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Alle Rezensionen zu Helge Lien Trio
(Genre »Jazz«, Land »Norwegen«)

 

10
(2 CDs, 2019, Ozella Music/Galileo OZ091CD)

Helge Lien sitzt der Schalk im Nacken: »Be Patient« nennt er den ersten Titel dieses Albums, und man kann dies nicht anders als eine direkte Aufforderung an die Hörerschaft lesen. Denn tatsächlich muss man für dieses Albums etwas Zeit mitbringen. Das Trio, bei dem Mats Eilertsen nun Gründungsmitglied Frode Berg am Bass ersetzt, habe am Ende der Sessions so viel Material beisammen gehabt, dass dies unmöglich auf nur eine CD gepasst hätte, begründet Lien die Entscheidung, die neue Aufnahme als Doppelalbum zu veröffentlichen. Diesem vergrößerten Format entsprechend genehmigt sich Lien einen langen Anlauf, erst mit dem vierten Titel nimmt er zum ersten Mal nennenswert Fahrt auf, aber – soviel sei bereits vorweggenommen: Geduld erfordert es zu keinem Zeitpunkt!
 
Denn was man hier zu hören bekommt, ist nichts weniger als eine Demonstration (nahezu) all dessen, was ein Piano-Trio als Klangkosmos hervorzubringen vermag. Nur kurz hält es sich mit traditionellen Liedformen auf – Lien gibt diesem Stück sodann auch den etwas verschämten Titel »Popkoral«. Ansonsten geht es um ein höchst souveränes, aber unangestrengt und scheinbar mühelos dargebotenes Spiel mit Sounds, Strukturen und wechselnden Taktarten, um Gruppenimprovisationen, um offene und gebundene Formen, um das Spiel auf dem Beat und neben diesem; wie etwa beim Stück »Falturill«, bei dem sich Lien aus einem gebundenen Viertel-Stakkato in waghalsigste Läufe mit der rechten Hand bei gleichzeitigen Akkordsprüngen in der linken steigert und seine Mitstreiter als Groove-Maschine das Stück ordentlich befeuern, bevor es wieder mit dem Viertel-Stakkato endet.
 
Das lakonische »Please Stay« eröffnet sodann die zweite CD und wir bleiben nur zu gerne noch länger dabei, denn der Ideenreichtum des Trios rechtfertigt das Doppelalbum-Format zu jedem Zeitpunkt; und Lien hat dadurch die Möglichkeit, Themen aus dem ersten Teil nochmals aufscheinen zu lassen, einzelnen Songs ein ausführliches Intro voranzustellen oder Songs zu Trilogien zusammenzufassen, aus deren Namensgebung dann wieder der Sprachwitz des Pianisten hervorblitzt. Diese Aufnahme hat alle Ingredienzien, ein Standardwerk für Piano-Trio-Jazz aus Skandinavien und eventuell auch darüber hinaus zu werden. Auch das äußerst ausgewogene und detailreiche Klangbild besitzt Referenzqualität. (stv)



Siehe auch:
Tord Gustavsen Trio
Trio Töykeät
Mats Eilertsen Trio
Helge Lien & Knut Hem

Helge Lien: 10

Offizielle Website

Die CD »10« war »CD des Monats« im Monat 3 / 2019.
Und so urteilten unsere anderen Autoren darüber:

Zehn Alben sind in der Tat ein echter Grund zum Feiern! Helge Lien begleitet uns ja nun schon eine lange Zeit, und immer wieder erhielten seine Alben (auch bei uns) beste Besprechungen. Um Frode Berg ist es schade, aber der wunderbare Bass-Touch von Mats Eilertsen aka Überall Dabei ist auch hier, wie sehr, sehr oft, der letzte famose Coup dieser Platte.
Ingo J. Biermann

Stimmt, Ingo, die Ehrung war überfällig und hoch die Tassen auf Herrn Lien!
Eva-Maria Vochazer

Wirklich unfassbar, dass wir erst jetzt eine CD dieses einfühlsamen Pianisten zur CD des Monats küren. Dabei ist er doch längst den großen Fußstapfen des »Vorbilds« und wegweisenden Trio-Spielers Esbjörn Svensson entwachsen. Und ja – Eilertsen fällt in der Tat ebenso positiv auf.
Peter Bickel

Ich kann absolut zustimmen, Stefan! Zum einen hat sich Helge Lien nie in die Reihe der Pop-affinen nordeuropäischen Pianisten nach Svensson eingereiht, sondern hielt die »Jazz-Piano-Trio«-Fahne in die Höhe und machte immer sehr delikate Alben. Zum zweiten nimmt er sich hier wirklich viel Zeit und Raum, das passt gut. Und zum dritten ist Mats Eilertsen ein wirklich guter Bassist. Sehr, sehr hörenswert!
Tim Jonathan Kleinecke

Offizielle Website      http://www.helgelien.com/

   

Guzuguzu
(2017, Ozella Music/Galileo OZ070CD)

Konnte man bei Helge Lien und seinem (umbesetzten) Trio zuletzt etwas die erzählerische Dichte der vielgepriesenen Meisterstücke »HELLO TROLL« und »NATSUKASHII« und das Feuer der Konzerte vermissen, so bietet »GUZUGUZU« nun von beiden Aspekten das Beste. Ja, der Titel hat seinen Ursprung (wieder) im Japanischen — Lien hat (wie diverse andere Musiker aus Norwegen) seine Vorliebe für die japanische Kultur des öfteren betont — und sieben der acht Songtitel ebenfalls. Diese sieben Stücke haben denselben melodischen Ursprung und wurden nach lautmalerischen Bildern ausgestaltet, assoziativ nach eben diesen Begriffen im Japanischen (lächelnd, donnernd, leise regnend usw.).

So schaffen Lien, Berg und Johansen eine zauberhafte Kreuzung aus größer angelegter Suite und dynamisch improvisierten, sehr fokussierten Nummern. Denen kommt sehr zugute, dass die Drei sich bereits über lange Zeit mit dem Material befasst hatten, bevor sie die acht Stücke, also das gesamte Album in »einem einzigen Take« mit Jan Erik Kongshaug im Osloer Rainbow Studio aufnahmen. Wer das Helge Lien Trio bereits live erleben konnte, wird sich mit »GUZUGUZU« sowohl an ihrer klasse Live-Energie als auch mit ihrem zu Recht gepriesenen Geschick für emotional ergreifendes Storytelling erfreuen. Meisterlich. (ijb)



Siehe auch:
Ruth Wilhelmine Meyer & Helge Lien
Live Maria Roggen & Helge Lien
Adam Bałdych & Helge Lien Trio
Tri O'Trang

   

Badgers And Other Beings
(2014, Ozella Music OZ 055 CD)

Eigentlich ist alles wie bisher, sprich: das Helge Lien Trio kreiert eine recht eigene Variante des Jazz-Piano-Trio. Viele eingängige Melodien, die Rhythmen beeinflusst aus diversen anderen Spielarten – man könnte sagen: Esbjörn Svensson light. Sollte man aber nicht sagen, kompositorisch wie auch am Instrument unterscheiden sich beide doch erheblich.

Und doch ist »BADGERS…« anders als die bisherigen CDs des Trios – wenn’s nicht so wäre, herrschte ja auch Stillstand. Der Mann an den Trommeln ist neu: Per Oddvar Johansen ist allerdings nicht unbedingt stilistisch das Gegenteil von Knut Aalefjær. Ob es an den Stücken liegt? Natürlich gibt es großartige Momente auf dieser CD: das feurige »Joe« gehört dazu, in dem Lien Kaskaden von Pianolinien verstreut. Die Doppelung der Melodie mit Bass in »Early Bird«, das vertrackte »Calypso In Five« und »Badger’s Lullaby« - es gibt viele Momente, die aufhorchen lassen. Und doch fehlt unterbewusst etwas im Vergleich mit den letzten CDs. Vielleicht das letzte Quäntchen Chemie zwischen den Beteiligten – aber das kommt sicher mit der Zeit. (tjk)



Siehe auch:
Per Oddvar Johansen

   

Natsukashii
(2011, Ozella Music/Galileo OZ 036)

Grandios! Das Helge Lien Trio ist ganz oben angekommen, verfolgt einen eigenständigen Ansatz zwischen traditionellem Piano-Trio und Svensson'scher Stilvereinnahmung. Das kann Helge Lien nämlich auch: sich aus Klassik, Folk und sogar Progressive Rock ein Scheibchen ab- und für das Trio zurecht zu schneiden. Obendrein klingt die CD so frisch und spontan, wie sie auch innerhalb von drei Tagen aufgenommen wurde.

Frode Berg am Bass und Knut Aalefjær am Schlagzeug spielen mit Lien schon ein Dutzend Jahre, daher das scheinbar blinde Verständnis. Berg gelingen einige herausragende Soli, im walzernden »Hymne« zum Beispiel, er zeigt auch hier und da, dass er mit dem Bogen umgehen kann. Aalefjær bürstet die Rhythmen ganz gerne gegen den Strich, wie im kurzen »Umbigada«. Helge Lien selbst? Siehe oben: grandios. (tjk)

   

Hello Troll
(2008, Ozella Music/Galileo OZ 021 CD)

Das Jazztrio mit der Besetzung Klavier, Bass, Schlagzeug ist sowas wie das Streichquartett in der Klassischen Musik - die Königsgattung. Und nicht gerade eine Besetzung, mit der man aktuellen norwegischen Jazz verbinden würde, wo es ja von Laptops und Grenzüberschreitungen nur so wimmelt. Nein, Helge Lien, Frode Berg und Knut Aalefjaer machen einfach nur Jazz. Und das ungeheuer gut, traumwandlerisch sicher aufeinander eingespielt, mit großen melodischen Gesten und bis ins letzte Klimpern austarierten Arrangements.

Das klingt zwar nicht ungeheuer und neuartig, aber dreht das alte Genre mit der Nase in den Wind - so wie es das junge norwegische Nachwuchstrio In the Country auch tut. Das klingt dann nach vielen Einflüssen und Inspirationen, nach Keith Jarrett mit seinen sich drehenden, ekstatisch gut gelaunten Akkord-Gebirgen. Nach Jacques Loussiers beherrschtem Play-Bach-Spaß, nach Saties verschrobener Klavier-Sprache, und und und... All das verwirbelt Helge Lien mit einem samtweichen Anschlag zu seinem ganz persönlichen Stil, dessen Arrangements ebenso schlicht und einspurig sein dürfen wie auch manchmal in krummen Takten holpernd und von Bass und Schlagzeug nach vorn gepeitscht.

Was ja nur beweist, dass der gute alte Jazz nicht so schnell tot zu kriegen ist. Nyjazz und wie das andere neue Zeug auch heißt hin oder her. Drei Jazzer auf der Bühne: Die Urkonstellation lebt weiter. (sep)



Siehe auch:
Hero
Helge Lien mit Knut Bjørnar Asphol

   

Live
(2005, Curling Legs clp cd95)

Das Album mit Mitschnitten von Liveauftritten in Lillehammer und Bergen beweist vor allem eins: Dass Pianomann Helge Lien und sein Trio in echt mindestens ebenso gut sind wie im Studio – wenn nicht gar besser. Denn was unter kontrollierten Bedingungen nach viel Kopfarbeit klingt, kommt auf der Bühne viel spontaner rüber – und deshalb auch viel kunstvoller. Ganz zart und wunderschön die Piano-Solo-Passagen, sehr verschroben und kompromisslos die wilden Parts, die eine ordentliche Portion Freejazz getankt haben.

Besonders gut hört man das auf dem einzigen »Fremdstück«, das nicht aus Liens eigener Feder stammt: Dem holperigen Jazz-Standard »Take Five«. Ganz verhuscht nimmt das Trio das Thema; es ist vorbei, wenn's grad erst angefangen hat. Und dann verlieren sich die Drei in eine weitläufige Zehn-Minuten-Improvisation, die, wie ein Wunder, am Ende wieder zum Anfang zurückführt, als wäre das die einfachste Übung der Welt. Echt guter Jazz eben. (sep)



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