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Alle Rezensionen zu Ingar Zach
(Genre »Avantgarde«, Land »Norwegen«)

 

Le stanze
(2016, Sofa 552)

Sechs Jahre liegt Ingar Zachs letztes Soloalbum zurück, doch in der Zwischenzeit ist der norwegische Schlaginstrumentalist und Mitgründer von Sofa Music alles andere als untätig gewesen: Tourneen und Alben mit Mural führten Zachs Klangforschung ebenso in die Tiefe wie die zunehmend atmosphärischeren, ins Offene gehenden Alben von Huntsville. Auch die Bands Dans les arbres und Labfield waren on tour und für mehrere neue Platten im Studio. Wenn sich der 45-Jährige alleine ins Studio begibt, entsteht zuverlässig eine radikale Klangkunst weit jenseits eingängiger Songstrukturen. Für »LE STANZE« (»Die Zimmer«), trotz der italienischen Titel komplett in Spanien entstanden, beschränkte sich Zach, anders als zuletzt bei »M.O.S.«, nun auf ganz wenige Klangquellen; er dehnt und verzerrt, moduliert und radikalisiert die Perkussion mit elektronischen Mitteln so lange, bis nurmehr Drones und spröde Geräuschtexturen übrig bleiben denn Rhythmen und klar erkennbare Orientierungspunkte. Sehr faszinierend.

Das wird den meisten Hörern stark an den Nerven kratzen, und für den sonnigen Spanienurlaub eignen sich die vier Kapitel (oder Zimmer?) dieses knapp 40-minütigen Trips in die extremen Randbezirke der Musik garantiert auch nicht. Die Reduktion erinnert ein wenig an Morten Olsens Soloalbum »BASS DRUM!«, wo der Kollege ähnlich radikal und unorthodox auf die Farben der Geräusche von Schlaginstrumenten setzte. In der unbequemen Fortführung hin zur reinen Klangerfahrung lässt sich Ingar Zachs akustischer Trip jedoch noch besser mit Mika Vainios Noise-Komposition (etwa »Fe3O4 – MAGNETITE«) vergleichen. (ijb)



Siehe auch:
Mika Vainio
Huntsville
Erland Dahlen
O3

Ingar Zach: Le stanze

Audio-Link Offizielle Website

Offizielle Website      www.ingarzach.com

   

Before Nightfall One (Ingar Zach | Speak Percussion)
(2018, Sofa 567 CD/DL)

Im Grunde handelt es sich hier nicht um ein typisches Ingar-Zach-Album, und auch nicht um eines mit »nordischer« Musik, aber was ist schon »typisch« in der komplexen Diskografie des 47-jährigen Osloers? Der einfindungsreiche Perkussionist operierte mit allen Alben, die er bislang veröffentlichte (oder an denen er mitwirkte) weit jenseits des Üblichen. Seine Soloalben sind stets Projekte zwischen Klangkunst, Ambient, Jazz und »minimal Noise«, immer kann man sicher sein, dass er etwas Ungehörtes bietet. Und doch, trotz unserer unablässigen Empfehlungen, ist Ingar Zach noch immer nicht die Anerkennung zuteil geworden, die einem Künstler seines Formats zustünde.

2017 lud ihn die australische Gruppe Speak Ensemble nach Melbourne ein, um als Auftakt ihrer »Before Nightfall«-Reihe an einem Tag eine Zusammenarbeit und ein Konzert zu entwickeln. Letztes findet sich auf dieser CD, 35 Minuten meditative Minimal Music mit drei Perkussionisten, fragil, transparent – und diesmal frei von elektronischen Verfremdungen. Nach knapp 20 Minuten verändert sich der virtuose Ambient Jazz zur kräftigen Geräuschmusik, wird zunehmend Industrial (wieder etwas, das man von Zachs Alben so bislang nicht kennt). Das tolle Cover bringt diese famose Musik auf den Punkt: Grafische, minimalistische Strukturen, die auf den ersten Blick digital sein könnten, aber rein mechanischer Natur sind, nämlich industrielle Züge auf parallelen und divergierenden Gleisen. (ijb)



Siehe auch:
Morten J. Olsen
Harnihomba
Andreas Wildhagen

Audio-Link

   

M.O.S.
(2010, Sofa 532)

Keine Ahnung, auf wie vielen CDs Ingar Zach bereits mitwirkte. Er hat vermutlich mittlerweile selbst den Überblick verloren. Zach muss wohl der produktivste Perkussionist Norwegens, wenn nicht der Free-Jazz-Szene überhaupt sein. Neben den Ensembles – Achtung Namedropping! – Huntsville, LabField, No Spaghetti Edition, Muta, Looper, Flore De Cataclysmo, Dans les arbres, Point 4 und Mural veröffentlichte er mehrere Alben mit Jon Balkes Magnetic North Orchestra und im Duo mit Sofa-Co-Gründer Ivar Grydeland. Der Titel seines neuen Soloalbums »M.O.S.« geht möglicherweise auf das im Filmbereich übliche Kürzel für »Motion Only Shot« zurück, womit eine Filmaufnahme ohne gleichzeitige Tonaufzeichnung gekennzeichnet wird.

Zach dreht dieses Prinzip um und schafft eine komplexe Soundwelt aus Schlag- und Drone-Instrumenten, die – auch wenn's eine abgenudelte Rezensentenformulierung ist – stark an eine filmische Erzählung erinnert. So sollte man »M.O.S.« durchaus als Storytelling verstehen; es geht weit über sonstige Perkussion-Soloalben hinaus: Mit großer Liebe zum (Klang-)Detail und Erfindungsreichtum lotst uns Zach in einen Film voller Spannung und psychedelischen Dramas. Er begnügt sich nie mit naheliegenden Effekten und strukturiert seine Erzählung in einem großen, assoziativen Bogen mit enormer Dynamik, zwischen Repetition, geheimnisvoller Stille und benebelnder, horrorfilmartiger Drones. Der Kenner wird zudem reichhaltige faszinierende Spieltechniken und Farben entdecken können. (ijb)



Siehe auch:
Ingar Zach & Ivar Grydeland
Mural
Dans les Arbres
LabField

   

Music for Tinguely (Zach/Meland)
(2009, Prisma Records 706 | 7041881237065)

»Meta« tauchte als Namen(steil), häufig bei Jean Tinguely (1925-1991) auf; auch eine seiner Noise-Kompositionen, 1972 in Stockholm veröffentlicht, trägt diesen Titel, auf dem wiederum Ingar Zach sein »Tinguely Solo« basierte, das aus der Einladung entstand, im April 2009 zur Eröffnung der Tinguely-Ausstellung »The Future As We Remember It« im Henie Onstad Kunstsenter zu improvisieren. Fragile und relativ spärliche Percussion modellierte Zach zu einer Klangskulptur, die, ganz im Geiste des Geehrten, dessen kinetische Objekte zu einem vorwiegend akustischen (noch mehr beim Nur-CD-Hören, versteht sich) erweitert. Immer wieder modelliert Zach Rhythmen, löst sie dann aber auf und verändert sie in andere, viel eher abstrakt-visuelle Assoziationsräume. Man hat den Musiker gut vor Augen, während man der CD-Aufnahme der Performance lauscht.

Kombiniert wurde Zachs Solo mit einem drei Tage später am selben Ort gespielten Auftritt von Andreas Meland, Gründer der Labels Melektronikk und Hubro, wo ja bereits ebenfalls Ingar Zach veröffentlichen durfte, und des Festivals Safe as Milk. Obwohl beide(r) Solos sich klanglich ähneln, ist Melands Auftritt rein als Computer-Performance entstanden, ausschließlich mit Geräuschsamples, die Meland in der Tinguely-Ausstellung gesammelt hat. Vierzig Minuten verspielte Musique Concrète, leichtfüßig und auch ein bisschen humorvoll. (ijb)



Siehe auch:
Sigurd Berge
Stian Skagen
John Cage in Norway
Jon Balke & Magnetic North Orchestra



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