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Lange Rezensionen 1 - 10 von 416 im Genre »Avantgarde« (insgesamt 646)

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A.R.S.: Ambjørnsen & Bo
(2002, Norcd /Eiswasser Verlag ) - Norwegen

Bo kommt zu früh zur Party. Bo hasst den schrecklich grünen Regenwald. Bo sieht sich selbst für einen kurzen Moment in der Ferne. Dazu schnalzt eine Stimme, prustet des Saxophon, schnarrt der Bass. Surreale Texte des Norwegers Ingvar Ambjörnsen treffen auf Töne des Hamburger Freejazz-Trios A.R.S. Und umgekehrt.

Seltsam-schräge Klangcollagen sind dabei entstanden - weniger geeignet zum coolen Fingerschnippen, denn zum Lauschen, Wundern, Rätseln. Und wer des Norwegischen nicht mächtig ist, den rettet das Textheft. Ein Graus für den Freund von wohltönender Harmonie, ein Muss für den couragierten Jazzfan mit Literaturherz. (frk)

 A.R.S.: Ambjørnsen & Bo

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Rolf Aamot: Tonal Image Films 1968-1991
(2011, Prisma Records /Musikkoperatørene 7041881237126 ) - Norwegen

Rolf Aamot, 1934 in Bergen geboren, studierte in den 1950er Jahren Malerei in Oslo und später auch Film in Stockholm und wurde im jungen Alter von 18, 20 Jahren als Grafikkünstler, Fotograf und elektronischer Maler bekannt. Ab Anfang der Sechziger arbeitete er mit dem Verhältnis von Bild und Ton, was dazu führte, dass er als Filmemacher schon 1966 im norwegischen Fernsehen mit einem sogenannten »Tonal Image« mit Musik von Arne Nordheim präsentiert wurde. Aamot gehört also zur Modernen Avantgarde der audiovisuellen Kunstszene Norwegens, der früh die »neuen« Medien zu nutzen wusste. In den Siebziger und Achtziger Jahren setzte er seine Arbeit auch in Form von Collagen aus abstrakten Klängen und Bildern fort, die in Form dieser Archivaufnahmen im Henie Onstad Kunstsenter eingelagert wurden.

Erstmals dokumentiert diese CD die »TONAL IMAGES«, die Rolf Aamot mit Bjørg Lødøen produzierte. Unwirkliche Klänge, die uns in eine ferne Vergangenheit entführen, eine eigenartige, schräge (Nicht-)Musik aus vorrangig elektronischen Klangerzeugern, die mit zuvor aufgenommenen akustischen Instrumenten und Stimmen interagieren bzw. transformiert wurden. Bereits die gut zwanzig Minuten Düsterkeit von »Actio« (1980) sind eine bizarre Reise in eine Zeit, die länger her scheint als sie offenbar ist, Freunde aktueller Ambient-/Drone-Avantgarde jedoch durchaus zu erfreuen weiß.

Auch in Stücken wie dem flickerigen »Kinetisk Energi Part 1 & 2« (1968) oder dem schwer fassbaren Surren und Flirren von »Nordlys« (»Nordlicht«, 1991) sind die dunkel-surrealen Klangwelten von Helge »Deathprod« Sten sehr nahe. »Visuelt« (1971), ebenfalls rund zwanzig Minuten lang, lässt sich mit den assoziativen Geräuschkulissen gut als Hörspiel erfahren. Als komponierte Stücke funktionieren diese fünf Collagen zwar nur bedingt, als Trip oder als Konfrontation mit Sound-Art der vorigen Generation jedoch umso mehr. (ijb)



Siehe auch:
Arne Nordheim
Henie Onstad Kunstsenter

Deathprod (Helge Sten)

Sigurd Berge


Rolf Aamot: Tonal Image Films 1968-1991

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Eivind Aarset: Dream Logic
(2012, ECM /Universal ECM2301 / 3713657 ) - Norwegen

Man kann nicht gerade sagen, dass Eivind Aarset nun mit Anfang fünfzig bei ECM angekommen wäre. Immerhin ist der Gitarrist bereits seit fast zwanzig Jahren auf einer Reihe doch recht unterschiedlicher, nach wie vor durchweg hervorragender Alben beim Label präsent, nicht nur auf Molværs »Khmer« und »Solid Ether«, sondern jüngst auch auf den jüngsten Werken der vormals gemeinsam aktiven Arve Henriksen und Food. Nach einer Handvoll exzellenter eigener Alben bei Jazzland und dem Ende der engen Partnerschaft mit Molvær wurde es zuletzt recht ruhig um Aarset. Sein letztes Studioalbum liegt fünf Jahre zurück. Und ausgesprochen ruhig und introspektiv wurde auch nun sein ECM-Solodebüt, besonders im direkten Vergleich mit den früheren CDs mit seinen Bands Sonic Codex Orchestra und Électronique Noire.

Aarset ist zurück. Und der Neuanfang könnte kaum eindrucksvoller sein. Jedoch das Gegenteil von spektakulär, fast eine Ambient-CD wurde »DREAM LOGIC«, und dem einen oder anderen werden sofort Bilder vor dem inneren Auge und Ohr entstehen, wenn klar wird, dass das Album von Jan Bang produziert und alle Stücke im Duo mit Bang eingespielt wurden. Wer dessen jüngste Platten kennt, weiß, dass Aarsets neue Ausrichtung nurmehr wenig mit seinem High-Energy-ElectroJazz gemein hat, sondern eher in der »Fourth World«-Tradition von Eno/Hassell steht, gelegentlich sogar an die Rune-Grammofon-Alben Arve Henriksens erinnert. Stücke wie »Black Silence« oder »Jukai (Sea Of Trees)« leben von fragmentarischen Sounds, kaum greifbar zwischen elektronischen und akustischen Instrumenten. Die Gitarre scheint oft eine untergeordnete Rolle in diesem fragil-emotionalen Klangkosmos einzunehmen.
Hoffentlich wenden sich diejenigen nicht ab, die auf die Präsenz der gewohnten Aarset-Energie gewartet haben. Es wäre sehr bedauerlich. (ijb)



Mehr CDs von Eivind Aarset



Siehe auch:
Jan Bang
Eivind Aarset, Michele Rabbia, Gianluca Petrella

Nils Christian Moe-Repstad, Molvær, Aarset, Bang & Honoré

Food



Zum Artikel über Eivind Aarset

Eivind Aarset: Dream Logic

Offizielle Website

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Eivind Aarset & Michele Rabbia, Gianluca Petrella: Lost River
(2019, ECM /Universal ECM 2609 ) - Grenzgänger

Bei diesem wunderbaren Ambient-Jazz-Projekt wird der eine oder andere erst einmal nicht auf den Gedanken kommen, dass es sich um ein »klassisches ECM-Album« handelt, denn die ersten Stücke dieser von Manfred Eicher im kleinen ArteSuono Studio im nordostitalienischen Städtchen Udine produzierten CD erinnern mehr an so manches Projekt der norwegischen »Punkt«-Szene um Jan Bang und Erik Honoré – wo Eivind Aarsets vielschichtige Gitarren-Soundscapes bekanntlich häufig zu finden sind, nicht zuletzt auch auf dem gemeinsam mit Bang entstandenen ECM-Album »DREAM LOGIC«. Auch erinnert manche(r) sich bestimmt wiederum an das vor zwei Jahren veröffentlichte Quartett-Doppelalbum mit Bang, Aarset, Arve Henriksen und Pianist Tigran Hamasyan, das von ähnlich freier und atmosphärischer Komposition und Interpretation geprägt war.

Hier nun spielte Aarset mit zwei Italienern, dem Turiner Schlagzeuger Michele Rabbia, bekannt unter anderem von meisterhaften Alben mit Pianist Stefano Battaglia aus Milano, und Posaunist Gianluca Petrella vom anderen Ende des Landes, aus Bari; ihn wiederum kennt man von unterschiedlichen Alben mit Enrico Rava oder Giovanni Guidi. Doch was dieses Trio hier vorlegt, hat mit den Projekten jener Landsmänner nur wenig gemein. Ist »LOST RIVER« wegen der starken Ambient-Nähe zwar ein recht untypisches Album für ECM bzw. Eicher, so darf man diese von Eichers souveräner Hand und klarem Blick geführte Produktion andererseits doch auch als »Classic ECM« betrachten, da die stilistische Offenheit und geradezu schwebende Freiheit der Musiker sowie die Melancholie der größtenteils improvisierten Stücke eine emotionale Dichte und eine sehr einnehmende, stets unvorhersehbare Liebe zur Melodie aufweisen. In »What Floats Beneath« hören wir Aarset sogar einmal, seltene Freude, als balladesken Erzähler mit klar identifizierbarer, akustischer Gitarre, wo er doch sonst typischerweise zahlreiche komplexe Effekte und elektronische Elemente einsetzt, um die für sein Œuvre charakteristische ambiente Klangmalerei zu kreieren. Auch Petrella und Rabbia nutzen, für ihr Schaffen wiederum untypisch, über weite Strecken Elektronik und »Sounds«, weshalb Schlagzeug und Posaune ebenfalls vorrangig verfremdet auftauchen und im meditativen Fluss der Klangtexturen mehr frei schwebende Stimmen sind als klar identifizierbare Triopartner.

Womöglich war Eivind Aarset mit keinem seiner bisherigen Alben so nah an der atmosphärischen, im Wechsel kontemplativen und latent nervösen musikalischen Stimmung einiger Meisterwerke von Jon Hassell und/oder Brian Eno und Daniel Lanois wie hier. (ijb)



Siehe auch:
Eivind Aarset
Hamasyan, Bang, Henriksen & Aarset

Eivind Aarset & The Sonic Codex Orchestra

Sly & Robbie meet Molvær, Aarset & Vladislav Delay


Eivind Aarset: Lost River

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Eivind Aarset & Jan Bang: Snow Catches on her Eyelashes
(2020, Jazzland /Edel 377 925 0 ) - Norwegen

Die Wege von Eivind Aarset und Jan Bang haben sich im Laufe ihrer Karrieren immer wieder gekreuzt. So war der Soundtüftler und Produzent Bang bei einigen der Studio-Alben des Gitarristen mit von der Partie. Darüber hinaus traf man sich letzthin etwa beim norwegisch-jamaikanischen Gipfeltreffen »Nordub«, bei einigen Arbeiten des Trompeters Arve Henriksen oder als Dark Star Safari unter der Ägide des Schweizer Schlagzeugers Samuel Rohrer. »SNOW CATCHES ON HER EYELASHES« darf nun aber als ihr zweites großes Duo-Werk bezeichnet werden, nachdem das 2012 bei ECM erschienene »DREAM LOGIC« ebenfalls ein solches war, wenngleich es im Titel lediglich Aarsets Namen trug. Sehr stark war damals der Klangkosmos noch von der Gitarre geprägt. Auf dem aktuellen Album bekommt man dagegen oftmals nur noch eine (sprichwörtlich) leise Ahnung davon, dass auch diese Klänge unter anderem mit Gitarren erzeugt sein könnten.

Die hier dargebotene Musik könnte man als Ambient mit größeren improvisierten Anteilen bezeichnen, als »cineastische« oder vielleicht gar als konkrete Musik. Wer dagegen weniger in Begrifflichkeiten verhaftet ist, der stelle sich die Musik als Landschaft vor, die an einem sehr regnerischen und trüben Tag während einer Zugfahrt langsam an einem vorbeizieht. Das ist alles durchaus gleitend, zugleich sehr verhangen und in der Schwebe gehalten. Darin kann man sich auf die wunderbarste Weise verlieren, man muss es aber auch – auf Albumlänge betrachtet – wirklich mögen. Unter den Stücken ist kaum eines, das einen treibenden Flow entwickelt, außer vielleicht die Vorab-Single »Asphalt Lake«, bei der man das Gefühl haben könnte, eine große Welle zu reiten. Auf dem Album folgen diesem Titel zwei balladenähnliche Stücke, die am ehesten einem herkömmlichen Songformat entsprechen, doch auch in dieser Phase des Albums ist nichts, was dynamisch ausbräche oder zu einer Hymne anhöbe, und anschließend führen uns Aarset und Bang wieder in deutlich abstraktere Gefilde.

Einige Gastmusiker konnten für das Album engagiert werden, darunter mit Nils Petter Molvær und Audun Erlien Vertreter der ersten Garde der ehemaligen norwegischen Nu-Jazz-Ära. Ihre dezenten Beiträge fügen sich nahtlos die Soundscapes von Aarset und Bang ein, bringen jedoch keine entscheidenden Wendungen ins Geschehen und haben eher einen »Featuring«-Charakter, als dass sie das Album etwa zu einem Band-Projekt machten. Sidsel Endresen taucht sogar nur in Form eines fast zur Unkenntlichkeit verfremdeten Vokal-Samples auf.

In seiner Zurückgenommenheit und Verschlossenheit ist dieses Album somit durchaus etwas für die Hartgesottenen unter uns. Wer sich aber die Zeit nimmt tiefer in den Klangmalkosmos einzudringen, kann einige bleibende Entdeckungen machen. (stv)



Siehe auch:
Eivind Aarset
Jan Bang

Dark Star Safari

Eivind Aarset, Michele Rabbia, Gianluca Petrella


Eivind Aarset: Snow Catches on her Eyelashes

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Niklas Adam: Undulate
(2019, Sofa 572 ) - Grenzgänger

Im September 2000 gestartet, hat sich das Osloer Sofa-Label von seinen Anfängen als Free-Improv-Plattform mit vorrangig Projekten mit und um die (ab 2006) Huntsville-Mitglieder Ivar Grydeland, Tony Kluften und Ingar Zach über die vergangenen 19 Jahre stilistisch immer weiter geöffnet und für zahlreiche hochspannende musikalische Entdeckungen und großartige Veröffentlichungen verschiedenster Projekte und Experimente gesorgt, von denen so manche CD (oder dann auch LP) als Bravourstück in der nordischen Musik(szene) der 2000er und 2010er Jahre verbucht werden kann. Die Klangkunst-Schiene wurde vermutlich von Zach, der in diesem Bereich selbst einige Meisterstücke vorgelegt hat, weiter ausgebaut; zuletzt bekamen wir da interessante (wenn auch nicht immer spannend zu hörende) Alben von Nicht-Skandinaviern wie Aviva Endean, Miguel Angel Tolosa, Philippe Lauzier, Jim Denley, Rutger Zuydervelt oder auch die radikal-minimalistische Musik von Keith Rowe und John Tilbury präsentiert. Man weiß bei Sofa Music oft nicht, womit man als Hörer konfrontiert werden wird, und darin besteht eine nicht gering zu schätzende Qualität der bislang 72 Alben dieses Labels.

Doch nicht jedes Experiment gelingt – und das ist ja auch nicht zu kritisieren. Auch muss man wohl eingestehen, dass einem manchmal auch der Zugang fehlen kann... Schon Fredrik Rastens Gitarren-Choreografie-Experiment »SIX MOVING GUITARS« war eine harte Geduldprobe. Als CD ohne die zugehörige Performance blieb man ratlos und unbeteiligt gegenüber der ereignisarmen Musik. Nicht auf die selbe Weise ereignisarm ist nun das Debüt des dänischen Künstlers Niklas Adam (Jg. 1986), der derzeit in Oslo lebt. Vergleichbar reduziert und die Geduld und Aufmerksamkeit strapazierend ist es hingegen schon. Es gibt viele Beispiele für gelungene Klangkunst, die auch ohne Installations- oder Performance-Kontext als akustische Erfahrung in den eigenen vier Wänden funktioniert; so sei hier verwiesen an auf diesen Seiten besprochene Alben von Jana Winderen, Natasha Barrett, Angélica Castelló, Thomas Köner, BJ Nilsen, Svarte Greiner und natürlich von Mika Vainio (†2017); in der Osloer Kunstszene kann man zurückgehen bis zu Kåre Kolberg.

Auch Niklas Adam, der in Europa und Asien aufgetreten ist, arbeitet mit Performance- und Installationskunst. Er verwendet Elektronik bzw. Computer, um Instrumente und/oder Situationen mit einer Art eingelagertem Empfinden zu erzeugen, und untersucht dann Verhaltensmuster des Hörens und des rationalen Denkens und wie wir die Außenwelt im Verhältnis zu unserer eigenen Position in ihr interpretieren. Womöglich sollte man Student der Klangkunst sein oder sich theoretisch einiges erarbeiten, um diesen beiden, etwa 15 bis 20 Minuten langen Stücken aus Radikalminimalimus, an Alltagsgeräusche erinnernden Klängen, verfremdeten Stimmen, sporadischen perkussiven Erscheinungen und vor allem viel Experiment und Theorie nahezukommen. (ijb)



Siehe auch:
Aviva Endean
Jana Winderen

Kåre Kolberg

Ingar Zach


Niklas Adam: Undulate

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Af Ursin: Aura Legato
(2005, Blackest Ever Black BLACKESTCD012/-LP012 ) - Finnland

Eine seltsame Platte. »AURO LEGATO« besticht schon äußerlich durch ein ungewöhnliches Design, das keinerlei Aufschluss darüber gibt, welche Art von Musik sich hinter den vier Stücken verbirgt oder um wen es sich bei dem Künstler Af Ursin handelt. Das Londoner Avantgarde-Label Blackest Ever Black, bekannt geworden mit teils exzellenten Platten voller neuer Idee von Vatican Shadow und Prurient, Raime und Regis, deutet immerhin an, dass »AURO LEGATO« keine leichte Musik für die Massen sein wird.

Legt man die Scheibe auf, ist man erst einmal ratlos, in welcher Geschwindigkeit die Musik abgespielt werden muss. Als LP würde man 33rpm erwarten, doch was man dann zu Gehör bekommt, klingt derart verschleppt und zeitlupenartig ambientmäßig, dass eine Recherche im Internet doch für 45rpm spricht. Dort findet man auch heraus, dass sich hinter dem Pseudonym Af Ursin der finnische Klangkünstler Timo van Luijk verbirgt, der in mehreren Gruppen und Projekten in Belgien aktiv ist, wo er seit langem lebt und die LP bereits 2005 über sein eigenes Label La Scie Dorée veröffentlicht hat, bevor sie Kiran Sande auf seinem Imprint 2016 neu verlegte, nun auch als CD. Ebenso gut hätte »AURO LEGATO« bei Erik Skodvins Miasmah erscheinen können, denn dort würden sich die dunklen, so vielschichtigen wie ungreifbaren Ambient-Kompositionen bestens zwischen artverwandten Kollegen wie Kreng, Marcus Fjellström, Juv und Simon Scott einfügen.

Auch wiederholtes Hören lässt allenfalls mutmaßen, welche Klangquellen van Luijk für seine entrückten Collagen verwendet, die Titel »Rêverie En Mineur«, »Capsule Détachée« und »Tableau Fluide« können einen besseren Eindruck von der amorphen Klangwelt vermitteln als bemühte Beschreibungen. Was Af Ursin hier gestaltet, kann man ebenso als Musique Concrète wie als experimentell-minimalistischen Neofolk bezeichnen; auf jeden Fall ist es stimmungsvoll und verströmt einen abgründigen, surreal-persönlichen Zauber jenseits markanter Stilistik, sehr vergleichbar mit Alben von Ingenting Kollektiva, Utu Lautturi und Multicast Dynamics. (ijb)



Siehe auch:
Marcus Fjellström
Multicast Dynamics

Utu Lautturi

Ingenting Kollektiva


 Af Ursin: Aura Legato

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AGF & Various: Kuuntele
(2013, AGF Producktion 017 // 880918216225 ) - Finnland

Mit »KUUNTELE« zeigt Antye Greie (bzw. Greie-Ripatti) alias AGF (das »F« ist noch aus der Zeit geblieben, als sie Greie-Fuchs hieß), dass sie ganz in ihrer finnischen Wahlheimat angekommen ist. Gemeinsam mit »Vladislav Delay« (Sasu Ripatti) lebt sie seit ein paar Jahren auf der etwas abgelegenen Insel Hailuoto, die aus deutscher Perspektive fast am Polarkreis liegt. Natur, Wetter, Jahreszeiten, Temperaturen bekommen dort jedenfalls eine ungleich prägnantere Relevanz als in Berlin, wo sie mehr als zehn Jahre wohnte und mit Künstler(inne)n wie Eliane Radigue und Ellen Allien arbeitete. Gleichzeitig, sagt sie, erinnere sie vieles in Finnland an ihre Kindheit in Ostdeutschland, wo sie 1969 geboren wurde.

Das Tolle an »KUUNTELE« (finnisch »zuhören«) ist allerdings, wie AGF mit diversen finnischen Vokal-Gästen ihre bisherige Diskografie zwischen Klangkunst und Musik souverän fortschreibt und weiter auslotet. Sie nennt sich »poem producer« und verdichtet wie auf ihrem vorigen Album »Gedichterbe«, aber ansonsten auf unvergleichliche Weise, elektronische Elemente mit Sprachfragmenten zu einer nahtlosen Collage aus inneren Stimmungsbildern, teils schroffer abstrakter Elektronik und mehr oder weniger greifbaren Texten.

Die Gedichte entstanden zwischen 1683 (Maria Simointytär) und 2010, dem Jahr, in dem Juha Rautio »Kuuntele« schrieb, das der Autor hier selbst rhythmisch, staccato vorträgt. Auch über die Grenzen Finnlands hinaus ist Eino Leino (1878–1926) bekannt geworden, dessen »Sinisten Risti« (»Blue Cross«) von Rapper/ Spoken Word Artist Matti P. ganz zeitgemäß interpretiert wird. AGFs Elektronik fasziniert stets durch ein Eigenleben, tritt in Dialog mit den Texten, unterstreicht oder kontrastiert sie geräuschhaft, ambient, klangschön oder dissonant. Ein radikal faszinierendes Album. Höchst bereichernd und anregend ist auch der Text im Beiheft. (ijb)



Siehe auch:
A-Symmetry
Lau Nau

Islaja

Ripatti / Vladislav Delay


 AGF & Various: Kuuntele

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Pekka Airaksinen: Mahagood
(2008, N&B Research Digest NBRD-12DD ) - Finnland

Pekka Airaksinen ist ein Urgestein des finnischen Undergrounds. In den 60ern mischte er mit seiner Band The Sperm Musikgeschmack und Performancekultur auf; gleichzeitig gilt er heute als ein Pionier der experimentellen elektronischen Musik in Skandinavien. Dieses Album zeigt, warum – denn der Pionier hat auch heute noch was zu sagen. Vor allem die Art und Weise, wie er das tut, ist beeindruckend. Airaksinen sampelt seine musikalische Sozialisation: Elektronische Musik aus den 50ern, als Technik und Klang noch in den Kinderschuhen steckten, und Jazz aus derselben Zeit.

Das Ergebnis ist psychedelisch: Die Jazz-Samples rotieren nervös mit einer falschen Fröhlichkeit. Die Elektroakustik-Samples ähneln eingefrorenen Kristallglassplitter-Wolken, bei denen sich jeder Splitter in tausend anderen spiegelt. Über alle neun Tracks kehren bestimmte Floskeln, zunehmend dekonstruiert, wieder – so wie das Pferdchen auf einem quietschenden 50er-Jahre-Kinderkarussell. Das alles ist zeitlich so perfekt aufeinander abgestimmt und die Samples mit so feinem Gehör ausgesucht, dass dahinter nur eine Meisterhand stecken kann. Was sie ja auch tut. (sep)

Pekka Airaksinen: Mahagood

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AKB: Marianergraven
(2020, Lamour Records /vinyl-distribution.com lamour093 ) - Schweden

Erstaunlicherweise ist uns das schwedische Avantgarde- und Elektronik-Label Lamour Records in den acht Jahren seines Bestehens vollkommen entgangen. Shame on us, wie konnte das passieren!? Beheimatet in Gävle, zwei Stunden nördlich von Stockholm, erschien mit AKBs Album »MARIANERGRAVEN« nun bereits Lamours Katalognummer 93. Die Initialen stehen für Anna-Karin Berglund, ebenfalls aus Gävle, deren erste Platte »SÖNDAGSBARN« (»Sonntagskind«) das Label im April 2016 herausbrachte. Schon damals griff Berglunds Musik den »klassischen« bis »kosmischen« Ambient der Siebziger- und Achtzigerjahre auf, was sie auf dieser famosen CD beeindruckend fortführt und in eine konzeptionelle Idee kleidet.

Nun ist die Idee, ozeanische Weiten und Tiefseeatmosphären im Ambientgenre zu reflektieren, weder neu noch besonders individuell; vergleichbare Projekte gab es seit den frühen Tagen von Eno und Budd nicht wenige, und gerade auch unter nordischen und nordwärts reisenden Musiker/innen ist dieser Gedanke ein nicht selten anzutreffender, wie vielfältige Ozean-Themenalben belegen. AKB holt die Inspiration für ihre epische Ambient-Suite allerdings nicht aus dem Norden, sondern aus dem im westlichen Pazifik gelegenen Marianengraben. Dieser rund 2400 Kilometer lange Graben ist an seiner tiefsten Stelle elf Kilometer unterhalb des Meeresspiegels und damit der weltweit tiefste Meeresgrund. Gerade einmal drei Menschen waren bislang dort unten – und damit weniger als auf dem Mond.

Die Künstlerin begab sich also nicht direkt in die Tiefen des Meeres, um dort Feldaufnahmen zu sammeln wie etwa ihre norwegische Kollegin Jana Winderen im Nordpolarmeer, sondern nahm die Idee, den extremen Druck und die dunklen Tiefen jener fremden, mysteriösen Welt als Bild für eine sanft berauschende, uns zugleich unaufdringlich mehr und mehr einnehmende Serie warm schwebender Stücke. Anders als man anhand der Beschreibung erwarten könnte und im Gegensatz zu vergleichbaren Projekten geht Berglunds Klangwelt nie ins wirklich Dunkle oder Düstere. Man fühlt sich nicht eingeengt oder gar bedrückt wie es beim Subgenre Dark Ambient gerne vorkommt, sondern eher beflügelt und eingeladen, sich durch die traumnahen klanglichen Räume zu treiben zu lassen. AKB fügt dem Genre keine revolutionäre neue Idee hinzu, ergänzt es aber mit einer eigenen künstlerischen Stimme, die sich keineswegs hinter den Großen der Ambient-Geschichte verstecken muss. Klasse Cover-Artwork zudem. (ijb)



Siehe auch:
Angélica Castelló
Thomas Köner

Machinefabriek

Jana Winderen


 AKB: Marianergraven

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Lange Rezensionen 1 - 10 von 416 im Genre »Avantgarde« (insgesamt 646)

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