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Alle Rezensionen zu Masha Art & LRK Trio · Ilugdin Trio · Raf Ferrari Qrt · Sudeshna Bhattacharya & Tanmoy Bose
(Genre »Jazz«, Land »Grenzgänger«)

 

Anesthesia · Reflection · Quattro · Sangeet
(4 CDs, 2019, Losen Records/In-Akustik LOS 215/217/218/231)

Mehr als 120 Alben hat das Osloer Label Losen Records seit der Gründung vor neun Jahren veröffentlicht, acht weitere CDs stehen für die ersten sechs Wochen des Jahres 2020 bereits mit Erscheinungsdatum auf der Webseite. Von den beiden im November 2010 veröffentlichten CDs abgesehen, gab Losen somit stets 14 oder 15 Alben pro Jahr heraus, 2019 waren es sogar 20 an der Zahl, die wir weitgehend auf unseren Seiten besprochen haben. Zunehmend hat Labelchef Odd Gjelsens den Blick auch über die norwegischen bzw. skandinavischen Grenzen hinaus ausgedehnt, vergleichbar mit dem 1974 von Erik Hillestad gegründeten Label Kirkelig Kulturverksted (KKV). Auch wurde der Horizont von den Anfängen mit (Kammer-)Jazz mittlerweile zu »Neuer Musik« (etwa mit dem Vokalensemble Oslo 14) erweitert und das Programm um Länder und Kulturen übergreifende Kollaborationen (Low-Fly Quintet, Bangkok Lingo, Merje Kägu Ensemble, Ivan Mazuze) sowie um zahlreiche Musiker und Ensembles aus unterschiedlichsten Länder (Alina Rostotskaya & Jazzmobile, CMC Ensemble feat. Michel Godard, Luca Aquino, Lorenzo De Finti, Pokaz Trio u.a.) aufgestockt.

So fallen anno 2019 bereits rund ein Viertel der neu bei Losen veröffentlichten Alben nicht mehr in die Kategorie »Nordische Musik« – es sei denn, man lässt Nordindien, Odessa (am Nordufer des Schwarzen Meeres) oder Moskau auch gelten. St. Petersburg immerhin liegt auf in etwa auf einem Breitengrad mit Helsinki, Stockholm und Oslo – und damit nördlicher als Dänemark und Estland, dürfte sich also als »nordisch« qualifizieren. Von dort stammt die junge Saxofonistin Maria Artemenko, die mittlerweile in Moskau lebt und unter dem Künstlernamen Masha Art auftritt. Nach zwei CD, die nur in Russland erhältlich waren, veröffentlichte Losen 2019 ihr drittes Album »ANESTHESIA«, das sie mit dem Moskauer LRK Trio und der Harfenistin Maria Kulakova eingespielt hat. Für das vielgelobte, progressive LRK Trio ist es bereits die dritte CD beim Osloer Label; für Masha Art dürfte sich hiermit ein internationales Publikum erschließen, und es ist anzunehmen, dass sie eher früher als später von einem deutlich größeren Label vertreten sein wird. Ihre reifen Kompositionen sind weitgehend eingängig und unverkrampft, mit oft melancholischer Note (die Nähe zur »nordischen Musik« bleibt also spürbar), hin und wieder aber darf das LRK Trio auch in einen ganz wunderbaren Groove verfallen oder ein wenig ungewöhnliche Wege beschreiten, etwa wenn im »8th of November«, dem Höhepunkt des Albums metallisch verzerrte Klänge eine tragende Rolle spielen.

Ebenfalls aus Moskau stammt das Trio des Pianisten Dmitry Ilugdin, und ihr Album »REFLECTION« wurde mit demselben Toningenieur Andrey Levin im Tonstudio Mosfilm eingespielt. Neben »KINTSUGI«, dem Debüt des ukrainischen Pokaz Trio, ist es das dritte osteuropäische Klaviertrio, das Losen 2019 eine europaweite Aufmerksamkeit in Form einer Albumveröffentlichung ermöglichte. »REFLECTION« war 2017 bereits beim russischen Label ArtBeat erschienen, doch Gjelsnes war so angetan von der Band, dass er die Platte keine zwei Jahre später auf seinem eigenen Label wiederveröffentlichte. Wie das Covermotiv andeutet, gibt es auch hier eine spürbare Nähe zur fokussiert-transparenten Ästhetik von ECM, zumal Ilugdins Herkunft aus der klassischen Musik eine tragende Rolle spielt. Komplexe, zugleich einfach scheinende Stücke werden mit einer mal dynamischen, mal leicht kühlen, »nordischen« Note dargeboten.

Ästhetisch und kompositorisch nicht unähnlich, wenngleich deutlich mediterraner ist das aus zwei Suiten konzipierte Quartettalbum des perugianischen Pianisten Raf Ferrari, der sein Studium an der Universität Bologna mit einer Arbeit über Keith Jarrett abschloss. In der nicht ganz alltäglichen Besetzung mit Cello, Kontrabass und Schlagzeug veröffentlichten diese vier Italiener bereits 2008 ihr Debüt »PAUPER«; nun bietet »QUATTRO« (zugleich Titel der ersten, rund 45 Minuten langen Suite) vorwiegend eingängigen Modern Jazz mit weit ausholenden erzählerischen Bögen. Sympathisch und beeindruckend, aber nicht wirklich memorabel.

Die bislang von Skandinavien am weitesten entfernte Musik bei Losen erschien Anfang Dezember 2019 mit dem Album »SANGEET« (ein Sanskrit-Begriff für Musik). Die Inderin Sudeshna Bhattacharya unterrichtet an Oslos Staatlicher Musikhochschule NMH in der Abteilung für Jazz, Improvisierte Musik und traditionelle nordische Volksmusik. Sie spielt die mit der Laute verwandten (nord)indischen Instrumente Sarod und Mohan Vina; ihr aus Kalkutta stammender Landsmann Tanmoy Bose ist ein international renommierter Tabla-Musiker und improvisiert mit Bhattacharya, die das eröffnende Stück solo eingespielt hat, über knapp 40 Minuten Ragas aus ihrer Feder. Wie gesagt, »nordische Musik« kann auch Auslegungssache sein, wenn nordindische Musiktradition den Weg in ein Studio im Osloer Vorort Sofiemyr findet. (ijb)



Siehe auch:
Bangkok Lingo
Ivan Mazuze
Low-Fly Quintet
Merje Kägu Ensemble

 Masha Art: Anesthesia · Reflection · Quattro · Sangeet

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.losenrecords.no



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