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Lange Rezensionen 1 - 10 von 128 im Genre »Klassik« und Land »Norwegen« (insgesamt 130)

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Marianne Beate Kielland & Sergej Osadchuk:
Come Away, Death
( SACD, 2010, 2L /Musikkoperatørene 2L-064-SACD )

An ambitionierten Projekten zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik mangelt es beim norwegischen SuperAudio-Label 2L bekanntlich keineswegs. Und diese CD darf ohne Zögern als Höhepunkt im beeindruckenden Katalog verbucht werden, grenzüberschreitend in jeglicher Hinsicht. Wer nach Easy Listening sucht, ist hier eindeutig falsch. Das verkündet selbstredend bereits der Titel, ein Lied aus Shakespeares »Twelfth Night« (»Was ihr wollt«), das hier in drei radikal unterschiedlichen Lesarten, von E.W. Korngold, Sibelius und Gerald Finzi, den Rahmen absteckt. Neben vier Gedichten der jung gestorbenen Edith Södergran, von Wolfgang Plagge vertont, und Mussorgskys vier »Liedern und Tänzen des Todes« steht in Ausmaß, Radikalität und Komplexität das mehr als zwanzigminütige »HVIL« im Zentrum dieser CD, komponiert von Maja S. K. Ratkje nach einem laut Eigenauskunft unübersetzbaren Text von Aasne Linnestå.

Ratkje und die nordnorwegische Mezzosopranistin Marianne Beate Kielland kennen sich seit der gemeinsamen Studienzeit an der Musikakademie, und so entstand »HVIL« auf eine Festivalanfrage hin, einerseits als selten »traditionell« komponiertes Gesangsstück für die Interpretin, anderseits als politischer Aufruf, ausgelöst von Ratkjes Engagement gegen die Zerstörung der nordnorwegischen Natur, vor allem durch Ölförderung: »Das Stück gibt der Mutter Natur eine Stimme, denn der Titel ist ein Imperativ. 'HVIL' heißt 'Halte inne', eine Botschaft an die Festivalsponsoren (und an alle anderen), als Ruf nach Vernunft. (...) Ich wollte ausdrücklich diesen Text mit dieser Botschaft, die ich sonst nirgendwo finden konnte.« Umso bedauerlicher, dass wir, des Norwegischen nicht mächtigen Hörer, keine Übersetzung bekommen (können).

Marianne Kielland, der ukrainische Pianist Sergej Osadchuk und Produzent Morten Lindberg überzeugen in diesem einstündigen Programm durch einen phänomenalen Brückenschlag der Stile und Zeiten. Die Zusammenstellung ist mehr als mutig, und die Darbietung wie klangliche Qualität sind exzellent. Über Details könnte man streiten, doch das Gesamtbild schmälert dies nicht. (ijb)



Siehe auch:
Maja S.K. Ratkje
Jean Sibelius

Nils Anders Mortensen

Kielland/Mortensen: Edvard Grieg


Marianne Beate Kielland: Come Away, Death

Offizielle Website

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Fridthjov Anderssen:
Fridthjov Anderssen: Kammermusik
(2009, euridice /Musikkoperatørene EUCD 46 )

Nordnorwegen vor 100 Jahren – was muss das für eine andere Welt gewesen sein? Abgelegen, schwer erreichbar, noch nicht von Ölboom, Massenfischfang und deutschen Touristen mit Reichtum gesegnet... Hier lebte Fridthjov Anderssen, im April 1876 in Moldjord in Nordland geboren, lernte als Kind 1888 das Orgelspiel vom ersten Organist der Kirche in Bodø und studierte als 15-Jähriger bereits am Peter Lindemans Musikkonservatorium in Oslo.

Nun könnte man meinen (oder hoffen), dass man mit Anderssens Werk eine kleine Raum- und Zeitreise in den abgelegenen Norden bekommt, oder auch in eine eigene musikalische Welt, die eben ein wenig anders ist... Doch bedauerlicherweise studierte der junge Mann während seiner Zeit als Organist und musikalischer Leiter in verschiedenen Nordland-Kirchen dann am Konservatorium in Leipzig, und seine Vorliebe für die deutsche Spätromantik tritt in seinem schmalen Kammermusikœuvre stark zutage. Besonders Wagner hatte es ihm angetan, doch dafür sollte man eher seine Chorwerke anhören.

Das hier vertretene kammermusikalische (vermutlich) Gesamtwerk wurde an drei Terminen zwischen 2006 und 2009 in der Osloer Sofienbergkirche und der für derartige Aufnahmen ebenso gern gewählten Hoffkirche in Østre Toten aufgenommen und ist fein gespielt von den Musikern des Streichquartetts MiNensemblet und dem Pianisten Sergej Osadchuk, einer verlässlichen Instanz für norwegische Kammermusik von der Romantik bis heute. Alles hübsch also, wenn auch recht frei von Überraschungen oder Erkenntnissen.

Oder sagen wir es so: Das Album wirkt vielmehr, als seien die Musikstücke als akustische Begleitung für die Betrachtung der zauberhaften Gemälde des nordnorwegischen Malers Eilert Adelsteen Normann (1848-1918) veröffentlicht worden, die in großer Zahl das Beiheft und Cover veredeln. Der Zeitgenosse des Komponisten, als »der große Maler der Mitternachtssonne« im Text bezeichnet, studierte in Düsseldorf und lebte einen Großteil seines Lebens in Berlin. Seine ein wenig an Caspar David Friedrich erinnernden Werke bleiben weit eindrücklicher in der Erinnerung als die Werke der CD und vermitteln eben jenen Einblick in die ferne Vergangenheit Nordlands, den man gerne von Anderssen bekommen hätte. (ijb)



Siehe auch:
Klaus Egge
Edvard Grieg / Sergej Osadchuk

Kielland / Osadchuk

Johannes Haarklou


Fridthjov Anderssen: Fridthjov Anderssen: Kammermusik

Offizielle Website

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Arctic Philharmonic Orchestra:
Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5 · Suite aus »Schwanensee«
( SACD, 2013, BIS 2018 )

Das Arctic Philharmonic Orchestra (Nordnorsk Symfoniorkester) wurde erst 2009 gegründet, nimmt jedoch eine gewisse Sonderstellung ein, da es, weit nördlich des Polarkreises in Tromsø beheimatet, das nördlichste Orchester der Welt ist. Konzerte im Ausland haben es freilich schnell bekannt gemacht. So wurde ihre Aufführung von Tschaikowskys Fünfter ausgerechnet in St. Petersburg, mit einer anschließenden ausverkauften Tournee durch China, ein solcher Erfolg, dass das Werk in der Folge auch in Nordnorwegen für diese CD-Veröffentlichung beim schwedischen Vorzeigelabel BIS eingespielt wurde.

Christian Lindberg, international gefeierter und auch bei »Nordische Musik« – beispielsweise für seine Referenzeinspielungen der Sinfonien von Allan Pettersson – bereits vielgelobter Klassikstar ist Chefdirigent des Orchesters. Nun ist der Weg von Pettersson (via Mahler) zu Tschaikowsky nicht ganz so weit, wenn letzterer auch, »typisch russisch« würde man es wohl nennen, mehr ins Emotionale und Leidenschaftliche geht. Gerade diese Verbindung aus Lindbergs schwedischer Klarheit und Präzision und Tschaikowskys russischem Drama, in Verbindung mit dem jugendlichen nordnorwegischen Orchester rechtfertigen eine weitere Einspielung und CD-Veröffentlichung dieses beliebten Klassikers, denn fraglos liegen bereits mehr CDs mit der 5. Sinfonie vor, als die Welt braucht. Und da darf sich Lindbergs flotte, klanglich transparente und nie aufdringliche Interpretation zu den empfehlenswerten gesellen. Und die als Dreingabe gebotene Suite als dem Ballett »Schwanensee« steht dem keineswegs nach. (ijb)



Siehe auch:
Arctic Philharmonic Orchestra, Christian Lindberg: Ole Olsen
Christian Lindberg conducts Jan Sandström

Lindberg dirigiert Allan Pettersson

Tromsø Kammerorchester


 Arctic Philharmonic Orchestra: Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5 · Suite aus »Schwanensee«

Offizielle Website

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Kim André Arnesen:
Nidarosdomens jentekor & Trondheim Solistene: Magnificat
( SACD, 2014, 2L /Musikkoperatørene 2L-106-SABD )

Anlässlich der 20. Grammy-Nominierung (in neun Jahren), die dem norwegischen Qualitätslabel 2L und seinem Kopf Morten Lindberg, einmal mehr als »Klassik-Produzent des Jahres« nominiert, aktuell zuteil wird, wollen wir zum Jahresende besonderes Augenmerk auf dieses rundum erstklassige 2L-Album legen.

Nicht zum ersten Mal führte Lindberg eines seiner ambitioniertesten Projekte im monumentalen, gotisch-romanischen Trondheimer Nidarosdom durch, einer fast 900 Jahre alten Kathedrale, oft »Herz Norwegens« genannt, in der viele Könige gekrönt und begraben wurden. An neun Aufnahmetagen entstanden drei Werke für Chor und Kammerorchester, von Ola Gjeilo (*1978), Aaron Jay Kernis (*1960) und vor allem Kim André Arnesens (*1980) »Magnificat«, interpretiert vom Nidaros-Mädchenchor und den Trondheim Solistene, durch eine langjährige Zusammenarbeit mit Lindberg verbunden.

Arnesen, der bevorzugt für Chor schreibt, lässt sein rund 45 Minuten langes Werk verhalten, fast dunkel beginnen, bevor es sich nach und nach zur leidenschaftlich jubilierenden Messe aufbaut: Freude, Mitgefühl, Hingabe, Dankbarkeit und natürlich Hoffnung soll das siebensätzige Opus ausdrücken. Und ja, das tut es. »Magnificat« ist als explizit christliches Chorwerk, als Gebet für die Armen und Kranken konzipiert, doch man muss sich nicht der Kirche zugehörig fühlen, um Arnesens kraftvolles »Lied der Hoffnung« genießen und wertschätzen zu können. Die Musik allein macht es in der Tat wahrlich bewegend.
Die Pianofigur zu Beginn des siebten Satzes »Gloria Patri« zitiert dann nicht mehr nur J.S.Bach, sondern gleich (und sehr deutlich) Arvo Pärts »Für Alina«, doch das stört gar nicht, sondern lässt sich als annehme sympathische Verbeugung vor dem estnischen Meister der zeitgenössischen, spirituellen »Klassik«.

Die Entscheidung über die Zusammenstellung des Programms findet bei 2L stets gemeinsam mit den Künstlern statt. So vervollständigen hier zwei nur unwesentlich weniger eindringliche Werke das Programm: Aaron Jay Kernis' ebenfalls religiös motiviertes Kammerorchesterstück »Musica Celestis« (eine Umschrift seines gleichnamigen Streichquartetts), dessen postmoderne Zitierwut nicht jedem gefallen wird; emotional eindringlich ist es freilich, amerikanische »Klassik« eben.
Und auch die beiden abschließenden Stücke von Ola Gjeilo, ebenso die norwegische Natur und Einsamkeit wie christliche Motive aufgreifend, stellen seine bisher bekannten, recht freundlichen Klavierstückchen in den Schatten (ijb)



Siehe auch:
TrondheimSolistene
Ola Gjeilo


Kim André Arnesen: Nidarosdomens jentekor & Trondheim Solistene: Magnificat

Video-Link Offizielle Website

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Kjell Arnesen & Jørgen Larsen:
Calls – Robert Schumann: Adagio & Allegro; Richard Strauss: Andante für Horn und Klavier; Paul Hindemith: Sonate für Horn und Klavier; Carl Nielsen: Canto serioso; Sigurd Berge: Horn-lokk.
(2004, 2L 2L20 )

Wo es schallt, da lass Dich nieder: Mit »CALLS« präsentieren Hornist Kjell-Erik Arnesen und Pianist Jorgen Larsen einen repräsentativen Querschnitt deutscher und skandinavischer Werke für beide Instrumente. Während die Stücke von Robert Schumann, Richard Strauss und Paul Hindemith die Entwicklung von der Romantik zur Moderne widerspiegeln, überzeugen die hierzulande weniger bekannten Horn-Kompositionen von Carl Nielsen (»Canto serioso«) und Sigurd Berge (»Horn-lokk«) ebenso.

Gerade letzteres Stück entpuppt sich als großangelegte Solo-Kadenz für Horn. Wenn auch zweifelhaft ist, ob sie Eingang in das Standardrepertoire finden wird, lohnt es sich hier allemal, Kjell Erik Arnesen zuzuhören, wie er die Töne an- und abschwellen lässt, mit Dämpfern arbeitet und einen spannungsreichen musikalischen Bogen spannt. Ansonsten steht ihm am Klavier Jorgen Larsen tatkräftig zur Seite und in nichts nach.
Insgesamt: Bis auf die magere Gesamtspielzeit von knapp 44 Minuten ein »hornidabler« Hörgenuss! (ano)

Kjell Arnesen: Calls – Robert Schumann: Adagio & Allegro; Richard Strauss: Andante für Horn und Klavier; Paul Hindemith: Sonate für Horn und Klavier; Carl Nielsen: Canto serioso; Sigurd Berge: Horn-lokk.

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Tor Espen Aspaas:
Mirror Canon - Beethoven Schönberg Webern Berg
( SACD, 2008, 2L 2L49SACD )

Der 1971 geborene norwegische Pianist Tor Espen Aspaas präsentiert mit diesem »Spiegelkanon« ein für Morten Lindbergs SuperAudio-Label 2L typisch streibar kombiniertes Programm klassischer Werke. Durch den Untertitel »Reflections in a Mirror Canon - Klaviermusik der ersten und zweiten Wiener Schule« wird die Ambition offenkundig: Es geht um ein In-Bezug-Setzen der Subjektivität der Klassik, konkret anhand Beethovens letzter Sonate, mit den Komponisten der »Zweiten Wiener Schule« rund hundert Jahre später, also natürlich Schönberg, Webern und Berg.

Unaufgeregt spielte Beethoven in der 32. Sonate seine ganze Meisterschaft aus, ohne offensive Radikalität zu bemühen - trotz der ungewohnten Zweisatzform. Er kommt ganz zu sich in diesem Spätwerk (von Alterswerk zu sprechen verbietet sich wohl bei einem 52-Jährigen, obwohl er fünf Jahre später starb). Hier ist Aspaas am stärksten; er geht jeder Verästelung Beethovens sensibel nach, und so überschattet die intensive, hochkomplexe Sonate gewissermaßen den viel zarteren »Rest« der CD. Zum Schluss erweist sich Aspaas' Ambition als konsequent, wenn die Klaviersonate Opus 1 des 22-jährigen Berg die Spiegelung vervollständigen soll. Das kann sie naturgemäß kaum leisten, wenngleich die jugendliche Nonchalance des Stücks als Fortschreibung beethoven'schen Esprits angemessen ist. Also der Gedanke des Interpreten ist reizvoll genug, um sich auf ihn einzulassen. Schließlich darf eine Spiegelung sehr wohl verschwimmen oder fragmentarisch bleiben.

Dazu passt auch, dass wir relativ spät im Programm von einer zarten Violine überrascht werden. In Weberns spartanischem, unprätentiösem Opus 7 wird das Bruchstückhafte, das Angerissene und Sprunghafte voll ausgespielt. Aspaas' interpretatorischer Ansatz dieses Programms darf ohne lange zu überlegen als eigenwillig vermerkt werden. Und eben darin liegen seine Stärken und Qualitäten, die mit wiederholtem Anhören für stets neue Blickwinkel sorgen.

Speziell für Neulinge des Labels soll abschließend darauf hingewiesen werden, dass die klangtechnische Klasse von 2L ein wesentliches Qualitätsmerkmal auch dieser CD ist. Die Präsenz des Pianos ist schier überwältigend. (ijb)



Siehe auch:
Kolbjørn Holthe & Tromsø Chamber Orchestra

Tor Espen Aspaas: Mirror Canon - Beethoven Schönberg Webern Berg

Offizielle Website

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Aurora Quartett:
Mare – Works for 4 Pianists
(2006, 2L 2L37SACD )

Puh – diese CD ist ganz schön anstrengend. Vier Pianisten auf zwei Klavieren machen eben ganz schön viele Töne auf einmal. Hier sind Werke von drei zeitgenössischen Norwegern zu hören – das Genre »4 Pianisten, 2 Klaviere« hat allerdings Tradition. In der Romantik war es eine beliebte Möglichkeit, die Klangwucht eines Orchesters nachzustellen, ohne aufwändig in ein Konzert reisen zu müssen.

Daran schließen alle drei Werke an. Madsens fünf Miniaturen sind Hommagen an Komponisten von Debussy bis Rachmaninov – komprimiert auf Ein- und Zweiminüter, aber mit dem Gehalt von doppelt so langen Stücken. Plagges »Mare« und vor allem sein »Concerto Grosso« sind da weitschweifiger, aber ganz schön komplex. Zum Glück ist die Aufnahme – wie beim Label üblich als SACD auch in Dolby 5.1 – dermaßen brillant, dass man da durchsteigt, wenn man sich anstrengt. Kruses »Boogie Retention« schließlich ist zwar kein netter Jazz-Rausschmeißer, was der Titel nahelegen könnte – aber ist als Ausstieg aus der CD wenigstens nicht ebenso ernst-hochanspruchsvolle Kost wie die Werke seiner Kollegen.

Alles in allem: zwar eine tolle CD, gespielt von einem zupackenden und technisch einwandfreien Tastenkünstler-Quartett – aber nur was für geübte und aufmerksame Hörer. Die es ja, hofft man, noch gibt, irgendwo da draußen ... (sep)

 Aurora Quartett: Mare – Works for 4 Pianists

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Øystein Baadsvik & Erlend Skomsvoll & The Trondheim Soloists:
Ferry Tales
(2010, BIS /Klassik Center Kassel BIS1875 )

Die Idee zu diesem Zyklus entstand bereits 1999 während Fährüberfahrten auf einer Tournee entlang der norwegischen Küste, doch aufgrund diverser Irrungen und Wirrungen wurde das Album erst elf Jahre später fertig gestellt. Vierzehn Stücke für Tuba, Piano und Streicher, die weder klassische Musik noch Jazz sein wollen, haben der Tubist Øystein Baadsvik und der Pianist Erlend Skomsvoll zusammen mit den Trondheimer Solisten erarbeitet und eingespielt. Manches basiert auf spontanen Improvisationen oder Jam Sessions, anderes will zur Neuentdeckung bekannter und beliebter Melodien, etwa von Borodin, Bjørnstad oder von »Somewhere over the Rainbow«, einladen, und die übrigen Eigenkompositionen sind eher als konventionelle Lieder entstanden, bevor Baadsvik und Skomsvoll sie für diese Besetzung arrangiert haben.

»FERRY TALES« drängt sich als sehr ambitioniert auf, was vor allem an den Streicherarrangements und den unterschiedlichen Ursprüngen der Kompositionen liegt. Deutlich scheint der Anspruch durch, ein großes Werk jenseits von Stilgrenzen zu präsentieren. Leider bewegt sich die Musik dabei jedoch gelegentlich kurz vor dem musealen Erstarren - um nicht gar zu sagen: es wird hin und wieder etwas langweilig, nicht nur bei den eingeflochtenen »beliebten Klassikern«, sondern auch bei den auf älteren Improvisationen basierenden Stücken, die teils zu wenig kompositorisches Gewicht haben. Doch es ist nicht ganz so einfach festzumachen, was diesen schwachen Gesamteindruck verursacht haben mag. Kann es sein, dass diese Musik am Ende Produkt einer zu bequemen Bürgerlichkeit ist? Jedenfalls wünscht man sich mehr emotionale Tiefe, mehr kreative Dringlichkeit inmitten all dieses Beweisenwollens von Kunst und Können. (ijb)



Siehe auch:
Ketil Bjørnstad
Trondheim Jazz Orchestra

Daniel Herskedal

Øyvind Brække


Øystein Baadsvik: Ferry Tales

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Bang Honoré Storaas Henriksen:
Jan Bang, Erik Honoré, Gaute Storaas, Arve Henriksen: Victoria
(2013, Jazzland 373 386-4 )

Da Jan Bangs Schaffen der letzten zehn Jahre oftmals hohe kinematografische Qualitäten aufzuweisen schien, kommt es wenig überraschend, dass er — gemeinsam mit seinen steten Partnern Erik Honoré und Arve Henriksen, sowie orchestriert von Gaute Storaas — nun seine erste tatsächliche Filmmusik geschrieben und produziert hat. Knut Hamsun Liebesgeschichte »Victoria« aus dem Jahre 1898 wurde für die Leinwand adaptiert und inszeniert von Torun Lian, und der Musik nach zu urteilen handelt es sich hierbei um eine sehr elegante, tief melancholische und höchst wahrscheinlich recht konventionelle Kostümverfilmung alter Schule, auf deren tragisches Ende man den gesamten Film hindurch eingestimmt wird.

Angesichts der allzu handelsüblichen Orchester-Filmmusik verwundert es gar, dass von der Produktion ausgerechnet die Samples und Synthesizer von Bang und Honoré, sowie die Trompete Henriksens angeheuert wurden. Man möchte nicht klagen, dass sich die Jungs auch mal die große, »klassische« Geste versuchen, doch findet man in dieser fünfzehnteiligen Suite nur sehr wenig Eigenes, so wenig von dem, was all die phänomenalen Alben der Gruppe (»Cartography«, »Year of the Bullet«, »Uncommon Deities«, »Narratives from the Subtropics« usw.) auszeichnete. Am ehesten setzen Henriksens zart-luftige Melodien seiner markanten Trompete und Falsettstimme spezifische Akzente im großen orchestalen Trauerspiel, aber auch die vereinzelten Gastauftritte des Pianisten Tigran Hamasyan. (ijb)



Siehe auch:
Jan Bang
Erik Honoré & Greta Aagre

Arve Henriksen

Bang/Honoré & Sylvian, Endresen, Henriksen


 Bang Honoré Storaas Henriksen: Jan Bang, Erik Honoré, Gaute Storaas, Arve Henriksen: Victoria

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Flint Juventino Beppe aka Fred Jonny Berg:
Flint Juventino Beppe: Remote Galaxy
(2013, 2L /Musikkoperatørene 2L-100-PABD / -LP )

2L und der Exzentriker Flint Juventino Beppe passen als kongeniale Partner perfekt zusammen. Sowohl Label als auch Komponist machen ihr gänzlich eigenes, hochambitioniertes Ding in technisch und klanglich außergewöhnlicher Klasse. So erscheint das zweite FJB-2L-Album nun erst gar nicht mehr als schnöde SACD, sondern nur noch als Blu-ray, allerdings diesmal nicht nur in 5.1 und 7.1 DTS, sondern auch gleich im zehnkanaligen 9.1 »Auro-3D«, das eine echt Rundumerfahrung für die absolut spekakuläre Musik ermöglicht. Und wem das alles zu viel und zu kompliziert ist, dem empfiehlt sich dieses zweite Porträtalbum des vormals noch unter dem Namen Fred Jonny Berg erschienen Künstlers diesmal zudem als 2-Vinyl-Set, das selbstredend mit dem gleichen Präzisions- und Qualitätsbewusstsein produziert wurde: Ja, besser und präsenter können LPs nicht klingen.

Zum Multikanal-Spektakel passt indes, dass die Werkzusammenstellung vom Themenkomplex Reisen durch Raum und Zeit sowie Distanz zusammengehalten wird, alles kraft- und effektvoll und dramatisch. Das titelgebende, knapp zwanzig Minuten lange »Remote Galaxy« legt die Messlatte sofort sehr hoch: ein mysteriöses, anachronistisches »Tone Poem« in der Tradition von Sibelius oder Holst mit märchen- und geisterhaften Zügen und unkonventionellen Auftritten von Glasharmonika und Viola da Gamba. Ähnlich mysteriös und aus der Zeit gefallen, aber weitaus leichter geht es weiter mit dem 16-minütigen »Distant Worlds«, einer Art Klarinettenkonzert in zwei Sätzen. John Williams meets Jazz, frisch und heiter, voller dramatischer Wendungen.

Hier zeigt sich auch, dass FJB die Titel (»Healed by the Wind«) wirklich vollkommen ernst meint; da gibt es keine ironische Brechung; die Musik passt wie die Faust aufs Auge zu den Überschriften. So heißen die Sätze des zweiten Flötenkonzerts »Alarm« (donnerndes Orchesterstück) oder »Deepest Woods« (verträumte Naturmystik). Dieses zweite gibt sich quasi als der dunkle Schatten des noch eher ätherischen ersten Flötenkonzerts, und überhaupt ist das ganze Programm kontrastreicher und düsterer als »Flute Mystery«. Etwa »Escaping Time Power«, der dritte Satz des Flötenkonzerts, könnte mit dem brutalen Orgel- und Schlagwerkdonner fast zum Soundtrack von »Interstellar« passen. Diese Direktheit macht es manch einem sicher schwer, die durchgehend kompromisslose Expresstour durch die klassische Orchestergeschichte von Wagner und Bruckner über Mahler und Schostakowitsch bis zu Sallinen ins Herz zu schließen. (ijb)



Siehe auch:
Camille Norment
Jean Sibelius

Aulis Sallinen


Flint Juventino Beppe aka Fred Jonny Berg: Flint Juventino Beppe: Remote Galaxy

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