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Alle Rezensionen zu Kim Myhr
(Genre »Avantgarde«, Land »Norwegen«)

 

All Your Limbs Singing
(2014, Sofa 542)

Kim Myhr gehört zur kreativen Szene Norwegens im Spannungsfeld zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und experimentellen Klängen. Er hat mit Sidsel Endresen, Christian Wallumrød und anderen gearbeitet und für das Trondheim Jazz Orchestra geschrieben. Nach vielen größeren und kleineren Projekten ist dies seine erste Solo-CD, wobei dieser Begriff im wörtlichen Sinne zu verstehen ist. Außer Kim Myhrs 12-saitiger Gitarre hört man nichts weiter – aber das genügt völlig.

Faszinierend, wie er schon den Opener aufbaut: zunächst schrammelt er ein und denselben Akkord minutenlang, bis sich hinter dieser Wand Obertöne, Melodien, geheime Botschaften entdecken lassen! Fast zwölf Minuten kreist dieses »Weaving Into Choir« um sich, wirkt hypnotisch und paralysierend. In »Descent« beschreitet er gänzlich andere Pfade, scheint sich eher um Intervalle und Linien zu kümmern. »Blinky« wiederum lässt einen harfenähnlich klingende Akkord mit viel Hall repetitiv stehen – er verändert sich mikroskopisch – oder doch nicht? Vorsichtige Klangkaskaden tröpfeln in »Leaping Into Periphery«, sie lösen sich in suchendes, versuchendes Ausloten der unüblichen Möglichkeiten der Gitarre. »Sleep Nothing, Eat Nothing« klingt fast wie die Pat Metheny Group auf einer Gitarre – bis man merkt, nein, bis man sich fragt: passiert hier etwas – oder höre ich das nur in meiner Phantasie?

Erstmals und oberflächlich gehört kann man diese Musik durchaus langweilig finden – doch halt! Das wird dem Norweger keinesfalls gerecht. Kim Myhr hat einen sehr eigenen Ansatz, erinnert an Ligeti und Feldman wie auch Reich und Einaudi oder das Penguin Café Orchestra. Aus einfachen Strukturen erwächst Größe, aus kleinen Veränderungen große Wirkung, aus Reduktion erwächst Faszination. (tjk)



Siehe auch:
Kim Myhr & Trondheim Jazz Orchestra
Mural
The New Songs
Silencers

Kim Myhr: All Your Limbs Singing

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.kimmyhr.com

   

pressing clouds passing crowds
(2018, Hubro/Grappa HUBROCD2612)

Wenn Kim Myhrs Musik mit der von Steve Reich und konkret mit etwa »Different Trains« oder »Electric Counterpoint« verglichen wird, dann war das wohl nie so zutreffend wie nun mit »pressing clouds passing crowds«. Schon der Vorgänger »YOU | ME« legte diesen Vergleich sehr nahe, in der Konzertfassung mit weiteren Gitarristen noch mehr als auf der CD; doch die Auftragsarbeit fürs FIMAV in Victoriaville, Quebec (Kanada) geht weiter als Myhrs bisheriges Werk in die zeitgenössische komponierte (Avantgarde-)Musik - und noch weiter weg vom (Nordic) Jazz.

Nach instrumentalen Alben ist das in sechs teils epischen Kapiteln für Texte der französisch-norwegischen, in London lebenden (Gesangs-)Künstlerin/Lyrikerin Caroline Bergvall komponiert. Neben Myhrs 12-saitiger Gitarre erklingt das kanadische Quatuor Bozzini, Ingar Zach streut prägnant feine Perkussion ein, und über allem schwebt, wie in Trance, Bergvalls Stimme. Wie bei solchen Projekten üblich, ist die Frage, ob die Monotonie auch den Zuhörer in eine Trance, in einen hypnotischen Zustand führt - oder doch eher als ermüdende Gleichförmigkeit empfunden wird. Die Antwort darauf ist wohl tagesformabhängig. Eindringlicher wird es freilich immer dann, wenn die Stimme in den Hintergrund tritt und sich die mal meditative, mal irreal flirrende Musik entfaltet. Dann zeigt sich Myhr als zunehmend souveräner Komponist. (ijb)

   

You | Me
(2017, Hubro/Grappa HUBROCD/LP2593)

Mit »YOU | ME« macht Kim Myhr nicht direkt im Stil seines sanft-poetischen Hubro-Soloalbums »BLOOM« weiter, sondern knüpft vielmehr an den Minimal-Music-Gestus Solodabüt »ALL YOUR LIMBS SINGING« an, der bereits das Album im Quartett Circadia (bei Sofa Music) prägte. Schlagzeuger Tony Buck ist von Circadia mitgekommen, ergänzt um zwei weitere unorthodoxe Perkussionisten, Ingar Zach (Mural) und Hans Hulbækmo (Moskus) – was dazu führt, dass »YOU | ME« letztlich die Bandversion von Myhrs Soloexkursionen in die vielfarbige Klangwelt der (teils elektronisch verfremdeten) zwölfsaitigen Gitarre darstellt.

Über zwei epische, jeweils rund zwanzig Minuten lange Stücke (sie heißen überraschender Weise nicht »You« und »Me«, sondern wie die LP-Seiten schlicht »A« und »B«) entstehen mal groovende, mal dahinschwebende Trips – an denen allerdings bemerkenswert ist, dass die Aufnahmen über einen vier- bis fünf-monatigen Zeitraum (Januar bis Mai 2017) in Oslo stattfanden, Tony Bucks Beiträge im Mai in Berlin und die von Ingar Zach in Madrid aufgenommen wurden, und die Musik doch vollkommen aus einem Guss klingt, als wäre sie in einem Fluss am Stück gespielt worden, wie die Liveaufnahmen von Circadia. Eine Musik in Wellen und zugleich klanglicher Detailverliebheit wie eine zarte Hommage an Steve Reichs »Music for 18 Musicians«. (ijb)



Siehe auch:
Steve Reich
Tony Buck / Circadia
Ingar Zach
Hans Hulbækmo / Moskus

   

Bloom
(2016, Hubro/Grappa HUBROCD/LP2578)

Nachdem Kim Myhrs Solodebüt 2014 beim befreundeten Label Sofa Music erschien, das die Veröffentlichungsaktivität zuletzt etwas zurückgefahren hat, fügt sich der Nachfolger nun in die jüngst ungebrochen exzellente Serie von Hubro-Soloalben einiger der spannendsten norwegischen Musiker im Alter von 30 bis 40 zwischen Jazz und Avantgarde ein. Gitarrensoloalben gab es dort in letzter Zeit einige – von Ivar Grydeland über Stein Urheim bis zu Geir Sundstøl lassen sich bei Hubro geradezu ohne Ende eigenwillige persönliche Klangwelten und kleine musikalische Edelsteine entdecken.

Anders als auf dem Vorgänger nutzt Myhr hier elektronische Elemente, um akustische und elektrische Gitarren und Zither klanglich zu erweitern. Die aus der Minimal Music gespeiste Sperrigkeit ist somit einem verträumten, hin und wieder an warmen Country und Americana erinnernden Klangkosmos gewichen. Auch wenn der Musiker die Stücke wohl in langer Feinarbeit ausgearbeitet hat, wirken sie wie von leichter Hand geformt. Es ließe sich wunderbar zu diesen lange dahinschwelgenden Instrumentals durch die Landschaften des Mittleren Westens fahren. Was jedoch die Designer dazu veranlasst hat, mit dem arg unpassenden Covermotiv einen wenig einladenden Kontrapunkt zu setzen, bleibt fraglich, schade um die feinsinnige Poesie der Musik. (ijb)



Siehe auch:
Circadia
Ivar Grydeland
Stein Urheim
Geir Sundstøl

Audio-Link



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