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Lange Rezensionen 1 - 10 von 45 im Genre »Klassik« und Land »Dänemark« (insgesamt 45)

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Hans Abrahamsen:
Danish String Quartet: Thomas Adès / Per Nørgård / Hans Abrahamsen
(2016, ECM New Series 2453 )

Das junge Danish String Quartet hat sich über die letzten paar Jahre international einen Namen gemacht und eine Reihe hörenswerter CDs bei verschiedenen Labels veröffentlicht; darunter skandinavische Volksmusik und eine zweiteilige Kompletteinspielung der Quartette von Carl Nielsen (dacapo) sowie Klassiker von Brahms und Haydn. Nicht zu verwechseln ist das Ensemble mit dem Danish Quartet, das in den Neunzigerjahren unter anderem hervorragende Einspielungen von Gubaidulina und Hindemith bei cpo vorgelegt hat.

Für ihr ECM-Debüt, das im Mai 2015 mit Manfred Eicher in Neumarkt in der Oberpfalz eingespielt wurde, entschieden sie sich für ein spannendes Programm dreier zeitgenössischer Komponisten unterschiedlicher Generationen. Und allen dreien wurde nicht lange vor Veröffentlichung der CD besondere Aufmerksamkeit durch renommierte internationale Preise zuteil.

Die das Album bildenden Werke sind gewissermaßen, also dem Datum nach, nicht ganz so zeitgenössisch wie ihre jeweiligen Urheber. Was die drei indes verbindet, ist dass es sich um jeweils die erste Arbeit für Streichquartett des zum Entstehungszeitpunkt eines 20-jährigen Komponisten vor dem Durchbruch handelt. Das jüngste Werk – das erste auf der CD – stammt zugleich vom jüngsten Künstler: »Arcadiana« in acht Sätzen schrieb der 1971 in London geborene Thomas Adès im Jahr 1994. Er zählt zu den herausragenden Komponisten der britischen Inseln, nicht zuletzt seit sein Werk von Simon Rattle gefördert wurde, etwa beim Antrittskonzert bei den Berliner Philharmonikern im Jahr 2002. Adès wurde unlängst der dänische Léonie-Sonning-Musikpreis zugesprochen, was eine von mehreren Verbindungen mit den beiden dänischen Kollegen dieses Programms bildet. In den lesenswerten und erhellenden Liner Notes erläutert Paul Griffiths die Bezüge des Titels, wie Adès' Musik nationale Grenzen obsolet macht und mit welchen kompositorischen Stilmitteln er sich mit den beiden Dänen verbindet.

Von diesen überaus faszinierenden, aber keineswegs unmittelbar einnehmenden, an Schatten und Schattierungen, Verweisen und Verwandlungen reichen zwanzig Minuten geht der Weg zum 1932 geborenen Per Nørgård, der 2016 mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis ausgezeichnet wurde (den Léonie-Sonning-Musikpreis erhielt er zwanzig Jahre zuvor, und den Musikpreis des Nordischen Rats bereits 1974). Sein kontrapunktisches »Quartetto Breve« (1952) besteht aus nur zwei Sätzen und erzählt alles in gerade mal sieben Minuten, was ein wenig an Schostakowitschs kürzeste (und heiterste) Werke des Genres denken lässt. Nørgård, der später einen Platz als einer großer Sinfoniker des Jahrhunderts einnehmen sollte, knüpft hier zarte Bande mit dem damaligen Modernismus, teils unter dem Einfluss seines damaligen Lehrers Vagn Holmboe, teils wahrscheinlich auch vom wenige Jahre zuvor verstorbenen Bartók fasziniert. Wer Nørgård heute vor allem für seine Großwerke kennt und schätzt, sollte unbedingt diesem eher unbekannten, feinen Jugendstück besondere Aufmerksamkeit schenken.

Ein Schüler Nørgårds war der 1952 in Kopenhagen geborene Hans Abrahamsen, der häufig zur »Neuen Einfachheit« gezählt wird, was sich in seinen schlicht und fast minimialistisch anmutenden »10 Preludes« aus dem Jahr 1973 widerspiegelt. Ihm wurde wurde 2016 der renommierte amerikanische Grawemeyer Award verliehen (den Adès bereits im Jahr 2000 erhielt), im besonderen für seinen Liedzyklus »let me tell you«, der auf Paul Griffiths' Novelle basiert und beim Online-Klassikmagazin Musicweb International zum Album des Jahres gekürt wurde. Auch hier, in dem kaleidoskopartig schillernden Streichquartett, lässt sich in zehn lebhaften Miniaturen die Neugier eines jungen Talents erleben, das in Skandinavien längst hoch geschätzt (siehe z.B. die ebenfalls 2016 veröffentlichte CD »AIR« von Frode Haltli), hierzulande jedoch noch zu wenig beachtet wird.

Im Meer der laufend den Markt schwemmenden Streichquartett-CDs besticht dieses kraftvoll dichte und mit einer Dreiviertelstunde erfrischend kompakte Album mit höchster Individualität und lädt leidenschaftlich ein, Horizonte zu erweitern, statt immer nur auf die üblichen und bekannten alten und neuen Klassiker zu bauen. Hoffentlich folgen noch weitere Einspielungen von solch konkurrenzlosem Format. (ijb)



Siehe auch:
Frode Haltli: Sørensen / Abrahamsen

Hans Abrahamsen: Danish String Quartet: Thomas Adès / Per Nørgård / Hans Abrahamsen

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Joachim Andersen:
Joachim Andersen: Works For Flute & Orchestra
(2004, Danacord DACOCD 604 )

Gestatten, Joachim Andersen! Ich war nicht nur Soloflötist und stellvertretender Dirigent der Berliner Philharmoniker, sondern seit 1898 auch Chefdirigent des Tivoli-Sinfonieorchesters. Als Komponist kennen mich alle Querflöten-Schüler wegen meiner 188 Etüden, mit denen sie seit hundert Jahren gemartet werden. Aber hier hören Sie den Effekt: Wie bei einem heiteren Sommer-Konzert im Tivoli muss das »Allegro Militaire« klingen – übrigens das einzige Orchesterstück für zwei Soloflöten. Federleichte Salonmusik wie »Deuxième Morceau de Concert«, die Ungarische Fantasie oder die beliebten »Variations Drolatiques«, die auf einer gotländischen Volksweise basieren.

Erst 95 Jahre nach meinem Tod wurden diese Stücke nun auf einer CD eingespielt, von meinem exzellenten Kollegen und Landsmann Thomas Jensen, der meine flinken Finger und die Atemtechnik geerbt zu haben scheint.
Ihr Andersen. (mls)

Joachim Andersen: Joachim Andersen: Works For Flute & Orchestra

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Axel Borup-Jørgensen:
Axel Borup-Jørgensen: Organ Music
( SACD, 2016, Our Recordings /Naxos 6.220617 )

Wie schon bei der kurz zuvor veröffentlichten »PIANO MUSIC« konnten OUR Recordings auch für die Kollektion von Borup-Jørgensens Orgelmusik einen mit dem Komponisten seit vielen Jahrzehnten persönlichen vertrauten Musiker für die Aufnahmen gewinnen. Jens E. Christensen schreibt in seinen Liner Notes mit dem Titel »Ziemlich außergewöhnlich – als Komponist und als Mensch« darüber, wie sich der ausgebildete Pianist Axel Borup-Jørgensen in den 1970ern aktiv mit der Orgel auseinandergesetzt hat, und nachdem er, Christensen, als junger Organist mit einem von »Axel's favourites«, György Ligetis »Volumina« aufgetreten war, die gemeinsame Beschäftigung mit dem Instrument pflegte.

Ziemlich außergewöhnlich sind auch die neun Werke, aus denen das mit 75 Minuten Laufzeit üppig ausgestattete Programm aufwartet: Stücke in verschiedener Besetzung aus den Jahren 1961 bis 2009 sind hier zu finden. Was keineswegs heißen soll, dass Borup-Jørgensens Orgelwerk schwer zugänglich oder ob seiner Instrumentenwahl nur für Spezialisten zu genießen wäre. Es ist wahrlich eine Entdeckung. Das erste, kaum mehr als anderthalb Minuten lange »Portal« für Perkussion und Orgel des damals 85-jährigen Komponisten legt eine hervorragende Startmarke hin, auf die das letzte (und mit über 15 Minuten längste) Stück, »winter music« (1986/87) für die gleiche Besetzung dann direkten Bezug nimmt. Im Zusammenspiel mit dem Schlagzeuger Mathias Reumert entsteht aus dieser selten zu erlebenden Kombination eine klanglich spannende und komplexe Nordische Musik, die hochgradig faszinierend bewegt, die abwechslungsreiche »Dunkelheit und Gewalt des [nordischen] Winters« aufgreifend, wie in den Erläuterungen nachzulesen ist.

Auch die anderen Solo- und Duowerke, im Zusammenspiel mit Cembalo oder mit verschiedenen Sänger/innen und einem zweiten Organisten, bieten musikalische Zwiegespräche, wie man sie bislang so wahrscheinlich noch nie gehört hat. Die reinen Orgelwerke dürften gerade auch Liebhaber von neuen Tendenzen im Genrebereich »Drone« und »Dark Ambient« begeistern; wer etwa Lasse Marhaugs und Nils Henrik Asheims Kollaboration »GRAND MUTATION« mochte. Wie das ausführliche und bereichernde Beiheft erläutert, lassen sich gerade auch die Lieder nach Rilke, Nietzsche und Karlfeldt hervorragend genießen, wenn man sonst wenig Affinität zum zeitgenössischen Kunstlied hat. Jedes Werk dieser Zeit eröffnet einen eigenen, hörenswerten Blick auf den Kosmos Borup-Jørgensens und der Orgelmusik im 20. Jahrhundert. Exzellente, superb interpretierte CD. (ijb)



Siehe auch:
Lasse Marhaug & Nils Henrik Asheim

Axel Borup-Jørgensen: Axel Borup-Jørgensen: Organ Music

Offizielle Website

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Axel Borup-Jørgensen:
Axel Borup-Jørgensen: Piano Music
( SACD, 2016, Our Recordings /Naxos 6.220616 )

Vier Alben wurden dem Komponisten bereits bei DaCapo, dem dänischen Klassiklabel schlechthin, gewidmet, zwei Mitte der Neunziger und zwei weitere erst 2014/15. Erst jetzt, nach seinem Tod im Oktober 2012, wird Axel Borup-Jørgensen langsam auch außerhalb Dänemarks ein wenig bekannter. Das Kleinlabel OUR Recordings befasst sich nun mit einer neuen CD-Serie mit seinem Œuvre.

Der Pianist Erik Kaltoft gehört mit seinem Geburtsjahr 1943 ebenfalls schon einer älteren Generation an. Über fast 45 Jahre pflegte er eine Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem 1924 geborenen Borup-Jørgensen. Mehr als 200 zeitgenössische Klavierwerke soll er uraufgeführt haben, darunter von Schülern Borup-Jørgensens wie dem gleichermaßen jüngst weit bekannter gewordenen Per Nørgård. Entsprechend darf Kaltofts Aufnahme des – insgesamt eher wenig umfangreichen und wenig dramatischen – Klavierschaffens unumwunden als Referenzeinspielung verbucht werden; er erweckt das breit gefächerte, mehr als einstündige Programm präzise zum Leben.

Axel Borup-Jørgensen lebte unweit von Kopenhagen recht zurückgezogen als Komponist und Klavierlehrer, trat nie einen Posten in der Öffentlichkeit oder eine Karriere als Interpret an. So konnte er seinen sehr eigenen künstlerischen Stil pflegen. Dieser lässt ihn als akribischen Modernisten, mit konzentrierter Klarheit und subtilem, intuitiv und impressionistisch scheinendem Ausdruck erscheinen. Die Auswahl seiner »PIANO MUSIC« auf dieser CD umspannt knapp fünfzig Jahre, von 1948 bis 1994, doch in den Händen des Interpreten fügt sich alles zu einer schlüssigen eigenen Geschichte, denn glücklicherweise wurden die zehn Werke nicht chronologisch angeordnet. Die Kompositionen sind nicht unmittelbar einnehmend mit ihrem auf den ersten Blick unterkühlten Charakter, doch ist spannend zu erleben, wie jedes Werk dazu geführt wird, dass es sich mit seinen Eigenheiten entfalten kann und so letztlich sehr viel über die Persönlichkeit Borup-Jørgensens, der sich mit dem Instrument zeitlebens tiefgreifend auseinandergesetzt hat, zu erzählen vermag. Hier lassen sich für Pianisten, die nach wenig Gehörtem in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts Ausschau halten, einige Entdeckungen machen, und Erik Kaltoft bietet sie vorzüglich dar. (ijb)



Siehe auch:
Per Nørgård

Axel Borup-Jørgensen: Axel Borup-Jørgensen: Piano Music

Video-Link Offizielle Website

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Gregers Brinch:
Gregers Brinch: Kåverdalen - Volume 2
(2015, Claudio Records /Naxos CC5993-2 / 5993-6DVD )

Der Blick auf diese CD verwirrt auf unerwartete Weise: Das Copyright der Veröffentlichung ist mit 2008 angegeben, doch der Text im Beiheft beinhaltet Informationen über Aufführungen und Werksangaben bis 2014, und nicht zuletzt entstanden offenbar zwei der Werke auf dieser CD zwischen 2010 und 2014.

1964 in Dänemark geboren, ist der Komponist Gregers Brinch jedoch bereits seit seinem 13. Lebensjahr in England beheimatet, wo ihm das Label Claudio Contemporary aktuell diese Reihe mit kammermusikalischen Werken widmet. In diesem Fall, der »Volume 2«, präsentiert die CD bzw. HD-Audio-DVD zwei viersätzige Werke für Cello solo und eine Suite für Flöte solo. Studiert hat Brinch von 1987 bis 1992 in Hamburg, und neben seiner Tätigkeit als Komponist, die laut Eigenaussage durch Milos Formans »Amadeus« ausgelöst wurde, ist er auch als Pianist, Bariton, Schauspieler und Lehrer aktiv. Stilistisch lässt er sich ebenso schwer einordnen; sein Schaffen ist ebenso geprägt von zugänglicher Tonalität wie von karger und spröder Melodik, bei der feine Harmonie-Erforschung eine Rolle spielt. Offenbar ist er bestrebt, in den Werken dieser CD dramatische Geschichten zu erzählen, und dabei kommen einem mal Bachs Cellosuiten in den Sinn, mal Schostakowitschs dunkles kammermusikalisches Spätwerk, ebenso aber auch Bartok und Schnittke. So postmodern wirken diese Cellostücke, dass man die prägnante eigene Stimme des Komponisten ein wenig vermisst.

Womöglich zeichnet Brinchs Werk gerade dieses Gefühl von Freiheit aus: Jede Inspiration darf zu ihrem Recht kommen, und sei sie auch im Schaffen anderer (bekannterer) Tonsetzer begründet. Ein zweiter wesentlicher Fokus dieser Arbeiten rührt aus Brinchs umfassenden Intervallstudien her, weshalb er sich einer Weiterführung diatonischer Tonalität und »klassischer« Musik widmet statt grundlegend neue Klangsprachen zu erforschen. Der britische Cellist Rohan de Saram, Sohn von Einwanderern aus Sri Lanka, studierte einst bei John Barbirolli und Pablo Casals und bestreitet hier den Hauptanteil des Programms, karg, aber konzentriert. Flötistin Julie Groves, Mitglied des London Myriad Ensemble, spielt die noch kargere, latent asiatisch angehauchte »Parzival Suite«, die Brinch ihr gewidmet hat. (ijb)

Gregers Brinch: Gregers Brinch: Kåverdalen - Volume 2

Offizielle Website

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Peter Bruun:
Peter Bruun: The Green Groves
(2016, dacapo /Naxos 8.226571 )

Dem 1968 geborenen Komponisten Peter Bruun aus Aarhus (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, 1979 geborenen dänischen Schlagzeuger aus Kopenhagen) schenken das Label dacapo und das Ensemble MidtVest mit dieser hervorragenden CD voller Ersteinspielungen eine beeindruckende kleinen Werkschau zur Einführung in sein Schaffen. Dass Bruun einst Philosophie studierte, bevor es sich dem Komponieren zuwandte, kann man unter anderem aus den schillernden Werktiteln herauslesen, aber auch aus der faszinierenden Eigenwilligkeit, die aus diesen vier kammermusikalischen Arbeiten spricht, aus ihrer Offenheit für »andere« Blickwinkel und neue Gedanken, aus der Einladung, Neue Musik in der Tradition des 20. Jahrhunderts tatsächlich noch einmal neu zu denken - ohne dass Bruun es sich dabei irgendwann einmal in selbstverliebter Fachsimpelei auf Kosten des Publikums gemütlich machen würde.

Vermutlich liegt hierin ein Grund, dass im 2008 für seine Komposition »Miki Alone« der Musikpreis des Nordischen Rats (Nordic Council Music Prize) verliehen wurde. Weniger nachvollziehbar indes ist, besonders wenn man diese eindringlichen und extravaganten, aber zu keinem Zeitpunkt schwierigen Werke hört, dass sein Name nicht bereits weitaus bekannter ist. Bruun bezieht sich in seinem Schaffen einerseits auf den amerikanischen Minimalismus, andererseits auf die mitteleuropäische »Neue Einfachheit«, die in den 1960er und 1970er Jahren auch in Dänemark Niederschlag in der Musikszene fand. Er lernte sein Handwerk unter anderem von Per Nørgård und Hans Abrahamsen, aber man kann in leiseren, lyrischere Passagen wie in »Big Bird and His Friends«, einem magisch anmutenden, farbenreichen Sextett für Cello und Bläser (Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn) eine Poesie erspüren, die manch einen an Riley oder vielleicht sogar Reich erinnert.

So zeigt sich durch die vier Kompositionen dieser CD hindurch, dass Peter Bruun auf eine ebenso kluge, komplexe wie emotional direkte Weise seine philosophische Ader in Notenform zum Ausdruck zu bringen vermag. Und das zehnköpfige Ensemble MidtVest erweckt mit großer Energie und Dynamik die Ideen des Komponisten zum Leben, mal fast jazzig spritzig, mal souverän elegant, mal rasant und rhythmisch: eine große Freude, ein hochspannendes, dichtes Programm, diese CD. (ijb)



Siehe auch:
Per Nørgård
Hans Abrahamsen


Peter Bruun: Peter Bruun: The Green Groves

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Ole Buck:
Ole Buck: Sinfonietta Works
(2016, dacapo /Naxos 8.226589 )

Bitte acht geben: Ole Buck ist nicht der wegweisende norwegische Komponist aus dem 19. Jahrhundert, sondern ein vergleichsweise junger Zeitgenosse aus Dänemark. Auch wenn der Kopenhagener Komponist im Februar 2015 bereits seinen 70. Geburtstag feierte, sind sein Name und Werk – anders als beim beständig erwähnten und gespielten Kollegen Ole Bull aus Norwegen der Fall – bislang nahezu völlig unbekannt. Ein Grund für Dacapo: Das von der Dänischen Kunststiftung (Statens Kunstfond) gestützte Label hilft seit Jahren zuverlässig – neben der Arbeit mit mehr oder weniger bereits als »Klassikern« anerkannten Namen – nicht nur jungen Komponisten der Avantgarde, sondern auch älteren Semestern, die unverdientermaßen durchs Raster der Aufmerksamkeit gefallen sind, auf dem Weg in die mögliche Aufnahme in den »Kanon«.

In diesem Sinne ist diese Zusammenstellung von vier Werken von Ole Buck ein Musterbeispiel für eine solche gelungene CD-Präsentation. Ebenso wie diese Kompositionen schwer zwischen Kammerorchester- und Ensemblebesetzung festzulegen sind, scheint Bucks Schaffen auch stilistisch zwischen viele Stühle zu fallen – weshalb die mangelnde Aufmerksamkeit ein wenig nachvollziehbar ist. Auf der anderen Seite beeindrucken diese vier einsätzigen Werke durch eine wunderbar charmante Eigenwilligkeit, die es dem Publikum doch in keinem Moment mit sperriger Kunstsinnigkeit schwer macht, die Musik zu genießen.

Nachdem Buck in den 1960ern und frühen 70ern reduzierte Musik gegen die herrschenden Moden schrieb, zog er Ende der Achtziger Jahre aufs Land, was sein Werk wohl zu weiterer Einfachheit und Schönheitssuche führte. Doch auch wenn das Bild des naturverbundenen Komponisten auf eine falsche Fährte lockt, in ihrer bestechenden Klarheit und faszinierenden »Neuen Einfachheit« sollten viertelstündige Stücke wie »Fiori di ghiaccio« (für 9 Instrumente, 1999) und »A Tree« (für 13 Instrumente, 1996) auch Liebhabern der Werke von Reich, Silvestrov oder gar Pärt zusagen. Auch Sibelius' Tondichtungen sind vage Anknüpfungspunkte. Dissonanzen gibt es hier nur am Rande, sie sind aber effektiv gesetzt, um die emotionale Wirkung der subtil am (amerikanischen) Minimalismus geschulten Stücke noch zu verdichten.

Während bei den ersten beiden Kompositionen dunkle Stimmungen mehr das Salz in der Suppe ihrer feinen Poesie sind, lässt hingegen das von der Kunstwelt beeinflusste (und entsprechend (un-)betitelte) »[untitled]« (für 8 Instrumente) aus dem Jahr 2010 recht deutlich an die harschen Streicher in Strawinskys »Frühlingsweihe« denken, sicher nicht versehentlich. Eine starke, mitreißende Nummer, die manch einem neoklassizistischen oder postromantischen Konzertprogramm gut stehen würde. Das abschließende längste Stück »Flower Ornament Music« (für 17 Instrumente, 2001) bietet das reichhaltigste Drama. Auch hier lassen sich zahlreiche Bezüge zu anderen großen Orchesterautoren der letzten 50 Jahre ziehen; und doch ist Bucks Klangsprache eine ganz eigene, eine, die für jede Komposition eine individuelle innere Welt öffnet.

In Form von drei Seiten Liner Notes ergänzt Jesper Lützhøft, der künstlerische Leiter der Kopenhagener Athelas Sinfonietta, die CD um mancherlei wertvolle Hintergrundinformation und Zusammenhänge. Von Ole Buck wollen wir sehr gerne noch mehr hören, sowohl auf weiteren CD als auch in unseren Konzerthäusern. (ijb)



Siehe auch:
Pelle Gudmundsen-Holmgreen
Per Nørgård

Ole Bull


Ole Buck: Ole Buck: Sinfonietta Works

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Dietrich Buxtehude:
Buxtehude and his Circle
( SACD, 2016, dacapo /Naxos 6.220634 )

Wenn man weiß, dass Paul Hillier einst Gründungsdirektor des Hilliard Ensemble war, hört man beim Theatre of Voices und dieser CD gleich mit anderen Ohren hin. Letzteres Ensemble besteht indes bereits seit 1990, wurde von Hillier in Kalifornien gegründet, ist mittlerweile allerdings in Dänemark zu Hause. Erst in den letzten Jahren wurden Theatre of Voices über Kennerkreise »Alter« und zeitgenössischer Chormusik bekannt, obwohl ihr Repertoire außergewöhnlich vielseitig und ihre Interpretationen teils überragend, preisgekrönt und beim Publikum ausgesprochen beliebt sind.

Dieses erschöpfende, 75-minütige Programm mit Komponisten aus dem Buxtehude-Kreis während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigt die Stärken des Ensembles mustergültig auf: die sieben SängerInnen und acht InstrumentalistInnen (2 Violinen, 2 Bratschen, Cello, Violon, Fagott und Orgel) gehen so sehr in den Werken auf, dass man sich wie in einer andere, ferne Zeit versetzt fühlt – und das gelingt ihnen eben so sehr, dass die Musik tatsächlich größer und präsenter wird als ihre Interpreten.

Ein nicht geringes Verdienst, denn ähnlich wie das Ensemble selbst ist auch das Werk des Organisten und Komponisten Diet(e)rich Buxtehude (dänisch Diderik Buxtehude) bislang weit weniger Menschen vertraut als das Schaffen einiger seiner Eleven, etwa Johann Sebastian Bach oder Georg Friedrich Händel. Als er 1707 starb, war das anders, und der Kreis (heute wurde man Netzwerk sagen), der sich um ihn und seine Kunst zwischen Danzig, Lübeck, Kopenhagen, Göteborg und Stockholm bildete, soll im Rahmen dieser ambitionierten und wohlüberlegten Zusammenstellung ins Gedächtnis gerufen werden und zu Wieder- und Neuentdeckungen einladen. Komponisten wie Christian Geist, Franz Tunder oder Kaspar Förster aus der Zeit des Hochbarock, die Hillier und sein multinationales Theatre of Voices ausgesucht haben, sind derzeit vermutlich nur sorgfältigen Kennern ein Begriff. Umso wertvoller dieses Engagement, sie aus dem Schatten der Musikgeschichtsschreibung zu ziehen.

Dazu trägt auch das exquisite, mehrsprachige Beiheft mit ausführlichen Informationen und den gesungenen Texten maßgeblich bei. Klanglich bietet die SACD (mit dem entsprechenden Wiedergabesystem) eine makellose Mischung und ein eindringliches Erlebnis. (ijb)



Siehe auch:
Hilliard Ensemble
Paul Hillier / Jóhann Jóhannsson


Dietrich Buxtehude: Buxtehude and his Circle

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Dietrich Buxtehude:
Dietrich Buxtehude & Johann Adam Reinken: Sonaten
(2009, Mirare MIR 074 )

Eine Einspielung voll zarter Töne und klanglicher Raffinesse. Und vielleicht kann es wirklich nur einem französischen Ensemble gelingen, diese intimen Sonaten des norddeutschen Barock in solche angenehm unaufgeregter Weise zum gefälligen Klingen zu bringen. Zugleich erzählt die CD die Geschichte einer musikalischen Freundschaft zwei Komponisten, die sich Ende der 1650er Jahre in der Hamburg als Schüler des großen Heinrich Scheidemann kennen lernten und die für mehr als ein halbes Jahrhundert währte – Reinken (um 1635–1722) schrieb später eine Hochzeitsmusik für den inzwischen in Lübeck wirkenden Buxtehude (1637–1707).

Beide waren als Organisten so stilbildend, dass später auch der junge Johann Sebastian Bach eine Pilgerfahrt gen Norden unternahm, um beide zu hören und deren Kunst zu studieren. Denn die Kunst dieser älteren Generation ist wahrlich meisterhaft! Dies zumal, wenn wie hier die poetischen und rhetorischen Element der Kompositionen belebt werden, ohne dass dabei eine bestimmte Interpretationshaltung als Ideologie in den Vordergrund gerückt wird.

Dass der auch aufnahmetechnisch rundum gelungenen Produktion ein durchdachtes Konzept zugrunde liegt, zeigt schon das Cover. Der Ausschnitt aus einem Gemälde von Johannes Voorhout (aus dem Jahre 1674) zeigt Buxtehude und Reinken beim gemeinsamen Musizieren ... (mku)

Dietrich Buxtehude: Dietrich Buxtehude & Johann Adam Reinken: Sonaten

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Dietrich Buxtehude:
Dietrich Buxtehude: Vocal Music Vol. 1
(2007, dacapo /Naxos 8.557251 )

Pünktlich zu Buxtehudes 200. Todestag landet Naxos einen richtigen Coup. Denn mit der Wiederveröffentlichung dieser CD (sie erschien einst beim dänischen Label dacapo) wird der leider noch immer viel zu wenig beachtete norddeutsche Meister nun hoffentlich auch einem breiteren Publikum bekannt werden. Er darf als einer der wichtigsten Komponisten des so genannten »Stylus phantasticus« gelten – und ohne die trockene Theorie zu bemühen, wird man die mit diesem Begriff verbundene unerschöpfliche Kreativität wohl auch besser hörend begreifen.

Als Lübecker Marienorganist hatte Dietrich Buxtehude (1637–1707) vor allem die musikalischen Bedürfnisse seines kirchlichen Brötchengebers zu bedienen – doch man muss nicht gleich die Hände falten, um an den hier eingespielten geistlichen Kantaten sein Vergnügen zu haben. Ohnehin lohnt die Produktion allein schon wegen des wundervollen glockenreinen Soprans von Emma Kirkby. Kurz und gut: für wenig Euros viel zu hören! (mku)

Dietrich Buxtehude: Dietrich Buxtehude: Vocal Music Vol. 1

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Lange Rezensionen 1 - 10 von 45 im Genre »Klassik« und Land »Dänemark« (insgesamt 45)

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