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Alle Rezensionen zu Paavo Järvi & Eesti Riiklik Sümfooniaorkester (ERSO)
(Genre »Klassik«, Land »Grenzgänger«)

 

Schostakowitsch: Kantaten
(2015, Erato/Warner 0825646166664)

Zwar ist derzeit Neeme Järvi, der bald seinen 80. Geburtstag feiern wird, (wieder) künstlerischer Leiter des Staatlichen Sinfonieorchesters Estlands (ERSO), doch hier darf der älteste Sohn, auf internationaler Ebene mittlerweile der Bekannteste und Aktivste der Dirigentenfamilie, ans Pult; Paavo Järvi und Estlands führendes Orchester treten mit dem Nationalchor und dem Narva-Knabenchor auf. Dass auf dem Programm im ehemaligen Sowjetstaat scheinbar stalinistische Propaganda steht, kommentiert Järvi einleitend: Zwar seien die Kantaten »Über unserem Vaterland scheint die Sonne« (1952) und »Das Lied von den Wäldern« (1949) offenkundig zur Besänftigung Stalins und der sowjetischen Obrigkeiten geschrieben worden, während der Komponist unter scharfen Repressalien zu leiden hatte. Dennoch verweist er darauf, wie ihn der Witz und die versteckten Anspielungen erstaunen und amüsieren. In der Tat offenbaren die absurden Proportionen der großen musikalischen Gesten die Banalität der Texte in diesen beiden Werken: vielmehr eine Persiflage also.

»Die Hinrichtung des Stepan Rasin« entstand später, 1964, als Stalin nicht mehr unter den Lebenden weilte, und zählt in seiner kritischen Haltung zum Sowjetregime zu den eher bekannteren Chorwerken Schostakowitschs, auch wenn es stets im Schatten seines »großen Bruders«, der Sinfonie »Babi Jar« steht, welche ebenfalls zu Texten von Jewgeni Jewtuschenko entstand. Irgendwie blieb das 30-minütige, einsätzige Werk zwischen den Zeiten hängen und kommt viel seltener zur Aufführung als anderes aus dem Œuvre des Komponisten.

Überraschend zwar, dass Järvi das Programm mit dem spätesten, mächtigsten und virtuosestem Werk eröffnet und mit dem ältesten endet; doch die ganze 80 Minuten lange CD zeigt ihn als Meisterdirigenten der (erweiterten) nordischen Länder in ganzer Brillanz, und aufgrund seiner Familiengeschichte und künstlerischen Erfahrung muss er zu den derzeit besten kulturellen Vermittlern des diffizilen Verhältnisses zwischen Russland und Estland gezählt werden. Kantaten genießen wohl einen besonderen Stellenwert in Estland, doch bei Schostakowitsch tragen wohl zum einen die Grausigkeit des sehr russischen Gedichts über die Hinrichtung eines Rebells im Zarenreich des 17. Jahrhunderts und zum anderen die opportunistische Grundhaltung zum »Großen Gärtner« Stalin dazu bei, dass man den bombastischen bis grotesken Werken wenig Beachtung schenkt. Exilant Järvi schaffte Abhilfe – und musste nach dem Konzert einen Bodyguard engagieren. (ijb)



Siehe auch:
Paavo Järvi dirigiert Grieg
Erkki-Sven Tüür
Paavo Järvi & Arvo Pärt
Danish String Quartet spielt Schostakowitsch

Paavo Järvi: Schostakowitsch: Kantaten

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.paavojarvi.com



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