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Lange Rezensionen 1 - 313 von 313 im Genre »Beats« (insgesamt 459)

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99 Blows: Live Free or Die
( EP, 2015, clang /clang.cl clang030, Download ) - Grenzgänger

Beim vielseitigen dänischen Indie-Label clang erscheint hiermit die mittlerweile 30. Veröffentlichung, allerdings sind die meisten »nur« als Downloads erhältlich. Was andererseits ja ganz zeitgemäß ist; wer kauft heute denn noch CDs? [Ich zum Beispiel.] Hinter dem Alias 99 Blows verbirgt sich Rasmus Vestervig aus dem Norden Skandinaviens, und mit dem reichlich käsigen Titel »LIVE FREE OR DIE« (inspiriert ausgerechnet von einem Autonummernschild in Hew Hampshire) gibt es nun seine zweite »Scheibe« des laufenden Jahres. Wie bei »I/O« im Februar handelt es sich auch hierbei um eine knapp halbstündige EP, die sich über vier recht unterschiedliche Tracks an diversen Stilen versucht.

Irgendwie scheint Vestervig alles irgendwie zu interessieren (daher wohl der Projekttitel »99 Schläge« – frei nach Truffaut?), gerade so, als ob er sein eigenes Ding noch nicht gefunden hat. Am ehesten erkennt man seine Vorliebe für polyrhythmische Dance-Nummern, die er mit seinem Hintergrund als Gitarrist verknüpft. Mal vermeint man den Einfluss von Berliner Hipster-Elektro zu hören, mal erinnert man sich an Recondite, einmal taucht ein Gastsänger auf – ist das noch Tech-House oder schon Indie-Pop? Vielleicht wird Vestervig irgendwann noch ein Hitmaker im Genre »Kalkbrenner«, doch fürs erste bleibt's noch beim Testlauf. Und auch wenn einen keiner dieser vier Tracks vom Hocker reißt, möglicherweise ist 99 Blows nicht weit vom kreativen Durchbruch entfernt... (ijb)

 99 Blows: Live Free or Die

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A-Symmetry: I Am Life
(2014, AGF Producktion 019 ) - Grenzgänger

Hinter A-Symmetry verbergen sich Antye Greie-Ripatti (AGF) und Natalie Beridze (TBA), und der etwas sperrige Projektname könnte für dieses gänzlich un-hippe Projekt kaum besser gewählt sein. Die beiden Musikerinnen und Sound Artists lebten Mitte der 2000er für einige Jahre in Berlin, doch entstand »I AM LIFE« zwischen den derzeitigen Wohnorten der beiden, der Abgeschiedenheit der mittelfinnischen Insel Hailuoto und und der georgischen Hauptstadt Tblisi.

Zwar beeindrucken die Fantasie und der Mut zur stilistischen Schrankenlosigkeit der beiden Musikerinnen, doch eben dies erfordert einige Annäherung an die Komplexität ihres Duo-Debüts. Egal, aus welcher Hörerfahrung man kommt, »I AM LIFE« braucht eine Zeit des Warmwerdens, weil die dreizehn Tracks so gar nicht auf ein homogenes Album angelegt sind und genremäßig komplett schwer zu erfassen sind. Jeder der Tracks trägt das Wort »Life« im Titel und jeder zweite eine komplett neue Genreschublade zu erfinden.

Im greifbarsten Fall fühlt man sich an die stolpernden IDM-Rhythmen (»Seven Lives«) und das feine Geplucker (»Life Lie 8«) aus der Warp-Records-Ecke erinnert, doch wenn Pitchfork eine Kreuzung aus Oval, My Bloody Valentine und FKA Twigs erkennen möchte, kann man dem ebenso wenig widersprechen. Zudem sind fast alle Stücke von mal mehr, mal weniger erkennbaren Stimmsamples durchzogen, was dem fragilen Neo-Ambient-Techno eine gleichermaßen bizarr menschliche wie entrückt geisterhafte Prägung verleiht. Eine faszinierende fremde Welt, wie das Covermotiv verspricht. (ijb)



Siehe auch:
AGF & Various
Sidsel Endresen & Stian Westerhus

Ripatti


 A-Symmetry: I Am Life

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Aavikko: History Of Muysic – Selected Non-Album Material 1985 – 2003
(2004, 9PM /Indigo Muysic-03 ) - Finnland

Mehrere Flaschen Wodka, ein Schlagzeug, ein Bass, eine Elektro-Orgel und gesundes finnisches Selbstbewusstsein mögen der Ursprung des Disco-Surf-Party-Sounds Aavikkos sein. Die gewöhnungsbedürftige, instrumentale Ausnahmekapelle – aka die »Boys From Siilinjärvi« – überbrückt die Wartezeit auf ein neues Werk mit dieser Retrospektive auf ihre ganz persönlich »Muysik«-Geschichte: Zwischen trashigen Casio-Krachern der Frühgeschichte anno 1995 bis zu solideren Fabrikationen der Neuzeit (bis 2003) piepen, tröten und quaken schräge, psychedelische Töne aus allerlei technischen Gerätschaften.

Beschränkt sich der »Hamburger Ost-Hafen Seemannschor« in zwei Tracks noch auf »lalala«, so flattern bei »Eye Of The Leopard« die Ohren: Der afghanische(!) Schlagerstar Kabar ergreift in Las Vegas das Mikro und singt die Wüstensöhne in Grund und Tanzboden ... wenn das kein Zündstoff für eine gelungene Party garantiert, was dann? (nat)



Mehr CDs von Aavikko



Siehe auch:
Desert Planet
Verschiedene: Tervetuloa Kioskiin Vol. 4


 Aavikko: History Of Muysic – Selected Non-Album Material 1985 – 2003

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Acid Queen: Tranzania
(1999, Kirkelig Kulturverksted /Indigo FXCD203, bzw. 8790-2 ) - Norwegen

Wenn zwei norwegische Techno-DJs in Tansania mit gestandenen Taarab-Musikern improvisieren, verspricht das Ergebnis ein wahrhaft grenzenloses Hörabenteuer. Dies umso mehr, als die beiden Osloer Stephen Groth und Christian Grimshei ohne festes Konzept nach Dar-Es Saalam reisten und sich einfach überraschen ließen.

Meist legten die beiden Dancefloor-Experten ein wuchtiges Fundament aus schleppenden Triphop-Beats oder hart pochenden House-Rhythmen, das der Egyptian Musical Club dann mit Geigen, Trommeln, Lauten und natürlich viel Gesang auffüllte. Im Gegensatz zu den meist nur im Studio montierten Ethno-House-Spielereien explodiert »TRANZANIA« regelrecht in einem organischen Zusammenprall der Gegensätze - Nord und Süd, Tradition und High-Tech, Elektronik-Avantgarde und Suaheli-Tanz. (peb)

 Acid Queen: Tranzania

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Acustic: Welcome
(2005, Rump Recordings RUMPCD003 ) - Dänemark

»WELCOME« in Electronic Wonderland. Clubmusik der gepflegten Art, allerdings ohne Message oder gar Gesang, erwartet uns. Trotzdem gewinnt »WELCOME« mit zunehmender Einwirkzeit an Ausstrahlung und weiß mit ansprechenden kraftwerkschen Minimelodien besonders bei »80« durchaus einen gewissen Charme zu entwickeln. Elektromusik erfreut sich ja zurzeit beachtlicher Beliebtheit, und geschulte Ohren finden mit dem inzwischen dritten Album von Acustic aka Jesper Skaaning recht melancholische, im Zweifel sogar tanzbare Tonkunst.

Sparsam wird nicht etwa mit Ideen, sondern der Vermeidung der sich bei dieser Art dubbigem Ambient leicht einschleichenden Eintönigkeit umgegangen. Clevererweise findet sich am Ende mit »Flow« auch noch ein Highlight des Albums, wenngleich sich kommerzielle Verwertbarkeit für »WELCOME« auszumalen schwierig erscheint. Nice to have. Mehr aber auch nicht. (jeb)

 Acustic: Welcome

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Agaric: Who made up the Rules
(2011, Ovum Recordings /SRD OVM9011-2 ) - Schweden

Patrik »Agaric« Skoog nutzt seinen ersten Longplayer für eine Stunde strikter, funktionabler 4/4-Clubtracks und nicht, wie viele andere Techno- und Elektro-DJs für eine introspektive Zwischenbilanz mit Autorentechno. Dass er anstrebt, nun in die Fußstapfen eines Trentemøller zu treten, ist also nicht zu erwarten. Zehn Tracks, keine Ausreißer, aber allzu individuell sind sie freilich auch nicht ausgefallen. Nur nach dem letzten, »Drifter«, schiebt Skoog eine dunkle Ambientnummer als versteckten Epilog hinterher.

Ansonsten ist sein Albumdebüt im guten wie im enttäuschenden Sinne einfach nur ein bisschen weniger knallig als der Standard-Floorfiller aus dem Genre TechHouse bis Minimal geraten. Die Variationen innerhalb der einzelnen Tracks kommen zuverlässig, aber verhalten, was dem Spannungsbogen über mehr als eine Stunde wenig zugute kommt. Am besten ist, man sucht sich seine zwei, drei, vier Lieblingstracks raus und hört die einzeln - zu Hause, beim Joggen oder im Club. Von zwei kurzen Interludes abgesehen bieten die sechs bis zehn Minuten langen Tracks eigentlich etwas für jede atmosphärische und stilistische Vorliebe. Highlight: »Inside My Head«, ein verschrobener Trip in eine surrealistische Samplewelt mit entstellter Akustikgitarre, Stimmfragmenten und befremdlichen Klangeffekten. (ijb)



Siehe auch:
Patrik Skoog

 Agaric: Who made up the Rules

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Johan Agebjörn: Casablanca Nights
(2011, Paper Bag Records PAPER057 ) - Schweden

Wie bereits auf Johan Agebjörns vorhergehenden Platten tritt hier wieder seine große Vorliebe für die Discomucke und Keyboardsounds zwischen den späten Siebzigern und den frühen Neunziger Jahren offensiv hervor. Dabei handelt es sich neben hübsch imitierten Arrangements oft auch um entsprechend dünn geträllerte Melodiechen (z.B. im Titelsong). Nach einem billigen Klavierklimperintro klingt »CASABLANCA NIGHTS« über weite Strecken wie einer Achziger-Jahre-Discothek entlaufen. Doch die Lieder sind bei weitem nicht so ergreifend wie die allseits in Erinnerung geblienenen Hedonismus-Hymnen à la Donna Summer, Giorgio Moroder oder Corona (»The Rhythm of the Night«). Wenn es ganz treffend wird, kommt mit »So Fine all the Time« sogar ein amüsanter (ironisch gemeinter?) Popsong mit Vocoder-Gesang, der ebenso gut von Neil Youngs recht bizarrem Album »Trans« aus dem Jahr 1982 sein könnte.

Doch wofür das alles? Einen halben Pop-Hit wie »Watch the World go by« kann man sich zwar im Nachmittagsradio vorstellen, doch die meisten Songs passen eher zu Aerobic oder Feriendorf-Animation in touristisch überlaufenen Mittelmeerdomizilen. Bestimmt hat Agebjörn hier seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen an familiäre Italienurlaube freien Lauf gelassen. Das ganze Unterfangen hat neben dem Nostalgischen auch etwas Attrappenhaftes: Wer soll sich diese Nachbildungen anhören, wenn es doch die Originale überall billig zu haben und hören gibt? (ijb)



Mehr CDs von Johan Agebjörn



Siehe auch:
Sally Shapiro

Johan Agebjörn: Casablanca Nights

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Alimo & Control: Biitit Ja Tyylit FM
(2001, Tunne Recordings /BMG 74321.90449.2 ) - Finnland

Alimo & Control nennen ihre Musik selbst »Beats'n'Styles«. Was liegt also näher, als ihr Debüt ebenso zu titulieren? Allerdings in ihrer Muttersprache – und nicht unbegründet: Die beiden jungen Finnen bringen progressive Drum'n'Bass-Klänge mit finnischen Vocals zusammen. Das mutet seltsam an, hat ihnen aber gerade deshalb zu großem Ruhm im Tausend-Seen-Land verholfen – oder war's etwa die eigene Fernsehshow, mit Augenmerk auf Underground-Musik, Clubkultur und Lifestyle?

Auf »BIITIT JA TYYLIT FM« wechseln reine, klare Frauenstimmen wie die von Mia Vänska in »Kuuma« mit nasalen, eher an afrikanisch-karibisches Englisch erinnernden Gesang. Mal klingelt ein synthetischer Xylophon-Tupfer hier, ein paar Dschungeltrommeln pochen dort, wunderbar unterhaltend und atmosphärisch. Einfach entspannt anhören – oder auf der Tanzfläche Schweißtropfen vergießen, denn für dieses Album gilt wirklich »Piru On Irti« (der Teufel ist los). (nat)



Siehe auch:
Beats & Styles

 Alimo & Control: Biitit Ja Tyylit FM

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AM And The UV: Candy Thunder
(2004, Beatservice /VME BS072CD ) - Norwegen

Sie ist wieder einmal gut untergekommen, die Sängerin Anne Marie Almedal, die einst für den Erfolg von Velvet Belly sorgte. Gemeinsam mit Nicolas Silitoe, der seinerseits Teil des Projektes Illumination ist sowie Ken Theodorsen, mit dem er wiederum die DJ-Schmiede Ultraworld bildet, nennt man sich AM And The UV. Und hat auf dessen Debüt-Album ein knappes Dutzend Songs eingespielt, die angenehmen und zuckerfreien Elektropop bieten. Mal fast (fast!) verklärt sphärisch und getragen von ernster Ruhe, dann wieder hippelig und vorpreschend, ohne sich jedoch zu allzu banalen Rhythmen verführen zu lassen.

»The True New Cool Of Norway« – hmmm, so ganz falsch ist diese Selbstbeschreibung entsprechend nicht. Obwohl man mit Titel wie »Wonderful, Beautiful« auch so warmherzige Ohrwürmer im Repertoire hält, dass man seinen Norwegerpullover auf der Stelle grellorange einfärben möchte. Hat ohnehin nur gekratzt, das Ding. (frk)



Siehe auch:
Anne Marie Almedal
Velvet Belly

Jan Bang

Illumination/Chilluminati


 AM And The UV: Candy Thunder

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Oven Ambarchi & Johan Berthling: My Days Are Darker Than Your Nights
(2003, Häpna /A-Music 010 ) - Schweden

Alter Schwede - das ist vielleicht Musik! Ein scheinbar monotones Einerlei aus brummenden, kreisenden, nicht weichen-wollenden Tönen belagert die Ohren und will und will nicht weichen. Minimal ändern sich die Tonfolgen; erst unmerklich, dann immer deutlicher schleichen sich Modifikationen ein und jener Klangteppich aus beruhigenden wie flirrigen Elementen webt sich fortlaufend dichter, baut sich allein durch Dauer und Konsequenz auf ins Dynamische.

Zwei Möglichkeiten bleiben dem Zuhörer: Ratlos die STOP-Taste zu drücken; oder alle Gewohnheiten beiseite schiebend sich dem Spiel des Gitarristen Oven Ambarchi und des Harmoniumspielers Johan Berthling rückhaltlos zu öffnen, was einem Gang ins Ungewisse mit geschlossenen Augen gleichen mag. Gut möglich auch, dass es irgendwo Menschen gibt, die dazu tanzen können. Es dürfte sehr interessant aussehen. (frk)

Oven Ambarchi: My Days Are Darker Than Your Nights

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An Gella: Perma
(2017, Anyines ANY2 ) - Dänemark

Hinter dem Alias An Gella verbirgt sich der 1984 geborene dänische Musiker und mit Preisen ausgezeichnete Produzent Aske Zidore, von dem man zuvor auch schon als »Andrea Welz«, als Teil der 2003 bis 2010 existierenden Band Oh No Ono sowie in Zusammenarbeiten mit Selvhenter, Choir Of Young Believers, CTM oder Dean Blunt hören konnte. Mit »PERMA« erscheint beim neu gegründeten Avantgarde-Elektronik-Label Anyines sein Solodebüt, ein multiperspektivisches Kunstprojekt und Klangzauberwerk.

Doch so ganz solo bleibt Zidore nicht, denn zehn Mitwirkende, darunter Cæcilie Trier (CTM) und Saxofonist Lars Greve (Girls In Airports), sowie der Kirchenchor des Doms zu Ribe werden aufgeführt. Trotzdem ist »PERMA« voll und ganz das Werk des Produzenten, ein Sound-Design-Album voller spannender Details, die er offenkundig aus disparaten Quellen zusammengebastelt hat, ein Clubmusik-Album, das im Club indes nur sehr eingeschränkt »funktionieren« dürfte. Denn dafür gibt es zu wenig kraftvolle Beats und viele atmosphärischere Passagen, in denen An Gella zum ambienten Driften einlädt. Doch hin und wieder tauchen zitathaft eine spanische Gitarre oder fremde Stimmen auf, und man wähnt sich in einem expressiven Stil- und Klangkosmos, der stets neue Haken schlägt. Aske Zidore beherrscht seine Samples, Maschinen und Arrangements ziemlich souverän, doch so ganz gerinnt »PERMA« nicht zum konsequenten und dichten Albumstatement. (ijb)



Siehe auch:
Oh No Ono
Choir Of Young Believers

Lars Greve & Girls In Airports

Cæcilie Trier alias CTM


 An Gella: Perma

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Apoptygma Berzerk: You And Me Against The World
(2005, Gun /Sony BMG 82876731102 ) - Norwegen

Mittlerweile werden ihre Klingeltöne im Sparpaket zu bester Sendezeit angepriesen: Mit etwas Zeitverzögerung sind Apoptygma Berzerk nun endgültig das große Ding, szenenübergreifend. Neuerdings packt man die Gitarre aus und macht sehr regen Gebrauch davon, dominant und begleitet von Schlagzeug. So besteht das Album aus kompakten Synthiepop-Rocksongs, mit meist starken Refrains und hymnenhaften Melodien von durchgängigem Hitcharakter – als prominentester Vertreter wäre das kitschige Kim Wilde-Cover »Cambodia« zu nennen. Apropos Kitsch: Arg dürfte für den Fan der ersten Stunde der leichtgewichtige Bonustrack »Shine On« sein.

Der untypischste Song ist wohl »Maze«, entstanden in Kooperation mit den Landsmännern Mortiis – ein treibender Rocksong, der stark an Placebo erinnert. Jedes neue Apoptygma Album stellt zwar einen gewissen Bruch mit dem Vorgänger dar, doch diesmal dürfte die Kluft besonders groß sein. Verabschieden darf man sich von monotonen Techno-Stampfern, Klang-Kollagen und Euro-Dance; an den rockigen Sound dieses bis dahin kommerziellste Album muss man sich dagegen erst einmal gewöhnen. (chd)



Mehr CDs von Apoptygma Berzerk



Siehe auch:
Mortiis


Zum Artikel über Apoptygma Berzerk

 Apoptygma Berzerk: You And Me Against The World

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Apparat Organ Quartet: Pólýfónía
(2011, Crunchy Frog /Soulfood 14020 ) - Island

Das Schöne an Geisterbahnen ist, dass sie nicht nur billigen Trash-Grusel erzeugen, sondern gleichzeitig auch noch quietschbunt und superartifiziell sind und einen geheimen Zugang in die Sphären anarchischer Kindsköpfigkeit gewähren. Fast zehn Jahre haben sie sich Zeit gelassen, aber mit ihrem Zweitling »PÓLÝFÓNÍA« starten die fünf Herren vom Apparat Organ Quartet (vier Keyboards, ein Schlagzeug!) einen Trip durch Kirmes-Geisterbahnwelten, wobei sie die Tanzbude nicht auslassen. Wir wollen hier schließlich kindischen Spaß auf hohem Niveau haben!

Die neun Songs schreien vor allem eines: Retro! Siebziger! Sie rufen laut nach der mystischen Vereinigung von Vangelis mit John Carpenter, von Kraftwerk mit Goblin, von Horror mit Disco, von Kunstkino mit Lovecraft-Novellen. Über allem kreist die große Glitzerkugel und grinst hinreißend hinterhältig. Schlager und Melodram werden hier von anarchischen Elektroniknerds auf die Bühne gezerrt: Songs wie »Síríus Alfa« verführen gar zu hemmungslosem Abtanzen, während bei »Söngur Geimunglingsins« wieder dräuende Nebel des Grauens aufziehen und wir uns liebend gerne in starke Arme flüchten. Dass die finnischen Gesinnungsgenossen von Desert Planet über Aavikko bis zuletzt Nightsatan mit ähnlichen Stilmitteln arbeiten, wollen wir mal nicht mäkelnd anführen. Lieber uns mit dem Kopf voran in bonbonbunt-bedrohliche Parallelwelten stürzen. (emv)



Mehr CDs von Apparat Organ Quartet



Siehe auch:
Desert Planet
Nightsatan

Aavikko


 Apparat Organ Quartet: Pólýfónía

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Appareil: Judas Kiss
(2005, Lobotom Records LOBOTOM11 ) - Schweden

Das war schon immer so: Für den einen sind es die größten Fehltritte der Musikgeschichte, andere verbinden damit sonderliche nostalgische Gefühle und freuen sich wie Bolle über Plastikgezerre und Tanzbodenstampferei. Die 80er Jahre bleiben auch im Falle Appareil der Gradmesser zwischen den unterschiedlichen Geschmäckern.

Neuer Elektroschock will das Stockholmer Quartett sein, aber das ist pure Fantasie. Schocken tut höchstens die Euro-Techno-Keule »Dancer«, die diesem Album endgültig das Genick bricht. Hier wird sich aber auch sonst melanchofröhlich aus der »Verbotene Sounds des Monats«-Kiste bedient: Wavige Synthesizerflächen, dumpf-redundierende Beats aus der Drummaschine (die leider auch nur einen Gang kennt) und bodenlos-schlechte Village People-Lyrics. Ja, man ist regelrecht froh, wenn beherzt zu Kraftwerk, The Cure oder gar Prodigy gegriffen wird – auch wenn der Eigenwert dieser Platte endgültig auf den Nullpunkt sinkt. So mancher Song geht dann auch fast in Ordnung, wenn nicht anschließend die volle Überdosis 80er-Klischee erneut ausholen würde ... Wenigstens hatte die Promo-CD Erbarmen und ersparte dem Rezensenten aufgrund von Pressfehlern die letzten beiden Tracks. Sowas kann Leben retten. (maw)

 Appareil: Judas Kiss

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Ólafur Arnalds & Nils Frahm: Collaborative Works
( 2 CDs, 2015, Erased Tape Records /Indigo ERATP074CD ) - Island

Ólafur Arnalds und Nils Frahm, die beiden Neo-Elektro-Komponisten aus Island bzw. Deutschland, die gleichermaßen im Pop wie in der Avantgarde zu verorten sind, machen, was sie wollen. Und das ist das große Plus, das besondere Etwas, das Alleinstellungsmerkmal ihrer Zusammenarbeit. Während beide als charmante Individualisten in ihrem jeweiligen Bereich stets begeistern [manch einen begeistert das eine Album mehr, mich zum Beispiel Frahms mutiges Livealbum »Spaces«, manch andere lieben eher die eleganten New-Age-beeinflussten Pop- und Piano-Entwürfe], verbinden die jenseits aller Erwartungshaltungen in reiner Freundschaftsbegegnung entstandenen »COLLABORATIVE WORKS« das Beste beider Welten. Zwanglos beweisen Ólafur und Nils, was Musizieren tatsächlich bedeuten kann: Sie spielen mit einander ihre Instrumente. Nur einmal gastiert Anne Müller mit ihrem Cello.

Da ist selbstredend nicht alles genial — aber alles ist hörenswert. Zu Beginn erinnert man sich an den warmen Elektro-Sound von Actress' »Splaszh« [Ist das noch Techno oder schon Ambient?], doch der Track wechselt auf halber Strecke total die Richtung. Manches mäandert lustig oder entspannt in der Gegend herum, anderes (»Wide Open«) fasziniert als fluffige Skizze formschöner Beats und Knistersounds, wieder anderes taucht 13 Minuten lang in die Melancholie ab. Dies sei kein Album, schreiben die beiden in den Anmerkungen, doch da widersprechen wir: Es ist eins, und zwar ein wirklich feines, ein Doppelalbum, eine Art Tagebuch-Release fünf gemeinsamer Jahre. Denn CD1 versammelt noch einmal die zauberhaft unprätentiösen drei Duo-EPs (7"/10"/12"), damit jetzt keiner mehr viel Geld für die teuren Sammlerstücke ausgeben muss. Und CD2 lädt ein zu einer nächtlichen Reise mit Ólafur Arnalds und Nils Frahm, einer frei improvisierten Video-Session im Juli 2015, als in Berlin der heißeste Sommer seit Menschengedenken herrschte.

Leichte Musik, bei der ganz vieles passiert. Wir freuen uns schon jetzt auf alles, was noch kommt. Macht bitte nur einfach weiter, was ihr wollt. (ijb)