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Alle Rezensionen zu Stian Westerhus
(Genre »Avantgarde«, Land »Norwegen«)

 

Amputation
(2016, House of Mythology/Prophecy HOM 004)

Was für eine einzigartige musikalische Welt dieser Gitarrist aus Norwegen schafft! Das Thema der CD muss man als skurril bezeichnen Wer außer Stian Westerhus käme auf den Gedanken, die Amputation in den Mitttelpunkt eines Albums zu stellen? Das Werk ist im positiven Sinne schräg, es ist ausdrucksstark und in seiner Art einzigartig. »To know what you have, and to give all of it up – even if you know that it’s going to keep haunting you for the rest of your life. Phantom pain. Diagnosing what is the best of two evils – is what this album is about.«

Es fällt schwer, einen Vergleich zu finden. Nonesuch, eigentlich der Name eines Labels, fällt mir dazu ein: es gibt nichts anderes dergleichen. Stian aber gelingt es, ein eigenes musikalisches Universum zu entwerfen. Futuristisch, »never heard of before«. Es ist nicht gefällig, lotet alle Möglichkeiten des Instrumentes mithilfe der Elektronik aus. Charakteristisch ist sein Spiel mit der digitalen Technik, die 46 Jahre nach dem Ableben von Jimmy Hendrix ein Vielfaches der damaligen Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Seine elektronisch verfremdete Stimme ist ein weiteres stilbildendes Element. Es besteht eine in den wabernden Klängen der Gitarre deutlich erkennbare Wahlverwandtschaft zu seine norwegischen Ahnen wie Terje Rypdal, rhythmisch und stilistisch zu Frank Zappa, ohne diese jedoch zu kopieren. Stian Westerhus ist ganz bei sich selbst, ist sich selbst genug, lebt seine Leidenschaften aus und kreiert kompromisslos seine eigene Marke. Die Musik ist nicht eingängig, eher sperrig, aber gerade darin liegt ihr Reiz. Im stetigen Wandel, dem Spiel mit dem Medium Gitarre, der im Jahre 2016 unendlich mehr Ausdrucksmöglichkeiten bietet als je zuvor. Stian Westerhus ist ein echter Pionier und jenen Jazzfreaks zu empfehlen, die der Einheitskost müde sind, die Individualisten wie David Bowie und Kate Bush lieben und eine Affinität zum Experimentellen haben. (geh)



Siehe auch:
Puma
Stian Westerhus & Pale Horses

Sidsel Endresen & Stian Westerhus

Nils Petter Molvær Trio


Stian Westerhus: Amputation

Offizielle Website      www.stianwesterhus.com

   

The Matriarch and the Wrong Kind of Flowers
(2012 , Rune Grammofon /Grappa RCD2133 )

Was geschieht hier eigentlich? Wie macht dieser Typ das? Ist das noch Musik oder vielmehr eine Klanginstallation, die man auf CD kaum noch angemessen würdigen kann? Der Gitarrist überrascht uns ja nicht zum ersten Mal. »Pitch Black Star Spangled« war/ist ein höchst intensives, lange nachwirkendes künstlerisches Statement höchster Kompromisslosigkeit, rauh, kantig, aufreibend und oft explosiv. Und jetzt das: Gedehnte, an Streicherensembles oder Pink Floyd erinnernde Weltraummusik.

Aufgenommen wurde im Vigeland-Mausoleum in Oslo, bekannt für zwanzig Sekunden langen Hall. Und so hören wir zu, wie sich der Klang langsam im Hall verflüchtigt, wie Stian Stimme und Gitarre zu einem Instrument verschmilzt und allein ein ganzes Orchester zusammenbaut. Geisterhaft ist dieser Kosmos nach wie vor, aber – vom schneidenden Bohrmaschinensound in »The Wrong Kind of Flowers« abgesehen – weniger aggressiv und krachmachend als zuletzt, fast melancholische Kontemplation, schwebendes Gegenüber zum irritierend unruhigen Vorgänger. Westerhus lotet weiter die Möglichkeiten eines Instruments aus, dessen Klangpalette doch schon erschöpft schien. Er zeigt uns, dass es noch Ungehörtes gibt, und natürlich klingt das wieder ganz anders, als wir ihn kannten. (ijb)



Siehe auch:
Huntsville
Vertex/Dörner/Neumann

Maja S. K. Ratkje

Frode Haltli


   

Pitch Black Star Spangled
(2010 , Rune Grammofon /Cargo RCD 2099 )

Im Titeltrack dieses ebenso anstrengenden wie faszinierenden Solo-Albums kann man, wenn mal will, nachvollziehen, wie Stian Westerhus' Selbstverständnis als Gitarrist ist. »Pechschwarz Sternenbesetzt« könnte man den Titel übersetzen – und dann die Assoziationsräume sich öffnen lassen: zum Weltraum, zu Jimi Hendrix' jaulender Dekonstruktion der amerikanischen Nationalhymne – und zurück zu Westerhus' Version, die wie eine weitere Dekonstruktion klingt. Statt Feedbacks regiert hier das Knacken und Brutzeln kaputter Kabel und fehlerhafter Verstärker, ein unheilvolles Klangknuspern wie von akustischen Parasiten.

Das Soloalbum hat also nichts mit Gitarristen-Posing zu tun. Vielmehr nutzt Westerhus die Gitarre als Klanggenerator, um aus Verzerrungen, Fehlern und Übersteuerungen neue, vor allem nach unmenschlicher Elektronik klingende Geräusche zu produzieren. Das allerdings macht er dermaßen virtuos und mit einem solchen Sinn für Musikalität, dass man all dem Geknirsche und Gekrache tatsächlich eine ganze CD-Länge lauscht. Auch wenn's eine ganz schöne Zumutung ist. Doch immer, wenn es fast unerträglich ist, dämpft Westerhus den Ton und streichelt den Hörer mit wunderschönen Harmonie-Flächen. Pechschwarz wird es übrigens auch, wenn man die Augen schließt. Der klingende Raum ist dann im Kopf. Und da verläuft man sich doch ganz gern. (sep)



Siehe auch:
BOL / Westerhus / Snah
Jaga Jazzist

Stian Westerhus mit Lasse Marhaug

Eldbjørg Raknes




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