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Alle Rezensionen zu Jan Garbarek & The Hilliard Ensemble
(Genre »Avantgarde«, Land »Grenzgänger«)

 

Remember me, my dear
(2019, ECM/Universal ECM 2625)

Seit sich das Hilliard Ensemble zum Jahresende 2014 »auflöste«, d.h. nach 40 Jahren in gelegentlich wechselnder Besetzung (Paul Hillier war bereits 1989 ausgeschieden, John Potter 2001) das endgültige Ende der Gruppe besiegelt wurde, haben nicht wenige der zahlreichen weltweiten Fans die Hoffnung nicht aufgegeben, dass eine Reihe ihrer Projekte früher oder später doch noch in Form von ECM-Alben erhältlich gemacht würde. Dass ausgerechnet weiteres Material ihrer vermutlich erfolgreichsten Kollaboration, dem bislang 4 CDs umfassenden »Officium«-Projekt mit Jan Garbarek, auf Tonträger erscheint, überraschte einige. Wer hingegen die Abschiedstournee 2014 besucht hat, dürfte sehnlichst auf ein Audiodokument des Konzertprogramms gehofft haben, zumal Jan Garbarek seit dem vor zehn Jahren aufgenommenen dritten »OFFICIUM NOVUM« kein neues Album veröffentlicht hat (von wenigen historischen Konzertdokumenten und Gastauftritten abgesehen).

Das Programm des Abschiedsalbums, das 25 Jahre nach dem Debüt den Kreis schließt, setzt sich zusammen aus Material der bisherigen drei Alben, mit einem leichten Schwerpunkt auf Stücken des dritten. Leider findet sich unter den 14 Liedern dieses ganze 78 Minuten langen »Live-Albums« (das Publikum ist erst zum Schluss applaudierend hörbar, vom gelegentlichen Huster abgesehen) nur eines, das nicht auf den vorigen CDs bereits zu hören war – das mittelalterliche »Procurans odium«. So stellt sich natürlich die Frage, was »REMEMBER ME, MY DEAR« bietet, das wir nicht auf »OFFICIUM«, dem zwei CDs umfassenden »MNEMOSYNE« und »OFFICIUM NOVUM« bereits erleben können. Ein wesentlicher Unterschied ist das Klangbild: Das Konzert fand in der Stiftskirche SS. Pietro e Stefano im Süden der Schweiz statt (unweit von Lugano, wo die Musik gemeinsam mit dem Tonmeister Michael Rast gemischt wurde). Entsprechend hinterlässt die Aufnahme den Eindruck, dass sich die Stimmen – wohl beabsichtigt – mehr im Raum verlieren als das in den Aufnahmen aus der Propstei St. Gerold der Fall ist; dies führt immer wieder auch im eigenen Wohnzimmer zu spannenden Hörerfahrungen, etwa wenn sich die vier Gesangsstimmen und Jan Garbareks Sopransaxofon an unterschiedlichen Orten im Raum zu befinden scheinen.

Von wenigen beschwingteren Stücken abgesehen ist das Konzert – kaum überraschend – von einer recht getragenen, meist sakralen Stimmung geprägt; die Kompositionen haben vielerlei Ursprung, sind allesamt durch religiöse Themen verbunden – eine christliche Hymne des Armenen Komitas, eine Litanei des Russen Nikolay Kedrov, »Most Holy Mother of God« des Esten Arvo Pärt, »Agnus dei« des franko-flämischen Renaissance-Komponisten Antoine Brumel, und auch die Benediktinerin Hildegard von Bingen ist mit »O ignis spiritus« vertreten, neben einigen Gesangsstücken, denen kein Urheber zugeordnet werden kann, so etwa das abschließende Titelstück, einer Volksmelodie aus dem Schottland des 16. Jahrhunderts.

Dass »REMEMBER ME, MY DEAR« den Millionenerfolg von »OFFICIUM« wiederholt, erwartet im Jahr 2019 sicher niemand; das Album ist freilich ein tief bewegendes und überaus willkommenes Dokument der mehr als eintausend Konzerte, die diese Gruppe in zwanzig gemeinsamen Jahren in Kirchen, Klostern und ähnlichen Orten gab. Garbareks Einsätze hier sind zurückhaltender und von längeren Pausen gezeichnet als auf den anderen Alben des »Officium«-Zyklus, doch die Kraft und die emotionale Wirkung, die von seinem freien, von der nordischen Volksmusik geprägten Ton ausgeht, ist auch nach Jahrzehnten nach wie vor eine intensive Erfahrung. (ijb)



Siehe auch:
Jan Garbarek & Anouar Brahem
Jan Garbarek & Usted Fateh Ali Khan
Jan Garbarek & Miroslav Vitous
Jarrett Garbarek Danielsson Christensen


Zum Artikel über Jan Garbarek

Jan Garbarek: Remember me, my dear

Offizielle Website

Offizielle Website      http://www.garbarek.com

   

Officium Novum
(2010, ECM New Series 2125)

Unglaublich. Es ist auch schon wieder 16 Jahre her, dass Jan Garbarek und das Hilliard-Ensemble das Album »OFFICIUM« aufnahmen. Diese überirdische Mischung aus mittelalterlicher Kirchenmusik und Jazz-Improvisationen war damals für viele Musikfreunde eine Offenbarung – die CD steht, ohne dass sie in irgendeine Schublade passen würde, heute selbstverständlich in jeder halbwegs gut sortierten Plattensammlung.

Nun haben Garbarek und die Hilliards es wieder getan – sich für ein »OFFICIUM NOVUM« getroffen. Statt Gregorianik und Renaissance beschäftigen sie sich diesmal mit Musik aus dem Osten – vornehmlich aus Armenien – und kombinieren alte (aber anders als auf dem Vorgänger auch neu) kirchliche Melodien mit Improvisation. Wieder ist eine CD entstanden, deren Musik scheinbar alle Bodenhaftung verloren hat und irgendwo zwischen Himmel und Erde schwebt. Das ist keine ausdrücklich religiöse Musik mehr, weil sie diesen Kontext des religiösen Rituals verloren hat – sondern einfach Musik. Zwei Eigenkompositionen Garbareks fügen sich da nahtlos ein - und wenn Bruno Ganz im letzten Track, nur 19 Sekunden lang, das kurze Gedicht »Nur ein Wenigs noch« liest, dann ist das die Essenz aus Musik, typisch schön-mystischer ECM-Bookletgestaltung und höchstem künstlerischen Anspruch, ausgedrückt in ein paar Zeilen. (sep)



Siehe auch:
Jan Garbarek & Kjell Johnsen
Terje Rypdal & Hilliard Ensemble
Trio Mediaeval & Arve Henriksen
Nordic Voices & Nils Petter Molvær

   

Officium
(1994, ECM/Universal ECM 1525 | 445 369 2)

Es wurde ein Selbstläufer; ein Verkaufsschlager, mit dem trotz der musikalisch außerordentlichen Leistungen keiner gerechnet hatte, am wenigsten wohl die Künstler selbst. Für konservative Klassik-Liebhaber mag es zudem blasphemisch klingen, wenn gerade ein Saxofonist die Gesänge des Hilliard Ensembles kommentiert, umspielt und auch mal als weitere Stimme unisono mitmarschiert.

Doch realistisch betrachtet edelt es die aus dem 13. bis 16. Jahrhundert stammenden 15 Stücke, wenn sich ein historisch viel später entstandenes Instrument wie das Saxofon so vollendet zwischen die Singstimmen des englischen Quartetts einreiht und sie so eine respektvolle wie gleichermaßen innovative Neudeutung erfahren. Kritisch anzumerken bleibt im wesentlichen, dass Garbareks Tenor- und Sopransax-Zwischenrufe bisweilen zu präsent, zu verdrängend im Vordergrund stehen – deswegen der eine Punkt Abzug bei der Klangtechnik. (lha)



Siehe auch:
Jan Garbarek
Jan Garbarek Quartet
Jan Garbarek & Shankar
Jan Garbarek Group



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