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Alle Rezensionen zu Åke Parmerud
(Genre »Avantgarde«, Land »Schweden«)

 

Nécropolis
(2016, empreintes DIGITALes IMED 16137)

Nach »GROWL«, Åke Parmeruds letztjähriger CD mit fünf Arbeiten aus den Jahren 2004 bis 2015 legt empreintes DIGITALes, das kanadische Label für elektroakustische Musik, Akusmatik und Musique Concrète, nach und präsentiert uns vier Werke aus den Jahren 2005, 2009 und 2011, die radikaler kaum sein könnten. Es geht an die Grenzen der Musik, an die Grenzen von Klang, ja, an die Grenzen des Hörbaren. Damit jedoch steht der Radikalkomponist natürlich nicht alleine da, und dies ist nicht direkt neu und ungehört, wenngleich das in diesem Genre schnell gesagt und gedacht ist.

Nach dem 25 Jahre jüngeren Erik Nyström macht sich Labelchef Jean-François Denis mit Parmerud um einen weiteren Experimentator aus Schwedens verdient, und was beide zweifelsfrei verbindet, ist ihre ureigene Herangehensweise. Dem überintellektuellen Ansatz Nyströms steht Åke Parmeruds intuitiv-emotionaler Weg gegenüber, was ihn mit dem Schaffen seines Landsmanns Benny Jonas »BJ« Nilsen verbindet, der ebenfalls aus Field Recordings hörspielähnliche akustische Bilder modelliert. Mit Angélica Castelló hingegen teilt Parmerud eine recht cineastische Art der Sound-Collagierung, eine der reichen Innenwelten aus eigentlich äußerlichen Klängen. So nahm er für diese vier Werke (wie bereits für die Arbeiten auf »GROWL«) jeweils einen konkreten akustischen Fokus. Im ersten Stück »Dreaming in Darkness« (2005) ist es die auditive Wahrnehmung eines Blinden, halb wach, halb im Traum. Spannend an dieser sehr spröden und arg minimalistischen Collage ist, dass sie in Zusammenarbeit mit der englisch-norwegischen Kollegin Natasha Barrett entstand.

Während »Crystal Counterpoint« (2009) eine Kindheitsgeschichte nach eigenen Erinnerungen, basierend auf Klängen von Glas erzählt und ebenfalls ein hingebungsvolles Hören erfordert, um die Ideen nachzuvollziehen, nimmt »ReVoiced« (2009) viel direkter und unmittelbarer für die vor Jahren an verschiedenen Orten der Welt gesammelten menschlichen Stimmen ein. Die Reise, eine Fortsetzung des früheren Werks »Grains of Voices«, führt uns über 14 Minuten aus dem Süden, von den Aborigines an Australiens Nordküste, über Russland und Neu Delhi bis in den hohen Norden Schwedens, zum Jojk in Lappland; nicht nur wegen der Poesie und Weltoffenheit der Höhepunkt der CD.

Mit »Necropolis — City of the Dead« (2011) schuf Pamerud einen faszinierenden, aber ähnlich distanzierten und schwer genießbaren Verwandten von Matthew Herberts »Recomposition« von Mahlers Zehnter (Deutsche Grammophon 2010). Wie der stets die Grenzen der Musik auslotende Klangkünstler aus England wagt sich auch Åke Parmerud hier an »die Überreste [...] der größten Musik aller Zeiten [...] in verschiedenen Zuständen der Dekomposition« bzw. – um im Bild zu bleiben – der Zersetzung, der Verwesung. Auch hier eine sehr persönliche Herangehensweise an experimentelle Sound Collage, gewagt und eingehendere Entdeckung wert. (ijb)



Siehe auch:
Natasha Barrett
Erik Nyström
Angélica Castelló
BJ Nilsen

Åke Parmerud: Nécropolis

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.parmerud.com

   

Grains
(2018, empreintes DIGITALes IMED 18150)

Puh, Åke Parmeruds vierte CD beim kanadischen Label empreintes DIGITALes bietet gewohnt harte Kost: Gleich das eröffnende, mehr als halbstündige Klangkunstwerk »Grains of Voices«, das der schwedische Komponist Mitte der 90er produzierte, wird mit seinen bizarren Stimm- und Geräusch-Collagen nicht wenige Hörer auf Distanz gehen lassen. Wie auf vorigen Alben wird auch hier wieder radikale Sound Art geboten, die die Grenzen der Musik austestet, oftmals mehr künstlerische Collage oder abstraktes, auch multilinguales Hörspiel ist als konventionell verfasste (zeitgenössische) Musik. »GRAINS« kompiliert als Wiederveröffentlichung vier von Parmeruds »wichtigsten akustischen Werken« (Zitat des Labels), die 1994 und 1996 aufgenommen und veröffentlicht wurden, die seit vielen Jahren aber »ausverkauft« sind.

»Grains of Voices« aus multinationalen menschlichen Stimmen, Auftragswerk des Schwedischen Radio, wurde am 27. Oktober 1997 in einem Konzert im Dag Hammarskjöld Auditorium im New Yorker Hauptsitz der Vereinten Nationen uraufgeführt. Als musikdramatisches Stück gestaltete Åke Parmerud es aus zahllosen Feld- und Archivaufnahmen der menschlichen Stimme mit ihrem symbolischen und formalen Assoziationsreichtum. Es bleibt abstrakt, aber Parmeruds Grundideen vermitteln sich, heute vielleicht sogar noch besser als damals. »Jeux imaginaires« erhielt 1993 den Stockholm Electronic Arts Award, für »Les objets obscurs« und »Alias« erhielt er 1991 bzw. 1993 gar jeweils einen der Preise der Bourges International Electroacoustic Music Competition.

Die drei kürzeren Werke greifen Themengebiete wie Schach, Carlo Gesualdo da Venosa und französische Rätsel in Form von musique concrète auf - und sind doch etwas weniger sperrig, also vielleicht leichter hörbar und damit ein besserer Einstieg in Parmeruds Klangkunst. Die ausführlichen mitgelieferten Texte zu studieren hilft dennoch sehr. (ijb)

Audio-Link



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