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Alle Rezensionen zu Jenny Hval
(Genre »Avantgarde«, Land »Norwegen«)

 

Viscera
(2011, Rune Grammofon/Cargo RGCD2108)

Singer/Songwriter bei Rune Grammofon? Das ist erstmal mehr als überraschend. Der Rezensent ist skeptisch – und will doch herausfinden, was dahinter steckt. Hier muss man erst einmal einschieben, dass Jenny Hval in Norwegen unter dem Pseudonym Rockettothesky bereits zwei respektabel erfolgreiche Popmusik-CDs veröffentlicht hat, sowie Lyrik und einen Roman, der für intim-explizite Inhalte und poetische, alineare Komplexität gelobt wurde. Und nun darf das Fräuleinwunder die dritte CD auch noch beim Avantgarde-Qualitätslabel schlechthin veröffentlichen, produziert von Helge »Deathprod« Sten?

Nächste Überraschung: Maja Ratkje schreibt seit kurzem fürs Osloer Dagbladet Plattenkritiken, und wie es der Zufall will, ist ihre erste Rezension über just diese CD. Sie argumentiert, Jenny Hval sei die derzeit beste Popkünstlerin im Land. Es stellt sich heraus: das Debütalbum »TO SING YOU APPLE TREES«, dem eine Hitsingle entsprang, hält die Interpretin selbst heute für uninteressant. Der Nachfolger »MEDEA« ging dann schon mehr ans Eingemachte, und das dritte trägt direkt den Titel »Eingeweide«. Das ist auch textlich zu verstehen: »VISCERA« ist ein Album über den Körper, feminin und intuitiv. In der Popmusik wird bekanntlich viel sexualisiert, zumeist jedoch nur als (Vermarktungs-)Effekt. Jenny Hvals Texte gehen tiefer, wie bereits in ihrem Roman; sie sind eigenwillig, verletzlich und berühren, ohne peinlich zu werden. Improvisation und Liveauftritte brachten neues Selbstbewusstsein, so dass nun nicht mehr Pseudoynm und allerlei elektronische Spielereien vom Eigentlichen ablenken. »Viscera« entstand zum Großteil im Trio, und bei aller Klarheit und Reduktion ist dies ebenso fein gewobene Klangkunst wie Songwriting, etwa wenn beim großartigen »Milk Of Marrow« der Gesang in einem Crescendo aus fragilem Noise entschwindet. Sehr eigen, sehr gut. Für die Zukunft möchte man Jenny Hval allerdings gerne noch mit auf den Weg geben, etwas weniger die Kate-Bush-Bewunderung auszuspielen. (ijb)



Siehe auch:
Rockettothesky
DeathProd / Helge Sten
Nude on Sand (Jenny Hval & Håvard Volden)

Jenny Hval: Viscera

Offizielle Website

Die CD »Viscera« war »CD des Monats« im Monat 4 / 2011.
Und so urteilten unsere anderen Autoren darüber:

Bequem auf dem Sofa zurücklehnen kann man sich zu Jenny Hvals Erstling nicht: Sperrig, anspruchsvoll, unbequem kommen die teils ausufernden Songs daher. Mit experimentellen Klangbildern lockt uns die norwegische Chanteuse immer tiefer in den Wald, bis wir uns heillos verirren. Hval zieht uns mit sanfter Unerbittlichkeit den Boden unter den Füßen weg. Bis wir fallen, fallen.
Eva-Maria Vochazer

Ich steh ja auf dieses sperrige Zeug aus der norwegischen Experimentatoren-Ecke - in der auch Jenny Hval sich sehr gut macht. Handwerklich top, eigenwillig, stark - aber leider auch ein bisschen zu gewollt. Entspannung, gute Frau! Dann muss ich beim Hören auch nicht mehr so viel Nägel kauen.
Sebastian Pantel

Oh ja, ich bin auch sehr angetan von Jenny Hval. Das Songwriting ist ganz außergewöhnlich, sie hat eine tolle Stimme und lässt einem keine Sekunde Ruhe, sie verlangt viel Aufmerksamkeit. Je öfter man das hört, umso mehr entdeckt man. Und zur Assoziation Kate Bush: diese Sirene hatte ich doch glatt ein ganzes Jahrzehnt verdrängt.
Tim Jonathan Kleinecke

Während wir uns bei Kate Bush trefflich streiten könnten, Tim, – »HOUNDS OF LOVE« etwa gehört für mich zu den Meilensteinen der Musikgeschichte - herrscht bei Jenny Hval einmütiger Konsens. Zumal Jenny mit Kate meines Erachtens kaum Ähnlichkeit hat, dafür eher mit anderen Sängerinnen aus dem »Rune-Stall«, wie Susanna Wallumrød.
Peter Bickel

Offizielle Website      jennyhval.com

   

Innocence Is Kinky
(2013, Rune Grammofon RCD 2142)

Wenn man sich mal ein bisschen mit Jenny Hval beschäftigt hat, dann könnte man Angst bekommen, sich ihr neues Album auch wirklich anzuhören. Muss das denn sein (denkt man), diese ganze Theorie über Medienbilder, Gesellschaft, Gender-Problematik und Subjektivität, das verbaut mir doch jeglichen musikalischen Zugang zu einer Musik, in der man dann auch noch ziemlich herumklettern muss, um sie zu durchdringen, und sich dabei auch noch Splitter in die Finger treibt. Bei ihrem 2011er-Album »VISCERA« war genau das der Fall gewesen. Viel Intention, die wie Ballast auf die Musik drückte.

Nun aber, oh Wunder, passiert das Gegenteil. Die Botschaften der Jenny H. sind immer noch hart - intellektuell, schmerzhaft, körperlich, ungeschminkt. Ihre Texte sind immer noch so persönlich, dass man vor dieser Nähe unwillkürlich zurückzucken will. Aber die Musik (neben einer Kern-Band mit viel Elektronikzubehör wirkt auch Avantgarde-Geiger Ole Henrik Moe mit) lockt und schlingt viele kleine Ärmchen um den Hörer, zieht ihn in und durch die elf Tracks und lässt ihn am Ende wie aus einem intensiven Traum wieder frei. Ein Traum, wohlgemerkt, der zwar streckenweise unangenehm ist, aber manchmal auch so plötzlich irreal schön, wie nur Träume es sein können.

Der Grund für diesen Höreindruck? Eine perfekte Mischung aus Handwerk und Sorglosigkeit. Jenny Hval singt und spricht keinen Ton, keine Silbe, kein Hauchen, kein Mikroton-Glissando ohne Bedacht und Kontrolle. Auch die zerbrechlichen, unstet tastenden Arrangements (die Kompositionsweise erinnert schon manchmal an Björk) tragen vor allem dadurch, dass sie so ungeheuer durchdacht sind. Der Klang aber, und das ist das Neue, hat eine spontane, dreckige, ja fast nachlässige Note. Gitarren rotzen plötzlich feine Stimmarbeit zu. Ein sorgsam ausgependelter Rhythmus bekommt Schluckauf und würgt sich selbst ab. Geräusche purzeln aus dem Rechner und werden nicht sofort wieder weggeräumt. Das Theoriegebäude wird so zu einem bewohnten Haus, die Tür steht offen, und wir treten staunend ein. (sep)



Siehe auch:
Ole Henrik Moe
Rockettothesky
Nude on Sand



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