeichneten comic-artigen, etwas bizarren Covermotive von Illustrator Tombo, der so zum Teil des vom Label als »continuous sonic landscape« bezeichneten Albums wird.

Kraviz bzw. трип legt das 40-minütige »When I was 14« als Album mit einer eigenwilligen Story an, obgleich die Tracks von sechs (sehr) unterschiedlichen Musikern stammen. Bei »P-String« von AFX handelt es sich gar um ein Stück, das Richard D. James (aka Aphex Twin) bereits Anfang der Neunzigerjahre, als er noch Teil des Underground war, produziert und vor einem Jahr über sein SoundCloud-Alias user48736353001 verschenkt hat. Es spricht sowohl für AFX als auch für das трип-Konzept, dass sich das starke »P-String« auch nach 25 Jahren nahtlos in die Compilation einfügt. Und wer die AFX/RDJ-Tracks der frühen Jahre kennt, kann daraus schließen, dass »When I was 14« auf rohe, eher reduzierte, teilweise industrialmäßige Technostücke hinausläuft.

трип 006 bietet nichts anderes als erstklassige, zeitlose elektronische IDM mit viel Rhythmus, selbst die Chefin Kraviz zeigt sich hier mit einem sprunghaft-poetischen, kraftvollen Track mit anachronistisch sägenden Neunziger-Beats von ihrer fantasievollsten Seite. Bjarki und Barcode Population sind längst verlässlich gute Techno-Producer und der ebenfalls aus der Beats-Szene Reykjavíks kommende, allerdings bereits 2011 verstorbene Isländer Sigurbjörn Þórgrímsson aka Biogen (Gründer des dort einflussreichen Thule-Labels) ist mit einem klasse ausgefeilten, bislang unveröffentlichten Track vertreten. (ijb)



Siehe auch:
Bjarki

 Verschiedene: трип 006 »Когда мне было 14 лет« | »When I was 14«

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