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Alle Rezensionen zu Splashgirl
(Genre »Jazz«, Land »Norwegen«)

 

Pressure
(2011, Hubro/Grappa HUBROCD2509)

Als Radiohead zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts mit ihrer radikalen Kehrtwendung aus repetitiven Rhythmen und fragmentierten Songstrukturen, Kreuzungen aus altem und neuem Rockinstrumentarium und zudem launiger Warp-Records-Elektronik überraschten, hätte wohl niemand darauf gewettet, dass zehn Jahre später der Einfluss dieses Stils in den weitesten Jazzkreisen (und auch anderswo) so präsent ist wie heute. Seien es Jazzstars wie der Amerikaner Brad Mehldau, das famose britische Portico Quartet oder auch Mathias Eick auf seinem jüngsten ECM-Album: »Kid A«, und die Folgealben sind eindeutig herauszuhören. Bei Splashgirls dritter CD kommt der offensichtliche Moment zwar erst ganz zum Schluss, in der überraschenden zweiten Hälfte des zehnminütigen Titelsongs, doch auch »Concerning This Square« würde sich in jede Radiohead-Platte der letzten zehn Jahre elegant eingliedern.

Klar stellen sich die drei Norweger mit Piano, Bass, Schlaginstrumenten und verschiedenen elektronischen Elementen, unterstützt zudem von einer Handvoll weiterer Musiker mit Gitarre, Posaune, Tuba, Stimme und Field Recordings, zwischen alle Genrestühle. Wenn »Pressure« auch unscheinbar beginnt und teils nah an der Stille operiert, erzeugt es doch einen ungeheuren Sog, und des Hörers Verhältnis zur Musik ändert sich mit jedem Durchlauf. Mal klingen Splashgirl wie leise ECM-Kammermusik, in der regelmäßig feine Risse auftauchen, dann plötzlich nach den kanadischen Ekstase-Rock-Sinfonikern Godspeed You! Black Emperor (»The Other Side«), später nach fragmentiertem Elektronica-trifft-NuJazz des späten E.S.T. und kurz vor Ende bekommen wir atonale, Geräuschmusik wie bei Sofa Records, bevor sich der titelgebende Druck schließlich in besagtem Percussion-Piano-Drive entlädt – und man sich fragt, was man da eigentlich gerade gehört hat. Dass diese Musik schwer zu kategorisieren ist, wird kaum einer bestreiten. Darin liegt ein wesentlicher Zauber und der Anreiz, diese Platte immer wieder aufzulegen und stets von neuem kennenzulernen. Dass die zahlreichen Assoziationen und Einflüsse nie der Fantasie und Spiellaune der Musiker im Wege stehen, ist dabei absolut bemerkenswert. (ijb)



Siehe auch:
Erik Johannesen
Martin Taxt
Juhani Silvola
Mari Kvien Brunvoll

 Splashgirl: Pressure

Offizielle Website

Offizielle Website      www.splashgirlband.com

   

Sixth Sense
(2018, Hubro/Grappa HUBROCD/LP2587)

Die Entstehungsgeschichte dieses Albums ist an sich recht interessant, denn offenbar wurden direkt nach Abschluss der Aufnahmen zum Vorgänger »HIBERNATION« die Arbeiten hierfür begonnen - noch in der gleichen Recording-Session. Und doch könnte der Bruch größer kaum sein, denn die Band startete hierbei gemeinsam mit ihrem australischen Produzenten Randall Dunn den Versuch, sich völlig neu zu erfinden. Viel freier im kompositorischen Ansatz und in der Ausführung wollte man werden. Splashgirl 2.0 sozusagen.
 
Doch so interessant sich der experimentellere Zugang auch anlassen mag, so zwiespältig ist über weite Strecken das Ergebnis: Nach einem vielversprechenden Start mit dem vorwärtstreibenden »Carrier« und den überraschend fetten stolpernden Beats in »Broken« verfliegen sich Splashgirl mehr und mehr in ihrem Klangkosmos, orientierungslos im Harmonischen wie auch im Dramaturgischen. Hinfort sind nahezu sämtliche songhaften Strukturen, die wir noch auf dem Vorgänger fanden (nb: gleiche Session!), doch für ganz abstrakte und so eventuell wiederum sehr spannende Noise-Geschichten fehlte offensichtlich doch der Mut.

Treffend wie selten spricht der Pressetext denn auch von einem »plinky-plonk-piano«, welches jedoch oft in einer bombastischen Klangkulisse aus gestrichenem Kontrabass und Synthie-Sounds untergeht - das alles im »rauschenden« Lo-Fi-Gewand mit sattem Brummen auf der Leitung. Und zu allem Überfluss erklingt in den letzten zwei Minuten des Albums noch dieses wunderschöne, lichte Gitarrenmotiv mit sanften Synthie-Linien, so als wollten sie uns zum Abschied noch zeigen, was alles hätte entstehen können… (stv)



Siehe auch:
Jo Berger Myhre
Finland
Nils Petter Molvær

Audio-Link

   

Hibernation
(2015, Hubro/Grappa HUBROCD2559 /-LP3559)

Nach dem vorigen Album, das schon arg gemütlich ausfiel, lässt sich hinter dem Titel »HIBERNATION«, der einen künstlichen Schlaf, Ruhezustand oder eine Überwinterung meinen kann, in Verbindung mit dem schläfrigen Covermotiv die große Langeweile befürchten. Aber nein, zum Glück nehmen Splashgirl auf ihrem fünften Album die Linkskurve und bereichern ihren ruhig-fokussierten Nu-Jazz nach dem bisweilen konventionellen Vorgänger nun wieder mehr um Elektronik und andere spannende Klang- und Songideen.

In der Ruhe liegt auch hier wieder die Kraft, doch dem poetischen Einstieg folgt mit dem siebenminütigen »Bleak warm future« eine faszinierend resolute Nummer, befeuert vom markigen, dunklen Saxofonarrangement von Skerik (Eric Walton). Der Amerikaner hat schon mit Bobby Previte, den Headhunters und Kayo Dot gespielt und ist diesmal Splashgirls einziger Gast. Auch weil die drei selbst wieder mehr Mut zu Innovation zeigen und in ihrer charakteristisch unaufdringlichen Art diverse Synthesizer und Orgeln, Drum Machines und Elektronik einsetzen, bietet »HIBERNATION« 52 facettenreiche, fantasievolle Minuten mal kraftvoller, mal nachdenklicher Musik zwischen allen Stühlen, und dabei stets typisch Splashgirl, diesmal mit isländischer Note. (ijb)

   

Field Day Rituals
(2013, Hubro/Grappa HUBROCD2520)

Noch immer ist die Musik, die das Trio produziert, eher leise als laut, er zurückhaltend als virtuos. Und noch immer brauchen die neun Tracks einen ziemlich langen Atem, auch beim Hören. Das ist zum Teil spannend, weil ungewohnt, zum Teil aber auch ermüdend. Die Gefahr, dass die gehauchten Piano-Muster zur angenehmen Hörtapete werden, ist groß. Wer da abschweift, wird das oft zu Unrecht tun - aber man muss auch konstatieren, dass nicht jede Komposition auf diesem vierten Album ein bis ins Detail geschliffener Edelstein ist.

In der zweiten Hälfte sind noch die interessantesten Hörerfahrungen zu machen. Hier kommen Gäste zu Gehör: Eyvind Kang (Viola) steuert verzerrte Flächen à la Ole Henrik Moe bei, die einen guten Kontrast zu den blockartigen Klavierklängen bieten. Und Timothy Mason webt mit seinen Synthesizern genau jenes zirpende und schillernde Geflecht um die Tracks, die sie geheimnisvoll glitzern lassen. Trotzdem - irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass noch mehr sein müsste. Mehr Schub vielleicht, mehr Extase? Raus aus dem Schatten, Jungs! Ihr könnt das! (sep)



Siehe auch:
Ole Henrik Moe

   

Arbor
(2009, Hubro/Grappa HUBROCD2500)

Ah, wieder mal so Lo-Fi-Analog-Träumer, könnte man denken, wenn man »ARBOR« zum ersten Mal hört. Klavier und Zither, Perkussion und Pedal Steel Guitar, Stimme. Das alles digital aufgenommen, aber analog gemastert. Mit dem Ergebnis dieser typischen, leicht staubigen akustischen Patina, die wie Weichzeichner für die Ohren funktioniert. Gibt’s oft, könnte man denken, und es damit gut sein lassen.

Es lohnt aber, tiefer reinzuhören, und dann zeigt sich, dass die drei Youngster (Jahrgänge 1982-84) mit deutlich mehr Ernst und Tiefe bei der Sache sind als vermutet. Dafür sind ihre Songstrukturen dann doch zu ausgeklügelt, die weiche Mischung der Klänge doch zu gut hörend abgewogen und austariert. Lässt man sich auf die Assoziationsräume von Albumtitel und Cover-Artwork ein, klingt die Musik wirklich irgendwann holzig: Warm wie alte, knarrende Dielen. Groß wie Windrauschen in Bäumen. Langsam und stetig wachsend wie die Ringe eines Baumstamms. Von einem klassischen Jazztrio haben die drei sich also schon in jungen Jahren zu einer verträumten kleinen Experimental-Combo gewandelt. Ein paar Jahre noch, dann schauen wir mal, was aus den Jungs noch wird. (sep)

   

Doors. Keys.
(2007, AIMrecords/Musikkoperatørene AIMCD121)

Zwei Jahre vor »ARBOR«, der ersten Veröffentlichung des Labels Hubro, was fälschlicherweise häufig auch für ihr Debüt gehalten wird, erschien Splashgirls erstes Album bei AIMrecords. Bereits in der Kernbesetzung Andreas S. Løwe, Andreas L. Knudsrød und Jo Berger Myhre nahmen die drei damals noch sehr jungen Norweger »DOORS. KEYS.« auf – als Standard-Jazztrio mit Piano, Schlagzeug und Bass, obschon bereits mit Gästen, hier Violinist Sebastian Gruchôt, Tenorsaxofonist Joel Wästberg und Bassklarinettist Lars Holmen Kurverud.

So entstanden in Bugge Wesseltofts Studio an drei Tagen im Juni 2006 neun im melodischen Jazz verankerte Stücke, die zumeist vorsichtig den Spielraum zwischen Pianotrio-Jazz und kammermusikalischer Popband ausloten. Mit »ARBOR« und »PRESSURE« zeigten Splashgirl bald darauf mehr Wagemut, doch ihr Erstling braucht sich hinter dem Hubro-Schaffen nicht zu verstecken und sollte als kaum beachtetes Puzzlestück ihrer fantasievollen Diskografie nicht ignoriert werden. (ijb)



Siehe auch:
Bugge Wesseltoft



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