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Alle Rezensionen zu Thurídur Jonsdóttir
(Genre »Klassik«, Land »Island«)

 

Iceland Symphony Orchestra: Recurrence (ISO Project Vol. 1)
(2 CDs, 2017, Sono Luminus/Naxos DSL-92213 CD+BluRay)

Das kleine US-Label Sono Luminus hat bereits mit einer Reihe hervorragender Veröffentlichungen seine große Affinität zur Neuen Musik Islands bewiesen, nicht zuletzt mit den exzellenten CDs der Gruppen Nordic Affect und International Contemporary Ensemble (ICE). Beide Ensembles spielten auf diesen Alben u.a. Werke von Anna Thorvaldsdóttir; und mit einer Ausnahme finden sich alle der hier vertretenen Komponist(inn)en auf den beiden CDs von Nordic Affect. Mit »RECURRENCE« indes legt das ISO fünf große Orchesterstücke vor, die zwar nicht alle in gleichem Maße zu faszinieren vermögen, doch als Querschnitt und Einblick in die aktuelle Musikszene derzeit aktiver Komponistinnen ist die Veröffentlichung mit wenigen Nebenbemerkungen sehr zu empfehlen.

Die erste Einschränkung zeigt bereits der Blick auf die Werkliste: Thorvaldsdóttirs renommiertes Stück »Dreaming« aus dem Jahr 2008, das ihr entscheidend zum Musikpreis des Nordischen Rates (Nordic Council Music Prize) verhalf, spielte das gleiche Orchester bereits auf ihrer überragenden Porträt-CD »RHÍZŌMA«; hier ist es eineinhalb Minuten kürzer, was die Frage aufwirft, ob es die Urheberin nun korrigiert oder anderweitig verändert hat oder ob das Ensemble und Daníel Bjarnason (in beiden Fällen Dirigent) es selbst maßgeblich variierte. Leider findet sich in dem Beiheft, das kaum substanzielle Informationen zu den Stücken enthält, dazu keine Auskunft. Dessen ungeachtet ist ihr großes, in reichen Farben- und Flächenspielen schillerndes Werk, das die CD beschließt, neben dem eröffnenden »Flow and Fusion« zweifellos der Glanzpunkt dieses Programms.

Mit Thurídur Jónsdóttir, der ältesten im Bunde der fünf Komponisten, gerade 50 geworden, beginnt die CD (bzw. BluRay). »Flow and Fusion« ist mit 11 Minuten zwar das kürzeste Werk – doch womöglich zugleich das kompakteste und das maßgebliche, warum sich der Erwerb von »RECURRENCE« sehr empfiehlt. Wie sie beispielsweise in dem unbehaglichen Stück »INNI« für Barockvioline und Samples (siehe Nordic Affect, »RAINDAMAGE«) eindringlich aufgezeigt hat, ist Jónsdóttir das Verhältnis von akustischen und elektronischen Klängen ein Anliegen. Dies spielt sie auch hier raffiniert aus, in einer so spannenden wie dichten Kurzerzählung. Die kluge Doppelbödigkeit ihrer schillernden Kompositionsweise kommt freilich erst so recht in der Surround-Version auf der BluRay-Disc zum Ausdruck.

Obwohl Hlynur Aðils Vilmarsson bereits als Mitglied isländischer Rockbands und im Komponistenkollektiv s.l.a.t.u.r. für Experimente bekannt ist, bleibt seine Komposition »bd« hinter dem Einfallsreichtum der kleineren Werke aus Nordic Affects »RAINDAMAGE« zurück, auch wenn (oder womöglich weil) er hier eine ganze Menge an Techniken und instrumentalen Kombinationen auffährt; es scheint ihn mehr das Spielen mit den Mitteln des Orchesters zu interessieren als eine klare formale Linie. Unterhaltsam und wendungsreich ist »bd« gleichwohl.

Die 1980 geborene Maria Huld Markan Sigfúsdóttir (bekannt als Musikerin in der Band Amiina) ist die jüngste Komponistin der fünf. Ihr »Aequora«, nach dem lateinischen Wort für die ruhige Oberfläche des Meeres, erinnert tatsächlich an ein vorwiegend unaufgeregtes, aber zugleich Ehrfurcht gebietendes Meer, und so fällt dem Stück im Rahmen dieses Programms dann auch die Aufgabe zu, in der Mitte für einen Ruhepol zu sorgen. Naturbilder scheinen es ihr angetan zu haben, wie die verschiedenen Phasen des 12-minütigen Werks mehrfach anklingen lassen; Licht-, Wasser- und Windassoziationen liegen hier auf der Hand. Hier sind Details wichtig, wie beim Blick aufs große, weite Meer. Und nicht zu vergessen: Wir befinden uns in Island, also auf einer vulkanisch aktiven Insel mitten im Atlantik.

Knallig, rasant und bunt liebt es hingegen Dirigent Daníel Bjarnason mit seinem eigenen, dreisätzigen Opus »Emergence«. Ihm schwebt hier offenbar eine überlebensgroße Erzählung vor, zwischen dem raunenden Dunkel und dem expressiven Spektakel hat er das Orchester fest in der Hand. Dass seine Aufsehen erregende Orchesterkomposition sich nicht so markant in der Erinnerung festsetzt, hat vor allem damit zu tun, dass die drei Werke der Komponistinnen souveräner, eindringlicher und prägnanter sind. Zugleich zeichnet seine Kunst aus, dass er diese fünf Individualist(inn)en zu einem runden Gesamtauftritt zusammenführen kann. (ijb)



Siehe auch:
Nordic Affect: Clockworking

Thurídur Jonsdóttir: Iceland Symphony Orchestra: Recurrence (ISO Project Vol. 1)



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