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Alle Rezensionen zu Tigran Hamasyan, Arve Henriksen, Eivind Aarset, Jan Bang
(Genre »Jazz«, Land »Grenzgänger«)

 

Atmosphères
(2 CDs, 2016, ECM/Universal ECM 2414/15  4714269)

Jan Bangs Spezialgebiet ist nicht das originäre Kreieren, sondern eine spezielle Form der Zusammenarbeit, das Fortentwickeln und Weiterdenken musikalischer Ideen. Deshalb rief er vor Jahren das PUNKT Festival in seiner Heimatstadt Kristiansand ins Leben und lädt seither Musiker ein, mit denen er mal mehr, mal weniger dauerhaften Austausch sucht. Seine Landsleute Eivind Aarset und Arve Henriksen gehören seit den Anfängen zu den Stammgästen. Als 2013 erstmals der armenische Pianist Tigran Hamasyan für ein Duo mit Bang zu Gast war, zeigte sich nicht nur das Festivalpublikum angetan von dem neuen PUNKT- Familienmitglied, auch Manfred Eicher, der mit Tigran bereits ein Album geplant hatte (»LUYS I LUSO«, auf dem in ungehörter Weise Pianoimprovisationen mit Chorarrangements armenisch-sakraler Musik verbunden werden), hörte einen Auszug des Auftritts, zu dem sich temporär auch Aarset gesellt hatte, ahnte größeres Potenzial für eine Studioproduktion und lud die drei mit Arve Henriksen im Juni 2014 für komplett improvisierte Aufnahmen nach Lugano ein.

So entstand ein ebenso ungewöhnliches wie zugleich originäres ECM-Album, aus dem Eicher direkt eine 90-minütige Doppel-CD machte. Der Titel ist Programm: Über weite Teile erzählt eine sehr ruhige und atmosphärische Musik jenseits des gängigen Jazz-Verständnisses neue Geschichten. Stetig schälen sich Melodien aus den Stimmungsbildern heraus, teils aus armenischen Überlieferungen (Komitas), teils von Hamasyan und Henriksen aus dem Stegreif improvisiert, werden variiert und entschwinden wieder. Von Henriksens Alben kennt man ähnliches – diese Verbindung von traditionellen Melodien und zeitgenössischen Ideen, aus Live-Sampling, elektronischen und verfremdeten Klängen und akustischem Musizieren, dort vielleicht nicht über derart weite Erzählbögen.

Verwandte dieses Albums sind in dieser Hinsicht auch die großartigen (leider aber nur zwei) Alben, die Jon Hassell für ECM eingespielt hat (»POWER SPOT«, 1986, und »LAST NIGHT THE MOON CAME...«, 2010). Nicht zufällig prägten Bang und Aarset auf letztem die Atmosphäre(n) und wirkte Bangs zentrales Vorbild Brian Eno auf ersterem mit. Wem nicht bekannt ist, was Jan Bang mit seinem Live-Sampling tut, wird seine Mitwirkung erst einmal kaum bemerken. Auch Eivind Aarset agiert mit seinem ureigenen, effektlastigen Gitarrenspiel sehr zurückhaltend, atmosphärisch eben, so dass die Musik auf »ATMOSPHÈRES« über weite Strecken wie ein Duo zwischen Klavier und Trompete anmutet. So ist dies ein zeitgenössisches Jazzalbum, da es aus freien Improvisationen entstand,
aus einer inspirierten Begegnung über Grenzen hinweg zudem, zwischen dem Norden und dem Mittleren Osten. Eine Begegnung vier eigenwilliger Musiker, die oft im Zusammenspiel mit anderen ihre wahren Starken offenbaren, mal spröde und unnahbar, dann wieder von warmer melodischer Poesie getragen. Beide CDs – mehr noch die erste – verlangen ein aufmerksames Zuhören, so flüchtig und schwer zu fassen sind diese kollektiven Improvisationen, klanglich sehr fein und von hoher Dynamik, manche Passagen sehr leise und eigentlich nur auf einer guten Anlage oder über Kopfhörern angemessen zu genießen. (ijb)



Siehe auch:
Arve Henriksen
Eivind Aarset
Jan Bang
Punkt

Tigran Hamasyan: Atmosphères

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.ecmrecords.com/catalogue/1470310665



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