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Alle Rezensionen zu Valgeir Sigurðsson
(Genre »Pop«, Land »Island«)

 

Ekvilibrium
(2007, Bedroom Community/Kompakt HVALUR3CD)

Angenommen, man hat noch nie Popmusik aus Island gehört, ist aber empfänglich für herkömmliche Klischees in Richtung landschaftlicher Kargheit und untergründigem Elfenwesen – dann dürfte die Musik des Soundtüftlers Valgeir Sigurðsson auf mehr als offene Ohren stoßen. Denn sie bietet genau die richtige Melange aus Tradition und Moderne, wenn lang anhaltende Streichersequenzen und perliges Tastengeklöppel auf elektronische Soundschleifen stoßen. Weitaus am besten gelungen in dem Song »Focal Point«, der einen sanft an die Hand nimmt und dennoch am Ende in ein heftiges Getrippel ausläuft. Sehr hübsch auch das Stück »After Four«, bei dem elektrische Klangsprengsel erst ziellos vor sich hin träumen, um dann von einem süffisant rockendem und gegen Ende verrauschtem Beat eingebunden zu werden.

Leider haftet der Produktion insgesamt jedoch ein gewisses Pathos an. Mal wird etwas zu plakativ gegeigt, mal bemühen sich die Gastsänger zu sehr um bedeutungsvolles Raunen. Wer dies überhören kann, wird trotzdem seinen erhabenen Spaß haben – wobei man wiederum die Texte nicht beachten sollte: »Love is a stream / it is not what we see / it comes from somewhere else / and it goes somewhere else«: so Zeug halt. (frk)



Siehe auch:
Björk
Kimmo Pohjonen, Samuli Kosminen & Kronos Quartet
Ólöf Arnalds
Óskar Guðjonsson

Valgeir Sigurðsson: Ekvilibrium

Offizielle Website

Offizielle Website      http://valgeir.net

 

Valgeir Sigurðsson: Draumalandið
(2009, Bedroom Community/Kompakt HVALUR8CD)

Man kann »Draumalandið« auch ohne den gleichnamigen Film hören und annehmen, doch der Blick auf den Kontext ist nicht unwesentlich: Der Isländer Andri Snær Magnason schrieb ein engagiertes Buch über die Umweltzerstörung seiner Heimat, und drehte im Anschluss auch gleich den kämpferischen Dokumentarfilm dazu. Landsmann Valgeir Sigurðsson wurde für die Filmmusik eingespannt, Björk und Thom Yorke steuerten einen aggressiven Avantgarde-Track für den Abspann bei (»Nattura«). Der Film arbeitet mit rigoroser Überwältigung des Zuschauers: emotionalisierende Statements, berauschende Hubschrauberaufnahmen über Islands faszinierender Natur - und eindringliche Streichermusik. Im Film, der trotz bester Absichten, leider keine rechte Form und künstlerische Haltung findet, führt all dies bald zur Übermüdung. Nach spätestens einer Stunde will man nun wirklich keine Hubschrauberflüge mit Streicherkaskaden mehr sehen.

Sigurðssons Musik funktioniert auch ohne den Film gut, nein sogar besser, selbst als konzertante Aufführung mit kleinem Ensemble. Allerdings leiden seine oft allzu simplen Kompositionen dann doch unter der Methode »Schema F«: Bekannt geworden durch seine wunderbar subtil versponnen Beiträge zu Björks Alben und auch als Produzent einiger Indie-Bands aktiv, strebt Sigurðsson jüngst danach, als Komponist post-klassischer Musik ernstgenommen zu werden. Mit der Unterstützung einiger Freunde im Geschäft kann ihm das auch gelingen. Es darf freilich angemerkt werden, dass seine künstlerischen Qualitäten in kompositorischer Hinsicht, nun ja, nicht direkt überwältigend sind. (ijb)



Siehe auch:
Björk
Nordic Affect
Hildur Guðnadóttir
Jóhann Jóhannsson

Valgeir Sigurðsson: Valgeir Sigurðsson: Draumalandið

Offizielle Website

Offizielle Website      http://valgeir.net

 

Nordic Affect: Raindamage – Sigurðsson, Hansson & Vilmarsson
(2017, Sono Luminus/Naxos SLE-70005)

Mit seinem zweiten Album öffnet das isländische Quartett Nordic Affect viele neue Türen, präsentiert ein vollkommen anders gelagertes Programm als zwei Jahre zuvor auf dem Debüt und kommt damit freilich zu einem nicht weniger Resultat. Der Titel »RAINDAMAGE« passt natürlich als schöne Fortsetzung zum vorigen »CLOCKWORKING«, und Caleb Neis Design, diesmal mit Fotografien vom südisländischen Sólheimajökull, unterstreicht die Verwandtschaft stilvoll. Die Grundbesetzung (Geige, Bratsche, Cello und Cembalo) ist gleich geblieben, nur dass bei drei Stücken allein die Besetzung »Electronics« angegeben ist, bei einem davon außerdem Nava Dunkelman mit der Uchiwa-Daiko-Trommel mitwirkte. Woher welche Klänge stammen, ist also noch schwerer zu verorten als schon beim vorigen Album.

Nordic Affect wählten für ihr 40-minütiges Programm sechs sehr aktuelle Werke von drei mehr oder weniger jungen isländischen Komponisten, je Urheber ein akustisches und ein voll elektronisches. Und gewiss entstanden alle Aufnahmen in enger Kollaboration mit der jeweiligen Komponisten. Bekanntester der drei ist sicher der 1971 geborene Valgeir Sigurðsson, der nach Zusammenarbeiten mit (Avant-)Popkünstlern in den letzten Jahren zunehmend an einer Karriere als zeitgenössischer Komponist gearbeitet hat, bereits beim letzten Album für Mix und Mastering verantwortlich zeichnete und hier auch noch die Aufnahme verantwortete. Seine beiden Werke, das Titelstück für drei Streicher und Elektronik und das rein elektronische »Antigravity«, scheinen sich mit Naturbildern zu befassen, denn Regen, Wind und Wetterphänomene klingen durchaus an. Beide zählen zweifelsfrei zum besten, was man von Sigurðsson bislang hören konnte; einige frühere Werke von ihm waren kompositorisch zu einfach gestrickt oder auch zu eng an Vorbilder angelehnt, doch wie hier akustische, klassische Komposition und elektronische Elemente verquickt werden, zeigt die lange Erfahrung und geht in seiner Eindringlichkeit und Raffinesse weit über sein voriges Schaffen hinaus. Und auch »Antigravity«, dessen Entstehungsprozess nicht beschrieben ist, aber offenbar aus Streichersamples und sehr zeitgenössischer Elektronik ausgestaltet wurde, ist ein dicht gewobenes Kleinod.

Der 29-jährige Úlfur Hansson, der bislang Alben unter den Namen Klive, Bitroid und zuletzt Úlfur veröffentlichte, in der Band Swords of Chaos Bass und viel in der Tourband von Sigur-Rós-Sänger Jónsi (Jón Þór Birgisson) Synthesizer und Elektronik spielte, ergänzt in seinem knapp zehnminütigen »Þýð« drei Streicher um eine Art Chor, den er laut Detailangaben selbst eingesungen hat. Das Stück setzt auf eine irisierende Verbindung von schwebender Dramatik und schleichenden Dissonanzen, bevor das Stück am Ende wie in sich zusammensackt. Sein elektronisches »Skin Continuum« ist gewissermaßen die sich zersetzende Fortführung davon, unter Beteiligung besagter Uchiwa-Daiko-Trommel. Das zu gleichen Teilen rasant perkussive wie drone-mäßige Stück zeigt einen überaus eigenen, sehr faszinierenden kompositorischen Blick, der sich schwer mit anderer isländischer Musik vergleichen lässt. Großartig.

»[:n:]« des 1976 geborenen Hlynur Aðils Vilmarsson, der auch mit einem Werk auf der zur gleichen Zeit beim selben Label veröffentlichten, ebenfalls empfehlenswerten Orchester-CD »RECURRENCE« des Iceland Symphony Orchestra (ISO) vertreten ist, ist das einzige Werk der CD, das die volle Besetzung der vier Nordic-Affect-Musikerinnen einsetzt. Es ist nicht nur das längste der sechs, sondern wohl auch das enigmatischste, das ein wenig Zeit braucht, um sich dem Zuhörer zu öffnen. Wie bei den übrigen Beiträgen spricht auch hier eine vollkommen eigene Stimme. Und in »noa::ems« hat er die akustische Einspielung offenbar radikal zersägt und zerfasert.

Ein herausragendes Ensemble der zeitgenössischen Musik bietet ein vollkommen unnachahmliches Programm, das in Form dieser ohne Frage mehr ein rundes, schlüssiges Album geworden ist als viele vergleichbare Projekte, die verschiedene und unterschiedliche Komponisten zusammenführen. Brillant. (ijb)



Siehe auch:
Nordic Affect: Clockworking

Valgeir Sigurðsson: Nordic Affect: Raindamage – Sigurðsson, Hansson & Vilmarsson

Offizielle Website

Offizielle Website      http://valgeir.net

 

Siggi String Quartet: South of the Circle
(2019, Sono Luminus/Naxos DSL-92232)

Das 2012 gegründete Siggi String Quartet hatte auf der Debüt-CD von Víkingur Ólafsson, dem 2017 bei Deutsche Grammophon veröffentlichten Philip-Glass-Album, einen viel beachteten und gelobten internationalen Auftritt. In Reykjavík sind die Vier bereits ein renommierter Teil der Musikszene, 2018 erhielten sie als Quartett den Isländischen Musikpreis als »Performer of the Year«, zahlreiche Uraufführungen junger isländischer Komponist/innen wie Valgeir Sigurðsson und Daníel Bjarnason gehören ebenso zu ihrem Repertoire wie Interpretationen (moderner) Klassiker wie Morton Feldman oder Jón Leifs. So ist eigentlich erstaunlich, dass wir erst jetzt (2019) ein Debütalbum der Gruppe bekommen, und das sich bereits seit einiger Zeit um die zeitgenössische Musikszene Islands verdient machende US-Label Sono Luminus ist dafür ein naheliegender Partner (wenngleich man ihnen wirklich etwas stilvolleres Cover gewünscht hätte als diesen arg unglücklichen, nachlssäigen Design-Ausrutscher).

»SOUTH OF THE CIRCLE«, also »Südlich des Kreises«, meint natürlich die geografische Lage Islands direkt unterhalb des Polarkreises; das Programm stellt zwei kurze Streichquartette der bereits etwas bekannteren Isländer Daníel Bjarnason und Valgeir Sigurðsson vor, aber auch Werke der bislang kaum oder gar nicht über die Grenzen des Landes bekannten Komponistinnen Mamiko Dís Ragnarsdóttir und Una Sveinbjarnardóttir und des bereits rund 60-jährigen Haukur Tómasson.

Sigurðsson ist vielen Islandfreunden über seine Zusammenarbeit mit Björk bekannt geworden, doch sein Œuvre als zeitgenössischer, »Neo-Classical«- Komponist vermochte bisher leider kaum zu beeindrucken. So ist auch sein 2011 entstandenes »Nebraska Quartet« in der Schlichtheit recht banal und wirkt mit seinem musikalischen Material doch eher wie Dutzendware zu Übungszwecken. Kein Wunder, erläutert der Urheber im Beiheft, dass es um das allererste Mal war, dass er gebeten wurde, ein konzertantes Werk zu schreiben. Ragnarsdóttirs »Fair Flowers« ist mit knapp 15 Minuten das längste Werk des Albums, es scheint mit gedämpfter Grundstimmung an Sigurðssons vierten Satz geradezu schlüssig anzuknüpfen, wirkt allerdings streckenweise auch ein wenig bemüht. Dabei stecken in den unaufdringlichen Stimmungsbildern in jedem Fall mehr emotionale Ecken und Kanten, an die man sich freilich etwas heranarbeiten muss. »Fair Flowers« entzieht sich zwischendurch immer wieder wie ein schüchternes Pflänzchen.

Una Sveinbjarnardóttir, Violinistin im Ensemble, hat das Wesen des Quartetts offenbar besser verinnerlicht als die übrigen Komponistenkolleg(inn)en; ihr »Opacity« geht einen ungewöhnlichen Weg, indem es Soli zum Ausgangspunkt nimmt – und ist so ehrlich um neue Wege in der Streichquartettliteratur bemüht. Mit diesem experimentellen und texturalen Ansatz liefert sie in jedem Fall das interessanteste Werk der CD. Besonders hervorzuheben ist dann aber, wie Haukur Tómasson zum Abschluss mit seinem »Serimonia« – 2014 für das Siggi Quartet geschrieben und für diese Einspielung noch einmal überarbeitet – den markantesten Akzent setzt und die ansonsten etwas zu gedämpfte Atmosphäre des Albums mit etwas mehr Drive und Energie endlich erfreulich belebt. Tómasson weiß dabei von allen am überzeugendsten auf den Punkt zu kommen: In einem Satz von neun Minuten Länge ist »Serimonia« dicht und prägnant – wie sonst keine der fünf Kompositionen. Am Ende bleibt das Gefühl, dass man doch viel lieber eine CD nur mit Tómasson-Werken gehört hätte. (ijb)



Siehe auch:
Víkingur Ólafsson
Jóhann Jóhannsson
Nordic Affect
Ísafold Kammersveit: Haukur Tómasson

Valgeir Sigurðsson: Siggi String Quartet: South of the Circle

Offizielle Website

Offizielle Website      http://valgeir.net



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