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Alle Rezensionen zu Jaan Rääts
(Genre »Klassik«, Land »Grenzgänger«)

 

Éric Aubier, Roustem Saïtkoulov, Nicolas Chalvin & Orchestre des Pays de Savoie: Orient - Occident — Arvo Pärt, Jaan Rääts, Dmitri Schostakowitsch
(2015, Indésens/Klassik Center Kassel Inde070)

Aus Frankreich kommt dieses reizvolle einstündige Programm mit Werken aus dem Grenzbereich von Russland und Estland. Die fünf Kompositionen entstanden zwischen 1933 und 2000 und kreisen schwerpunktmäßig um drei Konzerte für Orchester, Trompete und Klavier. Glanzlicht und eine echte Entdeckung ist gleich das eröffnende Werk des Esten Jaan Rääts, vielschichtig und quicklebendig in einem viertelstündigen Satz, 1993 entstanden. Rääts und die Interpreten schlagen damit inspiriert einen großen Bogen zu Dmitri Schostakowitschs exakt 60 Jahre zuvor geschriebenem Konzert op.35, keines der ganz bekannten Werke des Russen, aber doch immer wieder ein schönes Wiederhören; gerade auch weil beide von einer effektvollen und packenden kompositorischen Energie und unkonventionellen Fantasie befeuert sind.

Der neben Rääts zweite bedeutende, nahezu gleich alte estnische Komponist dieses Programms ist, wohl wenig überraschend, Arvo Pärt. Er ist mit gleich drei Stücken vertreten. Genau in der Mitte der CD liegt sein äußerst bekannter Klassiker »Cantus in memoriam Benjamin Britten« (1976), das, so kritisch darf man sein, man sich hier letztlich hätte sparen können. Oder noch besser: durch eine interessantere Wahl ersetzen. Das Gesamtprogramm wirkt ohnehin etwas unausgewogen, trotz der kuratorischen Ambition, etwa da als Nachklapp an die 21 jugendlich ungestümen Schostakowitsch-Minuten Arvo Pärts orientalisch anmutendes »Orient & Occident« (2000) angehängt wird.

Zu den nicht ganz so bekannten Werken Pärts wiederum zählt das nicht ganz acht Minuten kurze »Concerto piccolo über B-A-C-H« für Trompete, Cembalo, Klavier und Streichorchester, das 1994 das einst umstrittene Frühwerk »Collage sur B-A-C-H« aus den Sechzigerjahren fortschreibt. Hier wie dort mixte Pärt in postmoderner Weise Stilelemente von Bach und aus dem Barock mit der Atonalität des 20. Jahrhunderts. Prinzipiell eine kluge Wahl des französischen Kammerorchesters, diesen seltener gespielten Viersätzer einmal mit Rääts und dem frühen Klassiker Schostakowitschs zu verkuppeln. Dennoch wäre es eigentlich konsequent und womöglich noch spannender gewesen, eben »Collage sur B-A-C-H« statt »Cantus« und »Orient & Occident« mit ins Programm zu nehmen.

Fazit: Ein schöner Brückenschlag, wenn auch einschränkend angemerkt werden darf, dass von allen Werken außer dem von Jaan Rääts schon genügend mindestens ebenbürtige Einspielungen existieren. (ijb)



Siehe auch:
Martin Kuuskmann
Morten Carlsen, Marianne Beate Kielland und Sergej Osadchuk

Jaan Rääts: Éric Aubier, Roustem Saïtkoulov, Nicolas Chalvin & Orchestre des Pays de Savoie: Orient - Occident — Arvo Pärt, Jaan Rääts, Dmitri Schostakowitsch

 

Jaan Rääts: Marginalia
(2014, Estonian Record Productions ERP 5814)

»Marginalien« ist schon mal ein sprechender Titel für ein Werk... Der estnische Komponist Jaan Rääts schrieb 1979 gleich 24 davon. Andere hätten solche Kurzstücke – nur zwei von ihnen sind länger als zwei Minuten, einige gerade mal 30 bis 40 Sekunden kurz – »Etüden« oder »Préludes« genannt. Bedenkt man, dass Rääts zur Generation mit Arvo Pärt und Veljo Tormis gehört und national zur gleichen Zeit Anfang der 1960er Jahre bekannt wurde, erkennt man einerseits die Parallelen in der neoklassizistischen Kompositionsweise, ist andererseits aber auch ein wenig verwundert über die für Estland bzw. die damalige Sowjetunion reichlich untypische Stilistik, die sich etwa von Philip Glass beeinflusst gibt.

Anderseits ist Rääts Musik weitaus unromantischer, gar emotionsärmer als die der oben genannten Kollegen. Fast wirken die Ende der 1970 entstandenen »Marginalien«, als wolle er abstrakte Studien von Instrument und Klang betreiben, die mit dem Leben in der (damaligen) Gegenwart nicht viel zu tun haben. So gesehen sind diese Stücke etwas eher gealtert als jene, die Pärt zur selben Zeit verfasst hat, bevor er Anfang der 1980er das Land gen Westen verließ. Kalle Randalu, einer der renommiertesten Pianisten Estlands und seit Jahrzehnten ein aktiver Teilnehmer der Kulturszene des Landes, ist wohl die beste Wahl, die man für einen Interpreten dieses Zyklus' finden kann, und so dürfte diese CD die Einspielung der »Marginalia« sein; er lotarbeitetet die kaldeidoskopischen Qualitäten der allzu fragmenthaften Stückchen wunderbar heraus.

Die 1980 aufgenommene elektronische Version der »Marginalia«, hier vom Komponisten gemeinsam mit Randalu und dem in der elektronischen Musik Estlands wegweisenden Keyboarder und Komponisten Sven Grünberg dargeboten, ist von etwas faszinierender Qualität, was ein ambivalentes Urteil ist. Kompositorisch werden die Kurzstücke mit Synthesizern (diese Aufnahme war 1981 wohl Estlands allererste Schallplattenveröffentlichung elektronischer Musik) zwar ein wenig reicher, da skurriler und aparter, aber auch eher als Reise in eine längst vergangene (musikalische) Zeit von Interesse denn als fesselnd komponiertes Werk. (ijb)

Jaan Rääts: Jaan Rääts: Marginalia



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