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Alle Rezensionen zu Susanna Mälkki & EIC
(Genre »Klassik«, Land »Grenzgänger«)

 

Pierre Jodlowski: Drones · Barbarismes · Dialog/No Dialog
(2011, Kairos/Harmonia Mundi 0013032KAI)

Nach Erfolgen als Cellistin wechselte die in 1969 Helsinki geborene Susanna Mälkki zum Dirigieren, was sie unter anderem bei Leif Segerstam studierte. 2006 bis 2013 leitete sie das Ensemble intercontemporain, mit dem sie diese Porträt-CD des nahezu gleichaltrigen Franzosen Pierre Jodlowski einspielte, dessen Werke gerne an der Grenze von akustischem und elektronischem Klang nicht an dramatischen und farbenreichen Effekten sparen.

Mit »Drones« für 15 Instrumentalisten betritt man als Hörer einen sprunghaften, streckenweise nervösen Raum, dessen munterer Strawinsky-Einfallsreichtum zwischen Stille und Explosionen vermutlich ebenso aus dem Free Jazz inspiriert wurde. Als ob eine Big Band Neue Musik spielt.

Noch wilder, mit noch mehr Energie fliegt uns dann »Barbarismes« um die Ohren, strukturiert wie eine Sinfonie in drei Sätzen bzw. Teilen. Einen »Film fürs Ohr« nennt es Martin Kaltenecker in seinem schönen, anregenden Essay im Booklet. Und bildintensiv sind die provozierten Assoziationen zu Krieg in der Tat, vor allem aufgrund der perkussiven Natur der Komposition für Ensemble und Elektronik. Stetig zwischen Geräusch und Melodiefragmenten hin und her springend, überträgt Jodlowski die Ideen von Varèse in die Zukunft. Der dritte Teil beginnt friedlich mit Wind- und Wassergeräuschen, mit Glocken und fernen Tönen, unklar, ob zugespielt oder live erzeugt, doch schnell kehrt das Drama zurück.

Wie der Titel verkündet ist dann »Dialog / No Dialog«, ein Duett (oder Duell) zwischen Flöte und Elektronik. Eine spannende Geschichte, die der Komponist hier erzählt: immer wieder versucht die Flöte, die dominierenden Field Recordings (»écoute« sagt eine Frauenstimme zu Beginn) und elektronischen Sounds zu bezwingen. Nach dieser hervorragenden Einführung in Jodlowskis Kosmos will man mehr von ihm hören. (ijb)



Siehe auch:
Leif Segerstam

Susanna Mälkki: Pierre Jodlowski: Drones · Barbarismes · Dialog/No Dialog

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.harrisonparrott.com/artist/susanna-malkki

 

Bruno Mantovani: Le Sette Chiese · Streets · Eclair de Lune
(2008, Kairos/Harmonia Mundi 0012722KAI)

Viele Preise und Aufträge erhielt der Franzose Bruno Mantovani bereits, auf CDs wurde sein Schaffen jedoch bislang wenig präsentiert. So muss diese exzellente Einspielung als willkommenes und äußerst empfehlenswertes Komponistenporträt hervorgehoben werden. Drei ihnen auf den Leib geschriebene, hochspannende Auftragswerke des 1974 Geborenen interpretieren Susanna Mälkki und »ihr« Ensemble intercontemporain, wovon das 2002 entstandene, 40-minütige Ensemblewerk »Le Sette Chiese« gut die Hälfte ausmacht.

Musik über Architektur - welche Möglichkeiten und Beschränkungen dies bietet, lotet Mantovani in neun Sätzen bzw. Bildern aus. Wie bei Usuk Chin oder Luciano Berio ist der Raumklang dieser Musik naturgemäß sehr wichtig, weshalb ehrlich wenig zu bedauern ist, dass Kairos das Werk nicht als Surround-Aufnahme in SACD-Qualität bietet. Der Komplex der »Sieben Kirchen« in Bologna wuchs über Jahrhunderte zu einem komplexen Monument, und so vielseitig wie diese Räume, so raffiniert ist auch dieser sehr modern(istisch)e musikalische Bau aus feinen Melodien und Strukturen. Sechs Monate schrieb Mantovani an »Le Sette Chiese«, und hochinteressant sind seine Erläuterungen zu den Orten und Räumen in einem der beiden anregenden Essays im Booklet. Man möchte direkt nach Bologna fahren und die Erfahrungen der Kontraste, zwischen Alltag und Einkehr, Licht und Schatten, Innen und Außen, karg und ornamental selbst nacherleben. Oder man hört einfach seine Musik an.

Auch wenn die Studie »Streets« nicht dieselbe Eindringlichkeit und Komplexität entfaltet, reizvoll ist das viertelstündige Stück für ein etwas kleineres Ensemble nicht viel weniger. Inspiriert von einem Spaziergang durch New York, von den Massenbewegungen in der Metropole, reflektiert Mantovanis 2007 geschriebene Komposition das Verhältnis von Individuum und chaotischer Masse. Keine allzu innovative Idee, doch auch hier gibt es wieder viele Details und Schichten zu entdecken, eine Komplexität an Bewegungen und Charakteren in hoher Geschäftigkeit.

Das gut zwanzig Minuten lange »Eclair de Lune« beginnt als Klaviersonate, die zum Orchesterwerk auswächst, schwer und undurchdringlich. Für den tollen elektroakustischen Part sorgte Sébastien Roux. Verfremdete Blechtrommeln vom Band werden via Granularsynthese zu einem Klangfluss. Eine vortreffliche Referenzeinspielung eines der interessantesten Ensembles und Komponisten in der zeitgenössischem Musik des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts. (ijb)



Siehe auch:
Sébastien Roux & Kim Myhr

Susanna Mälkki: Bruno Mantovani: Le Sette Chiese · Streets · Eclair de Lune

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.harrisonparrott.com/artist/susanna-malkki

 

Michael Jarrell: Cassandre
(2009, Kairos/Harmonia Mundi 0012912KAI)

Michael Jarrells »CASSANDRE« nutzt die von Christa Wolf in feministische Perspektive umgeschriebene Geschichte der der trojanischen Priesterin Kassandra und wurde 1994 vom Ensemble intercontemporain (EIC) uraufgeführt. Die erst anderthalb Jahrzehnte später unter der Leitung von Susanna Mälkki erarbeitete Aufnahme der »gesprochenen Oper für Ensemble und Schauspielerin« gehört in die Kategorie »Neue Musik, die vom Publikum Mitarbeit verlangt«. Der expressive, aber an sich wenig musikalische Text ist auch nach Aussage des Komponisten das beherrschende und entscheidende Element seines knapp einstündigen Werks für immerhin 18 Instrumentalisten. Astrid Bas' Darbietung, obgleich streckenweise etwas monoton wirkend, ist bestrebt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten einige schauspielerische Kniffe auszupacken, wenn sie als Kassandra die hochdramatische Tragödie sehr subjektiv aus ihrem Blickwinkel erinnert. Die Bilder der Vergangenheit beherrschen ihre Gegenwart.

Allein, das lange verdiente Wiener Label Kairos veröffentlicht die Einspielung der wie gesagt rein gesprochenen »Lesung mit Hintergrundmusik« in der französischen Übersetzung, was bedauerlich ist, reduziert dies doch das Publikum der ohnehin sehr sperrigen Aufnahme auf jene der französischen Sprache Mächtigen. Da die an sich facettenreich gespielte Musik zur Nebenrolle degradiert und entsprechend in den Hintergrund gemischt wurde, bleibt uns das Vergnügen oder wenigstens die Zufriedenheit eines musikalischen Erlebnisses über weite Strecken vorenthalten. Das Ensemble bleibt meist ein dunkles Dräuen, eine resonante Unruhe im Untergrund des Monodramas, und dazu hätte es vielleicht nicht 18 Musiker gebraucht. Andererseits: Auf einer Bühne dürfte diese »CASSANDRE« womöglich weitaus höheren Eindruck hinterlassen und entsprechend tiefer wirken. (ijb)

Susanna Mälkki: Michael Jarrell: Cassandre

Audio-Link Offizielle Website

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Anthony Cheung: Dystemporal
(2016, Wergo WER 73432 DDD)

Nach sieben Jahren als Leiterin des 1976 von Pierre Boulez gegründeten Ensemble intercontemporain verließ die finnische Dirigentin Susanna Mälkki 2013 die Pariser Neue-Musik-Szene weiter in Richtung Südwesten, als sie die Stelle als Erste Gastdirigentin des Gulbenkian-Orchesters in Lissabon antrat. (Doch blieb sie dort nicht allzu lange, denn schon 2016 zog es sie zurück in ihre Heimat, da sie zur Chefdirigentin der Philharmoniker in ihrer Geburtsstadt Helsinki ernannt wurde, wo sie einst an der Sibelius-Akademie studierte.) Kurz vor ihrem Weggang entstand jedoch 2012 noch diese Aufnahme, die nun, mit einiger Verspätung beim deutschen Label Wergo erschien.

Die Spezialistin für Neue Musik brachte ihren Jahren in Paris zahlreiche Auftragswerke zur Uraufführung und wirkte an Musiktheaterproduktionen mit Werken von u.a. Kaija Saariaho mit. So ist auch das titelgebende »Dystemporal« (für 23 Instrumentalisten) eine vom EiC und IRCAM in Auftrag gegebene Komposition, deren Uraufführung aus dem Oktober 2012 hier vertreten ist. Anthony Cheung wurde 1982 in San Francisco geboren und sein Schaffen bereits von etlichen renommierten Ensembles für zeitgenössische Musik und Orchestern gespielt; von 2015 bis 2017 ist er Stipendiat beim Cleveland Orchestra. Interessanter Weise hat sein Kompositionsstil weit mehr mit der sperrigen Neuen Musik Mitteleuropas gemein als mit der in Nordamerika präsenten, weitaus zugänglichen Gegenwartsstilistik; eine Doktorarbeit schrieb es denn auch über György Ligetis »Hamburgisches Konzert«.

Der Großteil der Ersteinspielungen dieser Veröffentlichung wurden vom New Yorker Talea Ensemble unter James Baker eingespielt, und das stilistisch wie geografisch wenig einzugrenzende Schaffens Cheungs stellt zudem Bezüge zu Tōru Takemitsu, zu Debussy und Ravel, aber auch zu Thelonious Monk her. Tort (oder womöglich wegen) all dieser Referenzen fällt es den Ensemblestücken nicht immer leicht, eine klar erkennbare Linie zu finden. Cheungs eigenwilliger Stil schwankt zwischen freien poetischen und naturalistischen Ansätzen einerseits und rhythmischen, »groove-orientierteren« Stücken wie dem Solo-Klavierstück »Running the (Full) Gamut«, das in der Tat punktuell an Jazz erinnert und dem viertelstündigen, mit elektronischen Aufnahmen des Komponisten versetzten Ensemblestück »SynchroniCities«, mit dem das Programm eröffnet wird.

Es ist eine ambitioniert komplexe Musik, die Cheung hier vorlegt, und wer sich nicht in seinen Kosmos einarbeitet, wird eher ratlos vor der herumwirbelnden Klangkunst stehen. Nimmt man sich Zeit und schafft es, sich in dieser assoziationsreichen Welt zwischen Kulturen und Genres angenehm zu verlieren, dann findet man anregende Collagen jenseits üblicher Muster in der Neuen Musik. Sehr hilfreich sind dabei die ausführlichen Erläuterungen im Beiheft. (ijb)



Siehe auch:
Kaija Saariaho

Susanna Mälkki: Anthony Cheung: Dystemporal

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.harrisonparrott.com/artist/susanna-malkki



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