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Alle Rezensionen zu Mural
(Genre »Avantgarde«, Land »Norwegen«)

 

Tempo
(3 CDs, 2015, Sofa 547 | 7041885754728)

Wenn Ihnen die bisherigen CDs von Mural zu kurz waren, ist dieses Album das Richtige für Sie. Denn das Trio erhöht seine bisherige Diskografie auf einen Schlag um drei Scheiben auf insgesamt fünf CDs. Für Murals Kühnheit spricht umso mehr, dass kaum noch jemand CDs kauft. Doch wer »TEMPO« erwirbt, weiß ohnehin, worauf er sich einlässt: Sicher nicht auf ein hohes Tempo; sondern auf drei Stunden freie Improvisation mit Jim Denleys Blas-, Kim Myhrs Saiten- und Ingar Zachs perkussiven Instrumenten, allesamt garantiert Grenzen austestend.

Nun wurde »TEMPO«, wie bereits das vorige Album, wieder in der Rothko Chapel in Houston eingespielt. Es war Murals drittes Konzert in dieser kleinen, aber beeindruckenden Kapelle mitten in der lauten, an Menschen, Autos und blitzenden Wolkenkratzern reichen texanischen Metropole. Ich schreibe das so, weil ich in diesem Sommer selbst die Rothko Chapel besuchte; auch habe ich die Band bereits im Konzert erlebt, kann mir also bestens vorstellen, wie das alles zusammengeht, in diesem Raum, der Stille und innere Reflexion geradezu einfordert, umringt von 14 Rothko-Gemälden, die sich nur in ihren Schwarztönen und Oberflächen unterscheiden. (Peter Gabriel schrieb darüber übrigens das Lied »14 Black Paintings«, und auch Kim Kashkashian veröffentlichte in diesem Herbst ein ECM-Album, mit Cage, Satie und Feldman, das sie in der Rothko Chapel aufgenommen hat.)

Über vier Stunden spielten Mural, ohne Unterbrechung, meditativ und dynamisch, wie man es von Ihnen kennt. Dabei loteten sie die Extreme zwischen dem Kaumhörbaren und dem Driften in Drone-Jazz-Noise genial aus. Man hört, wie sie die über Jahre gewachsene Zusammenarbeit und das stetige gemeinsame Suchen in der Improvisation mit den immer gleichen reduzierten Mitteln zu einer wahren Meisterschaft des Genres gewachsen sind. Die drei CDs bieten zwar nicht den kompletten vierstündigen Auftritt, aber eine hervorragend gekürzte Auswahl von vier Passagen: drei Mal rund 50 Minuten und eine zarte Coda von gut 20 Minuten.

Und Mural bzw. Sofa Music belassen es nicht bei einem einmaligen 3-CD-Album. Zeitgleich veröffentlichen sie eine 4-CD-Edition einer noch minimalistischeren Performance von Keith Rowe und John Tilbury. Die Parallelen und die (wohl gegenseitigen) Beeinflussungen machen die beiden Releases zu einem Meilenstein von außerordentlichem künstlerischen Wagemut in einer Genre-Nische, die regelmäßig sehr viel Beliebiges und weniger Zwingendes als Mural hervorbringt. (ijb)



Siehe auch:
Kjell Bjørgeengen, Keith Rowe & John Tilbury
Kim Myhr
Jim Denley
The Necks etc.

 Mural: Tempo

Audio-Link

   

Nectars of Emergence
(2010, Sofa 528)

Geräusche ergeben Musik. Der dreißigjährige Gitarrist Kim Myhr ist aktiv in vielen Ensembles und Duos, viel in Zusammenarbeit mit Musikern im Kreise »Sofa Records«. Hier improvisiert er gemeinsam mit dem Australier Jim Denley, der 25 Jahre älter ist und Altsaxofon und Flöte spielt, und Percussionist Ingar Zach, dessen Beteiligung in großartigen und radikal unterschiedlichsten Bands schon seit einiger Zeit unüberschaubar geworden ist (Huntsville, Dans les Arbres, No Spaghetti Edition, LabField, Jon Balke’s Magnetic North Orchestra usw.). Ihre Begegnung als Trio, im Sommer 2009 in einer Kirche bei Molde entstanden, atmet Stille, Ruhe und Reduktion und ist geprägt vom Fokus auf Klangtexturen: Das zarte Zupfen der Gitarre bietet den leise angerissenen, nicht selten auch stimmlosen Schattierungen der Flöte ein Fundament, und vor allem die zahlreichen perkussiven Anteile entweichen von diesem Kern aus oft in alle Himmelsrichtungen. Was sich blumig oder angstrengt liest, gewinnt einen zwingenden, homogenen Fluss aus neuartigen Kombinationen von Klängen.

Diese Geräuschhaftigkeit mit Hang zum Hypnotischen spielt so viele feine Details aus, dass man als Hörer ohne eine ordentliche Stereoanlage und vor allem ohne eine ruhige Umgebung eigentlich nicht viel von der Musik hat. Sie verliert sich dann zu schnell im Ungenauen und Simplen, kommt als reine Skizzensammlung daher. Das ist aber unangemessen, denn schafft man sich einen angemessenen Raum zum Hören, sei es auch über Kopfhörer, kommt ganz langsam ein Eindringen in diesen impressionistischen Kosmos zustande. Es braucht seine Zeit, bis man durchschaut, was für einen gemeinsamen Weg diese drei ungleichen Musiker sich über ein paar Jahre des Zusammenspiels in Konzerten erarbeitet haben und der nun hiermit erstmals auf CD festgehalten wurde. »Weniger ist mehr« war selten eine angemessenere Zustimmung als bei Mural. (ijb)



Siehe auch:
Ingar Zach
Dans les Arbres
Silencers
Jon Balke's Magnetic North Orchestra

   

Live at the Rothko Chapel
(2010, Rothko Chapel Publications 2010/2011)

Die Rothko-Kapelle in Houston, Texas wurde 1971 eröffnet und gilt aufgrund ihrer achteckigen Form als bedeutender Versuch, Kunst und Architektur zu verbinden. Vierzehn Werke Rothkos sind ungewöhnlicher Weise in diesem Gotteshaus zu betrachten. Im März 2010 spielten dort Mural ein Konzert, das in Form dieser CD veröffentlicht wird. Dabei wird die Performance unter dem Titel »Doom and Promise« als ein Track von 51 Minuten angegeben.

Eine minimalistische Geräuschmusik, ohne Melodien, ohne Harmonien, mit gerade mal Spuren von Rhythmen, jenseits jeglicher musikalischen Grenzen im Feld Jazz/Avantgarde/ Free Improvisation. Der Australier Jim Denley spielt laut Cover »wind instruments« (offenbar Flöte und Saxofon) - erinnert die Musik deshalb oft an Naturgeräusche? Die dunklen Rothko-Gemälde gaben den Musikern sicherlich eindrucksvolle Gegenüber für ihre fragile, fragmentarisch-trügerische musique concrète. (ijb)



Siehe auch:
The New Songs
Muringa
Trondheim Jazz Orchestra
Vertex



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