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Alle Rezensionen zu Víkingur Ólafsson
(Genre »Klassik«, Land »Island«)

 

Philip Glass · Piano Works
(2017, Deutsche Grammophon/Universal 479 6918)

Mit dieser Zusammenstellung von »PIANO WORKS« des großen amerikanischen Komponisten Philip Glass, rechtzeitig zu dessen 80. Geburtstag im Januar 2017 veröffentlicht, legt der junge, vielgelobte Isländer Víkingur Ólafsson ein starkes Debütalbum vor; und zwar nicht irgendwo auf einem einem kleinen isländischen Label, sondern gleich bei der Deutschen Grammophon. Dort im Hause ist man jüngst bestrebt, verstärkt auf alte Traditionen zu bauen, weshalb der markante gelbe DG-Rahmen seit kurzem wieder knapp ein Drittel des CD-Covers füllend auf den Veröffentlichungen prangt.

Kein schlechter Start für den 32-jährigen Pianisten von der Atlantikinsel also: Mit einem Philip-Glass-Album kann man sich durchaus sehen lassen, zumal wenn die Auswahl der Stücke auf bislang weniger exzessiv zu hörende fällt. Abgesehen vom »Opening« der »Glassworks« aus dem Jahr 1981 hat sich Ólafsson auf eine eigene Auswahl von Glass' »Études« beschränkt, die zwischen 1991 und 2012 komponiert wurden (veröffentlicht in zwei Büchern à 10 Etüden). Und der Interpret traf nicht nur eine Auswahl von zehn Stücken (zuvor hatte er alle 20 in London gespielt), die er auf seine eigene Weise anordnet, obendrein bietet er in der Mitte des Programms die Étude Nr.2 sowie abschließend auch das »Opening« jeweils in einem »Rework« von Christian Badzura, d.h. in Adaptionen mit Streichquartett, hier dem Siggi String Quartet. Badzura hat, nebenbei bemerkt, in Lübeck Klaviermusik studiert und arbeitet als »Artists und Repertoire Manager« beim der Deutschen Grammophon, d.h er sucht die Künstler für das Traditionslabel und hat wohl auch Ólafsson unter Vertrag genommen.

Wie Philip Glass zu den beiden zusätzlichen Varianten steht, ist nicht verbucht, und wahrscheinlich wären sie auch nicht nötig gewesen, denn der Interpret überzeugt als Solist sehr mit seinem recht leichten, schwebenden Tonfall, fast als ob er Vorurteilen isländischer Natur- und Traummystik die Hand reichen wollte. Doch tappt er nie in die Klischeefalle, sondern beweist in dieser Lesart stets einen eigenen Blick, die gerade bei Studienwerken wie diesen gefragt ist. So gelingt es Ólafsson, sowohl seinen poetisch-nordischen Blick als auch eine selten zu erlebende Seite des Komponisten klug und unaufdringlich zur Geltung zu bringen. (ijb)



Siehe auch:
Vikingur Ólafsson spielt Jóhann Jóhannsson
Siggi String Quartet

Víkingur Ólafsson: Philip Glass · Piano Works

Offizielle Website

Offizielle Website      https://vikingurolafsson.com

 

Johann Sebastian Bach
(2018, Deutsche Grammophon/Universal 483 5022)

Im Jahr 2017 debütierte der isländische Pianist Vikingur Ólafsson bei der Deutschen Grammophon und man ließ ihn dort, vielleicht um sich aus der Masse der klassischen Klavierinterpretationen herauszuheben, die »Études« des oftmals der Trivialität gescholtenen Minimal-Musikers Philip Glass interpretieren. Ausgerechnet! Und diese führte der junge Mann, der auf den Covern aussieht wie ein grundsolider Sparkassen-Filialleiter, bei dem man nur zu gerne einen Bausparvertrag abschließen würde, mit einer solchen Vitalität bei gleichzeitiger Detailtreue auf, dass Glass ihn kurzerhand dazu einlud, seine »Études« bei einer gemeinsamen Konzertreise zu interpretieren.
 
Um es vorweg zu nehmen: Die Anerkennung, die ihm für dieses Debüt entgegenschwang, dürfte ihm auch für seine aktuelle Bach-Interpretation zuteil werden. Sprichwörtlich im Mittelpunkt der 35 Tracks auf dem Album steht die Aria variata BWV 989, das neben den Goldberg-Variationen einzige Variationenwerk Bachs für Klavier. Einen weiteren Schwerpunkt bilden einige Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier. Um diese Werke gruppiert sich eine klug ausgewählte Sammlung von Inventionen, Phantasien, aber auch Chorälen und Orgelkonzerten. Stücken also, die von Bach ursprünglich nicht für Klavier komponiert und erst später transkribiert wurden.

Klug ist die Auswahl deshalb, weil sie nicht nur den christlich-pastoralen Bach präsentiert, sondern auch den den weltlich-verspielten, den überschwänglichen, ja den provokanten. Und weil sie dem Pianisten alle Möglichkeiten zur Interpretation ermöglicht. Ólafsson erweist sich hier als Kenner der Materie, er hat die wesentlichen Schulen der Bach-Interpretationen studiert. Als »Glenn Gould der Geysire« (New York Times) macht er sich bisweilen tatsächlich die rhythmische Strenge des Kanadiers zu eigen, wirft aber dessen verschrobene Introvertiertheit über Bord und präsentiert uns auch einen farbigen, einen mächtigen und auf jeden Fall modern interpretieren Bach. Er kann sich somit von den Vorbildern befreien und macht sein ganz eigenes Ding daraus – typisch skandinavisch eben. Ein wunderbares Album, bei dem eigentlich nur eine Frage offen bleibt: Was halten die Skandinavier eigentlich von Bausparverträgen? (stv)



Siehe auch:
Jóhann Jóhannsson

Víkingur Ólafsson: Johann Sebastian Bach

Video-Link Offizielle Website

Offizielle Website      https://vikingurolafsson.com

 

Bach Reworks
(LP, 2019, Deutsche Grammophon 28948358311)

Die alte Tante Deutsche Grammophon, das Referenzlabel für Besser-Hörer im Klassikbereich, machte sich schon vor Jahren auf, neue Hörerkreise zu erschließen. So wurde unter anderem eine »RECOMPOSED«-Reihe lanciert und mit Remixaufträgen experimentiert – teils zum Schrecken der traditionsbewussten Stammhörerschaft, die um die musikalische Substanz des Labels zu bangen begann.

Nun wagt DG erneut einen großen Schritt in diese Richtung, und das ausgerechnet mit einem Künstler, der zwar zur jungen Garde des Labels zählt, bisher aber als musikalisch hochseriös durchging: Víkingur Ólafsson hat einer ganzen Reihe von in unterschiedlichsten Gefilden tätigen Musikern Material aus seinem jüngst eingespielten Bach-Album zur Überarbeitung überlassen, wobei die meisten das Präludium BWV 855a aus dem »Wohltemperierten Klavier« in der Bearbeitung Alexander Silotis wählten. Ólafsson selbst hat für dieses Album einige Themen Bachs aufgegriffen, um daraus seine eigenen Gedanken weiterzuspinnen. So entsteht aus dem bachschen Klang-Kosmos heraus ein vielfältiger und abwechslungsreicher Genre-Mix, bei dem sich akustische und elektronische Tracks zu einem wunderbar homogenen Album fügen.

Es beginnt akustisch mit Ólafssons Komposition »For Jóhann«, die er allerdings nicht dem titelgebenden Protagonisten des Albums widmet, sondern seinem 2018 verstorbenen Komponisten-Landsmann und Labelkollegen Jóhann Jóhannsson, dem er sich sehr verbunden fühlte. Die akustischen Klavieraufnahmen sind übrigens in einer ähnlichen Weise aufgenommen, wie wir das etwa von Nils Frahm kennen oder auch von Hans-Joachim Roedelius' jüngster Arbeit für DG (»EINFLUSS«): Sehr direkt und nah dran an der Mechanik des Instruments, so dass man das Arbeiten der Hämmer sehr deutlich hört. Dies erzeugt selbst bei den akustischen Stücken einen etwas artifiziellen Sound, der dann aber eine gute Verbindung zu den elektronischen Remix-Arbeiten schafft. Valgeir Sigurðsson wirft als erster seinen Hut in den Ring und kontrastiert Bachs feine Präludium-Linien mit wuchtigen Synth-Bass-Sounds und gluckernden Arpeggien. Auch Cellist Peter Gregson arbeitet mit diesen elektronischen Stilmitteln und fügt seinem Präludium noch eine Cello-Stimme hinzu. Ben Frost liefert die wohl aufregendste Version ab: Unter flirrende Orgeltöne setzt er flächige Bass-Sounds, aus denen er nach und nach den Tieftonanteil herausfiltert, bis das Stück zu Klangfetzen zu zerreißen droht.

Mehr als wohltuende Kontrastierung, denn als harten Bruch empfindet man stets die Wechsel zurück zu Olafsson – hier nun zu seiner Klavierbearbeitung der Arie »Widerstehe doch der Sünde« BWV 54. Doch sofort geht es wieder in elektronische Klanglandschaften. Diesmal mit tiefdräuenden Sounds von keinem Geringeren als Ryuichi Sakamoto, der das Adagio aus dem Konzert d-Moll BWV 974 kurzerhand in ein Zwei-Akkorde-Stück verwandelt. Und so geht es über das ganze weitere Album auf höchst abwechslungsreiche Weise dahin. Der bereits erwähnte Roedelius setzt das Präludium eher zurückhaltend mit Ambient- und Fieldsounds in einen Dialog, der isländische Bassist Skúli Sverisson nimmt das Tempo raus und entwickelt Streichersounds um das Thema. Von der Komponistin Hildur Guðnadóttir hören wir dann sogar ein reines Cellostück, das von einem C-moll-Motiv Bachs lediglich inspiriert ist.

Allen Arbeiten ist gemein, dass sie einen sehr angemessenen und kreativen Zugang zum bachschen Material finden. Keiner der Beiträge tappt in die Klischeefalle, etwa indem der gute Johann Sebastian nur die Hintergrundtapete für irgendwelche Soundspielereien hergeben muss. Nein, hier verschränken sich alte und neue Musik auf wunderbare, kreative Weise und bilden sehr interessante neue Werke. »RE-WORKS« ist im besten Sinne und wahrlich kein Re-Murks, wie das bei solcherlei Projekten leider oft der Fall ist. Grandios. (stv)



Siehe auch:
Valgeir Sigurðsson
Ben Frost
Skúli Sverrisson
Hildur Guðnadóttir

Víkingur Ólafsson: Bach Reworks

Video-Link Offizielle Website

Die CD »Bach Reworks« war »CD des Monats« im Monat 5 / 2019.
Und so urteilten unsere anderen Autoren darüber:

Ich finde auch, das ist eine wunderbar kuratierte und dramaturgisch gestaltete Platte, die zeigt, wie zeitgemäß DG sein kann. Vor allem die Zusammenarbeiten mit dem Wahlisländer Ben Frost und mit Skúli Sverrison sind famos. Fragwürdig und nicht nachvollziehbar ist, dass das Album nicht als CD erscheint. Eine Produktion, die so von elektronischen Sounds geprägt ist, verliert auf Vinyl ja doch auch etwas von ihrer klanglichen Komplexität. Nichtsdestoweniger: Tolle LP!
Ingo J. Biermann

Für dieses ebenso auf- wie anregende Klangabenteuer sollte man sich viel Zeit lassen! Was der wunderbare Johann Sebastian Bach wohl dazu sagen würde?
Eva-Maria Vochazer

Absolute Zustimmung! Selten hat sich jemand so kreativ, so sehr mit offenem Geist mit Bach beschäftigt. Ólafssons reine Klavierstücke klingen tatsächlich ganz anders, aber die eigentliche Überraschung sind die Arbeiten der Kollegen aus der Elektro-Werkstatt. Beides zusammen ist absolut grandios!
Tim Jonathan Kleinecke


Peter Bickel

Offizielle Website      https://vikingurolafsson.com

 

Debussy · Rameau
(2020, Deutsche Grammophon/Universal 483 7701)

Nach einer Zwischenetappe mit dem »REWORKS«-Projekt erscheint nun, eigentlich recht passend inmitten der Corona-Zeit vor Ostern 2020, Víkingur Ólafssons drittes reguläres Album, mit dem der zunehmend zum Klassik-Star für ein breites Publikum avancierende Isländer eine weitere Facette seiner Vielseitigkeit unter Beweis stellt. Man erkennt bei aller Unterschiedlichkeit der vier Urheber von Ólafssons Einspielungen bei Deutsche Grammophon aber auch eine klare stilistische Linie und eine eindeutige Präferenz für Komponisten, denen Klarheit und Reduktion wesentliche Eckpunkte ihres Schaffens sind.

Nun also eine eigene Stückauswahl zweier französischer Komponisten aus zwei verschiedenen Epochen – Claude Debussy lebte während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis Ende des Ersten Weltkriegs, Jean-Philippe Rameau ein- bis fast zweihundert Jahre zuvor, von 1683 bis 1764. Die beiden wurden bislang nicht allzu oft in einem Atemzug genannt, doch hat man Ólafssons 80 Minuten langes Programm durchgehört, bleibt vor allem die Frage »Warum eigentlich?«

Mit seiner Interpretation arbeitet der Pianist die Gemeinsamkeiten der beiden Franzosen heraus, und er geht dabei so sorgfältig, aber auch so schlüssig zur Sache, dass man beim Hören bald vergisst, in welchem Jahrhundert und bei welchem Urheber man sich gerade befindet. Beide Komponisten bringt er dabei elegant in die Gegenwart. Oft wirkt ein Stück wie eine Antwort auf das vorhergehende – und wirft zugleich Fragen auf, die in der Folge wieder aufgegriffen werden; speziell Debussys Préludes scheinen sich hierfür geradezu anzubieten, wie Ólafsson belegt, wenn er sie klug von Stücken einer Rameau-Suite aus dem Jahr 1724 umrahmt. »Ich möchte Rameau als Futuristen zeigen und herausstellen, wie tief Debussy im Barock und insbesondere in der Musik Rameaus verwurzelt war,« erläutert Ólafsson. Als Beleg für diese Gedanken nimmt er Debussys »Jardins sous la pluie« aus dem Jahr 1903 und lässt es direkt an sechs andere Stücke aus dem Jahr 1724 anknüpfen.

Ergänzt wird das reichhaltige Album, das 80 Minuten aufmerksames Hören zu einer belebenden Ruhepause macht, durch einen ausführlichen Essay Ólafssons, in dem er viele schöne Einblicke und bereichernde Kommentare zur Musik liefert. (ijb)



Siehe auch:
Peter Knudsen Trio
Nils Anders Mortensen

Víkingur Ólafsson: Debussy · Rameau

Audio-Link Video-Link Offizielle Website

Offizielle Website      https://vikingurolafsson.com



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