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Alle Rezensionen zu Trygve Seim
(Genre »Jazz«, Land »Norwegen«)

 

Helsinki Songs
(2018, ECM/Universal ECM 2607 | 6751580)

Trygve Seims neues Album ist ein Juwel – und ein Höhepunkt in diesem hervorragenden Jahr für ECM. Wenn ich »HELSINKI SONGS« höre, das ausschließlich Balladen umfasst, erscheint mir Seim mit seinem rauchigen Ton fast wie ein europäischer Stan Getz. Er besitzt freilich einen Tonumfang, der ihm die Möglichkeit gibt, viel mehr Farben hinzuzufügen, mal wie ein bulgarisches Duduk, mal leidenschaftlich in oberen Lagen schreiend und singend (wenngleich er, vom letzten Stück abgesehen, seine wilderen Gedanken in dieser überwiegend verhaltenen Session zurückhält).

Seims Sinn für Melodie erweist sich in seinen Kompositionen wie auch in seinen Soli geradezu unfehlbar. Unaufdringlich und sensibel, selbst wenn er sich zur Sentimentalität bekennt – ein schwächerer Musiker neigte eher zum Süßlichen – beweist Seim eine unnachahmliche intuitive Disziplin, die naheliegende Klischees vermeidet. Von Anfang an zeigte sich Seim als risikofreudiger Künstler, der jedes Projekt mit einem Anfängergeist angeht, sich immer wieder neu erfindet und stets unverwechselbare Ideen und Wege entwickelt. Bis jetzt habe ich noch kein Album von ihm gehört, das so traditionell klingt wie dieses, im Sinne einer geradlinigen Quartettbesetzung, und es gelingt ihm meisterhaft.

Und nachdem ich diese Aufnahme mehrmals gehört habe, bin ich fest davon überzeugt, dass Kristjan Randalu einer der besten »neuen« Pianisten ist (ich habe sein Solo-Klavier-Album seit einigen Jahren, also ist er für mich nicht direkt neu, aber vielleicht neu auf der Weltbühne). Ich liebe sein wunderbares ECM-Debüt »ABSENCE« und sein beeindruckendes Duoalbum »EQUILIBRIUM« mit Gitarrist Ben Monder. Sein Spiel hier zeigt den Rückhalt und das Gespür eines mustergültigen Sideman. Seine Phrasierung erinnert mich gelegentlich ein wenig an Jarrett, aber keine Sorge, er hat seinen eigenen Kopf. Ich müsste lange überlegen, um einen zeitgenössischen Jazzpianisten mit solch ausgefeilter klassischer Technik wie seiner zu benennen – eine Technik, die er anzuwenden weiß; sie steht immer im Dienste der Musik. Randalus Touch ist, für mich jedenfalls, absolute Perfektion, wie eine Mischung aus Butter und Honig. Seine Soli sind es wert, studiert zu werden – ein Prüfstein für Improvisation, eine Anleitung zum Spiel durch die Zeiten im modernen europäischen Jazz.

In vielerlei Hinsicht ist dies das Seim-Album, auf das ich gewartet habe. Gestern habe ich es dreimal gehört, und das tue ich so gut wie nie. Wie ein Gläschen guten Cognacs geht es leicht, glatt und doch vielschichtig runter. Pures Hörvergnügen, das man immer wieder genießen kann.
Brian Whistler, Übersetzung: (ijb)



Siehe auch:
Kristjan Randalu
Mats Eilertsen
Markku Ounaskari
Trygve Seim & Frode Haltli

Trygve Seim: Helsinki Songs

   

Rumi Songs
(2016, ECM/Universal ECM 2449 | 473 2253)

Mit seinen ersten beiden Alben »DIFFERENT RIVERS« (2000, aufgenommen 1998/99) und »SANGAM« (2004) legte der endzwanziger (bzw. dann 33-jährige) Saxofonist Trygve Seim zwei Meisterwerke vor, welche die Messlatte für seine weiteren Veröffentlichungen vielleicht unerreichbar hoch legten. Kehrt man nach 15 Jahren wieder zu dieser Musik zurück, hat sie nichts von ihrer intensiven Faszination verloren; hierbei handelt es sich um – so feierlich es klingt – Jazz für das neue Jahrtausend, ebenso genial komponiert wie musiziert, so eindringlich eigenwillig wie künstlerisch fokussiert, Sternstunden im reichen Katalog von ECM. Seither war Seim in zahlreichen ECM-Gruppen vertreten, zumeist auf exzellenten Alben.

So dürfte sein neues Album unter eigenem Namen mit einigen Erwartungen aufgeladen begrüßt werden. Für »RUMI SONGS« kamen 2015 im Rainbow Studio in Oslo sein langjähriger Freund und Wegbegleiter Frode Haltli und Cellist/Bassist Svante Henryson zusammen, um im Trio Mezzosopranistin Tora Augestad zu begleiten, die Lieder aus der Feder des Saxofonisten interpretiert. Für diese zehn Kompositionen ließ sich Seim von Gedichten des Sufi-Mystikers Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī, kurz Rumi, inspirieren. Rumi wurde 1207 im heutigen Afghanistan oder Tadschikistan geboren und starb 1273 im Gebiet der heutigen Türkei; bis heute gilt er als einer der bedeutendsten persischen Dichter des Mittelalters. Nicht zuletzt schätzen viele Musiker seine Verse, wie die wiederkehrenden Vertonungen zeigen. Neben der gegenwärtig beim norwegischen Label KKV vertretenen Iranerin Mahsa Vahdat griff unlängst auch Tord Gustavsen für sein grandioses Liederalbum »WHAT WAS SAID« auf Rumi-Lyrik zurück, dort gesungen von Simin Tander.

Doch wo Gustavsen und Tander, mit sensibler, gewandter Unterstützung von Schlagzeuger Jarle Vespestad, aus der Klarheit und Einfachheit heraus die bewegendste Musik ihrer (bisherigen) Karriere vorgelegt haben, fügen sich in Trygve Seims Liederzyklus die Einzelteile – Text und Musik, Instrumentalisten und Stimme, Idee und Umsetzung – nicht zu einem Mehr. Da seine früheren Werke oft mit einer großen spirituellen Kraft einnahmen, überrascht es durchaus, dass Seims Anspruch, die Rumi-Texte, die er (früher der fotogene Jungstar, seit einigen Jahren selbst mit rumiähnlichem Mystik-Erscheinungsbild unterwegs) als »sehr menschliche Poesie jenseits von Religion, Ländern und Rassen«« beschreibt, in Form dieser Lieder und mit diesem reduzierten Ensemble exzellenter Musiker zum Leben zu erwecken, weniger gut gelingt als dem Kollegen Gustavsen. Dass seine »RUMI SONGS« trotz jahrelanger Beschäftigung mit Rumis Werk und Leben etwas blass bleiben, liegt womöglich auch an Tora Augestad, deren redlicher Gesang das gebührende hingebungsvolle Feuer vermissen lässt. Am ehesten kommt das Album vielleicht im instrumentalen »Whirling Rhythms« zu sich; hier spürt man die Poesie, die Seims (und Haltlis) interpretatorisches Temperament auszeichnet. (ijb)



Siehe auch:
Tora Augestad mit Kjetil Bjørnstad
Mahsa Vahdat
Tord Gustavsen, Simin Tander & Jarle Vespestad
Katarina & Svante Henryson

   

Sangam
(2004, ECM/Universal 038.122-2)

Auf Tryge Seim ist Verlass. Diesmal ist er vom Grundton her noch ruhiger, noch meditativer angelegt; die zuweilen kurzen polyphonen Ausbrüche sorgen für erhellenden Kontrast. Spannend etwa das Stück »Dansante«, das sorgsam mit Elementen des Marsches arbeitet und über dessen rhythmische Grundstruktur freie Blas-Improvisationen legt.

Fast schon religiös einnehmend wirkt das Stück »Beginning An Endig«, das sich auf der Stelle zu bewegen scheint, dann aber fast unbemerkt orchestral äffnet, während »Trio« asiatische Flötenweisen zitiert, doch dabei untergründig nordisch grollt. Unterstützt wird der Meister in seinem Wirken auch diesmal von so ebenbürtigen Musikern wie Arve Henriksen, Frode Haltli oder Per Oddar Johansen, die mit ihm seinen eigenen Kosmos jenseits popsingulärer Welten weiter ausbauen. (frk)



Siehe auch:
Arve Henriksen
Frode Haltli
Trygve Seim mit Øyvind Brække & Per O. Johansen
Iro Haarla Quintet

   

Different Rivers
(2000, ECM/Universal 159.521-2)

Das wichtigste zuerst: Diese Musik hat Luft, sie atmet hörbar. Mit gerade mal 30 Jahren veröffentlicht Trygve Seim ein Album, das sich viele Musiker in reiferem Alter nicht getraut hätten. Große Besetzung ohne Bass und Piano, ohne atemberaubende (sic!) Soli und schmetternde Bläsersätze, ohne jegliches Getöse. Man merkt Trygve Seim (ts, ss) an, dass er sowohl bei Jon Balke wie Edward Vesala gereift ist.

Eine selten gehörte kontemplative Ruhe entströmt dieser CD. Seim schreibt ebenso kluge wie herzergeifende Melodien, setzt diese geschickt und auch schräg für Trompete, French Horn, Posaune, Tuba, verschiedene Klarinetten und Saxophone. Die wenigen Improvisationen fügen sich organisch in den Gesamtklang mit ein wenig Akkordeon und Cello und Schlagwerk. Zwischen Jazz und zeitgenössischer Komposition steht »DIFFERENT RIVERS«, und natürlich haben ihm dabei ein paar der üblichen Verdächtigen geholfen: Arve Henriksen, Per Oddvar Johansen, Håvard Lund, Nils Jansen, Stian Carstensen, Paal Nilssen-Love, auch Sidsel Endresen rezitiert ein Poem mit dem treffenden Titel »Breathe! You are alive.« (tjk)



Siehe auch:
Sidsel Endresen
Jon Balke
Per Oddvar Johansen
Trygve Seim & Andreas Utnem



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