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Lange Rezensionen 1 - 20 von 22 im Genre »Beats« und Land »Grenzgänger« (insgesamt 23)

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99 Blows: Live Free or Die
( EP, 2015, clang /clang.cl clang030, Download )

Beim vielseitigen dänischen Indie-Label clang erscheint hiermit die mittlerweile 30. Veröffentlichung, allerdings sind die meisten »nur« als Downloads erhältlich. Was andererseits ja ganz zeitgemäß ist; wer kauft heute denn noch CDs? [Ich zum Beispiel.] Hinter dem Alias 99 Blows verbirgt sich Rasmus Vestervig aus dem Norden Skandinaviens, und mit dem reichlich käsigen Titel »LIVE FREE OR DIE« (inspiriert ausgerechnet von einem Autonummernschild in Hew Hampshire) gibt es nun seine zweite »Scheibe« des laufenden Jahres. Wie bei »I/O« im Februar handelt es sich auch hierbei um eine knapp halbstündige EP, die sich über vier recht unterschiedliche Tracks an diversen Stilen versucht.

Irgendwie scheint Vestervig alles irgendwie zu interessieren (daher wohl der Projekttitel »99 Schläge« – frei nach Truffaut?), gerade so, als ob er sein eigenes Ding noch nicht gefunden hat. Am ehesten erkennt man seine Vorliebe für polyrhythmische Dance-Nummern, die er mit seinem Hintergrund als Gitarrist verknüpft. Mal vermeint man den Einfluss von Berliner Hipster-Elektro zu hören, mal erinnert man sich an Recondite, einmal taucht ein Gastsänger auf – ist das noch Tech-House oder schon Indie-Pop? Vielleicht wird Vestervig irgendwann noch ein Hitmaker im Genre »Kalkbrenner«, doch fürs erste bleibt's noch beim Testlauf. Und auch wenn einen keiner dieser vier Tracks vom Hocker reißt, möglicherweise ist 99 Blows nicht weit vom kreativen Durchbruch entfernt... (ijb)

 99 Blows: Live Free or Die

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A-Symmetry: I Am Life
(2014, AGF Producktion 019 )

Hinter A-Symmetry verbergen sich Antye Greie-Ripatti (AGF) und Natalie Beridze (TBA), und der etwas sperrige Projektname könnte für dieses gänzlich un-hippe Projekt kaum besser gewählt sein. Die beiden Musikerinnen und Sound Artists lebten Mitte der 2000er für einige Jahre in Berlin, doch entstand »I AM LIFE« zwischen den derzeitigen Wohnorten der beiden, der Abgeschiedenheit der mittelfinnischen Insel Hailuoto und und der georgischen Hauptstadt Tblisi.

Zwar beeindrucken die Fantasie und der Mut zur stilistischen Schrankenlosigkeit der beiden Musikerinnen, doch eben dies erfordert einige Annäherung an die Komplexität ihres Duo-Debüts. Egal, aus welcher Hörerfahrung man kommt, »I AM LIFE« braucht eine Zeit des Warmwerdens, weil die dreizehn Tracks so gar nicht auf ein homogenes Album angelegt sind und genremäßig komplett schwer zu erfassen sind. Jeder der Tracks trägt das Wort »Life« im Titel und jeder zweite eine komplett neue Genreschublade zu erfinden.

Im greifbarsten Fall fühlt man sich an die stolpernden IDM-Rhythmen (»Seven Lives«) und das feine Geplucker (»Life Lie 8«) aus der Warp-Records-Ecke erinnert, doch wenn Pitchfork eine Kreuzung aus Oval, My Bloody Valentine und FKA Twigs erkennen möchte, kann man dem ebenso wenig widersprechen. Zudem sind fast alle Stücke von mal mehr, mal weniger erkennbaren Stimmsamples durchzogen, was dem fragilen Neo-Ambient-Techno eine gleichermaßen bizarr menschliche wie entrückt geisterhafte Prägung verleiht. Eine faszinierende fremde Welt, wie das Covermotiv verspricht. (ijb)



Siehe auch:
AGF & Various
Sidsel Endresen & Stian Westerhus

Ripatti


 A-Symmetry: I Am Life

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DVS1: fabric 96
(2017, fabric fabric191 )

Nach fast 200 fabric-Mixalben ist es einigermaßen erstaunlich, dass noch kein DJ aus den nordischen Ländern Teil der Reihe wurde. Da besteht durchaus ernster Aufholbedarf. Man könnte Wetten abschließen, wer als erster an die Reihe kommt. Lindstrøm? Prins Tomas? Bjarki – oder jemand anderes aus dem Hause трип? Vielleicht sogar etwas mutiger: SHXCXCHCXSH? Oder gar die Middle-of-the-Road-Wahl Todd Terje? Dabei gäbe es viele DJs, die hervorragend passen würden – oder schon gepasst hätten: Patrik Skoog alias Agaric, Alex Boman, Tomas Svensson, Henrik Jonsson, Joel Alter, Cari Lekebusch, Andreas Tilliander, sogar Olof Dreijer oder mit einer Portion Mut Peder Mannerfelt oder T C F – oder warum nicht gleich die jüngst häufiger mal mit spektakulären Sets an den Desks in Erscheinung tretende Björk zum anstehenden Jubiläum von fabric100 bzw. fabricLive100?

Mit DVS1 (sprich: Devious One) kommt bei fabric das Nordische immerhin schon mal zum Zuge; und Zak Khutoresky, bringt, wenn »FABRIC 96« auch mit keinen skandinavischen Künstlern aufwartet, einen eigenen Stil mit, der teils wunderbar an die einstigen wegweisenden Mixe des ebenfalls in nordischen Regionen aufgewachsenen Richie Hawtin (»DE9 | CLOSER TO THE EDIT«) erinnert. DVS1, geboren in St. Petersburg und mittlerweile in Minneapolis beheimatet, hat eine Reihe toller Singles herausgebracht und nutzt nun die CD-Länge mit einem 78 Minuten langen, recht geradlinigen Techno-Mix voll aus, mischt 29 Tracks quer und dicht, rasant und voll auf die Tanzfläche ausgerichtet.

Es gibt einen ordentlichen Packen richtig guter Hush-Tracks von u.a. Adriana Lopez, Dustin Zahn, Strain und Oscar Mulero, aber auch Unveröffentlichtes von Truncate und Psyk, sowie zwischendurch die üblichen Verdächtigen Planetary Assault Systems, Steffi sowie gleich zweifach Jeff Mills. DVS1 bietet zum Jahresabschluss einen der stärksten Techno-Mixe, mit dem er alles souverän ineinander gleiten lässt und Vergangenheit und Gegenwart auf den Punkt bringt. Zu »FABRIC 96« wird man auch in zehn Jahren noch greifen. (ijb)



Siehe auch:
SHXCXCHCXSH
трип

Peder Mannerfelt

T C F


 DVS1: fabric 96

Offizielle Website

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The Empire Line: Syndicat de la Couture
( EP, 2017, Avian AVN028 12” / DL )

Beim Berliner Label des Engländers Guy Brewer, der auch fürs Coverdesign verantwortlich zeichnet, weiß man, was man bekommt: Industrial-Techno an der Grenze zum Noise, häufig mit kompromissloser Energie. Brewers Alben und EPs unter dem Alias Shifted stellen dies eindrücklich unter Beweis. So legt die EP von The Empire Line, aufgenommen bereits 2015 bei Mayhem (!), einem Ort für Performance und Proben in Kopenhagen, mit »Fragrance Arpège« gleich einen herben Track voller flirrend-enervierender Klänge und versteckten Vocals vor, die manch zarteres Gemüt direkt die Flucht antreten lassen dürften.

Hinter dem Projektnamen verbergen sich der Schwede Jonas Rönnberg (aka Varg) und Christian Stadsgaard aus Dänemark, beide in ihrer jeweiligen Heimat erfahrene Labelmacher im elektronischen Segment. Ihre 26-minütige Platte »SYNDICAT DE LA COUTURE« weist das Duo als vielseitige experimentelle Grenzgänger aus, die sicher den Club bedienen könnten, wie das recht geradlinige Titelstück beweist, mehr Interesse haben sie jedoch offenkundig daran, in die Untiefen von dunklen Atmosphären und ungemütlichem Noise mit bedrückenden Drones vorzudringen. Die vier Tracks faszinieren mit einer schattenhaften Techno-Energie, die alles andere als zimperlich auftritt - worin letztlich auch eine entscheidende Stärke dieser Scheibe liegt. Schade nur, dass die beiden Musiker manchmal nicht so recht wissen, wie sie ihre Soundideen in einer prägnanten, überzeugenden Song- bzw. Trackstruktur verdichten. »Cafe Anglais« würde man über seine acht Minuten gerne mal irgendwo ankommen sehen; »Syndicat de la Couture«, das an sich starke Abschlusstück, wird etwas unmotiviert nach sechs Minuten einfach ausgeblendet. Wir sind gespannt auf ein Album. (ijb)



Mehr CDs von The Empire Line



Siehe auch:
SHXCXCHCXSH
Peder Mannerfelt

Christian Stadsgaard / Damien Dubrovnik


The Empire Line: Syndicat de la Couture

Video-Link

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Evil Madness: Super Great Love
(2011, Editions Mego DeMEGO 018 )

Juhu! Alte und billige Kirmes-Sounds, yeah! Simple Rhythmen und Melodien und gleichförmiges Herum-Jammen mit Keyboards im Quintett, geil! ...Oder doch nicht? Geschmackssache nennt man das wohl. Da hatte ein Rudel Musiker offenbar viel Spaß miteinander beim Austauschen von alten, vergrabenen Disko-Vorlieben, bis zurück in die Achtziger geht’s hier. »Experimentelle Disko-Mucke« also? Wer das Spiel mit Trash-Elementen mag, mit viel Humor und Mut zum Banalen, kommt hier vielleicht auf seine Kosten. Allerdings muss man darauf gefasst sein, dass nicht jeder diese Art von Humor teilt. Garantiert wird die Freundin oder der Kollege fragen, was man das für alten billigen Kram laufen hat, wo man das ausgegraben hat. Aber wenn da zufällig die gleichen Laune-Vorlieben herrschen, kann man eine launig-frische Dreiviertelstunde miteinander verbringen und wird die Platte gleich noch mal von vorne laufen lassen. Vielleicht sogar die ideale Partymusik für Leute, die schon einen Ruf als immer zu ernste Liebhaber von Laptop-Kopfnicker-Clicks weg haben.

Gewissermaßen trifft das ja auch auf die Bandmitglieder zu: Jóhann Jóhannsson gilt nun nicht gerade als großer Spaßvogel und spontaner Tanzbär. Die sehr gescheiten Experimentalfritzen Stilluppsteypa und BJ Nilsen haben ebenso wenig ein Image als Party-DJs. Aber wenn man die Songtitel ihres vierten gemeinsamen Albums seit der Gründung im Jahre 2006 liest, bekommt man schon einen guten Eindruck von der Ausrichtung ihres Programms: »Sexy Feeling All Year Long«, »Divine Sensual Love Fantasy« oder »Isabelle Adjani». Das Spielerische bringt wohl den entscheidenden Faktor. Schließlich muss auch ein ernster Sound Artist seine dunklen Seiten haben und mal die Sau rauslassen. Zwar erreicht »SUPER GREAT LOVE« nicht das Niveau anderer Veröffentlichungen aus dem Hause »Editions Mego«, aber die Typen können mit ihren Instrumenten umgehen. Viel Spaß. (ijb)



Mehr CDs von Evil Madness



Siehe auch:
Jóhann Jóhannsson
BJ Nilsen

BJ Nilsen & Chris Watson

BJ Nilsen & Stillupsteypa


 Evil Madness: Super Great Love

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Galaxian: Blowback
( EP, 2017, Foul-Up DOWN3, 12" / digital )

Hinter Galaxian verbirgt sich der aus Glasgow stammende Produzent Mark Kastner, der auch das Label Doppelganger Records verantwortet. »BLOWBACK« hat er allerdings in einem langen Prozess gemeinsam mit dem Dänen Nicolai Vesterkær Krog ausgearbeitet, der die Platte auf seinem neuen Label Foul Up als dritte Vinyl-Veröffentlichung 2017 (von insgesamt vier) herausbrachte. Er habe Kastners Werk schon lange geschätzt und ihn deshalb mit der Anfrage einer neuen Produktion kontaktiert.

Aus hundert Trackvorschlägen wurden dann in langer Feinarbeit die acht dieser Platte herausgefiltert und zur Veröffentlichungsreife gefeilt. Mit knapp 30 Minuten ginge »BLOWBACK« zwar auch als Album durch, doch Producer und Label möchten es als EP verstanden wissen, wohl weil aus der Zusammenstellung mehr das Gefühl des Herumexperimentierens spricht als ein signifikantes Statement. Da ist was dran, denn beide Seiten der 12" vergehen wie im Flug, wobei eine ganze Menge verschiedener Ideen und Stilelemente zum Zuge kommen. Geradlinigere Tracks wie »Forget About It« oder das rasante »Tunnel Vision« knüpfen an Galaxians Club-Produktionen an, lassen sich auch trotz unwirscher Klänge in einem guten DJ-Set unterbringen, während z.B. »Parasitic Seduction« deutlich geräuschhafter und damit experimenteller auftritt. Überhaupt punktet die EP mit reichen Sounds und Kontrasten, wenn sich auch nicht alle Tracks im einzelnen gleichermaßen festhaken. (ijb)



Siehe auch:
Misantrop
Beastie Respond

Metalized Man


 Galaxian: Blowback

Audio-Link Offizielle Website

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Lars Graugaard & Moritz Baumgärtner: What Actually Happened
(2016, clang /clang.cl clang049 )

Unermüdlich haut Lars Graugaard seine (Download-)Platten raus; meist sind es eher EPs oder Mini-Alben, doch experimentell und spontan sind sie mit jedem Mal. Diesmal hat sich der dänische Avantgardist mit dem jungen deutschen ModernJazz-Schlagzeuger Moritz Baumgärtner (Lisbeth Quartett, Das Rosa Rauschen, Melt Trio) zusammengetan, so dass ihr gemeinsames Werk, an einem Tag im Mai 2016 in Berlin salopp dahinimprovisiert, einen charmant-rasanten Jazzrock-Drive bietet.

Mit dem eröffnenden »Space Twist« wähnt man sich vielleicht noch in einem David-Lynch-Soundtrack, doch schon bald wird der Trip eher spritzig hektisch, ein großer Teil des 35-minütigen Albums ist Rhythmus pur, ja man könnte es Drum&Bass-Improv nennen - wenngleich der Bass-Puls aus Laptop-Sounds und dunkel wabernden Effekten entsteht und ansonsten das komplexe, halb elektronische, halb handgemachte Schlagzeug- und Perkussion-Gestrüpp alles andere als tanzbodengeeignet ist. Passend hingegen wäre der Bandname Infernal Machines, doch der ist ja bereits für Graugaards vorletztes Album des laufenden Jahres vergeben. (ijb)



Siehe auch:
Lars Graugaard
Lars Graugaard, Moritz Baumgärtner & Keisuke Matsuno

Lars from Mars

Infernal Machines


Lars Graugaard: What Actually Happened

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Nils Petter Molvær & Moritz von Oswald: 1/1
(2013, Emarcy /Universal 060253743670 )

Mit wem man auch spricht - allerorts scheint Einigkeit zu herrschen, dass Nils Petter Molvær seine besten Tage lange hinter sich und seit »den Tagen von KHMER« (=den beiden ECM-Alben vor 15 Jahren) nichts Interessantes mehr vollbracht habe. Dieses etwas harsche Urteil steht in einer gewissen Spannung zu den regelmäßigen Werbeslogans, dass der Startrompeter »mit seinem neuen Album [endlich] wieder an die innovativen Qualitäten von KHMER anknüpft«. Keine Frage, diese Sprüche werden auch jede zweite Rezension dieser Kollaboration mit den von Oswalds garnieren - oder auch: »innovative Begegnung zweier stilbildender Genies«. Dabei ist Molvær ein bisschen arm dran: Er kommt einfach nicht aus seiner Haut, dass er keinen seiner Fans verprellen, aber um jeden Preis als konstant origineller Musiker (an-)erkannt werden will, wie es ihm mit »KHMER« beschieden wurde.

Nach der Trennung von Eivind Aarset, einem Intermezzo mit Gitarrengenialist Stian Westerhus und einem Orchesterwerk mit dem derzeit höchst im Kurs stehenden Komponisten Rolf Wallin ging Molvær Anfang 2013 mit Moritz und Neffe Laurens von Oswald ins Berliner Studio. Die gute/schlechte Nachricht: Das Ergebnis klingt haargenau so, wie man es erwartet. Eine solche Platte war wohl unausweichlich; man hat eigentlich das Gefühl, dass es sie schon lange geben musste.

Und doch: Die inflationär gebrauchte Phrase »stilbildender Musiker« trifft seltenst so zu wie im Falle Moritz von Oswalds. Seine Meriten zu resümieren würde den Rahmen dieses Texts flott sprengen; für den Fall der Bildungslücke daher bitte andere Quellen zu Rate ziehen. Trotz seiner unbestrittenen Verdienste um die Verquickung von Genres und die Auffrischung der Popularität norwegischer »Jazz«-Musik in den späten Neunzigern kann es auch Molværs Vita nicht mit der von Oswalds aufnehmen. Das gilt entsprechend für die Musik. Im schlechtesten Fall klingen Tracks wie »Further«, als würden zwei unterschiedliche Platten nebeneinander her laufen. Molvær trötet etwas verloren die Melodiefetzen, die man von ihm kennt und erwartet, nur etwas mehr Hassell-Ambient-mäßig als sonst, während Oswalds pulsierende Beats straff überzeugen. Bei der Live-Premiere auf dem Punkt-Festival 2013 wurde diese Divergenz noch eindringlicher als auf der etwas matschigen CD; allein wenn Molvær atonale Geräusche aus der Trompete zog, stellte sich ein spannungsvolles Miteinander her. Ob die LP-Ausgabe diesem überwältigenden Klangbild näher kommt, lässt die PromoCD nicht beurteilen. (ijb)



Siehe auch:
Nils Petter Molvær
Bugge Wesseltoft & Henning Schwarz

Stian Westerhus


Nils Petter Molvær: 1/1

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Nuage: Neida
( LP, 2015, Project Mooncircle PMC145; Digital File )

»NEIDA« von Nuage wird offiziell als EP angekündigt — und wird auf Vinyl womöglich auch als solche verkauft. Doch die acht Tracks der digitalen Ausgabe (darunter keine Remixes oder alternative Versionen) bilden mit ihren 44 Minuten eine volle Albumlänge — besonders wenn man bedenkt, dass viele Alben durch das Vinyl-Comeback heutzutage wieder rund eine halbe Stunde Laufzeit haben.

Nuages Wurzeln im Drum&Bass lassen sich hier noch gut erkennen, und auch wenn von Seiten seines Labels die Kategorien »2-Step / Deep House / UK Garage« angegeben werden, weist sein genre-umspannender Stil doch weit darüber hinaus, ist auf unaufdringliche Weise ganz gegenwärtig, könnte auch, bei aller Tanzbarkeit, »Autoren-Dubstep« für zu Hause sein. Gleichwohl, ein gewisser House-Touch ist der Musik hie und da nicht abzusprechen.

Recht sonnig und eher un-nordisch tritt Nuage nun, nach zwei vorhergehenden LPs, auf »NEIDA« in Erscheinung. Dabei sei eine längst vergessene, etwas düstere Abenteuergeschichte aus dunklen und kalten nordischen Ländern, eine Heldenreise durch die Kräfte der Natur und an die Grenzen der eigenen Kraft, Inspiration gewesen. Es spricht für den Produzenten, dass er zwischen den Stilen und zwischen den Ländern — Nuage lebt in St. Petersburg — wandelt, für jeden Track einen eigenen Stil findet und zugleich doch ein rundes und nicht zuletzt kurzweiliges Album mit klanglichem und gestalterischem Reichtum geschaffen hat, bei dem der ganze Abenteuerballast keine Rolle mehr spielt. (ijb)

 Nuage: Neida

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Otso: Dendermonde
( EP, 2016, Elli Records EL03 )

Otso Lähdeoja versteckt sich auf allen Cover- und Pressefotos hinter einer kruden Bärenmaske, da sein Vorname in der antiken finnischen Sprache »Bär« bedeutet. Otso ist Komponist, Gitarrist, Digital-Klangforscher und hat einen Doktortitel in Musik der Pariser Universität und ist Postdoctoral Researcher an der Sibelius-Akademie in Helsinki. Zudem hat er bereits eine stattliche Diskografie mit Crossover- und Multimedia-Projekten, Ensembles, diversen Gruppen, Poesie, Installation und Tanzperformances zwischen Finnland, Kanada, Belgien und Frankreich. »Wo ist der Horizont deiner Vorstellungskraft?« fragt er im kurzen Beitext dieser CD.

Tja, diese kleine finnische Elektronik-Platte trägt also große Ambitionen in sich, auch wenn man das so auf den ersten »Blick« nicht vermutet. Die vier Tracks sind zwischen den Genre-Stühlen Ambient, Musique Concrète, Elektroakustik-Noise und Psychedelic Postrock angesiedelt; Otso spielte die diversen elektronischen Aufnahmen in Kanada und der Schweiz ein, zusätzlich mischte er noch Gäste mit Moog und Harmonikas dazu. Spannend ist diese Kreuzung aus Alt und Neu, schamanistischer Elektroakustik und verspieltem Indiepop, verknurpsten Geräusche und effektgeladenen Blues-Gitarren. Oder anders gesagt. »DENDERMONDE« ist, dass Welt, dass wir manchmal versuchen, versuchen wir zu erreichen, wenn das nicht genug ist, oder wenn es uns das Material für den anderen zu suchen können geben würde. Alles klar?

Eine abenteuerliche Reise - oder vielmehr: ein kleiner Ausflug. Denn das größte Manko der CD: Mit vier Tracks über zwanzig Minuten ist sie einfach zu kurz. Ein ganzes Album wäre toll. (ijb)

 Otso: Dendermonde

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Sly & Robbie meet Nils Petter Molvær feat Eivind Aarset and Vladislav Delay: Nordub
(2018, Okeh /Sony Music 88985406342 )

Wer auch immer die Idee hatte, die jamaikanischen Reggae- und Dub-Veteranen Sly Dunbar & Robbie Shakespeare mit den Nordlichtern Nils Petter Molvær und Eivind Aarset zusammenzubringen und dazu noch Vladislav Delay einzuladen – er hatte ein goldenes Händchen (oder Öhrchen). Nach einem für alle Beteiligten inkl. dem Publikum offenbar sehr beglückenden Konzert in Frankreich, dem sich eine Tour anschloss, traf man sich im November 2016 in Oslo, um mit weiteren Vertretern der norwegischen Elektro-Zunft ein Album aufzunehmen. Und, um es vorweg zu nehmen: Es ist eine Wucht!

Dabei speist sich die musikalische Kraft nicht aus der etwaigen Innovationskraft der einzelnen Akteure. Im Gegenteil: Aarset rollt seine bereits bekannten »magnetischen« Teppiche aus, über die Molvær seine Trompete wie gewohnt erklingen lässt, mal sehr klar, mal heißer, mal durch den Verzerrer gejagt, Herr Delay hält all dies gekonnt in stetem Fluß und Sly & Robbie stellen sich einfach nur dappig an (um ein Wortspiel zu verwenden, das wohl nur die süddeutschen Leser verstehen werden). Jan Bang und punktuell auch Erik Honoré unterfüttern die atmosphärische Dichte der Aufnahme mit Synthesizern und einigen Field-Recordings. Nein, der außerordentliche musikalische Gewinn entsteht vielmehr daraus, dass es diesen Individualisten gelingt, ihre Fähigkeiten so musikalisch miteinander zu verschränken, dass etwas Größeres entsteht – ein Moment, das Molværs vorangegangenes Projekt mit Moritz von Oswald fast gänzlich vermissen ließ.

Hier hingegen fließt die Musik wie ein breiter Strom stetig vorwärts, bleibt aber durch das erdige Fundament der beiden Jamaikaner und den schön direkten Gesamtsound klanglich stets präzise. Er wird weniger von griffigen Melodien als vielmehr von rhythmischen Strukturen und kleinen Motiven in stetiger Bewegung gehalten. Doch gerade, wenn man beginnt, sich im Flow der Musik zu verlieren und sich die Titel gelegentlich noch viel viel länger wünscht, um vollständig darin einzutauchen, wird man zur Mitte der Aufnahme durch schroffere Töne wieder ins Diesseits befördert. Aber spätestens bei »Dream Drifter« (wie wahr!) ist es bis zum finalen Ton der Scheibe wieder um einen geschehen.

Anhänger der reinen Lehre Molværs oder Aarsets könnten gerade zu Beginn der CD ihre Schwierigkeiten haben, des Dubs wegen, wer aber etwa die Remix-Alben des Trompeters nicht ganz abwegig fand, der wird auch hier Gefallen finden. Dem Album ist zu wünschen, dass es in dieser Form alleine stehen bleiben darf und reifen kann, als ein markanter Monolith in den Karrieren der einzelnen Beteiligten – und nicht durch ein späteres »NORDUB II« oder gar »III« in seiner Größe beschnitten wird. (stv)



Siehe auch:
Nils Petter Molvær & Moritz von Oswald
Eivind Aarset

Vladislav Delay

Jan Bang, Erik Honoré, Punkt


 Sly & Robbie meet Nils Petter Molvær: Nordub

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Thieves Like Us: Play Music
(2008, Sea You SEA07 )

Das Problem kommt von selbst, wenn man seine Musik fast ausschließlich nach Momenten des Jetzt ausrichtet. Antizipiert man die Entwicklungen etwas ungelenkt, dann sitzt man mit seiner Platte da, während das Volk zu anderen Songs die Diskos nassschwitzt. Das schwedisch-amerikanische Trio setzt ihren kompletten Einsatz auf die Ausläufer der 80er-Jahre Synthiewelle, dem in dieser konsequenten Form allerdings bei näherer Betrachtung weniger Artverwandtes gegenüber steht, als man vielleicht mit den ersten Takten dieser Synthetik annehmen könnte.

In Paris wohnhaft springen Thieves Like Us auch nicht auf den French House-Zug auf, dessen Rücklichter jedoch auch schon am Firmament entschwinden. Vielmehr ist es die La Boum-Ära mit ihrer auf reine Coolness ausgerichteter Ästhetik. Pure Keyboardflächen und sämige Beats sind dabei wie Teppiche ausgelegt, damit sich die Langeweile schön ausbreiten kann. Mit »Drugs In My Body« hat man allerdings einen kleinen Hit dabei, der jedoch auch keine größere Auffälligkeit sein möchte. Auf Albumdistanz bleibt so leider auch nur eine leere, nostalgische Puppenhülle. (maw)

 Thieves Like Us: Play Music

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Various Artists inspired by Harold Budd: Lost In The Humming Air – Music inspired by Harold Budd
(2012, Oktaf Music & Art Label /Kompakt OKTAF#04 )

In der Tat eine CD voller Grenzgänger: »Lost In The Humming Air« versammelt ein (kleines) Who-Is-Who des Gegenwartsambient, 13 Tracks zur Huldigung von Harold Budd. Es ist zwar kein Geheimnis, dass der mittlerweile 76-jährige Amerikaner einen großen Einfluss auf ungezählte Musiker hatte und hat, doch sein Name wurde nie so bekannt wie die vieler seiner Schüler. Von Varèse und Cage führt durch ihn die Linie direkt zu Brian Eno, mit dem er einige großartige Platten gemeinsam produzierte, zu Aphex Twin und Autechre, aber auch zu Mychael Danna oder Michael Nyman. Martin Juhls (aka Marsen Jules) und Rafael Anton Irisarri hatten daher keine Probleme, unter ihren Freunden und Zeitgenossen Begeisterung für ein Tributalbum zu wecken.

Da ließ sich wohl keiner zwei mal bitten. Wie zumeist bei solchen Unternehmen sind die Ergebnisse reichlich divergent ausgefallen, selbst wenn der Begriff Ambient zu einem 70 Minuten lang relativ gleichförmig atmosphärischen Gesamtbild führt, was nicht unbedingt zum Vorteil der einzelnen Mitwirkenden, ebenso wenig zum Vorteil Harold Budds gerät. Zu den eindeutig gelungenen Verbeugungen gehört Deaf Centers »Plateaux«, mit dem die beiden Norweger gleichermaßen sich selbst treu bleiben wie offenbar vom Geiste Budds zu einem eindringlich-unspektakulären Höhenflug angeregt wurden. Andreas Tilliander alias Mokira, der schwedische Meister der Vielseitigkeit, begeistert mit (s)einem pointiert pulsierenden »Harold Dubb«, das gleichwohl fast mehr als Epilog zu seinem exzellenten letzten Album daherkommt denn als offensichtliches Budd-Tribut. Weniger überzeugend, immerhin erfreulich untypisch, ist Biospheres Versuch eines abstrakt skizzierten Piano-CutUp-Stücks; nicht total misslungen, doch leider etwas zu altbacken und halbherzig, besonders für einen gewöhnlich so fantasievollen, perfektionistischen Geist wie Geir Jenssen.

Eindringliche Höhepunkte sind die beiden längsten Stücke: Sieben feine Minuten von Marsen Jules und der mehr als achtminütige Schlussrausch von bvdub. Angesichts der guten Handvoll relativ okayer Tracks kommt man nicht umhin, auf eine zweite Folge zu hoffen, die dann viele Musiker präsentiert, die wir hier vermissen, etwa Alexander Rishaug, Vladislav Delay, Lawrence English, Machinefabriek, Richard Skelton oder gerne auch ein paar mutigere Ansätze wie vielleicht Mika Vainio oder Jana Winderen. (ijb)



Siehe auch:
Deaf Center
Mokira

Biosphere

Henrik Jonsson


 Various Artists inspired by Harold Budd: Lost In The Humming Air – Music inspired by Harold Budd

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Verschiedene: Jazzflora – Scandinavien Aspects Of Jazz
(2004, DNM /PP Sales DNMCD 004 )

Diese Compilation verspricht nicht zu wenig und erst recht nicht zuviel mit ihrem fulminanten Überblick über die NuJazz- und Beatjazz-Szene der nordischen Gegenwart. Ein Genuss gleich der Opener der Finnen von Kuusumun Profeetta, die eine charmante Coolness an den Tag legen. Drumlastiger, aber nicht weniger dezent gibt sich der Göteburger Christoffer Berg alias Hird, abgelöst von Elsa, die an die verspiegelte Bar einladen, während andere schon unterwegs zur Arbeit sind.


Ebenfalls mit dabei: Butti 49 sowie Koop, die ein vergleichsweise raues Cover ihres Hits »Tonight« bieten. Nicht zu verachten aber auch wenig bekannte Projekte wie The Five Corners Quintet, die sich beinahe dem Big-Band-Sound öffnen, oder die Norweger Kahuun, die sich am weitesten vom traditionellen Jazz weg Richtung Drum' Bass bewegen – wäre da nicht das perlende E-Piano, das sich gegen elektronische Drums behauptet. (frk)