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Alle Rezensionen zu Maja Solveig Kjelstrup Ratkje
(Genre »Avantgarde«, Land »Norwegen«)

 

Sult
(2019, Rune Grammofon/Grappa RLP3204)

Um es vorweg zu sagen: Diese Veröffentlichung der norwegischen Ausnahme-Sängerin Maja S. K. Ratkje hat sofort meine Ohren und mein Herz erobert – auch ohne vorherige Beschäftigung mit den Hintergründen des Werks. Dennoch sollen einige erläuternde Informationen am Beginn dieser Rezension stehen.

Eine davon betrifft die Instrumentierung der Musik: Außer Ratkjes Stimme erklingt nämlich »nur« noch ein hörbar in die Jahre gekommenes Harmonium. An diesem wurden von ihr und von Technikern des Osloer Opernhauses allerdings eine Reihe von Veränderungen vorgenommen. So wurden Metall- und Kunststoffrohre angebaut, aus denen man etwa mittels Schwingen Klänge erzeugen kann, Gitarren- und Bass-Saiten wurden daran befestigt, einige perkussive Elemente verbaut und sogar eine Windmaschine hinzugefügt. Wer Ratkje kennt, kann sich vorstellen, dass all dies für die Improvisationskünstlerin eine willkommene Spielwiese darstellt, um allerlei musikalische Grenzgänge damit zu wagen.

Doch ein angemessener Zeitraum zum Erforschen der Klang- und Ausdrucksmöglichkeiten dieses Sound-Ungetüms wurden ihr (bewusst) nicht eingeräumt, denn mit dem Bau des Instruments war ein unmittelbar danach beginnendes Engagement beim norwegischen Nationalballett verbunden. Dort wurde eine Adaption von Knut Hamsuns Roman »Sult« (dt.: Hunger) aus dem Jahre 1890 zur Aufführung gebracht, ein Werk, das bis heute als stilbildend für die moderne Literatur Skandinaviens gilt. Ratkje begleitete die Aufführungen durch freie Improvisationen an eben diesem Instrument und musste sich ad hoc damit zurechtfinden.

Quasi als Surrogat aus jenen Aufführungen ist dieses Album im Nachhinein entstanden. Für die Aufnahme zog sie sich freilich nicht ohne ein klares Konzept und vorherige kompositorische Skizzen in ein Studio zurück und machte sich die dort vorhandenen technischen Möglichkeiten wie Overdubs und unterschiedliche Hallräume zunutze. Aber natürlich scheute sie sich auch dort nicht, die Grenzen ihres Instruments auszuloten, womit das Album durchaus in der Tradition ihrer bisherigen Werke steht. Mal klingt das präparierte Harmonium wie eine Kirchenorgel, mal wie eine Farfisa-Orgel aus den 70ern und mal wie ein Akkordeon – womöglich eine Reminiszenz an ihren Ehemann Frode Haltli, der das Album co-produzierte. Die vielfach auftauchenden repetitiven Muster lassen aber entfernt auch Anknüpfungspunkte an Steve Reich zu. Insgesamt beschwört die Musik und das sehr direkt abgenommene Harmonium, mit all seinem Ächzen und Schnauben den Klang des späten 19. Jahrhunderts herauf – zumindest, wie man ihn sich heute vorzustellen vermag. Ratkjes wortloser Gesang legt sich häufig flächig (und teils mit enormer Stimmgewalt) oder scat-artig zerhackt über den Harmonium-Sound. Die Namen der einzelnen Titel sind übrigens Zitate aus Hamsuns Roman.

»Präpariertes Harmonium«, »freie Improvisation«, »Grenzen des Instruments ausloten« … diese Begriffe lassen sicher eher an ein sehr sperriges, experimentelles oder gar »verschrobenes« Werk denken. Vielmehr ist »SULT« aber (zu meiner großen Überraschung) ein sehr zugängliches und konzises Album geworden. Sowohl die Anlage der Stücke als auch ihre meist bündige Länge, haben durchaus liedhaften Charakter. Hinsichtlich der Kompositionen bleibt Ratkje stets tonal und nachvollziehbar und die in schönstem Sinne kargen Songs werden von all dem Harmonium-Geklapper kunstvoll umgarnt wie man das etwa von Klangkünstlern in der elektronischen Ambient-Musik kennt. Somit mag dieses Album Ratkje-Neulingen durchaus als Einstieg in ihr umfang- und variantenreiche Œvre dienen. Großartig. (stv)



Siehe auch:
Poing + Maja S. K. Ratkje
Frode Haltli
Camille Norment
SPUNK

Maja Solveig Kjelstrup Ratkje: Sult

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.ratkje.com

   

River Mouth Echoes
(2008, Tzadik TZ8051)

Sie ist so etwas wie Norwegens geniale Störenfriedin, eine musikalische Krawallmacherin und Querschlägerin. Mit ihrem Duo Fe-mail ist Maja Ratkje für Teile des heftigsten Elektronik-Krachs des Landes zuständig. Mit Frode Haltli hat sie auf »PASSING IMAGES« eine zum Träumen schöne CD eingespielt. Hier nun geht es um ihr Werk als Komponistin.

Dabei ist der letzte Track der Kern, die Erklärung aller vorherigen – und das älteste Stück der CD. Ein Tenorsaxophon jagt seine eigenen, elektronisch prozessierten Klänge, und wird wiederum von reiner Elektronik, fremdartigem Geräusch gejagt. So ist das in allen Stücken: Die Elektronik bewegt sich zwischen extremsten Polen: Sinuston und weißem Rauschen, endlosen Flächen und harten Schnitten, extremer Dichte, Lautstärke und Stille. Die Instrumente sind entweder Vermittler zwischen den Polen, wie das Saxophon, das manchmal in den Elektronik-Farben ganz aufgeht. Und mal imitieren die Instrumente den elektronischen Gestus – das Ensemble Oslo Sinfonietta mit gewaltigem Schlagwerk und Thriller-Dramatik, die vier Gamben-Spieler von Fretwork sinnlich-klangvoll und die Extreme ihrer Instrumente auskostend.

Der vielleicht faszinierendste Track ist »Wintergarden«, ein Stimm-Stück der Vokal-Artistin Ratkje, die sich selbst am Computer verzerrt. Aus der bestechenden Schönheit des gesungenen Klangs tauchen Rilke-Splitter auf, ganz rätselhaft. Hier wird das ausdruckssichere, experimentierfreudige Enfant Terrible plötzlich romantisch. (sep)



Siehe auch:
Lasse Marhaug
Fe-mail

   

Stalker
(2006, Important Records imprec092)

Zwischen den Extremen bewegt sich die Musik von Maja Ratkje: Als Teil der norwegischen Formationen Spunk und Fe-Mail widmet sie sich elektronischem Krach, bei ihrem Solo-Album »VOICE« steht hingegen die wandelbare Stimme der Sängerin zentral. Beim renommierten US-Avantgarde-Label Important Records vereint sie nun beide Pole. Die schöne, auf 500 Exemplare limitierte Picture-LP »STALKER« arbeitet fast ausschließlich mit Stimm-Material, das nach Verzerrung und Verfremdung dann oft nach harschestem Noise à la Merzbow klingt.

Eher eine Platte für Liebhaber also – obwohl kleine Melodien, schwebende Flächen und Gesangsfetzen hinter den spannend gebauten Geräuschwänden immer hörbar bleiben oder mit ihnen verschmelzen. Einmal singt Maja Ratkje mit knarzend verzerrter Stimme hinter statischem Rauschen Bertold Brechts Ballade »Vom ertrunkenen Mädchen« – ganz leise, bewegend und wunderschön lyrisch nach all den Lärmgewittern. (sep)

   

Voice
(2002, Rune Grammofon/Universal RCD 2028)

Allein der bisherige Werdegang der Spunk-Sängerin und Elektronikerin Maja Ratkje lässt Ungewohntes erwarten: Sie spielte in einer Countryband und in einer auf Marschmusik abonnierten Formation. Sie gehört zum Umfeld von Jazzkammer und vertonte Stücke des Komponisten Arne Nordheim. Wo Spunk zuweilen an anarchische »Zirkusmusik on acid« erinnert, sind ihre Solo-Sangesstücke eher dem Wieder- und Weitergeben von vokal-experimentellen Erfahrungen verpflichtet – verweigert sie sich doch zunächst konsequent dem Korsett von Rhythmus oder Refrain.

Aufgenommen wurden die Songs mal in einem Fahrstuhl, mal in einem Parkhaus, mal hoch oben auf einem Dach. Und Ratkje lässt die Stimmbänder vibrieren, lässt sie elektronisch verfremdet wiederhallen und wird nicht müde, immer wieder die Sprengkraft der Stimme zu beweisen. (frk)



Siehe auch:
Slugfield
Jazzkammer



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