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Lange Rezensionen 1011 - 1020 von 1050 im Genre »Jazz« (insgesamt 1678)

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Julian & Roman Wasserfuhr: Upgraded In Gothenburg
(2009, ACT /Contraire 9488-2 ) - Grenzgänger

Das Star-Brüderpaar aus Deutschland, Trompeter Julian und Pianist Roman: der eine von der Fachpresse vor wenigen Jahren bereits als »neuer Chet Baker« gefeiert, der andere eher Komponist und Strippenzieher im Hintergrund. Natürlich ergriffen sie die Chance, bei einem großen Label zu unterschreiben und eine Aufnahme-Session mit einer CD zu krönen.

Der große Bassist Lars Danielsson und Anders Kjellberg, gleichfalls renommierter Drummer, waren die Partner, organisiert hat das Ganze Nils Landgren. Die Quartett-Aufnahmen wissen zu gefallen; die Schweden grooven, swingen und begleiten subtil, Roman ebenso, und Julian spielt bezaubernd schön, kann aber auch zupacken. Es fällt die Konzentration der beiden auf das Wesentliche auf; sie agieren klar und schnörkellos. Die Stücke von den Brüdern und Danielsson passen auch. Allerdings war wohl die Studiotür nicht zu, und so wehte die Marketing-Abteilung Gäste herein: Tenorist Magnus Lindgren fällt positiv auf, Nils Landgrens Posaune darf natürlich nicht fehlen und fällt kaum auf – aber dann kam auch noch Sängerin Ida Sand. Ihre beiden »ordentlichen« Stücke passen prima auf ihre eigene nächste CD, fallen aber als eher Pop-orientiert völlig aus dem jazzigen Rahmen der Brüder Wasserfuhr. Beim Grönemeyer-Cover »Airplanes In My Head« da sei die Frage erlaubt: Wer braucht das, verkauft man deswegen mehr CDs?

P.S.: Kurz vor den Aufnahmen in Göteborg waren die Brüder Wasserfuhr mit zwei weiteren Youngsters des deutschen Jazz auf Tour: Robert Landfermann (b) und Jonas Burgwinkel (dr). Dieses Dream Team erscheint wesentlich spannender als die »Schweden-Connection«. Für Julian und Roman Wasserfuhr erscheint Göteborg musikalisch also wenn schon nicht als Downgrade, so doch als nur kleiner Upgrade. (tjk)



Siehe auch:
Lars Danielsson
Nils Landgren

Ida Sand


Julian & Roman Wasserfuhr: Upgraded In Gothenburg

Offizielle Website

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Welo/Welo Quartet: Harvest Time
(2019, Losen Records /In-Akustik LOS234-2 ) - Norwegen

Man kann von diesem Album durchaus eine Verbindung zu jenem »musikalischen Rechenfehler« mit dem Titel »1+1=3« ziehen, der ebenfalls aus dem Hause Losen stammt und den wir erst neulich besprachen. Hierbei unternahm das diensthabende Trio (Fredrik Sahlander, Geir Åge Johnsen und Bernt Moen) den Versuch, Klassiker des Jazz in einem neuen, renovierten Sound erstrahlen zu lassen.

Das Welo/Welo Quartet geht nun genau den umgekehrten Weg: Es spielt fast ausschließlich Eigenkompositionen. Diese klingen aber so, als seien sie als gut abgehangene Standards geradewegs dem Real Book entsprungen. Das ist es dann aber auch schon. Den beiden Welos – es handelt sich dabei um den Pianisten Tor und seinen Saxofon spielenden Sohn Ola – gelingt es nicht, dieser Musik etwas Eigenes oder gar Einzigartiges anzuheften. Auch die beiden übrigen Mitspieler, Lars Tormod Jenset am Bass und Martin Wister am Schlagzeug – mithin gestandene Studio-Profis – schaffen das bei allen handwerklichen Fähigkeiten nicht. Wer sich beispielsweise mit den Saxofonisten-Protagonisten dieses Genres befasst hat, exemplarisch sei der frühe Joshua Redman genannt, der hat das alles leider schon x-fach gehört. (stv)



Siehe auch:
Fredrik Sahlander, Geir Åge Johnsen, Bernt Moen
Espen Eriksen Trio

Niels Lyhne Løkkegaard


 Welo/Welo Quartet: Harvest Time

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Bugge Wesseltoft: Everybody Loves Angels
(2017, ACT /Edel 9847-2 ) - Norwegen

Seit einiger Zeit ist im Jazz Usus, was Jahrzehnte lang fast nur von Pop- und Rockinterpreten praktiziert wurde: Musiker, ob solo oder in Gruppen, übertragen die zwischenzeitlich in den Kanon aufgenommenen Chart-Hits aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Jazz-Kontexte. US-Pianisten wie Hancock (»THE NEW STANDARD«) oder Mehldau (»THE ART OF THE TRIO«) haben hier mit ihren Lesarten früh Standards gesetzt.

Nachdem er auf seinem Bestseller »IT'S SNOWING ON MY PIANO« und der als Nachfolger gemeinten Duo-CD »LAST SPRING« vorwiegend überliefertes norwegisches Material interpretierte, auf »IM« eigene Stücke am Piano mit anderen Klangideen verknüpfte und sich auf »PLAYING« erstmals daran wagte, vorsichtig ein paar jüngere Evergreens zwischen seine leise improvisierten Stücke zu streuen, legt Bugge Wesseltoft mit »EVERYBODY LOVES ANGELS« nun so etwas wie sein erstes veritables Alterswerk vor.

Die elf Stücke (darunter nur eine zwei Minuten kurze Vignette aus eigener Feder) sind famos ausgewählt (Cat Stevens, Dylan, Jagger/Richards, Paul Simon, Bruno Mars, Lennon/ McCartney, J.S. Bach...) und tatsächlich fast ausschließlich weit über Gebühr gehörte, ja: Schlager. Doch indem Bugge sich im Februar 2017 für die Aufnahmen in die weit nördlich des Polarkreises gelegene Lofot-Katedrale zurückgezogen hat, gelang es ihm, aus der Stille heraus diese Evergreens von Grund auf neu erfahrbar zu machen. Dabei geht er eben nicht den direkten Weg, den sein finnischer Labelkollege Iiro Rantala mit seinem eher unterhaltsamen, leidenschaftlichen Pop-Ansatz vorgelegt hat; eher erinnert Bugges Variante an die introvertierten und sehr bewegenden Aufnahmen von Kirsti, Ola & Erik oder Hilde Hefte: die Songs auf ihre Essenz reduzieren und von da aus neu hören, ohne dynamische Extreme neu entdecken, als wären es unbekannte Melodien. Man braucht nur seine geradezu geniale Version von Jimi Hendrix' »Angel« zu hören; mehr bleibt da nicht zu sagen. (lha)



Mehr CDs von Bugge Wesseltoft



Siehe auch:
Iiro Rantala
Kirsti, Ola & Erik

Hilde Hefte

Bugge & Henning



Zum Artikel über Bugge Wesseltoft

Bugge Wesseltoft: Everybody Loves Angels

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Bugge Wesseltoft & | New Conception of Jazz: New Conceptions of Jazz Box
( 3 CDs, 2008, Jazzland /Universal 1788023.24.25 / +DVD ) - Norwegen

Nach zwölf Jahren NCOJ machte Bugge den Deckel wieder zu und wandte sich neuen Herausforderungen und Projekten zu. Doch das im Januar 1994 ins Leben gerufene, personell wechselnde Ensemble bleibt bis auf weiteres Wesseltofts bekanntestes Projekt, mit fünf Alben und zahlreichen Konzerten rund im den Globus. Kaum jemand, der sich für »Nordische Musik« interessiert, dürfte in den letzten zwei Jahrzehnten um die wegweisende »New Conception of Jazz« herumgekommen sein. Die 3CD+1DVD-Box dient gleichermaßen als Rückblick wie als Lückenschließer für alle, die verspätet auf NCOJ aufmerksam wurden bzw. werden: Ein Patchwork aus »Best of«, Albumtracks, Alternativfassungen, Outtakes und sehr viel Live-Material, welches CD3 und die DVD ausfüllt. Schwerpunkt liegt dabei auf der Phase zwischen den Alben »Moving« (fast komplett vertreten) und »Live«.

Die - in einem bestimmten Rahmen - enorme Vielseitigkeit beeindruckt nach wie vor: Jedes Album trumpfte mit starkem, eigenen Charakter auf; besonders »Film'ing« hätte in der Rückschau eine positivere Rezeption verdient, doch selbst Bugge packte kein einziges (Original-)Stück jener CD in diese Box, nur einen Chilluminati-Remix und eine vorher unveröffentlichte, reduziert-akustische Version des Duetts mit Dhafer Youssef, »Hope«. Dafür entschädigen die im Juli 2004 live in Montreux mitgeschnittenen 76 Konzertminuten umso mehr, wenngleich das Videobild hierbei fast vernachlässigt werden kann.

Komplett unveröffentlicht waren bislang die 2001 in Yokohama festgehaltenen Aufnahmen der »Moving«-Tour, die den Löwenanteil der Live-CD ausmachen; wobei allein verwundert, warum sowohl CD2 als auch CD3 mit »unreleased versions« von »Change (recorded live in Yokohama 2001)« in identischer Besetzung und bis auf wenige Sekunden Unterschied gleicher Länge beginnen. Nur Spezialisten werden die Unterschiede heraushören (wollen). Nicht vermerkt hingegen wurde, dass die Version von »Sharing« auf CD2 eine fast elf Minuten lange »extended version« ist und nicht der bekannte Albumtrack.

Der Querschnitt bietet einen vorzüglichen Überblick über Bugges Konzept »Wie kann Jazz heute aussehen, mit Mitteln der gegenwärtigen musikalischen Entwicklungen?«, wobei das Heute natürlich das Jahrzehnt 1995 bis 2005 meint. Seventies Rhodes-Sound meets Spät-Neunziger Drum&Bass, Elektronik trifft auf akustische Bass-und-Rhythmus-Gerüste... Die Zeit ist nicht stehen geblieben, auch NCOJ gehört bereits einer anderen Periode an, bleibt jedoch nachhaltig und wirkungsvoll. (ijb)



Mehr CDs von Bugge Wesseltoft & | New Conception of Jazz



Siehe auch:
Bugge Wesseltoft
Wesseltoft/Schwarz Duo

Sjur Miljeteig

OK World


Bugge Wesseltoft: New Conceptions of Jazz Box

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Bugge Wesseltoft & | OK World: OK World
(2013, Jazzland 376 365-5 ) - Grenzgänger

Dass Bugge Wessseltoft in Form von zahlreichen, teils extrem unterschiedlichen Projekten an einem überaus faszinierenden, oft brillanten, hin und wieder (natürlich auch mal) weniger überzeugenden Œuvre bzw. Lebenswerk bastelt, ist längst Allgemeinwissen. In den knapp zehn Jahren seit dem Ende seines wegweisend(st)en Ensembleprojekts »New Conception of Jazz« gab es etwa das durchwachsene Elektro-Duo mit Henrik Schwarz, das eher laue Folk-Klassik-Duo mit Henning Kraggerud, eine allzu verschlafene Solo-Piano-CD, die Beteiligung an Aslak Hartbergs unausgegorener Trio-Projektskizze The Fuzz und eine Reihe größtenteils nicht uninteressanter Solowerke mit Klavier, Keyboards und Elektronik.

Der Zeitpunkt für ein wirklich ambitioniertes Vorhaben, das alle überrascht (am meisten Bugge selbst), ist also wahrlich gekommen. Ganz ohne Elektronik, dafür mit einem personenstarken Ensemble aus Musikern aller Herren Länder trat im Jahr 2012 das in der Tat überraschend optimistische Projekt »OK WORLD« auf den Plan, das nach einer (gefilmten) Tour durch die Heimatländer der sechs festen Mitglieder im Mai 2013 in Maputo (Mosambik) und Johannesburg (Südafrika) aufgenommen wurde. Obwohl gleich drei Schlagwerker für die polyrhythmische Basis sorgen, bleibt der Grundtenor der zehn Stücke zumeist erstaunlich ruhig; kein ekstatisches Kultur-MashUp, sondern eine sensible Melange verschiedener kultureller Einflüsse: Indien, Libanon, Norwegen, Mosambik und Italien. So ist das warmherzige »Josemi« letztlich »nur« ein Duett zwischen dem Flamenco-Gitarristen Josemi Carmona aus Madrid und Bugges taktvollem Piano. Gerade mal im kurzen »My World is OK« tritt Wesseltofts signifikant forsches Klavierspiel hervor, ansonsten beeindruckt »OK WORLD« gerade dadurch, dass er eben ein wahrlich gleichberechtigtes kosmospolitisches und entgrenztes Projekt kuratiert, das sich zwar prägnant in sein Œuvre einfügt, aber so unprätentiös wie nur vorstellbar gelingt. (ijb)



Siehe auch:
Bugge Wesseltoft | New Conception of Jazz
Bugge Wesseltoft

Bugge Wesseltoft & Henning Schwarz

Bugge & Henning


Bugge Wesseltoft: OK World

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Wesseltoft Berglund Schwarz: Trialogue
(2014, Jazzland /Universal 060253786601 ) - Grenzgänger

Ob Bugge Wesseltoft und/oder Henrik Schwarz Filmliebhaber sind, ist nicht überliefert. Jedenfalls macht bei dieser Aufnahme der »dritte Mann« den Unterschied. Bereits drei Jahre zuvor veröffentlichten die beiden ein leider nur mäßig spannendes Duo-Album mit wenig zwingenden Momenten. Für das Nachfolgealbum holten sie sich im Jahre 2014 keinen geringeren als Ex-e.s.t.-Bassist Dan Berglund zu den Aufnahmen im Schloss Elmau hinzu, was sich als absoluter Glücksgriff erwies. Zwar steuert er kompositorisch mit dem Titel »Valiant« nur einen reinen Eigenbeitrag bei, bei dem er den Bass wechselweise zupft oder mit dem Bogen spielt. Aber insgesamt fügt er den rhythmischen Grundstrukturen das entscheidende Moment hinzu: den human touch!

Und so pluckert, rattert und zischelt es aufs Feinste, und es entsteht dabei ein rhythmisch wunderbar feines, aber engmaschiges Gewebe aus handgemachten und elektronisch geschaffenen Fasern, die die Akteure einander sehr gekonnt übergeben und verflechten. Wesseltoft und Berglund setzen darauf ihre Soli, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu spielen. Sie bleiben dem Titel ihres Albums stets treu und erschaffen einen echten »TRIALOGUE« – und beweisen damit, dass aus der Verbindung von akustischen und elektronischen Instrumenten sehr organische und intuitiv klingende Musik entstehen kann.

Große dynamische Eruptionen bleiben dabei freilich aus, und die meisten Stücke sind aus den gleichen Baumaterialien erschaffen: Oft beginnt es mit einer einfachen, leichtfüßigen Sequenz, auf der sich alles Weitere aufbaut, mal erzeugt mit fiesen Sounds aus Schwarz' Instrumentarium, mal von drei Streichen des Orchestre Philharmonique du Luxembourg. Aber gerade dadurch entsteht zur Mitte dieses Albums ein wunderbarer Flow von vier Stücken, der einen über das nachfolgende, unergiebige »This Is May Day« milde hinwegsehen lässt, bevor das Album mit einer herrlichen Version von »Round Midnight« endet. (stv)



Siehe auch:
Wesseltoft Schwarz Duo
Bugge Wesseltoft

Tonbruket

e.s.t.


 Wesseltoft Berglund Schwarz: Trialogue

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Jonas Westergaard: Helgoland
(2008, Stunt /Sundance STXCD 20812 ) - Dänemark

Nach dreieinhalb Minuten erst entfaltet sich das Thema des Titelstücks, bis dahin lässt der dänische Bassist seine Bläser sanft und stetig anschwellen wie den Nordseewind samt Wellen, die ständig kleinste Teile der Insel abtragen. Niels Vincentz hat das erste Solo, er könnte auch auf der Klippe stehen und dem Wind entgegen röhren: Halte ein!

Jonas Westergaard spielt nicht nur hervorragend Bass, er hat auch beim Arrangieren viel Phantasie, lässt fünf Bläser mit- und gegeneinander spielen, und er hat ja auch noch eine Rhythmusgruppe: So lässt er in »One Over The Hill« Gitarrist Jakob Bro und Fender-Rhodes-Mann Søren Kjærgaard die Hauptrollen übernehmen, bis Jakob Høyer mittels Drum-Solo die Erlösung bringt. Auch den Bläsern gibt er Raum: in »… And They’ll Take What You Got« spielt Kasper Tranberg über einem Bass-Ton ein verzweifeltes Trompetensolo. Mit »Levitated« dreht Westergaard die Stimmung wieder ins Positive, wie er sich generell als Klangmaler par excellence erweist. Als Bassist tritt Westergaard nur selten solistisch in den Vordergrund. Stilistisch ist er eher dem Cool Jazz zugewandt; seine raffinierten Arrangements erinnern an Lennie Tristano und Gil Evans. Das Cover korrespondiert passend mit der ruhigen, melancholischen, fast herbstlichen Stimmung dieser Aufnahmen; mit Helgoland ist im übrigen nicht die Insel, sondern das Kopenhagener Strandbad gemeint. (tjk)



Siehe auch:
Delirium
Blake Tartare (Blake, Kjærgaard, Westergaard)

Eggs Laid By Tigers

Spring


Jonas Westergaard: Helgoland

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Torben Westergaard: Heart Tunes
(2018, Eigenverlag) - Dänemark

Ganz schön verträumt! Und unbedingt tiefenentspannt: Der dänische Jazzmusiker Torben Westergaard bewegt sich auf seinem zwölften Album »HEART TUNES« in den weiten Grenzlanden zwischen Jazz-, Tropicana-, Ambient- und anspruchsvoller Meditationsmusik. Ganz klar: zu diesen sanft mäandernden, größtenteils instrumental eingespielten Tönen lässt es sich bestens tagträumen. Dem Ohr schmeicheln, ohne dass es in beliebigen Durchschnitts-Kitsch ausartet: das ist eine Kunst, die seit Jahrzehnten in der dänischen Musikszene beheimatete Westergaard beherrscht, der hier an Bass, Gitarre und Vocals zu hören ist. Hat Musik eine heilende Kraft? Torben Westergaard würde diese Frage sicher bejahen!

Esoterik-Hasser und Rammstein-Fans werden sich mit Grausen abwenden, doch wer auf eine blaue Stunde seine Seele baumeln lassen will, der ist hier richtig. Und wer genau hinhört, erkennt: Ganz so simpel, wie sie scheinen, sind diese ruhigen, angenehm zurückgenommenen kleinen Stücke nicht. Die komplexen, jazzigen Strukturen der Vorgängeralben aber hat der vielseitig interssierte Meister hinter sich zurück gelassen. In der Ruhe liegt die Kraft. (emv)



Siehe auch:
Dørge / Westergaard / Sorey

Torben Westergaard: Heart Tunes

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The White Nothing: About Time
(2011, ILK /Challenge Records Internationa ILK174CD ) - Dänemark

Seine Band »The White Nothing« zu nennen ist ja schon mal eine Ansage. Und wenn ein knapp zehnminütiges Stück dann »Patiently, patiently« heißt, hat man vermeintlich eine ganz gute Orientierung, was einen erwartet. Doch so einfach ist es nicht mit dem dem dänischen Pianisten Anders Filipsen. Immerhin, »ABOUT TIME« beginnt leise; eine zarte Bläserouvertüre, ein tastendes Klaviersolo, gefolgt von der erwähnten geduldigen – oder Geduld erbetenden – Komposition: Ein Strudel aus Windgeräuschen und vereinzelten Streichern umkreist »das weiße Nichts«. Eine geisterhafte Klanggestaltung, mehr (Alp-)Traum als Musik. Ligeti ist näher als Big Band Jazz.

Danach kehrt die Ouvertüre wieder, zu der sich nun die Sängerin Elena Setién Yeregui gesellt. Lange mag man nicht so recht glauben, dass The White Nothing eine Gruppe aus neun Musikern ist. Erst bei Nummer fünf, »Sdfec«, setzt zaghaft, gar suggestiv das Schlagzeug ein, während Filipsens Piano drei Töne, die Andeutung einer Melodie scheinbar endlos minimal variiert, uns in einen benebelten Zustand entführt, und sich langsam die vier Bläser exaltierter geben, im Bemühen, mit steigerndem Nachdruck diesen Sog, diese Stille zu zerlegen und ins atonale Chaos zu stürzen. Nein, wohl eher ins »Delirium«, wie ein bald darauf folgendes Stück treffend benannt ist. Bevor »Sdfec« in Gefahr gerät, selbstzweckhaft zu chargieren, endet es auch schon. Ein Kunststück. Die Zeit verfliegt, und immer wieder bleibt das Gefühl zurück, noch immer nicht alles gehört und begriffen zu haben. Ebenso geht es in der zweiten, volltönenderen, melodischeren Hälfte der CD weiter, bevor uns schließlich, ganz am Ende das nahezu bluesige Schlaflied »Little Boy« erwartet, gesungen von Anders Filipsen selbst.

Eine anfangs irritierende, aber bald packende Vereinigung Neuer Musik, geräuschhafter Avantgarde und mitreißend improvisiertem Jazz. Ambitioniert aus dem Fenster gelehnt – doch auf voller Strecke gelungen. Und der Titel »ABOUT TIME« passt mit erstaunlicher Raffinesse. (ijb)



Siehe auch:
The Black Nothing
Stork

LoFi (lohr/filipsen) feat. Jeppe Højgaard

Travelling Tribes


The White Nothing: About Time

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Joonas Widenius & Trio: New Nordik Sagas
(2020, Rockadillo Records /Nordic Notes ZENCD 2173 | NN 136 ) - Finnland

Joonas Widenius bleibt sich treu: Was als erster Klang auf dem Erstling das Anlassen des Motors eines Traktors war, ist nun ein Gewitterdonner – Überraschungen machen immer neugierig auf das, was kommt. Widenius hat sich und seine Musik ganz gewaltig weiterentwickelt: Natürlich steht seine akustische Gitarre im Zentrum, vielleicht sogar noch etwas mehr als bisher. Aber er ist vom Flamenco etwas abgerückt, benutzt diese Gitarren-Spielart eher als Stilmittel denn als Abendfüller.

Widenius beschäftigt sich hier mit »neuen nordischen Sagen«, die er freilich auf überlieferten fußen lässt und kompositorisch mit einem weiten musikalischen Spektrum in Klang umsetzt. Dazu trägt sicher auch Produzent Colin Bass bei, den man von Camel oder »3 Mustapha 3« kennt. Widenius hat sich stilistisch erweitert: Schon »Blues Walhalla« spielt mit selbigem, »Modern Saga« ist moderne akustische Gitarrenmusik – man hört Einflüsse aus Rock, Jazz und aller Welt. Beim »Northern Fandango« macht er doch wieder Halt beim Flamenco – um diesen in den folgenden Stücken gleich wieder weit weg zu schieben, aber immer wieder zu zitieren. »Nemus Tale« spielt er solo, in »Rahko« erweist er sich als großer Melodiker. Ein Höhepunkt ist sicher »Nyakva«, mit knapp acht Minuten auch das längste Stück – hier laufen er wie auch sein personell unverändertes Trio zu Höchstform auf: Hannu Rantanen am Bass und Karo Sampela an diversen Percussion-Instrumenten sorgen für ein hier dichtes, dort luftiges Fundament, halten sich jedoch solistisch leider ziemlich zurück. Wie dem auch sei: »NEW NORDIK SAGAS« ist großartige moderne akustische Gitarrenmusik mit dem Standbein im Flamenco und dem anderen, dem Spielbein, überall zu finden - abwechslungsreich und spannend ist diese CD durchgehend. Im »Epilogue« kommt sogar noch Teemu Viinikainen als Gast vorbei. (tjk)



Mehr CDs von Joonas Widenius & Trio



Siehe auch:
Värttinä
Teemu Viinikainen

Iiro Rantala

Ilkka Heinonen Trio


Joonas Widenius: New Nordik Sagas

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Lange Rezensionen 1011 - 1020 von 1050 im Genre »Jazz« (insgesamt 1678)

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