Nordische Musik » CD-Rezensionen » Nach Land » Klassik » Island
Zur Hauptseite
Neuheiten Artikel Service Suche Impressum

Zur ersten Rezension

Zurück

Lange Rezensionen 1 - 10 von 27 im Genre »Klassik« und Land »Island« (insgesamt 27)

Weiter

Zur letzten Rezension

Zeige   5 | 10 | 20 | alle   Rezensionen auf einer Seite

Nach oben

Arnalds, Ólafur & Ott, Alice Sara:
The Chopin Project
(2015, Mercury /Universal )

Auf Pianosuche in Reykjavík: Der isländische Neoklassik-Grenzgänger Ólafur Arnalds und die deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott wollen auf ihrem gemeinsamen »CHOPIN PROJECT« gerade nicht den hochkulturigen, perfekten Wohlklang erzeugen, sondern den polnischen Komponisten in einen ungewohnten Kontext stellen. So finden die beiden musikalischen Kollaborateure schließlich Instrumtente mit Charakter: Alte, ungewöhnliche Klaviere, deren Saiten zum Teil noch mit Filz umwickelt werden, um einen Klang zarter Entfremdung zu erzeugen. Chopin nicht makellos auf dem teuren Bechstein-Flügel, sondern Chopin in der Kneipe, auf einem leicht verstimmten Instrument. Chopin, mit leisen elektronischen Störgeräuschen kontrastiert und mit von gefühligen Synthies eingerahmt. Geht das? Und wie!

Denn Arnalds und Ott holen Chopin von seinem hohen Sockel herunter, auf den die etablierte Klassikszene den sensiblen Musiker gestellt hat. So klingen das »Regentropfen-Prélude« oder der langsame Walzer des »Nocturne« hier vertraut und trotzdem anders. Vergangenheit und Gegenwart berühren sich hier dann, wenn Arnalds die Chopin´schen Klänge mit seinen eigenen, eigenwilligen neoklassischen Gefühlswelten kontrastiert. Der junge Isländer hat eigens für das Projekt Intermezzi für Streicherquintett, Klavier und Synthesizer komponiert, die in ihrer tastenden Sensibilität dem Chopin´schen Geist doch sehr nahe stehen. Einen charmant unvollkommenen Sound wollen Arnalds und Ott entwickeln: Und wenn hier vernehmbares Quietschen, Atemgeräusche oder Papierrascheln zu hören sind, dann bringt uns das nur zum aufmerksameren Lauschen. (emv)



Siehe auch:
Ólafur Arnalds

 Arnalds, Ólafur & Ott, Alice Sara: The Chopin Project

Offizielle Website

Nach oben

Duo Harpverk:
The Greenhouse Sessions
(2012, /Bandcamp / iTunes Eigenverlag&Download )

Als Mitglieder des Iceland Symphony Orchestra verspürten Harfenistin Katie Buckley und Schlagwerker Frank Aarnink das Bedürfnis, in einem intimen Rahmen zu musizieren und gezielt für ihre beiden Instrumente Aufträge an bestimmte, vorwiegend isländische, Komponisten zu vergeben. So war mit Beginn des Jahres 2007 das Duo Harpverk geboren, und gleich als erstes Auftragswerk schuf Óliver Kentish im Januar jenen Jahres das großartig intime, fein ausgefeilte und mysteriöse »Leyndir Dansar« (»Hidden Dances«), eine Art Kreuzung aus Nocturne und Poesie.

Auch alle weiteren hier vertretenen Stücke gehen in solch fragile, schattenreiche Richtung, genannt seien Jenny Hettnes »verformte Schlaflieder« oder Úlfar Ingi Haraldssons »Schatten und Silhouetten«. So fragmentarisch, dass man beim nicht voll aufmerksamen Hören kaum mitbekommt, was man gehört hat, sind Anna S. Þorvaldsdóttirs vier »Particles«. Trotz der Vielzahl und Vielseitigkeit der hierfür aufgenommenen Komponisten erscheint die CD »THE GREENHOUSE SESSIONS« aus einem Guss, ergeben die Werke ein reichhaltiges, in seiner verhaltenen Stimmung gleichwohl eindringliches Gesamtbild. Und doch bietet die Zusammenstellung allenfalls einen kleinen, aber ungemein starken und faszinierenden Eindruck in das Schaffen des Duo Harpverk, aufgenommen während der Jahre 2009 bis 2012. (ijb)



Siehe auch:
Anna S. Þorvaldsdóttir
Valgeir Sigurðsson

Daníel Bjarnason


 Duo Harpverk: The Greenhouse Sessions

Offizielle Website

Nach oben

Ensemble Adapter:
Sarah Nemtsov: A Long Way Away. Passagen
(2012, Wergo /Note1 WER 6582 2 )

Adapter ist ein junges und tatkräfties Ensemble für Neue Musik, dessen Kern ein zu drei Vierteln isländisches Quartett bildet: Gunnhildur Einarsdóttir (Harfe), Kristjana Helgadóttir (Flöte), Ingólfur Vilhjálmsson (Klarinette) und Matthias Engler (Schlagzeug). Je nach Werk und Konzert erweitern die vier ihre Gruppe entsprechend zu Besetzungen mit bis zu 10 Spielern. Die Wahl der Instrumente deutet es schon stark an: Leichtverdauliche und klassische Musik dürfen Sie hier nicht erwarten. Adapter ergänzt den Kreis ihrer Aktivitäten zudem über Uraufführungen und CD-Einspielungen zeitgenössischer Werke bis hin zu internationalen Workshops, gattungsübergreifenden Projekten und Koproduktionen und engagiert sich so intensiv in der Gegenwartsmusik.

Mit Komponistin Sarah Nemtsov pflegt das Ensemble bereits eine längere Beziehung, und so kam der Wunsch auf, endlich mal einen ganzen Abend zusammen zu bestreiten. Für alle Beteiligten war es daher ein großes Glück, dass Wergo und der Deutsche Musikrat dieses einstündige Werk, »A LONG WAY AWAY. PASSAGEN«, direkt in ihrer viel gerühmten Reihe mit Werken junger Komponisten veröffentlichte. Fast jede/r dort präsentierte Komponist/in kann ohne große Vorbehalte als Entdeckung verbucht werden - und der gewünschte Effekte stellt sich zuverlässig ein: Man möchte sofort mehr hören und erfahren.

Nun bleibt bei dieser CD einzuschränken, dass der »Inszenierte Zyklus für Ensemble«, über den Nemtsov in ambitionierten, aber auch etwas unspezifischen und banalisierenden Worten verkündet: »jede Note ist sehr, sehr persönlich für mich", ohne die visuell-szenische Seite, von der man im Promo-Video einen kleinen Eindruck bekommen kann, nicht recht in die Gänge kommt. Sicher, es soll nicht ungerecht verallgemeinert werden, und bestimmt gibt es Liebhaber, die diese komplexen Geflechte gut zu durchdringen vermögen, doch der Einstieg in Nemtsovs durchaus entdeckungswürdiges Schaffen wird einem durch diesen einstündigen Zyklus mehr erschwert als erleichtert.

Was schade ist, denn ihr Ziel, einige Spannung zwischen dem, was wir erinnern und was wir vergessen, auszuloten, hat für die 1980 geborene Komponistin eine existenzielle Bedeutung; sie verweist explizit auf ihre jüdische Herkunft. Dabei bezieht sie sich auf Texte und andere Referenzen, gestaltet zudem mit viel Geräuschmaterial in ihrer Musik. Unmittelbarer, ohne anbiedernder zu sein, überzeugt, auch auf CD, ihr 2011 in Donaueschingen uraufgeführtes »Hoqueti« für 6 Solo-Stimmen. (ijb)

 Ensemble Adapter: Sarah Nemtsov: A Long Way Away. Passagen

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

Nach oben

Davíð Brynjar Franzson:
Davíð Brynjar Franzson: The Negotiation of Context
(2014, Wergo /Note1 WER 7313 2 )

Diplom in Reyjavík, Master in Stanford, dann auch noch einen Doktortitel unter Brian Ferneyhough, Auftragswerke fürs Arditti Quartet, die Internationalen Ferienkurse Darmstadt und das Ensemble Adapter... der 1978 geborene Isländer Davíð Brynjar Franzson lebt mittlerweile in New York — und startet durch auf dem internationalen Parkett der kompositorischen Avantgarde. Nun auch auf dem Qualitätslabel Wergo, das seiner sperrigen Trilogie »The Negotiation of Context« (2009-2011) eine eigene CD widmet. Das New Yorker Quartett Yarn|Wire hat sich der Erweiterung des Repertoires für Percussion und Piano verschrieben und soll für »fesselnde Virtuosität« und »rastlos eigentümliche Programmgestaltung« (TimeOut NY) bekannt sein. Vor allem letzteres kann man anhand dieser zweifellos eigentümlichen kleinen Werkreihe wunderbar überprüfen.

Inwieweit Franzsons Musik noch Verbindungen zu Island pflegt, darf —wertfrei— in Frage gestellt werden. An Sigur Rós oder Amiina scheint sich der Komponist jedenfalls nicht zu orientieren. Eher schon an Herlmut Lachenmann. Gleichwohl frappiert eine gewisse schwebende Atmosphäre, die man landläufig mit isländischer Klangmalerei assoziiert; nur dass Franzson diesen Eindruck durch nahezu ausschließlich perkussive Elemente erzielt, wenngleich er dazu nahezu keine im Schlaginstrumente im gewohnten Sinn einsetzt. Zum größten Teil übernehmen die Flügel diese Rolle. Die Geräusche wandern anfangs, im kontrastreichen ersten Teil, zwischen Piano und Harmonium hin und her, im zweiten Teil dann entsteht trotz Ausweitung der Besetzung auf zwei Pianos und zwei Basstrommeln ein karges, impressionistisches, oft rohes, sogar grobes Aktionsquartett, fast befreit von assoziativen Qualitäten jenseits der Instrumente. Im dritten Teil schließlich müssen zwei Musiker einen Flügel bedienen, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.

Eine bizarre Faszination geht von Franzsons radikaler, blutleerer Tonsprache aus. Grundsätzlich jedoch ist »The Negotiation of Context«, wie der Titel bereits andeutet, eine recht intellektuelle Angelegenheit, und in dieser spröden, aufgesplitterten Klanginstallation kommt jedem Einzelton eine riesige Bedeutung zu, die man als Zuhörer erst einmal »füllen« bzw. finden muss. (ijb)



Siehe auch:
Ensemble Adapter
Kallio Slaaki

Sigur Rós

Amiina


Davíð Brynjar Franzson: Davíð Brynjar Franzson: The Negotiation of Context

Audio-Link Offizielle Website

Nach oben

Hafliði Hallgrímsson:
Truls Mørk plays Hallgrímsson – Cello Concerto · Herma
(2010, Ondine /Naxos 1133-2 )

Hallgrímsson begann selbst als Cellist, und so geht man sicher nicht zu weit, wenn man seine beiden Cellokonzerte (auch) autobiografisch liest. Die lebenslange Kenntnis des Instruments ist in diesen Werken exzellent herauszuhören. In den dreißig Minuten des Truls Mørk gewidmeten und 2003 beim Ultima Festival in Oslo uraufgeführten Cellokonzerts schöpft der Komponist effektvoll den gesamten Orchesterkörper aus, während er, angeregt von Griegs »Berceuse«, ein Wiegenlied in sinfonischer Form schrieb. Eine surreale Qualität, vom Melancholischen ins Düstere wandelnd, reich an komplexen Stimmungen und sensiblen Schattierungen, immer wieder alptraumhaft und beruhigend im Wechsel. Schlagzeug und Percussion sind ein wesentliches Element in diesem grandios detailreichen Klangrausch.

»Herma« dagegen, eine knappe halbe Stunde lang und 1994/95 entstanden, ist ruhiger, introspektiver, das Cello viel mehr in den Vordergrund gestellt als im verschlungenen Dialog zwischen Solist und Orchester des neuen Werks. Cello und Ensemble bleiben vorwiegend im lyrischen Tonfall. In beiden Fällen handelt es sich um erstklassige Referenzeinspielungen mit Musikern in Bestform und um wertvolle Beiträge zur zeitgenössichen Celloliteratur, die man sehr gerne häufiger auf den Spielplänen der Konzerthäuser wiederfinden dürfte. (ijb)



Siehe auch:
John Storgårds, Lapland-Kammerorchester: Nordgren u.a.
Storgårds dirigiert Nørgård

Storgårds & Avanti!: Hämeenniemi


Hafliði Hallgrímsson: Truls Mørk plays Hallgrímsson – Cello Concerto · Herma

Offizielle Website

Nach oben

Guðrún Ingimars:
Norðúrljus - Lieder aus dem Norden
(2008, Eigenverlag ITM 911 )

»Lieder aus dem Norden«, das sagt eigentlich in schlichter Weise alles über dieses Album der isländischen Sopranistin Guðrún Ingimars. In 22 Tracks singt sie sich durch alle skandinavischen Länder - mit einem Schwerpunkt auf Island, versteht sich. Das könnte man abhaken, allzu oft schon dagewesen. Wären da nicht die Stimme und die Arrangements, die aufhorchen lassen.

Zwar hat Guðrún Ingimars eine klassische Ausbildung, die sie quer durch Europa und auch nach Deutschland führte. Trotzdem ist ihre Stimme nicht verbildet wie bei vielen Bühnen-Diven. Der schlanke, glatte, aber doch so ungeheuer energiereiche Klang nordischer Naturstimmen schimmert immer wieder durch, besonders, wenn sie in ihrer Muttersprache singt, und noch mehr bei Volksliedern wie dem schwermütigen »Sofðu unga Ástin mín«. Doch auch dem klassischen, oft durchgenudelten Repertoire wie zwei Solveig-Nummern aus Edvard Griegs »Peer Gynt« vermag sie interessante, erfrischende Tönungen zu geben.

Zweitens die Arrangements. Schon die ersten Töne des Albums machen stutzig – hier klingt zwar der klassische Konzertflügel, aber auch eine Solo-Querflöte. Mal lässt sich Guðrún Ingimars nur von einem betrübt-rauchigen Cello begleiten, mal von einer Gitarre. Und auch das ist ein erfreulich ungewohnter Musik-Zugang, den sich viele andere Opern-Soprane durch interpretatorische Fantasielosigkeit verbauen. Ein schönes Album ist so entstanden – kein Meilenstein, aber eine Wegmarke. Und das ist schon nicht wenig. (sep)

Guðrún Ingimars: Norðúrljus - Lieder aus dem Norden

Nach oben

Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra):
all sounds to silence come
( SACD, 2008, 12 Tonar 12tk003 )

Die Musiker des hinreißenden Ísafold Kammerorchesters haben sich neben der Arbeit im Ensemble größtenteils auch als Solisten oder zumindest in anderen kleineren Gruppen ein Renommee erspielt. Ihr zweites gemeinsames Album (und das bislang wohl letzte) macht es dem Publikum nur unwesentlich leichter als das Debüt. Während die Auswahl der Komponisten diesmal einen Schwerpunkt auf Russland bzw. den sowjetischen Staatenbund im weiteren Sinne (Schnittke, Denisov, Pärt, Smirnov, Strawinsky) legt, entschieden sich Ísafold (wie sie sich hier auf dem Cover nennen) vorwiegend für eher kürzere Werke. Dazu gibt es einen Höhepunkt ausgerechnet mit einem gerade mal vier Minuten kurzen Stück eines deutschen Komponisten: Wolfgang Rihms »Cantus firmus - in memoriam Luigi Nono« aus dem Jahre 1990 wird eingerahmt von Schnittkes angemessen sperrigem »Canon in memoriam Igor Stravinsky« (1971) und Edison Denisovs »Epitaph« (1983), ebenfalls ein »in memoriam«, hier zum zehnten Jahrestag des Mords an dem chilenischen Präsidenten Allende.

Ein weiteres Werk, das Zeit thematisiert, Arvo Pärts »Fratres« aus dem Jahre 1977, ist von allen hier vertretenen Stücken sicherlich das allseits bekannteste und dürfte am ehesten als Attraktionspunkt der CD fungieren. Die Interpretation ist ein wenig verhuscht und vielleicht zu romantisch, schenkt dem bis dahin düsteren Programm allerdings eine schöne beruhigende Note. Die Stimmung bleibt getragen, wird indes wieder ein wenig spröder mit Denisovs Schüler Dimitri Smirnov und dessen geisterhafter »Elegy in memory of Edison Denisov« (1997), bevor Ísafold-Mitgründer und -Leiter Daníel Bjarnason seine eigene, der CD den Titel gebende Komposition »all sounds to silence come« dirigiert, welche rund ein Drittel der Gesamtspielzeit füllt und sichtlich als Kulminationspunkt anlgelegt ist. Bjarnason pflegt hier seinen etwas epigonalen postmodernen Stil, und so gelingt es dieser an sich recht interessanten Arbeit nicht wirklich, aus dem großen Schatten der Russen (und Wolfgang Rihms) zu treten. Weitaus stärker wurde Bjarnasons Œuvre mit seinem etwa später ebenfalls mit dem Ísafold Kammerorchester entstandenen Porträtalbum »Processions«.

Das Ensemble ist hervorragend und ihre beiden ambitionierten CDs auch nach Jahren noch eine (Wieder-)Entdeckung wert. (ijb)

 Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra): all sounds to silence come

Offizielle Website

Nach oben

Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra):
Sørensen, Takemitsu, Schönberg, Tómasson
( SACD, 2006, 12 Tonar 12tk002 )

Keine Überraschung, dass das junge isländische Kammerorchester für seine erste CD eine alles andere als gewöhnliche Auswahl getroffen hat, als deren verbindendes Element sich etwas getrübte, zwielichtige Stimmungsbilder, teils mit Naturbezug, ausmachen lässt. Die beiden skandinavischen Komponisten, Bent Sørensen aus Dänemark und Haukur Tómasson aus Island, sind jeweils bereits Träger des Musikpreises des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize). Wenn Sørensens »Weeping White Room«, das hier seine Ersteinspielung erlebt wie nahtlos in »Tree line« des berühmten, früh verstorbenen Japaners Toru Takemitsu gleitet, lässt sich das kulturverbindende Moment von (auch) zeitgenössischer Musik unmittelbar erfahren.

Diese raffinierte Verbindung der beiden je rund zehnminütigen Kompositionen setzt sich dann sogar im rätselhaft dahinschwebenden von Schönbergs »sechs kleinen Klavierstücken« fort, obgleich diese aus dem Jahre 1911 rühren. Bernhard Wulffs Kammermusik-Arrangement dieser sechs Vignetten findet hier ebenfalls seine Ersteinspielung. Schrittweise wird das Programm so aus dem Ungreifbaren und Abstrakten über japanisch-exotische Naturmystik und dann zum mit heutigen Ohren fast konventionellen Ursprung der Modernen Musik geführt. Den Abschluss bildet dann das rund 25-minütige »Par« (»Paar«) schrieb Tómasson auf Anfrage des Ensembles. Es besteht aus den beiden Sätzen »Ort« und »Reise« und scheint wiederum inspiriert von isländischen Landschaften. Ein wahrlich anspruchsvolles Werk, schon allein für die Interpreten, doch bedauerlicherweise nicht ganz so schillernd und faszinierend wie die vorigen drei. (ijb)



Siehe auch:
Elfa Rún Kristinsdottír
Daníel Bjarnason

Anna Thorvaldsdóttir

Bent Sørsensen Chorwerke


 Ísafold Kammersveit (Chamber Orchestra): Sørensen, Takemitsu, Schönberg, Tómasson

Offizielle Website

Nach oben

Jóhann Jóhannsson:
Arrival (Original Motion Picture Soundtrack) – Music by Jóhann Jóhannsson
(2016, Deutsche Grammophon /Universal 00289 479 6782 )

In Denis Villeneuve hat Jóhann Jóhannsson offenkundig einen künstlerischen Seelenverwandten gefunden. Keine seiner Kompositionen für Filme kann es qualitativ bislang mit denen der kongenialen Partnerschaft zwischen ihm, dem Exil-Isländer, und dem Kanadier aufnehmen; scheinbar gibt es da »nordische« Gemeinsamkeiten. Und das passt, so nebenbei bemerkt, auch auf ihre neue, dritte Zusammenarbeit, den Film »Arrival«, der nicht allzu entfernt von der kanadischen Grenze, in dunkel vernebelten Landschaften Montanas spielt.

Beim Traditions-Klassiklabel Deutsche Grammophon (DG), das sich derzeit wieder mehr auf seine genuinen Tugenden besinnt, erschien erst einige Wochen zuvor Jóhannssons als »Soloalbum« bezeichnetes DG-Debüt, »ORPHÉE«, doch findet er in seiner im direkten Vergleich klassischeren »ARRIVAL«-Komposition zu größerer Stärke und Fokussierung. Während »ORPHÉE« zu viel auf einmal will und dadurch an Klarheit und Dichte verliert, gewinnt der »ARRIVAL«-Score gerade durch seine bei oberflächlicher Betrachtung einfache und konventionelle Form. Doch der Teufel steckt im Detail. Während »Sicario« Abgründe und Verstörungen auch in der Musik offen zutage treten ließ, entstehen hier durch raffinierte Verschiebungen, Dopplungen, Irritationen und andere subtile kompositorische Kniffe höchst anregende Wahrnehmungsöffnungen – bei der von Amy Adams superb verkörperten und im Science-Fiction-Film markant ungewöhnlichen Hauptfigur ebenso wie beim Zuschauer, der von der Filmerzählung auf leisen Sohlen eine kluge philosophische und letztlich auch weltpolitisch anregende Geschichte eröffnet bekommt.

Da es um Kommunikation jenseits von Worten geht, setzt Jóhannsson Stimmen ohne Text ein, was ganz entfernt an Steve Reich erinnert, laut Aussage des Komponisten allerdings (ebenso) von Joan La Barbera inspiriert ist. Dazu setzte Jóhannsson die Zusammenarbeit mit dem Vokalensemble Theater of Voices unter Paul Hillier fort, die bereits auf »ORPHÉE« einen schönen kurzen Auftritt hatten. Wie schon »Prisoners« und »Sicario« ist auch »Arrival« eine Werk mit unüblicher Filmmusikbesetzung, das aus der Verbindung von klassisch und avantgardistisch brillante Ergebnisse hervorbringt und direkt ins Unterbewusste vordringt.

Da kann man heute schon gespannt wie ein Flitzebogen sein, ob Villeneuve und Jóhannsson in einem Jahr mit ihrem »Blade Runner« ein ganz besonderes Meisterstück abliefern.

[All jene, die sich nach dem Kinobesuch fragen, warum das kitschige Streicherstück von Anfang und Schluss des Films nicht auf der CD ist: Es ist »On the Nature of Daylight« von Max Richter (ebenfalls bei DG veröffentlicht), das bereits in Martin Scorseses Film »Shutter Island« zu hören war. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Villeneuve und Jóhannsson dieses stilistisch so viel unsubtilere und im direkten Vergleich mit dem Score weitaus schwächere Stück überhaupt, und dann auch noch so prominent eingesetzt haben; ein bedauerlicher Fehlgriff, der zum Glück auf der CD weg gelassen wurde.] (ijb)



Siehe auch:
Colin Stetson
Theatre Of Voices: Bent Sørensen

Theate of Voices: Dietrich Buxtehude


Jóhann Jóhannsson: Arrival (Original Motion Picture Soundtrack) – Music by Jóhann Jóhannsson

Offizielle Website

Nach oben

Jóhann Jóhannsson:
Jóhann Jóhannsson: Copenhagen Dreams
(2012, 12 Tonar 12T061 )

Nach der beeindruckend individualistischen und nachhaltig wirkenden Filmmusik zu »Miner's Hymns« freute man sich über die willkommene Erweiterung von Jóhannssons Spektrum, nachdem der Streicher-Wohlklang langsam aber sicher ausgereizt schien. Da enttäuscht es ein wenig, dass »COPENHAGEN DREAMS«, wiederum zu einem Dokumentarfilm (von Max Kestner) entstanden, eine Rückkehr (bzw. Wiederaufnahme) dieser allzu harmonischen Verträumtheit bietet; sogar Celesta-Klänge versüßlichen diesmal das Kammerensemble.

Nun ist der Entwurf mit dem Fokus auf wiedererkennbare Melodien und Filmmusik-Konventionen gar so wenig eigen ausgefallen, dass man laufend Kompositionen anderer Soundtracks zu hören glaubt. Nur vereinzelt irritiert Glitch-Elektronik oder gar ein Schweben am Abgrund wie in »There's no Harm done« oder überrascht der geisterhafte Gesang von Hildur Guðnadóttir und Sara Guðmundsdóttir im letzten Drittel. Fast eine Empfehlung für Hollywood. (ijb)



Siehe auch:
Hildur Guðnadóttir

Jóhann Jóhannsson: Jóhann Jóhannsson: Copenhagen Dreams

Offizielle Website

Zur ersten Rezension

Zurück

Lange Rezensionen 1 - 10 von 27 im Genre »Klassik« und Land »Island« (insgesamt 27)

Weiter

Zur letzten Rezension



Neuheiten | CD-Rezensionen | Artikel | Service | Suche | Impressum

CD des Monats | Nach Genre | Nach Land | Nach Musiker | DVDs | Erweiterte Suche | Seite empfehlen

                     


© 2000 - 2017, Design & Programmierung: Polarpixel