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Alle Rezensionen zu Anders Hillborg
(Genre »Klassik«, Land »Schweden«)

 

Anders Hillborg: Eleven Gates · Dreaming River · King Tide · Exquisite Corpse
(SACD, 2011, BIS 1406)

Wie führt man am besten in die Musik eines zeitgenössischen Komponisten ein, dessen Werk der Leser vermutlich nicht kennt? Die Vergleiche mit anderen mehr oder weniger großen und einflussreichen Kollegen der Musikgeschichte sind fast immer irreführend, weil dadurch falsche Erwartungen geweckt werden. Beim 1954 geborenen Schweden Anders Hillborg könnte man Elemente von John Adams, Strawinsky oder Ligeti heraushören (oder hineinhören, je nachdem), doch seine Werke sind spürbar extravaganter. Man könnte ebenso auf die Lehrer und Vorbilder seiner Stockholmer Studienzeit verweisen; Hillborg erhielt Unterricht und Impulse durch Mellnäs oder Ferneyhough. Jedoch legte er lange seinen Schwerpunkt auf elektronische und Popmusik, bevor er sich mit Nachdruck der großen Form zuwandte und seitdem für vielfältige Orchester- und Chorformen schreibt.

Für diese CD nahmen sich drei weltweit renommierte Dirigenten vier seiner Orchesterstücke an, die allesamt ums Jahr 2000 herum entstanden und jeweils zwischen 13 und 20 Minuten lang sind. Das eröffnende »King Tide« ist vielleicht das polarisierendste Werk der Zusammenstellung, weil die rigorose Einfachheit manch einem platt oder banal erscheinen wird. Es ist aber das stärkste und das unmittelbar emotionalste, da Hillborg hier durch besondere Fokussiertheit und Stringenz in den Bann zu ziehen vermag. Trotz dieser Schlichtheit und organisch flimmernden Nervosität erreicht das von Sakari Oramo durchdringend geführte Stück eine exzellente Dynamik. Die folgenden Werke sind dagegen collagenhafter, kaleidoskopischer, bedienen sich mehr großen Gesten und Effekten, und rhythmisch treiben verschiedene Schlaginstrumenten die Dramatik voran.

Je länger die CD läuft, desto mehr verlangen die Stücke vom Hörer Aufmerksamkeit und Konzentration. Die abschließenden elf Sätze der »Eleven Gates« (Esa-Pekka Salonen gewidmet, sehr hörbar) entfalten sich wie kleine surreale Fragmente einer nicht zustande kommen wollenden Sinfonie, mal humorvoll bis grotesk, dann wieder feingliedrig, gar ätherisch. Ihre launig-spielerischen Titel (z.B. »Confused Dialogues with Woodpecker«) erinnern ein wenig an Dalí. Zusammenfassend ließe sich Hillborgs Werk etwa als ebenso enigmatisch wie optimistisch umschreiben. Wer mit »Neuer Musik« eher nicht so recht warm wird, braucht hier keine Berührungsängste zu haben. (ijb)



Siehe auch:
Esa-Pekka Salonen
Arne Mellnäs
EMO Ensemble

Anders Hillborg: Anders Hillborg: Eleven Gates · Dreaming River · King Tide · Exquisite Corpse

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.hillborg.com

 

Anders Hillborg: Sirens
(SACD, 2015, BIS 2114)

Fast mit der gleichen Besetzung wie beim hervorragenden Album »Eleven Gates« entstand einige Jahre später nun diese nicht weniger formidable CD mit vier Orchesterwerken Anders Hillborgs. Nur statt Alan Gilbert wirkte diesmal David Zinman mit. Fokussierte sich das frühere Programm jedoch auf reine Orchesterstücke, so gibt es auf »SIRENS« neben dem kurzen, verhaltenen Lied »O dessa ögon« (»Oh, diese Augen«) für Sopran und Streicher (nach einem Text des bekannten schwedischen Dichters Gunnar Ekelöf) vor allem die titelgebende, über dreißig Minuten lange Komposition für zwei Soprane, gemischten Chor und Orchester, dem Textpassagen um die verführerischen Sirenen aus Homers »Odyssee« als Grundlage dienen.

Die CD »SIRENS«, die im Februar 2016 mit dem schwedischen Musikpreis »Grammis« als »Klassikalbum des [vergangenen] Jahres« ausgezeichnet wurde, beginnt mit der jüngsten Arbeit, »Beast Sampler«, einem zehnminütigen Opus für das »Klang-Tier«, wie der Komponist das Orchester gern bezeichnet. Hillborgs arrivierte Kunst als zeitgenössischer Orchesterkomponist kommt hier sogleich kraftvoll zum Ausdruck. Wer das einnehmende Schaffen des finnischen Kollegen Magnus Lindberg schätzt, wird auch bei Hillborg auf seine Kosten kommen, wenngleich es beim Schweden collagehafter, in geradezu postmoderner Weise stilistisch schrankenloser zur Sache geht.

In »Sirens«, Hillborgs bislang umfangreichstem Opus, kommt das emotionale Geschichtenerzählen zu eindringlicher Blüte wie bislang wohl nicht in seinem Schaffen. Die Homer-Texte sind nur Ausgangspunkt des Chorwerks mit zwei solistischen Sopranstimmen, man muss der Handlung nicht literarisch folgen, um eingenommen zu werden – im Gegenteil: Es geht ganz um die Musik, durch die ein komplexer Gefühls-Trip provoziert wird. Vielleicht nicht das einfachste Werk, aber sehr lohnend, zumal mit dem Eric Ericson Kammerchor und dem Schwedischen Rundfunkchor zwei der besten Chöre Schwedens mitwirken, die farbenreiche, latent surreale Welt zum Leben zu erwecken. (ijb)



Siehe auch:
Eric Ericson Kammerkor
Magnus Lindberg
Ida Falk Winland & Danderyds Vokalensemble

Anders Hillborg: Anders Hillborg: Sirens

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.hillborg.com



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